Übersicht

  1. Beschreibung
  2. Krankheitshäufigkeit
  3. Krankheitsauslösende Faktoren
  4. Therapie und Rehabilitation

1. Beschreibung

Der Begriff Manie kommt ursprünglich aus dem Griechischen. „Mania“ stand für Raserei, Wut, Wahnsinn, aber auch für Begeisterung. Man bezeichnete mit diesem Begriff ursprünglich alles Außersichsein, Ekstase und Entrückung.

Inzwischen wird der Begriff Manie bei uns vorwiegend für eine bestimmte Form krankhafter affektiver (gefühlsmäßiger) Störung verwendet, die ätiologisch den affektiven Psychosen zugerechnet wird.

Meistens ist eine Manie durch eine situationsinadäquat gehobene Stimmung, schwankend zwischen sorgloser Heiterkeit und fast unkontrollierbarer Erregung, gekennzeichnet. Die gehobene Stimmung ist mit vermehrtem Antrieb verbunden. Dieser führt zu Überaktivität, stark vermindertem Schlafbedürfnis und häufig zu sehr starkem Rededrang. Kennzeichnend ist, daß die Betroffenen in der Manie extrem stark irritierbar und ablenkbar sind. Im Gipfelpunkt der Erkrankung können sie die Aufmerksamkeit häufig nicht mehr konstant einem Thema zuwenden, der Gedankenfluß ist assoziativ gelockert. Es treten immer wieder neue Einfälle hinzu, man spricht dann von Ideenflucht. Die Ablenkbarkeit und der andauernde Wechsel von Plänen und Aktivitäten verbindet sich häufig mit einer stark überhöhten Selbsteinschätzung, einem übertriebenen Optimismus und mit Größenideen. Die Neigung der Betroffenen, sich im Gefühl absoluter Siegesgewißheit und grenzenlosen Erfolges z. B. in gewagte berufliche bzw. geschäftliche Aktivitäten zu stürzen oder einen „Kaufrausch“ zu entwickeln, in dem sie sich nicht selten erheblich verschulden sowie - in anderen Fällen - unerwartet und entgegen ihren sonstigen Gepflogenheiten ein ausschweifendes und manchmal sexuell hemmungsloses Verhalten an den Tag legen, zieht häufig nach Abklingen der Erkrankung schwere finanzielle, berufliche, soziale oder familiäre Probleme nach sich. Die im enthemmten Zustand der Manie vollzogenen Handlungen können später in der depressiven Phase aus Gründen unerträglicher Schuld- und Schamgefühle Anlaß für einen Suizid (Selbsttötung) sein. Unter diesem Gesichtspunkt kommt den Behandlern manischer Patienten eine besondere Verantwortung und die Aufgabe zu, diese Patienten vor extremen Entgleisungen zu schützen.

Wichtig ist, daß die Euphorie nicht immer die vorherrschende Stimmung im Rahmen einer Manie ist. Gerade dann, wenn die Patienten auf Unverständnis oder Ablehnung ihrer Umwelt stoßen, reagieren sie häufig mit einer eher gereizten, manchmal rücksichtslosen und aggressiv aufbrausenden Haltung.

Manche Manien sind auch mit Halluzinationen oder mit Wahnentwicklung verbunden. Typisch sind hier z. B. ein Größenwahn oder Stimmen, die dem Betroffenen sagen, er habe übermenschliche Kräfte. Das schon erwähnte stark verminderte Schlafbedürfnis findet sich bei fast allen manischen Patienten und ist von daher häufig ein diagnostischer Wegweiser und oft auch ein frühes Warnzeichen im Beginn der Erkrankung.

2. Krankheitshäufigkeit

Am häufigsten finden sich Ersterkrankungen zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr.

Es ist schwer, etwas Genaues über die Häufigkeit des Auftretens einer Manie zu sagen. Leichte Formen manischer Schwankungen, die sog. Hypomanien, werden von den Betroffenen selbst und ihren Angehörigen nicht immer als krankheitswertig erlebt. Geschätzt wird, daß bis zu 3% der Bevölkerung einmal in ihrem Leben an einer Manie erkranken. Am häufigsten findet man, daß Patienten mit einer Manie zu einem anderen Zeitpunkt auch Krankheitszeiten einer schweren Depression erlitten haben. Man spricht dann von bipolaren affektiven Störungen oder auch von Zyklothymien, wenn bei einem Patienten mindestens zwei Krankheitszeiten nachweisbar sind, in denen Stimmung und Aktivitätsniveau deutlich gestört waren. Diese Störungen bestehen zum einen in gehobener Stimmung, vermehrtem Antrieb und Redefluß im Sinne der Manie, zum anderen in gedrückter Stimmung, vermindertem Antrieb und Einsilbigkeit im Sinne der Depressionen.

3. Krankheitsauslösende Faktoren

Die genetische Forschung hat ergeben, daß bei der Entstehung affektiver Psychosen ein Erbfaktor beteiligt ist, der wahrscheinlich für die grundsätzliche Bereitschaft, diese Form der Erkrankung zu entwickeln, verantwortlich ist. Darüber hinaus spielen weitere Faktoren, vor allem für die Auslösung der Erkrankung, eine Rolle. Als Auslöser kommen körperliche Faktoren, wie eine hormonelle Umstellung im Wochenbett oder eine körperliche Erkrankung in Frage, ebenso wie psychosoziale Faktoren, z. B. Erlebnisse von schweren Enttäuschungen, Kränkungen, Verlusten, Trennungen, Überforderungen und Ehekrisen.

Die Ergebnisse neurobiologischer Forschung haben die Hypothesen erhärtet, daß neurochemische Störungen der Reizübertragung und der Reizweiterleitung im zentralen Nervensystem eine entscheidende Bedeutung für die Entstehung depressiver und manischer Erkrankungen haben. Wahrscheinlich kommt es zu Verschiebungen und Störungen der Balance zwischen verschiedenen Trägersystemen im Gehirn, so insbesondere den Neurotransmittern Noradrenalin und Serotonin.

4. Therapie und Rehabilitation

Vor diesem Hintergrund ist in der Therapie einer akuten Manie eine medikamentöse Behandlung in der Regel unverzichtbar. Moderne Neuroleptika, die sog. Atypika, finden hier ihre Anwendung. Im Rahmen der Weiterentwicklung dieser Medikamente konnte erreicht werden, daß sie in aller Regel gut verträglich und nebenwirkungsarm sind. Außerdem ist bei affektiven Psychosen die Einstellung auf ein vorbeugendes Medikament (Phasenprophylaktikum) zu prüfen.

Wendet man sich einem psychodynamischen Verständnis der Manie zu, so liegt der Gedanke nahe, die Erkrankung als Abwehr gegen eine Depression, als „antidepressiven“ Mechanismus (S. Mentzos 1995) zu verstehen. Verlust, Trennung, Herabminderung des Selbstwertgefühls, Kränkung, Scham und Schuld können in der Manie verleugnet werden. Anstelle der psychomotorischen Hemmung, des Rückzuges aus der äußeren Welt, anstelle von Blockierung, Erschöpfung, Leere, hoffnungsloser Hilflosigkeit finden wir in der Manie das Gegenstück. In der manischen Heiterkeit und Unbekümmertheit können soziale Normen, die als einengend, streng und rigide empfunden werden, ebenso über Bord geworfen werden, wie die Verinnerlichungen solcher rigiden, reglementierenden und strengen Strukturen in die eigene Person. Man spricht sinnbildlich vom Überbordwerfen des „Über-Ich“ als innerer normativer Instanz.

Positiv ausgedrückt kann man vielleicht sagen, daß in dem Erscheinungsbild der Manie ein - wenn auch nicht vollständig geglückter - Versuch zu erkennen ist, sich persönlich zu behaupten, das Selbstwertgefühl zu stabilisieren und sich gewissermaßen nicht einem Gefühl von Selbstverlust, tiefem eigenen Versagen oder eigener Schuld zu unterwerfen.

In der Psychotherapie der Manie kommt es darauf an, reifere Wege zu entwickeln, das Selbstwertgefühl der Betroffenen zu stabilisieren. Es ist wichtig, einen psychosozialen Kompromiß zu entwickeln, der den Patienten erleichtert, die Balance zwischen verinnerlichten strengen Normen und persönlichem Entfaltungsstreben zu finden.

In der Abt. Psychiatrie und Psychotherapie mit Psychosomatik und Traumatherapie der HWK I wird ein spezialisiertes stationäres Psychotherapieprogramm für Patienten mit entaktualisierten Psychosen angeboten. Schwerpunkt der Behandlung ist eine ich-strukturell modifizierte psychodynamische Vorgehensweise, die vor allem auf Konzepten einer Entwicklungsförderung des Selbst basiert.

In speziellen Angeboten finden Patienten mit einer entaktualisierten Manie Möglichkeiten, den Realitätsbezug zu festigen, ihr emotionales Erleben zu stabilisieren. Dabei geht es vor allem darum, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu stärken sowie die Verarbeitung von Verlusten, Enttäuschungen und tiefen Kränkungen besser in die Persönlichkeit zu integrieren und darum, die persönliche Leistungsfähigkeit zu verbessern.

In der Klinik bestehen gezielte Möglichkeiten von Sozialberatung, Beratung und Vorbereitung zur beruflichen Rehabilitation.

Im geschilderten Behandlungssetting hat die Zusammenarbeit mit den ambulanten Vor- und Nachbehandlern, Ärzten und psychologischen Psychotherapeuten, mit Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation und mit anderen psychosozialen Institutionen einen besonderen Stellenwert.

Verfasser: Dr. med. N. Schmitt - Chefarzt, FA Psychiatrie und Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin