Übersicht

Einleitung

  1. Die Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens in der Trauerarbeit
  2. Aufbrechende Emotionen in der Trauerarbeit
  3. Suchen und sich trennen in der Trauerarbeit
  4. Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezuges in der Trauerarbeit
  5. Trauerarbeit und Erkrankung

Einleitung

Der klassisch gewordene Begriff Trauerarbeit wird von Sigmund Freud 1915 in seiner Arbeit „Trauer und Melancholie“ eingeführt. Trauer, Trauerreaktionen und Trauerarbeit können vor dem Hintergrund verstanden werden, dass Erlebnisse eines Verlustes - zumeist der Tod eines geliebten Menschen - für den Trauernden ein tiefeinschneidendes, gewissermaßen traumatisierendes Erlebnis bedeuten. Alles Bisherige wird in Frage gestellt. Häufig können Trauernde zunächst keinen Sinn in ihrem eigenen Leben entdecken und erleben sich durch den erlittenen Verlust in ihrem eigenen Selbst geschädigt und unvollständig.

Das Verdienst von Sigmund Freud ist es, hervorzuheben, dass Trauerarbeit mit einem aktiven innerseelischen Prozess einhergeht. Die Verluste in die eigene Person zu integrieren und positiv einzubinden, sich zu erholen und eine neue Lebensperspektive zu suchen, das alles bedeutet einen aktiven Prozess innerer Arbeit, wie Freud es auch in einem anderen Zitat beschreibt: „Aber kurze Zeit nach dem Tod des Kranken beginnt in ihr die Reproduktionsarbeit, welche ihr die Szenen der Krankheit und des Sterbens nochmals vor die Augen führt. Sie macht jeden Tag, jeden Eindruck von neuem durch, weint darüber und tröstet sich darüber - man könnte sagen in Muße.“ (Studien über Hysterie 1895)

Die psychische Verarbeitung eines Verlustes - die Trauerarbeit - hängt stark von den Bindungserfahrungen ab, die ein Trauernder vor dem aktuellen Verlust verinnerlicht hat. Der Psychiater und Psychoanalytiker J. Bowlby formulierte in den 60er Jahren erstmals seine bis heute einflussreiche Bindungstheorie. Demnach entwickelt das Kleinkind aus der Interaktion mit seinen frühen Bezugspersonen ein sog. „inneres“ Arbeitsmodell von Bindungen. Dieses Arbeitsmodell integriert die verschiedenen einzelnen Bindungserfahrungen zu einem Gesamtbild, aus dem wiederum Erwartungen und Emotionen für das eigene Bindungsverhalten sich entwickeln. Die frühen Bindungserfahrungen haben entscheidenden Einfluss auf das Bindungsverhalten im weiteren Verlauf des Lebens. Sie beeinflussen nicht nur die Art und Weise der Beziehungsgestaltung, sondern auch, wie eine Person mit Verlusten umgeht. Früh erworbene Gefühle von Geborgenheit, Vertrauen und Sicherheit werden das Gelingen einer Trauerarbeit ebenso erleichtern wie ein auch aktuell insgesamt intaktes Beziehungs- und Bindungsnetz des Trauernden.

Mehrere Autoren, vor allem Frau E. Kübler-Roß und Frau V. Kast haben den Prozess der Trauerarbeit veranschaulicht, in dem sie Phasen der psychischen Arbeit hervorgehoben und beschrieben haben. Die Beschreibung von Phasen der Trauerarbeit birgt allerdings die Gefahr eines Missverständnisses, den Trauerprozess irrtümlich als linear und gewissermaßen mechanisch-automatisch zu begreifen. Vielmehr erscheint der Prozess der Trauerarbeit als ein individueller Prozess des Abschiednehmens, der in individueller Weise auch die Probleme der verlorengegangenen Beziehung aufgreift und aufarbeitet, so dass die Trauernden ein neues Selbst- und Weltverständnis weiterzuleben vermögen.

Im Folgenden werden Phasen der Trauerarbeit in Anlehnung an das Buch „Trauern“ von V. Kast, 1977 dargestellt.

1. Die Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens 

Häufig lässt sich die erste Phase nach der Nachricht vom eingetretenen Verlust als Reaktion beschreiben, die mit Empfindungslosigkeit und dem Eindruck, selbst wie tot und starr zu sein, einhergeht. Diese Empfindungslosigkeit entspricht nicht einer Gefühllosigkeit, sondern einem Gefühlsschock. Der Trauernde ist unter einem starken Gefühl „erstarrt“. Die Empfindungslosigkeit, die einhergeht mit dem Nichtwahrhabenwollen des Verlustes, kann als Überwältigung von einem zu starken Gefühl, mit dem nicht umgegangen werden kann, gewertet werden. Dieser traumatische Schock kann unterschiedlich lange anhalten und besteht je nach Intensität des erlittenen Verlustes häufig keinesfalls nur für kurze Zeit.

Im Rahmen einer gelungenen Trauerarbeit finden die zunächst betäubten und erstarrten Emotionen ins Leben zurück. Anderenfalls können Betroffene gewissermaßen in dieser Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens stecken bleiben. Manchmal sprechen die Menschen dann von einem großen Gefühl der Leere, das durch nichts auszufüllen sei, von einem automatenhaften, leblosen Funktionieren.

Auch verschiedene Trauerreaktionen im Sinne von Verdrängen und Verleugnen des Verlustes können dahin führen, dass die Trauerarbeit ins Stocken kommt. Manche Menschen flüchten sich in Geschäftigkeit, tun so, als sei nichts geschehen, möchten nicht auf ihren Verlust angesprochen werden.

2. Aufbrechende Emotionen 

Der Phase der Empfindungslosigkeit folgt häufig die Phase der aufbrechenden Emotionen. Sehr unterschiedliche, tiefe Emotionen können den Trauerprozess begleiten (Zorn, Angstgefühle und Ruhelosigkeit). Wesentlich erscheint häufig auch das Aufbrechen von Ohnmachtsgefühlen und insbesondere von Schuldgefühlen. V. Kast schreibt, dass eine fruchtbringende Trauerarbeit, die bewirke, dass alte Verhaltensmuster aufbrechen und neue Verhaltensmuster entstehen können, keinen anderen Weg kennt, als dieses wechselnde Emotionschaos durchzuhalten und auszuhalten. Das Emotionschaos sei ein Bild für das Chaos ganz allgemein, in dem Altes verschwinde und Neues sich bilden könne. Störungen in dieser Phase der Trauerarbeit bedeuten dann nicht mehr ein Vermeiden der Trauer, sondern sie gehen einher mit der Schwierigkeit, nicht mehr aus der Trauer herauszufinden. Die Trauernden bleiben von ihren Gefühlen, von ihrem Schmerz überwältigt und absorbiert und können sich nicht auf einen entwicklungsfördernden Trauerprozess einlassen. Besonders schwer fällt es Trauernden häufig, anlässlich des Verlustes eigene Schuldgefühle zu bewältigen und insbesondere auch andere „negative“ Gefühle, wie Empörung, Zorn und Wut auszudrücken und nicht zu blockieren.

3. Suchen und sich trennen 

Die geschilderten tiefen Emotionen innerseelisch zu verarbeiten, bedeutet z. B. im Falle des Todes eines geliebten Menschen, diesen in einem inneren Prozess gewissermaßen noch einmal aufzusuchen und sich mit den Aspekten der zurückliegenden Beziehung und ihres Verlustes auseinanderzusetzen. J. Bowlby sieht Zorn und Schuldgefühle einerseits als Ausdrucksform einer solchen inneren Bearbeitung der verlorenen Beziehung. Sie bedeuten für ihn aber gleichzeitig auch den Beginn eines Prozesses des Suchens, das was der Verstorbene für den Trauernden bedeutet habe, ins neu entstehende Lebensgefüge mit einzubringen. Der Trauernde beginnt allmählich von den verlorenen, geliebten Menschen loszulassen. Es beginnt eine Zeit des Abschiednehmens. Ein solcher Prozess des Abschiednehmens, des sich Trennens und der Suche nach etwas Neuem geschieht unwillkürlich. Suchen-Finden-sich trennen, erlaubt es, sich mit dem verstorbenen Partner auseinanderzusetzen, etwas in sich zu entdecken, was mit dem verstorbenen Menschen zusammenhängt, und dennoch zu spüren, dass mit den alten Lebensumständen nicht mehr zu rechnen ist, dass das eigene Welt- und Selbstverständnis umgebaut werden muss.

V. Kast führt ihren Eindruck aus, dass in dieser Phase des Suchens im Falle eines Scheiterns der Trauerarbeit die Gefahr von Selbstmordversuchen besonders hoch ist. Sich tatsächlich auch innerlich aktiv von einem geliebten Verstorbenen zu trennen, bedeutet eine große Schwierigkeit, die nicht in jedem Fall gelingt. Hier zeigt sich in besonders hohen Maße, wie notwendig es ist, dass Trauernde in ihrem Prozess begleitet werden, um das Gelingen der Trauerarbeit zu erreichen.

4. Neuer Selbst- und Weltbezug 

Eine gelungene Trauerarbeit zeigt sich in ihrem Ergebnis vor allem darin, dass der Verstorbene für den Trauernden nun zu einer „inneren Figur“ geworden ist. Das kann so aussehen, dass der Trauernde den Verstorbenen als eine Art inneren Begleiter erlebt. Der Trauernde löst sich aber davon, in seinen Gedanken und Empfindungen stets zentral mit dem Verstorbenen beschäftigt zu sein. Das Erleben der verloren Beziehung ist zu einem inneren Erleben geworden und findet idealtypisch eine sinnstiftende positive Fortsetzung im neuen Welt- und Lebensbezug des Trauernden.

5. Trauerarbeit und Erkrankung

Im vorigen Text wird deutlich, dass der Prozess der Trauerarbeit an verschiedenen Stellen ins Stocken geraten kann. Im Sinne einer pathologischen Trauer können sich daher auf dem Boden einer blockierten Trauerarbeit verschiedene seelische Erkrankungen entwickeln. Am häufigsten münden blockierte Trauerprozesse in Depressionen ein, die dann zur Chronifizierung neigen. Insbesondere in einer solchen Situation benötigen Betroffene psychotherapeutische Hilfe, wobei
u. a. auch an eine stationär psychotherapeutische Behandlung gedacht werden kann.

So bietet die Abt. Psychiatrie und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I eine geeignete und vielfältig differenzierte Therapiemöglichkeit an. Trauernde erhalten die Möglichkeit einer Begleitung in ihren Gefühlen, sie erfahren neue Möglichkeiten des Austausches und können z. B. mit Hilfe von Meditation, Entspannungsverfahren und Kreativtherapie neue Wege des Selbsterlebens für sich entdecken. Eine beginnende Integration der erlittenen Verluste in die Gesamtpersönlichkeit erfährt ihre Fortsetzung z. B. im Rahmen ambulanter Psychotherapie, die in Zusammenarbeit mit niedergelassenen Psychiatern und Psychotherapeuten von der Klinik aus vorbereitet werden kann. Die intensive stationäre Therapiemöglichkeit schafft Chancen dafür, einen ins Stocken geratenen Trauerprozess mit Hilfe intensiver Trauerarbeit wieder in eine positive Richtung zu lenken.

Verfasser: Dr. med. N. Schmitt - Chefarzt, FA Psychiatrie und Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin