Die verschiedenen Formen depressiver Erkrankungen stellen die häufigsten psychischen Störungen überhaupt dar. Die Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) gibt in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) eine Übersicht über die Häufigkeit von Depressionen. Demnach leiden mehr als 10 % der Gesamtbevölkerung an depressiven Störungen. Die Zahl schwerer und damit unbedingt behandlungsbedürftiger depressiver Erkrankungen wird mit 2 - 7 % angegeben. Die Lebenszeitprävalenz, d. h., dass Risiko eines Menschen im Laufe seiner Lebensspanne, zumindest einmal an einer Depression zu erkranken, wird mit 7 - 18 % beziffert.

Depressionen werden diagnostiziert nach den Kriterien der International Classification of Diseases ICD 10. Wenngleich aufgrund von Vergleichbarkeit, Überprüfbarkeit und für wissenschaftliche Fragestellungen in der ICD 10 bewusst eine Beschränkung auf objektivierbare Zeit- und Verlaufskriterien vorgenommen wurde, so kommt ein Behandler nicht ohne Hypothesen aus, wie depressive Erkrankungen entstehen. Aus diesen Hypothesen leiten sich mehr oder weniger spezifische Behandlungsansätze ab. Traditionell wurde in den Gebieten der Psychotherapie und Psychiatrie Depressionen nach einem so genannten Kielholz-Schema eingeteilt. Die unterscheidet zwischen:

  • psychogenen Depressionen (Neurotische oder reaktive depressive Erkrankungen)
  • endogenen Depressionen (dispositionell, anlagebedingt, „Biologisch“) und
  • somatoge Depressionen (organisch, körperlich, oder durch andere Grunderkrankungen bedingt.

Von einer Altersdepression spricht man, wenn ein Mensch nach dem 60. Lebensjahr erstmals depressiv erkrankt. Auszuschließen gilt es bei einer Altersdepression zunächst immer mögliche körperliche Faktoren. Meist ist die Altersdepression allerdings seelisch ausgelöst durch typische Probleme und Konflikte, die mit dem Älterwerden zu tun haben. So kann der lang ersehnte Übergang in den Altersruhestand depressionsauslösend wirken, mit dem resultierenden Gefühl, seinen angestammten Platz im Leben zu verlieren und jetzt zum alten Eisen zu gehören.

Erfahrungsgemäß wird die Altersdepression oft verkannt. Dies mag zum einen damit zu tun haben, dass insbesondere jüngere Kollegen in der Gefahr stehen könnten depressive Beschwerden bei einem älteren Menschen nicht als krankheitsbedingt, sondern als altersbedingter Normalzustand zu verkennen. Oftmals wird einfach nicht daran gedacht, dass depressive Erkrankungen, die üblicherweise im jungen Erwachsenenalter erstmals auftreten, durchaus im höheren Lebensalter sich erst manifestieren können, in Form eben einer Altersdepression. Schließlich sind die depressiven Beschwerden einer Altersdepression oftmals überlagert durch vielfältige körperliche Beschwerden, was eine korrekte Diagnosestellung auch erschwert.

Generell unterscheidet sich die Symptomatik einer Altersdepression nicht wesentlich vom allgemeinen Beschwerdebild anderer depressiver Erkrankungen.

Psychische Symptome einer Altersdepression:

  • Gefühle: Die Stimmung ist unglücklich, niedergeschlagen, bedrückt, verzweifelt und resigniert. Es kann sein, dass Jemand bei jeder Kleinigkeit in Tränen ausbricht oder aber, dass er sich tief bedrückt und verzweifelt erlebt, aber geradezu daran leidet, nicht weinen zu können. Die Bandbreite normalen emotionalen Erlebens ist stark eingeschränkt. Ein stark depressiver Mensch kann sich über positive Ereignisse nicht freuen. Vielleicht kann er solches nicht einmal mehr wahrnehmen. Viele depressive Menschen beschreiben ein „Gefühl der Gefühllosigkeit“. Sie leiden daran, keine Gefühle der Liebe mehr empfinden zu können und äußern, dass alles leer, stumpf und abgetötet sei. Sie sprechen von einem „Erkalten über Gefühle“ oder einer „seelischen Mauer“, die sie umgibt.
  • Energie/Antrieb: Depressive Menschen leiden daran, sich nicht aufraffen zu können, etwas zu tun. Der Wille zu Aktivitäten kann durchaus vorhanden sein, aber der Betreffende erlebt sich in hohem Maße lustlos, antriebslos, schwach und kraftlos, ohne Schwung und ohne Initiative. Er kann sich nicht aufraffen. Der „innere Schweinehund“ wird unüberwindbar groß. Manche Menschen beschreiben es als ein Gefühl, „als ob eine unsichtbare Macht einem von jeglicher Aktivität fern hält“. Entgegen dieser depressiven Hemmung, die zumindest bei schweren Altersdepressionen auch für die Umgebung sichtbar wird, erleben viele Menschen eine starke innere Unruhe. Sie sind nervös, gestresst, gehetzt und getrieben, „wie unter Strom“. Als Versuch, die depressive Hemmung mit Willensanstrengung zu überwinden, kommt es oft zu einem hektischen Beschäftigungsdrang. Vieles wird angefangen, jedoch ohne die Tätigkeit zu einem sinnvollen Ende führen zu können.
  • Aufmerksamkeit/Konzentration: Die Konzentration ist meistens beeinträchtigt. Eine längere konzentrierte Beschäftigung mit einer Sache wird unmöglich. Das Denken ist gehemmt, die Merkfähigkeit eingeschränkt. Die Aufmerksamkeit wird zunehmend von der Umgebung (private oder berufliche Angelegenheiten) abgezogen. Sie engt sich immer mehr auf die depressive Symptomatik ein. Es wird zunehmend schwer, sich mit mehreren Dingen gleichzeitig zu beschäftigen, man erlebt sich selbst als abwesend, mit den Gedanken woanders.
  • Denken: Typisch für eine Altersdepression ist das grüblerische Denken. Die Gedanken drehen sich im Kreis, die immer gleichen Denkinhalte drängen sich auf. Man kommt zu keinem Ergebnis. Dabei zermürbt das depressive Denken. Es kommt zu einer Überbewertung früherer oder aktueller Ereignisse mit dem Resultat eines schlechten Gewissens. Vielleicht werden kleinere Verfehlungen aus der Vergangenheit gegenwärtig, mit der Tendenz, sich ständig vor sich selbst rechtfertigen zu müssen. Die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, ist stark herabgesetzt. Bei einer schweren Altersdepression kann Jemand auch bei einer banalen Fragestellung in ein grüblerisches Abwägen geraten, sich hin- und hergerissen fühlen, unfähig, zu einer Entscheidung zu gelangen.
  • Selbstwert: In einer Altersdepression erscheint der Betroffene sehr dünnhäutig. Er ist sehr sensibel gegenüber Kritik und fühlt sich rasch angegriffen. Er neigt unter Umständen dazu, Schuldgefühle zu entwickeln, auch dort, wo es nicht um eigenes Verschulden geht. Das Selbstwertgefühl ist insgesamt deutlich herabgesetzt. Schwer depressive Menschen erleben sich nicht selten als eine Last für ihre Umgebung und entwickeln lebensmüde Gedanken. Dies kann beginnen mit den unspezifischen Gedanken, das alles nicht mehr aushalten zu können, nicht mehr aufwachen zu wollen. Nicht selten tauchen konkrete Suizidgedanken oder -pläne auf. Ca. 50 % aller tödlich verlaufenden Selbstmordversuche werden im Rahmen depressiver Erkrankungen begangen.
  • Zwischenmenschlicher und beruflicher Bereich: Das Interesse an Hobbys geht verloren. Es fällt zunehmend schwer, Kontakte aufrechtzuerhalten. Der depressive Mensch tritt einen Rückzug an, igelt sich ein, sagt häufig unter Vorwänden Verabredungen ab. Es fällt schwer, neue Kontakte zu knüpfen. Weil man sich nicht traut seinen Freunden mitzuteilen an einer Altersdepression zu leiden, verstehen diese die eigenen Reaktionen oft falsch und wenden sich aus Ärger ab. An der Arbeit entsteht zunächst ein Gefühl permanenter Überforderung. Arbeiten dauern länger als sonst. Schließlich kommt es auch zu einem objektivierbaren Leistungsabfall. Das Arbeitspensum wird nicht geschafft. Nicht selten nimmt man Akten mit in den Feierabend, ins Wochenende oder in den Urlaub. Hierdurch beschleunigt sich zumeist die Abwärtsspirale depressiven Erlebens, da Regenerationszeiten zunehmend fehlen.

Altersdepression: Körperliche Symptome

  • Schlafstörungen: Einschlafstörungen können auftreten, sind insgesamt aber weniger typisch als Durchschlafstörungen, die fast bei keiner Depression fehlen. Auf dem Höhepunkt einer schweren Depression erwacht Jemand manchmal nach ein oder zwei Stunden bereits wieder und kann für längere Zeit nicht einschlafen. Oder aber der Schlaf bleibt ab dem ersten Erwachen oberflächlich und ist durch viele Wachphasen gestört. Gehäufte Albträume können auftreten. Morgens fühlt man sich wie gerädert, so, als habe man überhaupt nicht geschlafen.
  • Appetit: Schwere Depressionen gehen häufig mit einer Appetitlosigkeit und starkem Gewichtsverlust einher, sodass die Betreffenden nicht selten befürchten, an einem Tumor erkrankt zu sein. In anderen Fällen kommt es zu Heißhunger und folglich zu einer Gewichtszunahme.
  • Kopfdruck: Typisch für die Depression ist ein diffuser Druck im ganzen Kopf. Es handelt sich nicht im eigentlichen Sinne um einen Kopfschmerz, bei dem es irgendwo pocht, sticht oder hämmert. Depressive Menschen beschreiben diesen Kopfdruck oft als ein Gefühl, ständig einen Helm zu tragen oder so, als sei der Schädel ständig leicht in einen Schraubstock eingespannt.
  • Atmung: Enge im Brustkorb, Druck auf der Brust, flache Atmung, schweres Atmen und Keuchen. Herzbeschwerden: Herzklopfen, Herzrasen. Stechen und Brennen in der Herzgegend, Druckgefühl hinter dem Brustbein.
  • Kreislauf/vegetatives Nervensystem: Hitzewallungen und Kälteschauern. Zittern. Leichtes Erröten. Kalte Hände und Füße. Temperaturüberempfindlichkeit. Blutdruckschwankungen bzw. ständig erhöhter Blutdruck. Schwindel, weiche Knie.
  • Magen-Darm-Trakt: Übelkeit, Brechreiz und Erbrechen. Häufige Blähungen. Sodbrennen. Magendruck. Häufig Verstopfung, seltener Durchfall.

Die Behandlung einer Altersdepression:

Jede Behandlung einer Depression setzt eine gezielte Diagnostik voraus. Dies gilt insbesondere für die Altersdepression. Es reicht in keinem Fall aus, lediglich festzustellen, dass ein Mensch depressiv erkrankt ist. Die genaue initiale Diagnostik ist wichtig wegen der zuvor dargelegten vielfältigen Ursachen und unterschiedlichen Verlaufsformen von Depressionen. Zur Diagnostik gehört immer auch eine körperliche Untersuchung und eine medizinische Anamneseerhebung. Des Weiteren gehört zur Diagnostik die Identifizierung von individuell prädisponierenden, vorausgehenden und aufrechterhaltenden Krankheitsfaktoren. Schließlich soll die Diagnostik nicht alleine Aufschluss darüber liefern, an welcher Art von Depression ein Mensch leidet. Es geht vor allem auch darum, möglichst genau zu erfassen, wie das depressive Erleben sich in den konkreten Lebensbezügen eines Menschen (Beruf, Familie, Freizeit) auswirkt.

Bei einer Altersdepression wird üblicherweise der psychotherapeutische Zugangsweg im Vordergrund stehen. Es geht darum den alternden Menschen nicht alleine auf symptomatischer Ebene zu verstehen, vielmehr geht es darum die spezifischen Probleme und Konflikte, die mit dem Älterwerden zu tun haben, anzunehmen und im psychotherapeutischen Prozess zu bearbeiten. Hierzu gehört eine Annahme des Alterns und der damit im Zusammenhang stehenden vielfältigen Kränkungen auf biologischer, psychologischer und sozialer Ebene. Es geht um eine Bilanzierung in der zweiten Lebenshälfte, als Voraussetzung für eine anstehende Neuorientierung.

Begleitend zum psychotherapeutischen Prozess der Altersdepression ist stets die Frage einer begleitenden psychopharmakologischen Behandlung zu diskutieren. Falls die Indikation zur begleitenden Behandlung mit Antidepressiva gestellt wird, ist beim älteren Menschen zu berücksichtigen, dass oftmals geringere Medikamentendosen bereits zum gewünschten Erfolg führen. Zudem sind Indifferenzen mit Medikamenten aus anderen Fachgebieten in besonderer Weise zu berücksichtigen.

Die Behandlung der Altersdepression in der Hardtwaldklinik II:

Die Hardtwaldklinik II ist eine psychotherapeutische/psychosomatische Rehabilitationsklinik mit 25-jähriger Tradition. Pro Jahr werden etwa 2000 Patienten im Rahmen durchschnittlich 6-wöchiger Heilverfahren behandelt. In den vergangenen Jahren machten verschiedene Formen depressiver Erkrankungen jeweils knapp mehr als 50 % der Patienten aus. Nimmt man alle gestellten Diagnosen zusammen, so leiden etwas mehr als 2/3 aller Patienten an depressiven Störungen. Da die Hardtwaldklinik II bislang überwiegend von Rentenversicherungsträgern belegt wird, liegt das Durchschnittsalter unserer Patienten bei etwa 43 Jahren. Gehäuft kommen in letzter Zeit allerdings Patienten mit einer Altersdepression zur Aufnahme, so dass die Hardtwaldklinik II auch in diesem Spektrum depressiver Erkrankungen über ausreichende Behandlungserfahrungen verfügt.

Die psychotherapeutische Behandlung einer Altersdepression in der Hardtwaldklinik II ist im Regelfall immer eine Kombination aus hochfrequenter Gruppenpsychotherapie und begleitenden einzelpsychotherapeutischen Gesprächen. Bei der Gruppentherapie wechseln sich jeweils sprachliche Verfahren (analytisch-interaktionelle Therapie oder verhaltenstherapeutische Depressionsgruppe) ab mit einem Kreativverfahren (Gestaltungstherapie, konzentrative Bewegungstherapie oder Musiktherapie).

Bei der Gruppentherapie von Patienten mit einer Altersdepression sind nach unserer Erfahrung die von I. D. Yalom beschriebenen allgemeinen Wirkfaktoren einer Gruppentherapie von besonderer Bedeutung. Der depressive Patient wird in einer Therapiegruppe auf Gleichgesinnte und damit auf Verständnis stoßen. Kontrastierend zu häuslichen oder betrieblichen Vorerfahrungen, demzufolge man ihm nicht glaubte, erkrankt zu sein, wirkt das Verständnis von Mitpatienten entlastend. Das Miterleben der Besserung der depressiven Symptomatik bei Mitpatienten wird Hoffnung vermitteln, die eigene Depression zu überwinden, ebenso wie die gehörten Berichte der Bewältigung früherer Krankheitsphasen. Die Gruppe bietet zudem Möglichkeiten, aus den gehörten Krankheitsberichten Eigenes wiederzuentdecken und mit Hilfe fremder Rückmeldungen die eigene Lebensgeschichte besser verstehen und einordnen zu können. In der sozialen Matrix der Gruppe können eigene ungünstige Verhaltensmuster erkannt werden. Zugleich stellt dies den Beginn dar, neuere und günstigere Techniken des mitmenschlichen Umgangs zu entwickeln. Insgesamt bietet die Gruppentherapie neben der Chance zum vertieften Verständnis der eigenen Depression die Möglichkeit zu korrigierenden emotionalen Erlebnissen.

Wichtiger Bestandteil eines stationären Heilverfahrens sind verschiedene Informations- und Vortragsveranstaltungen, die sich im engeren und weiteren Sinn mit Fragen der Depression und Depressionsbewältigung beschäftigen. Obligatorisch ist das Erlernen der Grundzüge eines Entspannungsverfahrens. Gestufte sportliche Aktivitäten, Terrainwanderungen in freier Natur, Schwimmen (und Saunieren) stellen wichtige Angebote dar, den eigenen Körper wieder in positiver Weise zu erleben.

Eine obligatorische Anamneseerhebung und ärztliche Untersuchung sollen Aufschluss darüber geben, ob körperliche Erkrankungen oder pharmakologische Nebenwirkungen vorliegen, die eine Altersdepression begünstigen. Ggf. wird ärztlicherseits eine Behandlung eingeleitet oder diese modifiziert. Es erfolgt eine individuelle Beratung darüber, ob und warum eine begleitende psychopharmakologische Behandlung als sinnvoll erachtet wird. Die Psychopharmakotherapie geschieht nach den Leitlinien der wissenschaftlichen Fachgesellschaften.

Ein wesentliches Augenmerk wird in unserer Klinik, unserem Grundverständnis als Rehabilitationseinrichtung folgend, auf die konkreten Auswirkungen einer Depression auf den privaten und bei der Altersdepression seltener den beruflichen Alltag gelegt. In Zusammenarbeit mit Sozialpädagogen ermitteln wir frühzeitig, ob nach der stationären Behandlung noch ein Bedarf an weiteren Rehabilitationsmaßnahmen besteht. So wird überprüft, ob sich an die vollstationäre Behandlung ein tagesklinischer Aufenthalt heimatnah anschließen sollte oder Kontakte zu Selbsthilfegruppen, einem Seniorenclub oder anderen psychosozialen Betreuungsangeboten vor Ort geknüpft werden sollte. Soweit uns dies in der Klinik möglich, werden solche Anregungen während des stationären Aufenthaltes mit dem Patienten nicht nur vorbesprochen, sondern die Maßnahmen nach Möglichkeit auch bereits eingeleitet. 

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