Übersicht

  1. Trauerreaktionen auf Verluste
  2. Gelungene Trauerreaktionen
  3. Krankheitswertige Trauerreaktionen
  4. Therapie von krankheitswertigen Trauerreaktionen

1. Trauerreaktionen auf Verluste

Traurige Verstimmtheiten gehören zum normalen Rhythmus des Lebens ebenso wie die freudige Gestimmtheit. Das Gefühl der Trauer kann zumeist verstanden werden als emotionale Reaktion auf Verluste. Trauerreaktionen bilden sich aus, wenn enge Bezugspersonen -Eltern, Geschwister, Kinder, Partner oder Freunde- sterben, sich trennen oder sich entfernen. Selbstverständlich können Trauerreaktionen aber auch durch andere Verluste hervorgerufen werden.

So können Trauerreaktionen insbesondere dann entstehen, wenn Betroffene Verluste am eigenen Körper erleiden, z. B. durch Amputation oder durch sich entwickelnde Blindheit oder auch durch den Verlust von kognitiven Fähigkeiten im Rahmen einer beginnenden Demenzentwicklung. Wesentlich für die Entwicklung von Trauerreaktionen erscheint auch, wenn Betroffene auf Lebensziele, auf ideelle Werte oder wichtige halt- und sicherheitsgebende Lebensumstände verzichten müssen.

2. Gelungene Trauerreaktionen

In seiner Schrift „Trauer und Melancholie“ aus dem Jahr 1915 entwarf Sigmund Freud ein psychoanalytisches Modell der Trauerreaktionen, das bis heute die Beschäftigung mit Trauer prägt. Freud verwandte in dieser Schrift erstmals auch den Begriff der Trauerarbeit und stellte dar, dass Trauerreaktionen nicht einfach als Reaktionen verstanden werden können, deren Abklingen nur abgewartet werden muss. Zeit heilt nicht alle Wunden, sondern gelungene Trauerreaktionen verbinden sich mit einem aktiven Prozess der Trauerbewältigung, der die Verarbeitung der erlittenen Verluste zum Ziel hat.

Es ist naheliegend, die individuellen Trauerreaktionen - deren Intensität und Form - in Verbindung zu bringen mit den früheren Lebenserfahrungen der Betroffenen. Vor allem kommt es darauf an, welche Bindungserfahrungen ein Trauernder gemacht hat, bevor er mit den aktuellen Verlusten konfrontiert wurde. Erfahrungen von Sicherheit und verlässlicher Vertrautheit sowie die Einbindung in ein insgesamt intaktes Netz von Beziehungen können die Fähigkeit Betroffener zu trauern erleichtern und die Intensität von Trauerreaktionen insoweit mildern, dass ein gelungener Prozess von Trauerbewältigung zustande kommt. In diesem Sinne kann man Trauerreaktionen verstehen als universelle und durchaus sinnvolle Formen der Reaktion auf Enttäuschung, Kränkung oder Verlust. Dabei können auch gelungene Trauerreaktionen auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit krankheitswertigen Depressionen zeigen. Auch bei gelungenen Trauerreaktionen können eine gedrückte Stimmungslage, eine Antriebs- und Interessenlosigkeit, eine allgemeine Hemmung sowie das Absinken von Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit in einem gewissen Maße beobachtet werden. Es kann zu einem vorübergehenden Rückzug von der Welt kommen. All diese Reaktionen erscheinen jedoch sinnvoll, da sie einen Schutz vor äußeren Reizen, eine Kräfteersparnis, eine Erholung und eine Reorganisation ermöglichen. In gelungenen Trauerreaktionen sind daher auch Frustrationsaggressionen enthalten, die als normale Reaktion auf Enttäuschung, Kränkung oder Verlust anzusehen sind.

3. Krankheitswertige Trauerreaktionen

In der Entwicklung von krankheitswertigen, sog. abnormen Trauerreaktionen und im Zusammenhang damit in der Entwicklung insbesondere von depressiven Erkrankungen zeichnet sich aber als Kern ab, dass die Betroffenen ihre Selbstachtung verlieren. Das vorherrschende Gefühl ist dann nicht mehr Traurigkeit, sondern ein Gefühl der inneren Leere, eine anhaltende, dumpfe Apathie und Gefühllosigkeit. Mit dem Verlust der Selbstachtung verbinden sich häufig selbstbestrafende und selbstzerstörerische Tendenzen sowie lebensmüde, suizidale Impulse.

Von krankheitswertigen Trauerreaktionen kann also gesprochen werden, wenn die Trauer in einem unangemessenen Verhältnis zu dem jeweiligen Verlust oder der erlebten Lebenskrise steht. Krankheitswertige Trauerreaktionen werden angenommen, wenn sie über einen unangemessen langen Zeitraum, etwa über viele Jahre anhalten oder wenn das gesamte Gefühlsleben und die Erlebnisfähigkeit eines Menschen auf Dauer von der Trauer überschattet werden. Trauerreaktionen können dann überdimensionale Ausmaße annahmen und in sinnlose, leidvolle Teufelskreise von Herabsetzung der Selbstachtung und des Selbstwertgefühles sowie zunehmender Selbstzerstörung einmünden.

4. Therapie von krankheitswertigen Trauerreaktionen

Entwickeln sich solche krankheitswertige Trauerreaktionen brauchen die Betroffenen über die Kontakte zu Angehörigen und Freunden hinaus intensive Begleitung und insbesondere auch psychotherapeutische und psychiatrische Hilfe. Neben dem Besuch von Selbsthilfegruppen und ambulanter Psychotherapie sollte die Möglichkeit erwogen werden, auch eine stationäre psychotherapeutische Behandlung durchzuführen.

Die Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I bietet ein geeignetes Therapieangebot an. Im Rahmen der wohltuenden Umgebung einer Rehabilitationsklinik und eines ganzheitlich orientierten Therapieansatzes können Patienten verschiedene, individuell abgestimmte Therapiemöglichkeiten nutzen. In der psychotherapeutischen Behandlung werden Einzel- und Gruppengespräche ergänzt durch verschiedene Entspannungsverfahren, Meditation, Atemtherapie und zahlreiche kreativtherapeutische Angebote der Körper- und Bewegungstherapie, der Gestaltungstherapie und der Musiktherapie. Besonderer Wert wird darauf gelegt, mit niedergelassenen Psychotherapeuten und Psychiater zu kooperieren. Eine stationäre psychotherapeutische Behandlung kann einen wichtigen Schritt dazu beitragen, eine positive Wendung in einem stockenden, krankheitswertigen Trauerprozess zu erreichen und Lebenssinn, Lebensmut und neue Selbstachtung zu gewinnen. Lesen Sie auch unseren Folgebeitrag zur Trauerarbeit.

Verfasser: Dr. med. N. Schmitt - Chefarzt, FA Psychiatrie und Psychotherapie und Psychotherapeutische Medizin