Übersicht

  1. Fallbeispiel
  2. Beschreibung: schizoide Persönlichkeitsstörung
  3. Zur Entwicklung: schizoide Persönlichkeitsstörung
  4. Zur Therapie: schizoide Persönlichkeitsstörung

1. Fallbeispiel: eine Schizoide Persönlichkeitsstörung

Ein 34-jähriger Wissenschaftler berichtet, ihm sei völlig unklar, weshalb seine Frau auf die Idee gekommen sei, eine Paartherapie machen zu wollen. Er habe nicht das Gefühl, dass mit der Partnerschaft etwas nicht stimme. Die Ehefrau jedoch berichtet, dass ihr Mann bereits kurz nach der Trauung nur noch sehr wenig Interesse an ihr gezeigt habe. Die sexuellen Kontakte, die ja schon immer von ihr ausgegangen seien, hätten sich auf Null reduziert. Er sitze eigentlich Tag und Nacht über seinen Computer und arbeite an hochkomplizierten mathematischen Problemen. Freunde habe ihr Mann keine, all ihre Vorschläge, etwas zu unternehmen, riefen bei ihm eher Unverständnis und klare Ablehnung hervor. Vor allem aber mache ihr zu schaffen, dass ihr Freundeskreis sich von ihr zurückgezogen habe, da ihr Mann auch in dieser Runde eigentlich nicht spreche, sondern sich rasch zurückziehe, um in Zeitschriften zu blättern, „es ist, als wären alle Luft für ihn“ (zitiert nach Berger, Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie).

2. Beschreibung der schizoiden Persönlichkeitsstörung

Der Terminus schizoid (griechisch: schizein = spalten; -id = ähnlich) wurde von den Autoren Bleuler und Kretschmer Anfang der 20er Jahre geprägt und bedeutet zunächst der Schizophrenie ähnlich. Die Autoren sahen Ähnlichkeiten zwischen Patienten mit schizoiden Charakterzügen und solchen, die an schizophrenen Psychosen erkrankten und die aufgrund der „Spaltung“ ihrer Persönlichkeit einen Verlust der Realität und der kritischen Selbstreflexionsfähigkeit erlitten.

Obwohl heute diese Diskussion noch nicht in allen Teilen abgeschlossen ist, kann man dennoch sagen, dass die Diagnose schizoide Persönlichkeitsstörung kein sicheres Indiz dafür gibt, dass ein Betroffener später an einer schizophrenen Psychose erkranken würde.

Die schizoide Persönlichkeitsstörung bietet eine krankheitswertige Symptomatik, gekennzeichnet durch kontinuierliche Verhaltensmuster sozialer Kontaktschwäche sowie durch eine eingeschränkte emotionale Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit. Gemeint ist eine Persönlichkeit, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie distanziert, isoliert, ungesellig und introvertiert wirkt und keine “Wärme ausstrahlt“. Ein Patient mit einer schizoide n Persönlichkeitsstörung neigt häufig zu Intellektualisierung und betont abstraktem Denken. Wie im geschilderten Fallbeispiel hat er wenig Kontakte und wirkt dabei unbeeinflussbar und wenig herzlich. Menschen mit einer schizoide n Persönlichkeitsstörung leben in aller Regel sozial zurückgezogen, ohne ausgeprägte Ängste oder Wünsche gegenüber anderen. Ihre grundlegende Position kann mit dem Begriff der Autonomie beschrieben werden. Jede Form der Expressivität, des Demonstrativen oder Vitalen erscheint ihnen fremd. Beim Gegenüber wird häufig das Gefühl von Fremdheit oder Distanz ausgelöst, dabei scheint nicht Unfreundlichkeit zu dominieren, sondern eher eine eigentümliche Unberührtheit, insbesondere in emotionalen Fragestellungen.

Die diagnostische Klassifikation der WHO, der ICD 10 beschreibt, dass mindestens vier der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen vorliegen müssen, um die Diagnose schizoide Persönlichkeitsstörung vergeben zu können:

  1. Wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude.
  2. Der Patient zeigt emotionale Kühle, Distanziertheit und einen abgeflachten Affekt.
  3. Er zeigt reduzierte Fähigkeiten, warme, zärtliche Gefühle für andere oder Ärger auszudrücken.
  4. Er erscheint gleichgültig gegenüber Lob oder Kritik von anderen.
  5. Er hat wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit anderen Menschen.
  6. Immer werden Aktivitäten bevorzugt, die alleine durchzuführen sind.
  7. Es besteht eine übermäßige Inanspruchnahme durch Phantasien und Introvertiertheit.
  8. Der Patienten hat keine oder wünscht keine enge Freunde oder vertrauensvolle Beziehungen.
  9. Es besteht ein deutlich mangelhaftes Gespür für geltende soziale Normen und Konventionen. Wenn sie nicht befolgt werden, geschieht das unabsichtlich.

Das Kennzeichen der Kontaktvermeidung bedeutet für die schizoide Persönlichkeitsstörung eine Nähe zu anderen Persönlichkeitsstörungen wie z. B. der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung und der sog. schizotypischen Persönlichkeitsstörung, in der sich ein höheres Maß an Verschrobenheit, an ungewöhnlichen Verhalten und vor allem an schwer nachvollziehbaren manischen Denkinhalten wieder findet.

3. Zur Entwicklung der schizoiden Persönlichkeitsstörung

Auf wissenschaftlich gesicherte Daten basierende Vorstellungen zur Entwicklung einer schizoide n Persönlichkeitsstörung liegen im strengeren Sinne derzeit nicht vor. Für Psychotherapeuten erscheinen neben kognitiven und lerntheoretischen Aspekten vor allem psychodynamische Hinweise wichtig, um sich den Verstehen einer schizoiden Persönlichkeitsstörung anzunähern. Wahrscheinlich ist, dass Patienten mit einer schizoide n Persönlichkeitsstörung bereits im frühen Säuglingsalter Störungen der Affektregulation ausgesetzt waren. Affekte regulieren nach heutigem Wissenstand bereits in den ersten sechs Lebensmonaten des Säuglings die frühen kindlichen Bindungen im Sinne einer interpersonellen Regelung der Nähe und Distanz. So dient der Grundeffekt des Interesses der Suche nach dem Objekt und der Herstellung und Sicherung der Verbindung. Erregung signalisiert Präsenz und Antwort in Bezug auf das Verhalten des Objektes, durch Freude erhält das Pflegeobjekt ein Signal der Bestätigung. Eine fortwährende Negierung der affektiv gesteuerten Signale Interesse und Erregung durch das Bezugsobjekt löst „Verzweiflung“ beim Säugling aus, als Hinweis für den drohenden Abbruch der Interaktion. Gezeigt werden konnte, dass im weiteren Verlauf sich das kommunikative Verhalten des Säuglings auf ein Minimum einschränkt. Dieses Schutzverhalten könnte zu einer mangelhaft ausgeprägten subjektiven Affektwahrnehmung und Kommunikation führen (Johnson 1987).

In psychoanalytischer Sprache ausgedrückt stellt die schizoide Persönlichkeitsstörung vor diesem Hintergrund wahrscheinlich eine Charakterbildung mit Abwehrfunktion dar. Das emotionale Desengagement der Patienten kann als ein Schutzverhalten in der Abwehr zwischenmenschlicher Beziehungen verstanden werden. Die Verleugnung der eigenen Bedürftigkeit nach Nähe und lebendigem Kontakt sowie die Verleugnung einer verzweifelten Wut, dies nicht bekommen zu haben, haben bei den Patienten mit einer schizoide n Persönlichkeitsstörung gewissermaßen zu einer Abspaltung jedweder Emotionen geführt, die im zwischenmenschlichen Kontakt entstehen würden. Selbst das Körpergefühl scheint bei manchen Patienten unterentwickelt, sie wirken dann seltsam steif, ungelenk, fast maschinenhaft. Die „Flucht in den Intellekt“ stellt gewissermaßen die Flucht in einen sicheren, autonomen Raum ohne zwingende Notwendigkeit zu Kontakt dar.

4. Zur Therapie der schizoiden Persönlichkeitsstörung

Aufgrund des kontaktvermeidenden Verhaltens und der scheinbaren emotionalen Bedürfnislosigkeit findet eine schizoide Persönlichkeitsstörung nur selten den Weg in die Psychotherapie. Meist geschieht das, weil Angehörige die Initiative übernehmen, oder weil die Patienten doch Zugang finden zu Fremdheitsgefühlen auch sich selbst gegenüber, zu ihrer tiefen Unsicherheit und der starken Ambivalenz im zwischenmenschlichen Kontakt. Gefühle von Leere, Verzweiflung oder einfach nur das Gefühl einer unbestimmten persönlichen Unfertigkeit können dann den Hintergrund für eine Psychotherapiemotivation bilden.

Deswegen stellt es für Psychotherapeuten eine besondere Herausforderung dar, einen vertrauensvollen, emotional geprägten Zugang zu den Patienten zu gewinnen, der andererseits diese nicht überfordert und in ihren Distanzierungsnotwendigkeiten zu stark einschränkt.

Vor diesem Hintergrund kann eine schizoide Persönlichkeitsstörung besonders gut auch von gruppentherapeutischen Angeboten profitieren.

In der Therapie einer schizoide n Persönlichkeitsstörung wird überdies besonders wichtig sein, im stationären Rahmen einen Zugang zu Körper- und Bewegungstherapie, zu erlebnisfordernden Verfahren und Anwendungen und zu kreativen Möglichkeiten der Patienten zu entwickeln.

In der Abt. Psychiatrie und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I wird ein stationäres Behandlungssetting angeboten, dass Gruppen- und Einzeltherapie miteinander verbindet und in besonders intensiver Weise den geschilderten multimodalen Behandlungsansatz bietet.

Verfasser: Dr. med. N. Schmitt - Chefarzt, FA Psychiatrie und Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin

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Die Hardtwaldklinik I ist eine moderne Fachklinik für Neurologie sowie Psychiatrie und Psychotherapie mit Psychosomatik und Traumatherapie. Wir orientieren uns an wissenschaftlich begründbaren Verfahren ganzheitlich verstandener Therapie unter Einbeziehung sozialmedizinischer Kriterien.

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