1. Epidemiologie

Schlafstörungen sind sehr häufige Störungen. Vermutlich stellen sie das häufigste psychosomatische Syndrom noch vor den Schmerzsyndromen dar. Man kann davon ausgehen, dass in Deutschland 20-25 % der Patienten in Allgemeinarztpraxen unter Schlafstörungen leiden, insbesondere unter Schlaflosigkeit. Besondere Schwierigkeiten entstehen dadurch, dass Schlafstörungen häufig einen chronischen Verlauf nehmen, sich seltener spontan zurückbilden. Insbesondere die Zunahme von Schlaflosigkeit im höheren Lebensalter führt zu gehäufter Einnahme rezeptpflichtiger Hypnotika (Schlafmittel), oft jedoch mit unbefriedigendem therapeutischen Erfolg. Insbesondere die unkontrollierte Langzeiteinnahme von Tranquilizern (Entspannungs- und Beruhigungsmittel), z. B. Diazepam und anderen Benzodiazepinen, kann zu problematischen Abhängigkeitsentwicklungen führen.

Die angedeutete unbefriedigende Behandlungssituation bildet eine wichtige Aufgabe für Psychiater und Psychotherapeuten.

2.Diagnostik

Schlafstörungen haben unterschiedliche Ursachen. Sie können u. a. im Rahmen von situativen Belastungen, aktuellen und chronischen Konflikten, bei psychischen sowie bei körperlichen Erkrankungen auftreten.

Eine der häufigsten Schlafstörungen ist die Schlaflosigkeit (Insomnie). Die vorherrschenden Beschwerden bestehen bei einer Insomnie in Einschlaf- und Durchschlafschwierigkeiten oder in nicht erholsamem Schlaf, d. h. der Patient fühlt sich trotz adäquater Schlafdauer nicht erholt. Als diagnostische Kriterien für die nichtorganische Insomnie werden in der ICD 10 (Internationale Klassifikation der WHO) außerdem genannt, dass diese Schlafstörungen mindestens dreimal pro Woche während mindestens eines Monates auftreten und entweder einen deutlichen Leidensdruck verursachen oder sich störend auf die Leistungsfähigkeit oder das soziale Verhalten auswirken. Bei der Suche nach den Ursachen müssen, wie bereits ausgeführt, zunächst Hinweise auf organische Erkrankungen abgeklärt werden. Es erfolgt eine ausführliche Alkohol- und Medikamentenanamnese sowie eine Suchtmittelanamnese (Koffein-, Nikotinmissbrauch?). Neben dem Hinweis auf akute oder chronische Belastungssituationen muss überprüft werden, ob eine psychiatrische Erkrankung, z. B. eine Depression, besteht.

Eine ausführliche Schlafanamnese umfasst die Zubettgehzeit, die geschätzte Zeit bis zum Einschlafen, nächtliche Wachperioden, Grübeleien während des nächtlichen Wachliegens sowie die Aufstehzeit. Die im Bett verbrachte Zeit wird in Bezug gesetzt zur geschätzten Gesamtschlafzeit. Über Angehörige lassen sich Krankheitszeichen wie nächtliche Atemaussetzer (Schlafapnoe-Syndrom), nächtliche Beinbewegungen (Restless legs-Syndrom) sowie das Schnarchen erfassen. Über zumindest vierzehn Tage wird ein Schlafprotokoll geführt.

Die körperliche Diagnostik umfasst neben der ärztlichen Untersuchung eine umfangreiche Laboruntersuchung (z. B. eine Schilddrüsendiagnostik) sowie in besonderen Fällen Untersuchungen im Schlaflabor. Sind körperliche oder medikamentöse Ursachen von Schlafstörungen ausgeschlossen, muss überprüft werden, ob psychiatrische Erkrankungen als Ursache gefunden werden können. Vor allem sind hier affektive Störungen (z. B. Depressionen), Suchterkrankungen und Angsterkrankungen zu nennen. Hier muss natürlich genauso wie bei Schlafstörungen aus körperlicher Ursache in erster Linie die Grunderkrankung behandelt werden, z. B. bei Depressionen mit depressionslösenden, entspannenden und z. T. sedierenden Medikamenten, die nicht zur Abhängigkeit führen. Durch die Behandlung der Grunderkrankung kann also insbesondere ein Schlafmittelmissbrauch verhindert werden.

Allgemein müssen Schlafstörungen auf sog. Konditionierungsprozesse untersucht werden. Häufig ist zum Beispiel, dass ältere Menschen unrealistische Erwartungen an ihre Schlafqualität und Schlafdauer stellen, so dass sich ein Teufelskreis aus unerfüllter Erwartung und zunehmender Schlafstörung entwickelt. Es fehlen Informationen darüber, dass der Tiefschlaf im Alter abnimmt, nächtliche Wachphasen häufiger werden und dass es eine natürliche Tendenz zu oberflächlicherem und störanfälligerem Schlaf gibt.

3. Behandlung und Rehabilitation

Entsprechend den bisherigen Ausführungen ist für die Behandlung von Schlafstörungen eine Vielzahl von Behandlungsansätzen notwendig. Dabei sollte insbesondere vermittelt werden, dass zur Überwindung von Schlafstörungen eine gesunde Lebensführung ebenso wichtig ist, wie das Einhalten regelmäßiger Zeiten für die Bettruhe und die günstige Gestaltung der Einschlafsituation,
z. B. mittels eines Rituals.

Die Basis wird zumeist gelegt, indem durch schlafbezogene Interventionen der Teufelskreis von Anspannung, Angst und Schlafstörungen unterbrochen werden kann. Es erfolgt eine umfassende schlafhygienische Beratung und insbesondere auch eine Information über mögliche Entspannungs- und schlaffördernde Imaginationsverfahren. Der Einsatz von Medikamenten sollte situations- und krankheitsbezogen so kurzfristig wie möglich erfolgen.

Häufig ist im Rahmen von seelischen Konfliktsituationen eine Bearbeitung der Psychodynamik wesentlicher Bestandteil der Therapie. Verhaltensbezogene Interventionen können ergänzt und erweitert werden durch die Förderung von Einsicht in unbewusste tiefenpsychologische Prozesse sowie durch diesbezügliche entlastende und stabilisierende Interventionen.

PatientInnen mit Schlafstörungen im Rahmen psychischer Probleme und psychiatrischer Erkrankungen können sich an die Abt. Psychiatrie und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I wenden. Das günstige Klima einer Rehabilitationsklinik wird hier genutzt, um im Rahmen verschiedener Therapieprogramme eine ursächliche Therapie der Schlafstörungen voranzutreiben sowie insbesondere um entspannende, stabilisierende und selbst heilende Fähigkeiten der Patienten zu fördern und ihr Wohlbefinden ganzheitlich zu verbessern.

Verfasser: Dr. med. N. Schmitt - Chefarzt, FA Psychiatrie und Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin