Übersicht

  1. Definition
  2. Erscheinungsbild
  3. Psychodynamik
  4. Therapie und Rehabilitation

1. Definition

Als Borderline-Störungen wurden ursprünglich psychische Erkrankungen bezeichnet, die im Grenzgebiet (Borderline = Grenze) zwischen neurotischen (konflikthaften) und psychotischen (mit Realitätsverlust einhergehenden) Störungen angesiedelt sind und eine Vielzahl von wechselnden Symptomen aufweisen.

Erst in den letzten drei Jahrzehnten wurde die Diagnosestellung zunehmend präzisiert.

Charakteristisch für diese Erkrankung ist eine „Stabilität der Instabilität“ (M. Schmiedeberg, 1952), unter der die Betroffenen und vor allem deren Bezugspersonen leiden und die häufig zu zwischenmenschlichen Verwicklungen und zu Leistungseinschränkungen führen. Die Intelligenz der Erkrankten ist nicht gestört.

2. Erscheinungsbild

Nach der Krankheitsklassifikation der WHO (ICD 10) wird die Diagnose einer Borderline-Störung durch ein umfangreiches Bündel von Kriterien festgelegt, von denen hier nur einige beispielhaft genannt werden. Vor allem in emotionalen Belastungssituationen können Symptome auf folgenden Gebieten auftreten:

  • Neigung zu Impulsdurchbrüchen, vor allem Wutausbrüchen und Unfähigkeit zur Kontrolle der daraus resultierenden Verhaltensstörungen
  • Tendenz zu unerwarteten Handlungen ohne Berücksichtigung der Konsequenzen, oft zum eigenen Nachteil
  • rasch wechselnde, unberechenbare Stimmungslage
  • Störungen und Unsicherheit des Selbstbildes, der eigenen Wünsche und Ziele
  • übertriebene Bemühungen, das Verlassenwerden zu vermeiden
  • Neigung, sich auf intensive, aber instabile Beziehungen einzulassen
  • Drohungen und/oder Handlungen mit Selbstbeschädigung
  • anhaltende Gefühle von innerer Leere

3. Psychodynamik

Der amerikanische Psychiater und Psychoanalytiker Otto Kernberg hat die - unbewußte - Psychodynamik dieser Störungen als Erster umfassend dargestellt und drei wesentliche Aspekte hervorgehoben:

1. Es liegen bei den Betroffenen gespaltene Vorstellungen vom eigenen Selbst und von wichtigen anderen Menschen vor, die abwechselnd ins Erleben treten und unter Gefühlsdruck abrupt wechseln können. Daraus resultieren entsprechende zwischenmenschliche Verwicklungen.

2. Als intrapsychische Abwehrmechanismen gegen das Auftreten von nicht anders zu bewältigenden Ängsten stehen den Borderline-Betroffenen insbesondere die seelischen Abwehrmechanismen der Spaltung (in gut und böse) und die projektive Identifizierung zur Verfügung. Dies sind Abwehrmechanismen, die zugleich eine Auswirkung auf die Beziehung zu anderen Menschen haben.

3. Die Betroffenen leiden zumeist unter einem verschwommenen Bewußtsein und Gefühl von sich selbst (Identitätsdiffussion).

Die Ursprünge dieser Störungen sind nach psychoanalytischer Auffassung in bestimmten Phasen der frühkindlichen Entwicklung, z. T. in Form von traumatischen Erfahrungen, zu finden.

4. Therapie und Rehabilitation

Ein besonderer Schwerpunkt in der Borderline-Therapie ist die Bearbeitung der gespaltenen Wahrnehmung des eigenen Selbst, anderer Menschen und zwischenmenschlicher Beziehungen, v. a. in der aktuellen therapeutischen Situation mit dem Ziel der Stärkung der inneren Steuerungsfunktionen. Dabei spielen neue Gefühlserfahrungen in einem sicheren haltgebenden therapeutischen Rahmen eine wichtige Rolle, die Voraussetzung dafür sind, daß sowohl „gute“ als auch „böse“ Eigenschaften bei sich selbst und bei anderen Menschen wahrgenommen werden können und daß dieses vorher schwer erträgliche Erleben zunehmend ausgehalten werden kann.

Grundsätzlich können Borderline-Therapien sowohl ambulant als auch stationär durchgeführt werden.

In der Abt. Psychiatrie und Psychotherapie mit Psychosomatik und Traumatherapie der HWK I haben sich insbesondere stationäre Langzeitgruppen, die über einen Zeitraum von 15 Wochen in gleichbleibender Zusammensetzung durchgeführt werden, bewährt. Als Behandlungsmethode wird auf dem Boden einer ressourcenorientierten Vergehensweise, die die Fähigkeiten und Lebensbewältigungsstrategien der Patienten nutzt und fördert, eine ich-strukturell modifizierte psychodynamische Therapie in Verbindung mit einem kreativtherapeutischen Verfahren in Einzel- und Gruppensitzungen angeboten. Ergänzt wird dieses Vorgehen durch Körpertherapie, Entspannungsverfahren, Selbstsicherheitstraining und eine zumeist kunsthandwerkliche Projektarbeit. Indikationspezifisch können außerdem Therapeutisches Bogenschießen oder Reiten, andere Sportarten, balneo-physikalische Anwendungen, Bewegungsmeditation genutzt werden.

Im letzten Drittel dieser stationären Maßnahme stehen sozialintegrative Ansätze im Mittelpunkt, die konkrete Schritten für die Rückkehr ins häusliche und berufliche Umfeld beinhalten. Die Möglichkeiten der medizinisch beruflich orientierten Rehabilitation werden umfangreich genutzt.

Verfasser: Dr. med. N. Schmitt - Chefarzt, FA Psychiatrie und Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin