Symptomatik und Diagnosen

Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit denjenigen Psychosen, für deren Entwicklung keine hirnorganischen Schädigungen etwa durch körperliche Erkrankungen, Vergiftungen oder Drogenmißbrauch verantwortlich gemacht werden können. Die Begriffe funktionelle Psychose oder endogene Psychose sind Sammelbegriffe, unter denen Störungen bzw. Krankheitsbilder aus dem schizophrenen, dem schizoaffektiven und dem affektiven Formenkreis der Psychosen zusammengefaßt werden.

Die Krankheitsgruppe der schizophrenen Psychosen umfaßt verschiedene Krankheitssymptome, die insbesondere mit Denk- und Wahrnehmungsstörungen einhergehen. Akute Erkrankungen verbinden sich mit dem Erleben von Desintegration des Selbst. Die seelische und körperliche Einheitlichkeit kann nicht mehr verläßlich gespürt werden.

Häufig wird die Symptomatik schizophrener Psychosen gerade in der akuten Krankheitszeit durch Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug, Gedankenausbreitung, Wahnwahrnehmungen, Kontrollwahn, Beeinflussungswahn oder Stimmenhören geprägt. Besondere Krankheitsbedeutung haben dialogische Stimmen oder solche, die die Handlungsweisen der Patienten kommentieren und z. B. Handlungsanweisungen geben.

Am häufigsten treten paranoide Schizophrenien auf, in deren Krankheitssymptomatik Halluzinationen und Wahnphänomene vorherrschen. Seltener sind katatone Schizophrenien, hebephrene Schizophrenien oder andere, eher undifferenzierte Verlaufsformen.

Katatone Schizophrenien sind vor allem durch psychomotorische Erregungszustände und Sperren gekennzeichnet, Hebephrenien durch Denkstörungen und inadäquaten, verflachten Affekt.

Akute vorübergehende psychotische Störungen, schizotype Störungen und reine Wahnerkrankungen im Sinne der Paranoia werden von den schizophrenen Psychosen abgegrenzt, da sie zwar ähnliche Symptome zeigen können, die diagnostischen Kriterien für schizophrene Psychosen jedoch nicht vollständig erfüllen.

Alle diese Erkrankungen bedeuten für die Betroffenen in der akuten Zeit in der Regel existentielle Krisensituationen. Häufig sind jedoch auch Krankheitsfolgen und sogenannte schizophrene Residuen einhergehend mit Erschöpfbarkeit, Antriebsmangel, Verminderung von Vitalität und kognitiver Leistungsfähigkeit Anlaß für Therapie und Rehabilitation. Eine besondere Rolle spielen hierbei postpsychotische Depressionen, die wie die akuten Erkrankungen selbst mit Suizidgefahr einhergehen können.

Zu den affektiven Psychosen gehören zum Teil rezidivierende, schwere Formen von Depression und Melancholie sowie die Manien. Die bipolaren affektiven Psychosen - auch Zyklothymien genannt - sind durch aufeinander folgende depressive und manische Krankheitszeiten geprägt.

Die Depressionen im Rahmen von affektiven Psychosen sind durch einen besonders schweren und quälenden Selbstwertverlust gekennzeichnet, durch Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld, die in ein wahnhaftes Erleben übergehen können und häufiger Anlaß für Selbstmordgefährdung sind. Störungen des Körpererlebens geprägt durch den Verlust des Gefühls der Lebendigkeit, Schlaflosigkeit und häufig durch Schmerzen gehören zum Störungsbild.

Die Manien sind im Gegensatz zu den Depressionen durch gesteigerte Aktivität, gesteigerte Gesprächigkeit, Ideenflucht, Verlust sozialer Hemmungen, Größenideen und persönlichkeitsfremdes oft tollkühnes, rücksichtsloses, übertrieben optimistisches, bezogen auf die Umstände unpassendes Verhalten gekennzeichnet. Die Erkrankung geht mit vermindertem Schlafbedürfnis einher; im engeren Sinne psychotische Krankheitszeichen wie Halluzinationen oder Größen-, Liebes- oder Beziehungswahn können hinzukommen.

Wie bei den Schizophrenien gibt es auch bei den affektiven Psychosen sehr unterschiedliche Verläufe hinsichtlich der Häufigkeit von Erkrankungen, der Dauer und der Krankheitsfolgen und -residuen. Letztere sind bei den affektiven Psychosen jedoch weniger häufig und im statistischen Vergleich weniger schwer.

Besonders erwähnt werden soll die Gruppe der schizoaffektiven Psychosen. Bei diesen Störungen finden sich in den Erkrankungsperioden gleichzeitig und vergleichbar intensiv Krankheitszeichen sowohl schizophrener, als auch affektiver Störungen. Die Prognose schizoaffektiver Psychosen ist häufig besser als die der Schizophrenien.

Therapie und Rehabilitation

In der Therapie von Akuterkrankungen und in der Rehabilitation der Krankheitsfolgen müssen unterschiedliche Behandlungsansätze indikationsspezifisch integriert und im Sinne einer ganzheitlichen Therapie miteinander vernetzt werden.

Bei psychotischen Störungen und häufig auch bei Zuständen nach Psychosen ist die Therapie mit modernen Psychopharmaka unerläßlich. Durch eine psychopharmakologische Behandlung wird es vielen Patienten erst möglich, eine Psychotherapie zu nutzen.

Schwerpunkt der Psychosenbehandlung in der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie mit Psychosomatik und Traumatherapie der HWK I ist eine ich-strukturell modifizierte, psychodynamische Vorgehensweise, die vor allem auf Konzepten von einer Entwicklungsförderung des Selbst basiert.

In speziellen Angeboten erweitern Patienten ihr Wissen um ihre Erkrankung. Sie finden Möglichkeiten, den Realitätsbezug zu festigen, ihr emotionales Erleben zu stabilisieren, zu erweitern und zu begrenzen, ihre verloren geglaubten Fähigkeiten wiederzuentdecken und zu beleben sowie ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern.

In der Klinik bestehen gezielte Möglichkeiten von Sozialberatung, Beratung und Vorbereitung zur beruflichen Rehabilitation.

Das geschilderte Spezialsetting erfährt seinen besonderen Platz in der Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten, ambulanten Vorbehandlern, Rehabilitationseinrichtungen und anderen psychiatrischen Institutionen und wird so Teil einer rehabilitativ integrativen Behandlungskette.

Verfasser: Dr. med. N. Schmitt - Chefarzt, FA Psychiatrie und Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin