Angststörungen und ihre Behandlung

Angststörungen

  • Panikstörung
  • Agoraphobie (Platzangst)
  • Spezifische Phobie (Höhenangst, Klaustrophobie)
  • Soziale Phobie (soziale Angst)
  • Generalisierte Angststörungen

Die Behandlung von Angststörungen

  • spezifisches Vorgehen bei den verschiedenen Angststörungen
  • stationäre Behandlung von Angststörungen
  • Multimodales Angstbehandlungskonzept der Abt. für Verhaltenstherapie der
  • Hardtwaldklinik II, Bad Zwesten

Angststörungen

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung. Angsterkrankungen treten insgesamt bei etwa 13 % aller Erwachsenen und Jugendlichen auf. Über 10 % aller Menschen leiden im Laufe ihres Lebens so stark, häufig und langandauernd unter Ängsten, dass es zu ausgeprägtem Leiden, Vermeidungsverhalten und deutlichen Einschränkungen im alltäglichen Leben kommt. Unbehandelt zeigen Angststörungen zumeist einen chronischen Verlauf. Wenn dieser Zustand über Jahre andauert, kann es bei vielen Betroffenen zu weitergehenden, schwerwiegenden Komplikationen und zu Begleiterkrankungen kommen, z. B. zu Depressionen, Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch.

Im Folgenden werden die verschiedenen Formen von Angststörungen kurz beschrieben und die Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt.

Welche Angststörungen gibt es? Panikstörung (Paniksyndrom):

Im Zentrum der Panikstörung stehen Phasen intensiver, akuter Angst, die auch als Panikattacken, Panikanfälle oder Angstanfälle bezeichnet werden. Die Panikanfälle treten plötzlich und unerwartet ohne eindeutige Auslöser auf. Die Angstattacken sind meist von vielfältigen körperlichen Symptomen begleitet, die sich innerhalb weniger Sekunden oder Minuten zu einem Höhepunkt steigern.

Die häufigsten körperlichen Symptome sind Herzklopfen, Herzrasen, Atemnot, Schwindel, Benommenheit, Schwitzen, Brustschmerzen sowie Druck- oder Engegefühl in der Brust. Häufig sind diese körperlichen Symptome verbunden mit der Angst zu sterben, einen Herzanfall oder Herzinfarkt zu erleiden, ohnmächtig zu werden, Angst, verrückt zu werden oder Angst, die Kontrolle zu verlieren. Während eines Panikanfalls zeigen die Betroffenen oft ausgeprägtes hilfesuchendes Verhalten: Sie rufen den Notarzt, bitten Angehörige um Hilfe oder nehmen Beruhigungsmittel ein. In der Regel werden auch bei sorgfältigster Diagnostik durch Ärzte keinerlei körperliche Erkrankungen festgestellt, die diese Panikattacken erklären.

Aus Angst, weitere, nicht kontrollierbar erscheinende Panikattacken zu erleiden, entwickeln Betroffene oft sehr schnell eine Erwartungsangst (Angst vor der Angst), sie beobachten ängstlich ihre Körperreaktionen und bewerten körperliche Missempfindungen als bedrohlich und als Anzeichen einer erneuten Panikattacke. Durch die ängstliche Beobachtung und katastrophisierende Bewertung der vegetativen Symptome intensivieren sich die körperlichen Symptome, es kommt zu einer Eskalation und zu einer erneuten Panikattacke. Diese Eskalation nennt man auch den „Teufelskreis der Angst“. Viele Patienten mit Panikanfällen entwickeln im Laufe der Zeit Vermeidungsverhalten, sie vermeiden Orte, an denen Angstanfälle aufgetreten sind oder in denen im Falle eines Angstanfalls eine Flucht schwierig oder peinlich wäre (siehe Agoraphobie). Das Vermeidungsverhalten kann dazu führen, dass die Betroffenen das Haus nicht mehr alleine, sondern nur noch in Begleitung verlassen können. In der Folge kann zu Medikamenten- oder Alkoholabhängigkeit kommen, das Familien- und Berufsleben ist in der Regel stark belastet, viele Betroffene werden aufgrund der Beeinträchtigungen durch die Angst depressiv.

Agoraphobie (Platzangst):

Die Agoraphobie (Platzangst) tritt häufig zusammen mit der Panikstörung auf. Der Begriff „Agoraphobie“ schließt ein, was man früher als „Platzangst“, also die Angst vor weiten, offenen Plätzen bezeichnet hat.

Das Hauptmerkmal der Agoraphobie ist die Angst vor Situationen, in denen eine Flucht nur schwer möglich oder peinlich oder aber keine Hilfe verfügbar ist. Typische Situationen sind Menschenmengen, Kaufhäuser, Supermärkte, Veranstaltungen, Kino, öffentliche Verkehrsmittel (Bus, Zug, U-Bahn, Flugzeug), Autofahren, Fahrstühle oder Höhen.

Das gemeinsame dieser Situationen ist die „Angst vor der Angst“, die Betroffenen befürchten, im Falle einer Panikattacke die Orte nicht rechtzeitig verlassen zu können. In der Folge werden solche Situationen immer mehr vermieden. Agoraphobien führen in der Regel zu erheblichen Einschränkungen in der Lebensführung, viele Betroffene sind gar nicht mehr in der Lage, das Haus alleine zu verlassen und damit ganz auf die Hilfe anderer angewiesen. Ungefähr 5 % der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einer Agoraphobie. Agoraphobien treten bei Frauen doppelt so häufig auf wie bei Männern.

Spezifische Phobie:

Die Höhenangst, die Klaustrophobie, die Flugangst oder die Angst vor bestimmten Tieren gehören zu den spezifischen Phobien. Hauptmerkmal ist eine dauerhafte, unangemessene und intensive Furcht und Vermeidung bestimmter Objekte oder Situationen, wie z. B. Höhen, Brücken, Flugzeuge, enge, volle Räume wie Fahrstühle oder Tunnel oder bestimmte Tiere. In der Regel werden diese Situationen oder Objekte vermieden. Werden diese Situationen aufgesucht oder schon in der Erwartung, diese Situationen aufzusuchen, treten die körperlichen Symptome der Angst wie Zittern, Herzklopfen, Schwitzen, Schwindel, weiche Knie, usw. auf. Die spezifischen Phobien beginnen in der Regel bereits in der frühen Jugend und können sich schleichend entwickeln zu einer schweren und das Leben beeinträchtigenden Störung.

Soziale Phobie (Soziale Angst)

Die sozialen Phobien sind Angststörungen, bei denen immer dann unangemessen starke Ängste auftreten, wenn man mit anderen Menschen zu tun hat, z. B. sich in Gegenwart anderer zu äußern, vor anderen zu reden oder in irgendeiner Weise im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Zu den angsterzeugenden Situationen gehört auch, mit anderen zu essen oder zu trinken oder zu schreiben, wenn jemand zusieht. Es treten die Befürchtungen auf, zu versagen, sich lächerlich zu machen, sich zu blamieren, rot zu werden, keinen Ton herauszubringen oder etwas sehr Peinliches zu tun.

Soziale Phobien beginnen bereits in der frühen Jugend, erste Anzeichen dieser Angststörungen zeigen sich manchmal als ausgeprägte Schüchternheit oder Zurückhaltung. Zu gravierenden privaten oder beruflichen Problemen kommt es in der Regel bei größeren Lebensveränderungen, z. B. nach einer Beförderung oder bei neuen Partnerschaften oder Kennenlernen fremder Menschen. Ein wesentliches Merkmal der sozialen Phobie ist das besonders bei der Agoraphobie bekannte Phänomen der „Angst vor der Angst“, was im Sinne einer hohen Erwartungsangst zu Vermeidung oder Fluchtverhalten und dadurch zur Aufrechterhaltung und Ausweitung der Problematik führt. Die Erwartungsangst, die bereits durch die Vorstellung der angstauslösenden Situationen entwickelt wird, führt dann als eine „sich selbst erfüllende Prophezeiung“ zu körperlichen Beschwerden wie Anspannung, Zittern, Herzklopfen, Schwitzen, Erröten, Atemnot, Kloßgefühl im Hals, Stottern bzw. Sprechhemmung, Kopf- oder Magenschmerzen, erhöhtem Stuhl- und Harndrang.

Die körperlichen Beschwerden stellen für viele sozial Gehemmte das „eigentliche Problem“ dar, da es sich häufig um Symptome handelt, die nach außen sichtbar werden (wie Erröten, Zittern, Schwitzen) und als eigentlicher Grund für ablehnende oder negative Bewertung der Umwelt empfunden werden. Das kann dazu führen, dass sich jemand nur noch in dunklen Ecken eines Lokals aufhält, kaum im Tageslicht die Straße betritt oder als „vorbeugende Maßnahme“ sich bräunen lässt, damit das Erröten nicht auffällig wird. Im anderen Fall kann die Angst vor dem Zittern dazu führen, dass die betroffene Person vermeidet, in Anwesenheit anderer zu trinken oder zu essen oder Unterschriften zu leisten. In 50 % aller Fälle kommt es zu Depressionen als Begleit- oder Folgesymptomatik der sozialen Phobie. Viele Soziophobiker benutzen Alkohol, um eine Reduktion ihrer Symptomatik zu erreichen.

Generalisierte Angststörungen

Die generalisierten Angststörungen beginnen im Gegensatz zur Panikstörung meist langsam und schleichend - oft im Zusammenhang mit lang andauernden Belastungen im Alltag oder körperlichen Erkrankungen. Patienten mit generalisierten Angststörungen leiden unter chronischer, anhaltender Angst. Dieses Gefühl begleitet sie den ganzen Tag, so dass sich die Betroffenen permanent angespannt und nervös fühlen. In Phasen starker Beanspruchung kann die Angst zunehmen, aber auch in Phasen der Ruhe, denn es bleibt mehr Zeit zum Nachdenken, Grübeln und sich Sorgen zu machen.

Allerdings wird die Angst nie so stark, dass von Panikanfällen die Rede sein könnte. Die exzessiven Sorgen stehen im Mittelpunkt der generalisierten Angststörungen. Die Betroffenen klagen, sich ständig zu sorgen und darüber keine Kontrolle mehr zu haben. Es gelingt ihnen nicht, sich abzulenken oder an etwas anderes zu denken. Oft wird befürchtet, dass den Kindern oder anderen Angehörigen etwas zustoßen könnte oder das etwas Schlimmes im Beruf, in der Schule oder in Bezug auf die finanziellen Angelegenheiten passieren wird. Unangenehme Ereignisse werden immer wieder gedanklich durchgespielt, dabei liegt der Schwerpunkt auf den negativen Aspekten und möglichem Versagen.

Die Patienten mit generalisierten Angststörungen verbringen viel Zeit damit, sich um Dinge zu sorgen, deren Eintreten sehr unwahrscheinlich ist. Studien zeigen, dass sich Betroffene durchschnittlich sechs Stunden am Tag mit Sorgen beschäftigen, gesunde Personen, aber auch Sozialphobiker, hingegen ca. eine Stunde am Tag. Die Betroffenen entwickeln auch Vermeidungsverhalten, z.B. werden Rechnungen nicht mehr geöffnet oder das Lesen von Zeitungen unterlassen. Es tritt vermehrt Rückversicherungsverhalten auf: auf der Suche nach Beruhigung telefonieren die Patienten häufig mit Bezugspersonen, fragen ständig nach, ob alles in Ordnung ist, oder treffen Entscheidungen nur nach Rücksprache.

Die Ängste und Sorgen der Patienten werden von einem hohen Anspannungsniveau und einer Vielzahl körperlicher Beschwerden begleitet wie innere Unruhe, ständige Nervosität, Konzentrationsstörungen, erhöhte Reizbarkeit, Schwindel, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen sowie Ein- und Durchschlafstörungen. Sowohl die Sorgen als auch die Beschwerden bilden schnell einen nicht mehr auflösbaren Teufelskreis von ständigen Befürchtungen, wachsender Unruhe, Nervosität und körperlichen Problemen, die sich wechselseitig verstärken. Ereignisse und Situationen des alltäglichen Lebens können dann nicht mehr bewältigt werden und die Zukunft erscheint allgemein bedrohlich und düster. Die Ängste und Sorgen können so gravierend werden, dass ein geregelter beruflicher und privater Alltag nicht mehr möglich ist. Das Familienleben wird stark belastet und Beziehungen zu Bekannten und Freunden werden in Mitleidenschaft gezogen. Besonders häufig führt dieser Zustand zu Depressionen, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit.

Die Behandlung von Angststörungen

Die Verhaltenstherapie kann aufgrund ihrer wissenschaftlich nachgewiesenen Effekte als die erfolgversprechendste Form der Psychotherapie bei Angststörungen angesehen werden.

In der Verhaltenstherapie wird davon ausgegangen, dass menschliches Verhalten, gleich, ob es als normal oder abweichend bezeichnet wird, durch die persönliche und soziale Lerngeschichte der Person, die Bedingungen der aktuellen Lebenssituation sowie durch die positiven oder negativen Konsequenzen des Verhaltens bestimmt wird. Psychische Störungen werden als Resultat prädisponierender, auslösender und aufrechterhaltender Bedingungen verstanden. Die Behandlung setzt in der Regel am gegenwärtigen Problemverhalten des Patienten an und zwar an denjenigen Bedingungen, deren Änderung für eine dauerhafte Lösung des Problems als notwendig erachtet werden. Der Schwerpunkt der Behandlung liegt auf einer langfristigen Veränderung der das Problemverhalten aufrechterhaltenden Denk-, Erlebens- und Verhaltensmuster des Patienten.

Der Patient wird angeleitet, diese neuen Verhaltensmuster aktiv zu erproben, sowohl im therapeutischen Setting als auch in seinen Alltagsbedingungen. Der Patient soll „Experte“ seiner Problematik werden und in der Lage sein, eine selbstständige Analyse seiner Probleme zu erstellen und angemessene Lösungsansätze auch für zukünftige Probleme zu entwickeln.

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen zur Behandlung von Angststörungen basieren auf der Erkenntnis, dass diese Störungen maßgeblich von Lernprozessen aufrechterhaltenden Faktoren (z. B. Selbstbeobachtung, Angst vor der Angst, Vermeidungsverhalten) und gedanklichen Verzerrungen (z. B. Fehlinterpretationen körperlicher Symptome, Katastrophisierungen) beeinflusst werden. Im Vordergrund der Verhaltenstherapie stehen daher Veränderungen dieser aufrechterhaltenden Bedingungen. Ein weiteres wesentliches Kennzeichen der Verhaltenstherapie ist das störungsspezifische Vorgehen. Das bedeutet, dass für jede Angstkrankheit spezielle, genau auf diese Störung zugeschnittene Behandlungsmethoden entwickelt wurden.

Spezifisches Vorgehen bei den verschiedenen Angststörungen

Behandlung der Panikstörung:

Erfolgreiche Therapieprogramme zur gezielten Behandlung von Panikanfällen enthalten folgende Bestandteile: Informationsvermittlung zu psycho-physiologischen Zusammenhängen der Angstreaktion, Erarbeitung von möglichen Zusammenhängen zwischen der Angstsymptomatik und Belastungen oder Stress in der Lebensführung, Erarbeitung eines Erklärungsmodells der Panikattacken (Teufelskreis der Angst), Identifikation und Veränderung dysfunktionaler, angstauslösender Gedanken (Fehlinterpretationen körperlicher Symptome), Konfrontation mit Angstsymptomen und angstauslösenden Gedanken. Ziel der Therapie ist die Reduktion bzw. der Abbau der Angstanfälle sowie die Vermittlung von Fertigkeiten und Strategien im Umgang mit diesen Angstattacken.

Behandlung der Agoraphobie:

Ziel der Therapie ist die Reduktion bzw. der Abbau des Vermeidungsverhaltens und der Angstreaktion beim Aufsuchen der gefürchteten Situationen. Die Methode, die sich hier allen anderen Therapieinterventionen als klar überlegen gezeigt hat, ist die Konfrontation in vivo, d. h. das Aufsuchen der angstauslösenden Situationen. Der Patient soll lernen, dass er die angstauslösende Situation aufsuchen und sich darin aufhalten kann, ohne dass die von ihm gefürchtete Katastrophe eintritt. Er soll in der Angstsituation so lange verbleiben, bis die dabei auftretenden Angstreaktionen von alleine wieder abnehmen.

Ganz wichtig für die Durchführung des Konfrontationsverfahrens ist die Vorbereitung der Angstkonfrontationsübungen. Dem Patienten werden Informationen zu psycho-physiologischen Zusammenhängen der Angstreaktion, der „Teufelskreis der Angst“, die Angstverlaufskurven und das Prinzip der Habituation (Gewöhnung) vermittelt. Ihm wird verdeutlicht, dass Flucht und Vermeidungsverhalten die Angstreaktion verstärken und deshalb abgebaut werden müssen. Die Exposition (Konfrontation) mit den angstauslösenden Situationen gilt als unverzichtbares Verfahren bei Agoraphobie und spezifischen Phobien (z.B. Klaustrophobie, Höhenphobie, Tierphobie, Flugangst).

Behandlung der spezifischen Phobie (Höhenangst, Klaustrophobie):

Für die Behandlung von spezifischen Phobien (Klaustrophobie, Höhenangst, Flugangst, Angst vor dem Autofahren, Tierphobie, etc.) haben sich die gleichen Therapiemethoden bewährt wie bei der Behandlung der Agoraphobie. Hier ist die Konfrontation in vivo die Methode der Wahl. Der Patient konfrontiert sich mit den Situationen, die Angst auslösen. Durch Zulassen der Ängste und durch den Verbleib in den jeweiligen Situationen lernt er, dass die befürchteten „Katastrophen“ nicht tatsächlich eintreten, sondern dass die Angst und die damit einhergehenden körperlichen Reaktionen von alleine wieder abklingen und dass man selbst Einfluss auf die Angstreaktion nehmen kann. Zur Unterstützung kann auch ein Entspannungsverfahren, z. B. die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson erlernt werden, um das Anspannungs- oder Erregungsniveau zu senken und die allgemeine Ängstlichkeit zu reduzieren. Entspannungsverfahren sind je-
doch nicht alleine ausreichend wirksam.

Behandlung der sozialen Phobie:

Für die Auswahl der Behandlungsverfahren ist zentral, ob beim Sozialphobiker Defizite im sozialen Verhalten im Mittelpunkt stehen. Bei Defiziten im sozialen Verhalten sind soziale Kompetenztrainings (meist in Gruppen) zum Erlernen von selbstsicherem Verhalten für zwischenmenschliche Situationen indiziert. Bei der Therapie der sozialen Angst hat sich die Gruppensituation als sehr effektiv bewährt, da hier sehr leicht phobisch relevante Situationen für die Betroffenen geschaffen werden können. Themen des Selbstsicherheitstrainings sind z. B. das Äußern eigener Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle, Durchsetzung eigener Interessen, Äußern und Entgegennehmen von Kritik, Konfliktbewältigung, Kennenlernen von fremden Menschen. Ein zentraler Bestandteil der Therapie sind Rollenspiele, in denen der Sozialängstliche neue Verhaltensmuster einüben kann. Wichtig ist auch die Auseinandersetzung mit den irrationalen Gedanken und Befürchtungen sowie der Bewertungsmaßstäbe der Betroffenen. Diese ungünstigen Denkmuster werden in der Gruppe diskutiert und zu realistisch angemessenen Gedanken verändert. Zur Erprobung der in der Gruppe neu gelernten Fertigkeiten werden für jeden Teilnehmer individuell Hausaufgaben formuliert, die er zwischen den Sitzungen durchführen soll.

Für sozial phobische Patienten ohne relevante Defizite in den sozialen Fertigkeiten kommen Konfrontationsübungen mit den angstauslösenden Situationen, wie Reden vor anderen, im Mittelpunkt stehen, Essen und Trinken in Gegenwart anderer (siehe Behandlung der Agoraphobie) zur Anwendung. Der Betroffene soll lernen, dass die Befürchtungen nicht eintreten, die körperlichen Symptome der Angst von alleine wieder abklingen und er die Situation bewältigen kann.

Behandlung der generalisierten Angststörungen:

Zunächst wird der Patient angeleitet, ein „Sorgentagebuch“ zu führen, um Auslöser für die Sorgen und Befürchtungen und Zusammenhänge mit bestimmten Tätigkeiten oder Personen zu identifizieren. Anschließend wird ein individuelles Erklärungsmodell der Störung mit auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen der Ängste erarbeitet. Im Mittelpunkt der Therapie steht die „Sorgenkonfrontation“. Die Patienten werden angeleitet, sich ihre Hauptsorgen möglichst bildlich mit dem allerschlimmsten denkbaren Ausgang vorzustellen, um eine emotionale Verarbeitung zu ermöglichen (Konfrontation in sensu). Die furchterregenden Szenen sollen so oft gedanklich durchgespielt werden, bis sie nur noch wenig Angst auslösen (Gewöhnung).

Im nächsten Schritt werden das Vermeidungs- und Rücksicherungsverhalten durch Konfrontation in vivo angegangen. Dabei wird der Patient aufgefordert, die bisher vermiedenen Situationen systematisch aufzusuchen und sein Rückversicherungsverhalten zu unterlassen. Dadurch soll er die Erfahrung machen, dass die Ängste in den Situationen nach einer Weile zurückgehen. Als zusätzliche Intervention kann die kognitive Therapie eingesetzt werden. Die Patienten lernen, ungünstige, dysfunktionale Gedanken zu erkennen, zu hinterfragen und in realitätsangemessene Gedanken zu verändern. Die wichtigsten Strategien sind das Entkatastrophisieren und die Realitätsüberprüfung. Dieses Vorgehen wird von Verhaltensexperimenten unterstützt. Dabei soll das Muster: „Wird die Angst zu unangenehm, lenke ich mich ab.“ durchbrochen werden. Zusätzlich kann das Erlernen einer Entspannungsmethode hilfreich sein, dadurch sollen die Patienten lernen, sich in ängstigenden und belastenden Situationen zu entspannen.

Die stationäre Behandlung von Angsterkrankungen

Bei chronifizierten Angststörungen, stark ausgeprägtem, agoraphobischem Vermeidungsverhalten, z. B. wenn der Betroffene so stark in seinem Bewegungsradius eingeschränkt ist, dass er das Haus nicht mehr alleine verlassen kann, bei ausgeprägter sozialer Angst, wenn der Betroffene zahlreiche soziale Situationen meidet und sich immer mehr isoliert, oder wenn längere Zeiten von Arbeitsunfähigkeit wegen der Angststörung vorliegen sowie bei belastenden, ungünstigen familiären oder beruflichen Belastungen, die einen großen Einfluss bei der Aufrechterhaltung der Angstsymptomatik spielen, ist eine stationäre verhaltenstherapeutische Behandlung in einer Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik indiziert. Die verhaltenstherapeutische Abteilung der Hardtwaldklinik II in Bad Zwesten, eine Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie, bietet ein multimodales Behandlungskonzept von Angststörungen an.

Multimodales Angstbehandlungskonzept der Abteilung für Verhaltenstherapie der Hardtwaldklinik II , Bad Zwesten

Indikation

Unser Angstbehandlungskonzept richtet sich an Patienten mit den Diagnosen Panikstörung, Agoraphobie, spezifische Phobie, soziale Phobie sowie generalisierte Angststörungen.

Behandlungskonzept

Unser integratives verhaltenstherapeutisches Konzept zur Behandlung von Angststörungen, das auf wissenschaftlich fundierten Methoden der Klinischen Psychologie basiert und empirisch überprüfte Verfahren der modernen Verhaltenstherapie umfasst, besteht aus verschiedenen Therapieelementen, die eine multimodale Angstbehandlung erlauben. Ziel des Behandlungsprogramms ist nicht nur die Reduktion der Angstsymptomatik, sondern auch die Veränderung der individuellen Funktionalität der Symptomatik im Lebenskontext des Patienten. Ein weiterer wichtiger Bestandteil unseres Konzeptes ist der Einsatz gezielter Maßnahmen zur Rückfallprävention sowie das Üben von Verhaltensweisen im Umgang mit Rückfällen.

Behandlungsbausteine

Einzelgespräche

Nach einer umfassenden psychologischen Diagnostik wird eine Analyse der Angstsymptomatik, der auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen sowie der lebensgeschichtlichen Entwicklung der Symptomatik erarbeitet. Besonderer Wert wird auf die Erarbeitung der Funktionalität der Angst im aktuellen Lebenskontext des Patienten gelegt. Gemeinsam mit dem Patienten wird ein Modell zur Erklärung der Entwicklung und Aufrechterhaltung der Angstsymptomatik erarbeitet. Anschließend werden die Therapieziele und der individuelle Behandlungsplan mit den auf das jeweilige Problem und die Veränderungsziele ausgerichteten Therapiebausteinen in Abstimmung mit dem Patienten zusammengestellt.

Angstbewältigungsgruppe

Das zentrale Behandlungselement von Angststörungen in Form der Agoraphobie, der Panikstörung und der spezifischen Phobie ist die Angstbewältigungsgruppe, die aus maximal 8 - 10 Patienten besteht und als offene Gruppe zweimal wöchentlich stattfindet unter der Leitung eines psychologischen Psychotherapeuten und eines Co-Therapeuten.

Schwerpunkte der Gruppensitzungen:

  • Vermittlung von Informationen zu psycho-physiologischen Zusammenhängen der Angst
  • Entwicklung eines Erklärungsmodells der Angst („Teufelskreis der Angst“)
  • Identifikation und Veränderung angstauslösender dysfunktionaler Kognitionen (Fehlinterpretationen und Befürchtungen)
  • Erarbeitung von Angstbewältigungsstrategien
  • Vorbereitung und Auswertung der Angst-Konfrontationsübungen
  • Rückfallprophylaxe

In der Angstbewältigungsgruppe werden den Patienten zunächst Informationen zu psycho-physiologischen Zusammenhängen der Angst und ein Erklärungsmodell zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Angst vermittelt. Die die Angst auslösenden und aufrechterhaltenden dysfunktionalen Kognitionen in Form von Befürchtungen oder Fehlinterpretationen körperlicher Sensationen werden identifiziert und zu realitätsangemessenen Bewertungen verändert.

Exposition-in-vivo

Um den Teufelskreis von Vermeidungsverhalten und Aufrechterhaltung der Störung zu durchbrechen, werden die Patienten bei der Expositionsbehandlung direkt mit spezifischen angstauslösenden Situationen oder Körperreaktionen (z.B. Hyperventilationstest) konfrontiert und dabei an der Ausführung ihres Vermeidungsverhaltens gehindert. Die Angstkonfrontationsübungen werden individuell geplant und zunächst in Begleitung eines Co-Therapeuten, später zunehmend vom Patienten alleine durchgeführt. Durch gezielte therapeutische Interventionen werden hierbei die stattfindenden Habituationsprozesse bis zu einer völligen Reduktion der Angst gefördert. Die Patienten machen die Erfahrung, dass eine Angstbewältigung ohne Flucht oder Vermeidung möglich ist und gewinnen damit Zugang zu neuen Bewältigungsmöglichkeiten.

Integrative Bewegungstherapie

Da Angst in der Regel sehr stark körperlich erlebt wird und das Vertrauen zum eigenen Körper und den Körperreaktionen in der Regel gestört ist, soll eine Veränderung des Angsterlebens zusätzlich direkt am Körper ansetzen. Durch verbesserte Körperwahrnehmung soll das Vertrauen in die Selbstregulation von Bewegung, Atmung und Gleichgewichtssinn gefördert werden. Psychosomatische Zusammenhänge zwischen Gedanken, Gefühlen und Körperreaktionen sollen bewusst wahrgenommen werden. Angstauslösende Fehlinterpretationen von Körperreaktionen werden kognitiv und durch Erfahrung zu realitätsangemessenen Bewertungen verändert. Durch Sinnesschulung wird der Realitätsbezug gefestigt und die räumliche Orientierungsfähigkeit entwickelt. Dies wirkt als Angstbewältigungsstrategie im Sinne einer Gegenkonditionierung zur Angstreaktion.

Gestaltungstherapie

Für Patienten, bei denen der Zugang zu der eigenen Erlebens- und Gefühlswelt verschüttet ist oder die Schwierigkeiten haben, eigene Gefühle differenziert wahrzunehmen und zuzulassen und die daher auf emotionale Erregung unspezifisch mit Angst reagieren oder für Patienten mit mangelndem Selbstwertgefühl und sozialen Ängsten, ist die Teilnahme an der Gestaltungstherapiegruppe ein wichtiger Behandlungsansatz.

In der Gestaltungstherapie werden die Patienten angeleitet, mit kreativen Hilfsmitteln der eigenen Erlebniswelt einen sichtbaren Ausdruck in Form von Bildern und plastischen Gestaltungen zu verleihen. In gestaltungstherapeutischen Einzel- und Gruppenarbeiten wird dem Patienten sinnlich-spielerisches Erleben und Probehandeln ermöglicht, sowie eine Aktivierung von Sensibilität, Gefühlen, Erinnerungen und eine Schärfung der Wahrnehmung. Die kreative Tätigkeit kann dabei als eine Erweiterung der Möglichkeiten des Selbstausdrucks, der Gefühlsmitteilung und der Verbalisierungsfähigkeit genutzt werden und dient gleichzeitig auch diagnostischen Zwecken.

Gruppentraining zum Aufbau sozialer Kompetenzen

Ängste werden häufig durch Verhaltensdefizite im Umgang mit sozialen Situationen verstärkt und aufrechterhalten, vor allem bei sozialängstlichen und selbstunsicheren Patienten. Im Selbstsicherheitstraining werden unter Einsatz edukativer Methoden die sozialen Kompetenzen der Patienten gefördert und als Alternative zum Krankheitsverhalten aufgebaut. Die in sozialen Situationen auftretenden und effektives Verhalten verhindernden negativen Kognitionen werden durch realitätsangemessene Selbstverbalisationen ersetzt. Die Umsetzung dieser kognitiven Veränderung auf der Verhaltensebene wird zunächst im Rahmen von Rollenspielen mit Video-Feedback innerhalb der Gruppe durchgeführt. Dem Transfer in die Realität dienen In-vivo-Übungen, die in Form von Hausaufgaben durchgeführt werden.

Schwerpunkte der Gruppensitzungen:

  • Durchsetzung berechtigter Forderungen und Interessen
  • Verbalisierung eigener Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle
  • Führen von Konfliktgesprächen und „Nein-Sagen“
  • Aufbau sozialer Kontakte

Problemlösegruppe

Für Patienten, bei denen die Ängste im Zusammenhang mit unzureichenden Problem- und Streßbewältigungsfähigkeiten stehen, ist die Problemlösegruppe zusätzlich indiziert. Ziel dieses Gruppentrainings sind die Vermittlung psychosomatischer Zusammenhänge, der Aufbau allgemeiner Problemlösefertigkeiten sowie die Entwicklung von Lösungs- bzw. Veränderungsmöglichkeiten für individuelle Stress- und Belastungssituationen. Die Teilnehmer lernen, durch gezielte Selbstbeobachtung die eigene Reaktion auf der kognitiven, emotionalen, vegetativen und Verhaltensebene auf die belastenden Situationen genau zu beschreiben. Die die Belastung aufrechterhaltenden Faktoren und dysfunktionalen Bewältigungsstrategien werden identifiziert, und es werden alternative kognitive sowie Verhaltensstrategien gemeinsam in der Gruppe entwickelt und im Rollenspiel sowie in Alltagssituationen außerhalb der Gruppe erprobt.

Depressionsbewältigungsgruppe

Da viele Patienten mit Angststörungen auch an Depressionen leiden, die vor allem mit sozialem Rückzug, Aufgabe angenehmer Aktivitäten, Antriebs- und Lustlosigkeit, Passivität, Selbstzweifeln und Versagensängsten einhergehen, ist die zusätzliche Teilnahme an der Depressionsbewältigungsgruppe indiziert.

Schwerpunkte der Gruppensitzungen:

  • Vermittlung eines Bedingungsmodells zur Entstehung und Aufrechterhaltung der depressiven Symptomatik
  • Aktivitätsaufbau und Erhöhung positiver Verstärker
  • Förderung der Genussfähigkeit
  • Veränderung dysfunktionaler Gedanken und Überzeugungen
  • Rückfallprophylaxe

In der Depressionsbewältigungsgruppe erhalten die Patienten zunächst Informationen zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptomatik. Mit den Patienten werden dann Strategien zum antidepressiven Verhaltensaufbau, zur Förderung der Genussfähigkeit sowie zur Gestaltung sozialer Interaktionen erarbeitet und eingeübt. Der Patient wird mit Hilfe von Selbstbeobachtungsverfahren angeleitet, seine depressiven kognitiven Muster zu erkennen und anhand von Techniken der rationalen Analyse und der Realitätstestung zu realitätsangemesseneren Kognitionen zu verändern. Weiterhin werden Möglichkeiten der Rückfallprophylaxe und der Umgang mit kritischen Lebensphasen erarbeitet.

Entspannungsverfahren

Die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und das Autogene Training nach Schulz als Verfahren für willentliche Erzeugung psychisch-körperlicher Entspannungszustände gehören zum festen Bestandteil des verhaltenstherapeutischen Vorgehens.

Ziel der Entspannungsmethoden ist, neben einer Reduktion des allgemeinen Erregungsniveaus der Einsatz von Entspannung als kurzfristige Bewältigungsstrategie in aktuellen Belastungssituationen.

Entspannung wird als Instrument eingesetzt, um in besonders erregungsintensiven oder angstauslösenden Situationen die körperlichen bzw. vegetativen Reaktionen zu vermindern und Aufschaukelungsprozesse abzufangen. Die physiologischen Funktionen sollen so beeinflusst werden, dass sie mit Angstreaktionen inkompatibel sind. Als Selbstkontrolltechnik kann Entspannen das Gefühl der Kontrollmöglichkeit in diesen belastenden Situationen erhöhen.

Sportliche Aktivitäten

Ergänzend zu den psychotherapeutischen Maßnahmen nehmen die Patienten an den sportlichen und physiotherapeutischen Maßnahmen teil. Gerade Angstpatienten haben große Angst davor, sich körperlich zu belasten, z.B. aus Angst, das Herz könne bei erhöhtem Puls und Blutdruck Schaden erleiden. Dieses exzessive Schonverhalten wird durch ein individuelles Sportprogramm abgebaut. Die Patienten machen die Erfahrung, dass die Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems ungefährlich ist, sie können dadurch die fehlerhaften Überzeugungen korrigieren und erreichen mehr Vertrauen in die eigenen Körperreaktionen und verbessern ihr Körpergefühl. Sportliche Aktivitäten vermitteln auch Erfolgserlebnisse, haben positiv verstärkende Wirkung, dienen der Erhöhung des Selbstwertgefühls und fördern die Entspannung und Genussfähigkeit. 

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