Übersicht:

Konfliktorientierung als erstes therapeutisches Grundkonzept bei Arbeitssucht

Die verschiedenen Formen der Arbeitssucht:

  • Der egozentrisch-narzisstische Arbeitsstil der Arbeitssucht
  • Der einsam-schizoide Arbeitsstil der Arbeitssucht
  • Der abhängig-depressive Arbeitsstil der Arbeitssucht
  • Der kontrolliert-zwanghafte Arbeitsstil der Arbeitssucht
  • Der vermeidend-phobische Arbeitsstil der Arbeitssucht
  • Der wetteifernd-rivalisierende Arbeitsstil der Arbeitssucht
  • Die Bedeutung unterschiedlicher Arbeitsstile in der Arbeitswelt

Die Bedeutung unterschiedlicher Arbeitsstile in der Arbeitswelt

Lösungsorientierung als zweites therapeutisches Grundkonzept

Methoden und Techniken der stationären Psychotherapie von Arbeitssucht in der Hardtwaldklinik II

Bei der Abgrenzung von Arbeitssucht von nicht-süchtigem Arbeitsverhalten ist der Begriff des Kontrollverlustes von zentraler Bedeutung, d. h. das Maß an Wahlfähigkeit und Willensfreiheit im Arbeitsverhalten.

Arbeitssucht misst sich nicht daran, was und wie viel der Betroffene tut, sondern daran, was er nicht tun kann.

In der Regel hat der Arbeitssüchtige sein gesamtes Umfeld, seine sozialen Beziehungen, sein Freizeitverhalten um die Arbeit herum organisiert. Dabei zeigt er auffallende Schwierigkeiten in der psychosozialen Anpassung sowohl im Arbeitsumfeld als auch in der Familie. Seine individuellen Gestaltungsmöglichkeiten im Alltag sind im Sinne einer Einengung des Lebensraumes deutlich eingeschränkt, er arbeitet dranghaft-verbissen, kann nicht loslassen, entspannen und die Früchte seiner Arbeit genießen.

Der Arbeitssüchtige kann nicht in der Gegenwart leben. Ein Erleben, das für sich selbst steht, wie Genuss oder Muße, hat für ihn keine Bedeutung. Sein Erleben und sein Bewusstsein sind ständig durch Ziele als Resultate eines linearen Arbeitsprozesses okkupiert. Dabei sind Beherrschung und Lenkung der inneren und äußeren Umwelt bei ihm Ausdruck der gegen das eigene Selbst gerichteten Aggression.

Es geht dem Arbeitssüchtigen nicht um befriedigenden Lustgewinn, sondern um die Abfuhr aggressiver Energie. Im Zentrum des Verständnisses von Arbeitssucht steht das Problem der Aggression und der Zerstörung.

Trotz der hier skizzierten Gemeinsamkeiten gibt es keinen typischen Arbeitssüchtigen, denn sehr unterschiedliche neurotische Bedürfnisse können in der Arbeit Ausdrucksmöglichkeiten für eine scheinbare Konfliktlösung finden.

Therapeutische Strategien

Konfliktorientierung als erstes therapeutisches Grundkonzept

Zu Beginn der stationären Behandlung von Arbeitssucht, in der diagnostischen Phase, ist in einem ersten Schritt zu fragen, ob das arbeitssüchtige Verhalten als Konfliktlösungsversuch im Dienst der Befriedigung aggressiver Impulse, oraler oder sexueller Wünsche oder aber sozialer Sehnsüchte steht, oder im Dienst der Abwehr unerwünschter bzw. bedrohlicher Gefühle und Gedanken, oder aber im Dienst der Kompensation realer oder phantasierter Minderwertigkeiten, Defizite oder Mängel (vgl. Pongratz, 1986).

Für die Psychotherapie arbeitssüchtigen Verhaltens ist es hilfreich, persönlichkeitsabhängige Arbeitsstile zu unterscheiden, um zu verstehen, welche neurotischen Konfliktlösungsversuche dem süchtigen Arbeitsverhalten zugrunde liegen können, um dann in einem zweiten Schritt zusammen mit dem Patienten günstigere Bewältigungsstrategien zu entwickeln.

Die Psychoanalyse beschreibt Charakterstrukturen und leitet deren Entstehung aus Umwelteinflüssen ab, wobei den größten Einfluss auf die Entwicklung des Charakters die jeweiligen Erfahrungen während der ersten Lebensjahre haben.

Der Charakter oder die Persönlichkeitsstruktur beschreiben idealtypisch den Umgang des Einzelnen hinsichtlich seines Erlebens und Verhaltens mit ubiquitären (überall vorkommenden) Anforderungen der sozialen und materiellen Welt, d. h. auch den Umgang des Einzelnen mit der Arbeit, den Stellenwert, den der Einzelne seiner Arbeit bei der Regulation seiner sozialen Beziehungen beimisst, oder aber innerhalb der eigenen Selbstwertregulation.

In Anlehnung an Riemann (1976), Rohrlich (1982), Neuberger und Kompa (1987) sowie König (1993) lassen sich folgende Arbeitsstile, die arbeitssüchtig „entgleisen“ können, unterscheiden:

Der egozentrisch-narzisstische Arbeitsstil

Narziss, eine Gestalt der griechischen Mythologie, verliebte sich in sein eigenes Spiegelbild.

In dem Sinn, als unsere Leistungen, die Produkte unserer Arbeit, symbolische Repräsentationen unseres Selbst sind, wirken diese für egozentrisch-narzisstisch Arbeitssüchtige wie ein Bild von sich selbst, welches sie von anderen Menschen, Arbeitskollegen usw. ständig bewundert und anerkannt sehen wollen. Ihr Verhalten kann extrem darauf ausgerichtet sein, anerkennend Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Das Grundproblem narzisstischer Menschen ist es, nicht wichtig genommen worden zu sein, sei es dadurch, überhaupt nicht erwünscht gewesen zu sein, sei es durch lange Abwesenheit der Mutter, durch wirtschaftliche Notlagen oder aber durch Ehekonflikte der Eltern oder Ähnliches.

Eine Bewältigungsform dieser Bedrohung ist es, sich auf Phantasien eigener Größe zurückzuziehen und sich von außen, von anderen unabhängig zu fühlen, wobei das Selbst als omnipotent phantasiert wird.

Zur Erhaltung dieser Omnipotenzvorstellungen werden aber andere Menschen benötigt. Von daher ist die Beziehung zu anderen, zu Kollegen oder Mitarbeitern rein instrumentellen Charakters, d. h., diese haben Anerkennung und Bewunderung zu liefern, werden als kritiklose Jasager benötigt.

Der narzisstische Arbeitsstil ist durch die Überbewertung der eigenen Leistungen bei gleichzeitiger Abwertung der Leistungen anderer geprägt. Der Arbeitsgegenstand ist für diese Menschen sekundär, es besteht keine echte innere Bindung, er dient lediglich als Vehikel zur Darstellung der eigenen Größe. Von daher hastet er auch nach Abschluss einer Aufgabe sofort zur nächsten, auf der ständigen Suche nach „Großtaten“.

Kritik wird oft als massive Kränkung erlebt und entsprechend überempfindlich aggressiv zurückgewiesen, wenn sie denn überhaupt ernst genommen wird. Da der andere eher entwertet wird, sind echte Delegation und Absprachen kaum möglich. Im Umgang mit der Arbeitszeit zeigen sich für den narzisstischen Menschen keine Probleme: Er steht über der Zeit.

Mit Vorliebe arbeitet er in den frühen Morgenstunden, während der Pausen oder nachts, wenn er allein sein kann, wenn keine anderen Menschen da sind, die ihn belästigen könnten. Bei Terminen lässt er andere lange warten, erscheint oft überhaupt nicht und arbeitet in der Regel weit mehr als gefordert und vielleicht nötig.

Der einsam-schizoide Arbeitsstil

Dem einsam-schizoid Arbeitssüchtigen ist im Verlauf seiner Entwicklung die Hinwendung zum Du, zum anderen nicht hinreichend gelungen. Er ist getrieben von dem Wunsch nach verschmelzender Harmonie mit anderen bei gleichzeitiger überwertiger Angst, dann seine eigene Identität zu verlieren. Intimität, Emotionalität, Empathie und ungezwungenes Geben und Nehmen in einer Beziehung machen ihm Angst. Insofern kann ihm das formalisierte und strukturierte Arbeitsleben wichtige Orientierung in der Welt geben.

Aus der berechtigten Angst heraus, enttäuscht zu werden, fürchtet er in der Arbeit vor allem soziale Nähe, was in teamorganisierter Arbeit zu einem Problem werden kann. Gleichzeitig sucht er aber oft im Arbeitsteam, der wissenschaftlichen Gemeinschaft oder Ähnlichem die Geborgenheit und das Zugehörigkeitsgefühl einer Gruppe. Er ist ständig bemüht, emotionale Beziehungen vorbeugend abzuwehren, sich auf das Sachliche zu konzentrieren und in misstrauischer Wachheit seine Grenzen zu schützen.

Der Arbeitsgegenstand, so er sachlich, messbar und in gewisser Weise objektiv ist, gibt ihm Orientierung. Er ist dem Schizoiden von daher sehr wichtig, da ihm eine soziale Orientierung aufgrund seiner Misstrauenshaltung kaum möglich ist. Arbeitskollegen werden aus einer verleugneten Kontaktunsicherheit und einer Enttäuschungsprophylaxe heraus misstrauisch beobachtet, häufig in den sozialen Antworten gekränkt, da ihm Empathie bei seiner gegebenen scharfen Beobachtungsgabe für soziale Situationen und die Schwächen anderer nur kaum möglich ist. Den Anforderungen des Arbeitsgegenstandes haben sich alle Mitarbeiter unterzuordnen, insofern bestimmt die Sache, die Aufgabe, den Umgang mit der Arbeitszeit, nicht aber persönliche Präferenzen oder Interessen über die Arbeit hinaus.

Der abhängig-depressive Arbeitsstil

Abhängig-depressiv Arbeitssüchtige sind oft Menschen, die sich von ihrer Arbeit führen lassen, die nicht arbeiten, sondern gearbeitet werden. Diese Menschen sind irritiert, wenn von ihnen verlangt wird, sich mit individuellen Vorlieben oder Zielen im Arbeitsbereich in den Vordergrund zu stellen.

Ursächlich für die Entwicklung einer depressiven Struktur sind Störungen in dem auf die Nahrungsaufnahme bezogenen Interaktionsverhalten. Orale Wünsche, die nicht oder nur uneinfühlsam erfüllt wurden, können sich späterhin nicht frei entfalten. Aus einer Enttäuschungsprophylaxe heraus werden sie vermieden. Es fehlt dem Depressiven später an Initiative. Es sind Menschen, die umsorgt werden wollen, die wollen, dass man ihnen sagt, was sie zu tun haben. Die durch orale Frustration entstandene Enttäuschungswut wird durch den Abwehrmechanismus der Introjektion (=Vorgang, bei dem das Bild eines Menschen in das eigene Ich aufgenommen wird) gegen das eigene Selbst gerichtet, da man Objekte, die eine ähnliche Funktion wie die versorgende Mutter haben, nicht angreifen kann, aus der Angst heraus, das Objekt dann gänzlich zu verlieren.

So sucht der Depressive im Arbeitsverhalten Situationen zu vermeiden, die eine trennende Distanz zwischen sich und den anderen zur Folge haben können. Er kann viel für andere fordern, was er für sich nie verlangen könnte. Er sucht Abhängigkeitsbeziehungen, passt sich den Forderungen anderer an, wehrt sich nicht, um die Zuneigung der anderen nicht zu verlieren. Die unbewusste orale Bedürftigkeit wird oftmals im Sinne einer altruistischen Abtretung abgewehrt, indem er andere für sich genießen lässt oder diese versorgt, und sich dabei mit ihnen identifiziert, eine die Arbeitssucht begünstigende Haltung gerade in helfender Tätigkeit. Der Arbeitsgegenstand ist für ihn weniger wichtig als die Arbeitsbeziehungen mit anderen in Harmonie und Gleichklang.

Bei Arbeitskollegen wird soziale Nähe und Akzeptanz gesucht, Teamwork und Kooperation werden überwertig angestrebt. Aus der Angst heraus, den anderen zu verlieren, kann der Depressive nur sehr schwer fordern, d. h. Aufgaben delegieren oder aber Nein zu sagen. Das Vermeiden von aggressiven Auseinandersetzungen führt zu zeitaufwendigen Diskussionen, die selten zu klaren Entscheidungen führen.

Der Umgang mit der Arbeitszeit ist gestört, da sich Depressive nur schwer Grenzen setzen können. Sie arbeiten oft langsam und werden mit ihrer Arbeit nicht fertig. In der Freizeit haben sie dann häufig ein schlechtes Gewissen, können sich also auch hier innerlich nicht von ihrer Arbeit trennen und sich nur sehr schwer von ihren Belastungen erholen.

Der kontrolliert-zwanghafte Arbeitsstil

Kontrolliert-zwanghaft Arbeitssüchtige lieben Disziplin, Pünktlichkeit und Selbstbeherrschung. Sie unterdrücken bei sich und anderen Spontanität und Impulsivität, aber auch neue Ideen, da sie befürchten, sie nicht mehr unter Kontrolle haben zu können. Im Arbeitsverhalten werden systematische Ordnung, pedantische Reglementierung und Kontrolle überwertig hervorgehoben. Sie haben immer Angst, dass alles sofort unsicher und chaotisch würde, wenn sie ihr kontrollierendes Verhalten nur ein wenig lockerten.

Zwanghafte Strukturen entstehen zu der Zeit, in der das Kind beginnt, sich die Welt motorisch-expansiv und begreifend anzueignen. Unordnung fürchtende Eltern reagieren mit Ärger und werden mit Bestrafung versuchen, dieses Verhalten zu begrenzen. Wenn aber durchaus gesunde Aggressionen, Unordnung und Schmutz sofort durch Strafen sanktioniert werden, kommt es zu einer Blockierung des unbekümmerten Umganges mit der Welt. Das Grundproblem zwanghafter Menschen ist ihr überwertiges Sicherungsbedürfnis, das Vermeiden von Risiken, Unordnung sowie die immerwährende Selbstkontrolle.

Aus der Angst vor den Folgen werden oft Veränderungen und Wandel blockiert. Aus der Unsicherheit heraus, einen Fehler zu machen, werden Entscheidungen hinausgezögert. Die Beziehung zu Arbeitskollegen wird im Wesentlichen durch den Machtaspekt determiniert, d. h. der Frage, wer oben ist und wer unten. Da andere Fehler machen könnten und weniger berechenbar sind, können zwanghafte Menschen nur schlecht delegieren.

Die Delegationsunfähigkeit und die eingeschränkte Fähigkeit, Prioritäten zu setzen, Perfektionismus, Pedanterie und die ständigen Auseinandersetzungen um Normen, die eigentlich Machtkämpfe sind, generieren große Probleme in teamorientierten Arbeitszusammenhängen und im Umgang mit der Arbeitszeit. Der kontrolliert-zwanghaft Arbeitssüchtige kann nur sehr schlecht abschalten, da er alles allein erledigen muss, er ist bei einer eklatanten Ineffizienz ständig im Dienst.

Der vermeidend-phobische Arbeitsstil:

Entwicklungspsychologisch entsteht die phobische Struktur zur gleichen Zeit wie die Zwangsstruktur, aber hier sind es nicht die strafenden, sondern die ängstlichen Eltern, die ihr Kind daran hindern, seine Fähigkeiten in Versuch und Irrtum auszuprobieren und zu entwickeln, aus der Angst heraus, dem Kind könne etwas zustoßen.

Wenn sie gleichzeitig aus Ungeduld oder Zeitmangel nicht die altersentsprechende Unterstützung dem Kind gaben, aber von ihm Entwicklungsschritte erwarteten und forderten, die dem Alter des Kindes entsprachen, so übernimmt das Kind durch Identifikation die Ängstlichkeit der Eltern oder deren Unzufriedenheit mit den eigenen Entwicklungsschritten. Phobische Menschen trauen sich meist weniger zu, als sie tatsächlich leisten könnten. In Gegenwart eines Menschen, z. B. eines zwanghaften Partners, der sie kontrolliert, fühlen sie sich sicherer und haben weniger Angst, sie arbeiten unauffällig in der Gegenwart eines solchen Menschen, eines „steuernden Objektes“.

Phobisch strukturierte Menschen kommen selten in leitende Positionen, sie vermeiden oftmals unbewusst eine Beförderung, denn als Erste hätten sie niemanden mehr über sich, den sie bei Problemen fragen könnten.

Der wetteifernd-rivalisierende Arbeitsstil

Der wetteifernde, rivalisierende Arbeitssüchtige benutzt die Arbeit als Mittel, um sich möglichst effektvoll durch die Darstellung eigener Arbeitsergebnisse vor anderen Respekt zu verschaffen, da er kein stabiles Identitätsgefühl hat. Dieser Arbeitsstil basiert auf einer hysterischen Persönlichkeitsstruktur. Sie entsteht in der ödipalen Phase der Entwicklung, in der Zeit, in der das Kind dem Kleinkindalter entwächst.

In der Lebensgeschichte dieser Menschen zeigt sich sehr häufig eine problematische elterliche Ehe, die das Kind in altersunangemessener Weise etwa im Sinne eines Partnerersatzes einbezieht, ein Milieu voller Widersprüche mit zu wenig gesunden Orientierungsmöglichkeiten und nachahmenswerten geschlechtsspezifischen Vorbildern. Hieraus resultiert keine stabile Identität mit sich selbst, insbesondere hinsichtlich der sozialen Rolle und der sexuellen Identität. Oft finden sie aus der Identifikation mit den Vorbildern ihrer Kindheit nicht heraus, oder aber sie übernehmen ihnen aufgedrängte Rollen.

Bezogen auf den Umgang mit dem Arbeitsgegenstand heißt das, dass Neues schnell begeistert, aber dann recht bald langweilig wird, denn nach der Startphase eines Arbeitsprojektes beginnt ja oftmals eine von Schwierigkeiten und Routine geprägte Durststrecke, die Durchhaltevermögen und damit innere Stabilität verlangt.

Der wetteifernd-rivalisierende Mensch ist auf der ständigen Suche nach neuen Ideen, nach Abwechslung, wobei es ihm im Wesentlichen nur um das Glänzen vor anderen geht. Demgegenüber steht bei ihm die Unfähigkeit, beharrlich in der Arbeit Schwierigkeiten zu überwinden, das überlässt er gerne anderen. Der Umgang mit Arbeitskollegen wird durch Konkurrenzbeziehungen geprägt. Kollegen, wenn sie denn gleich gut oder besser sind, werden als Bedrohung erlebt, der wetteifernd-rivalisierende Mensch sucht Bewunderer, die ihm das Gefühl geben, attraktiv und begehrenswert zu sein.

Die Bedeutung unterschiedlicher Arbeitsstile in der Arbeitswelt

Selbstverständlich haben alle Arbeitsstile auch konstruktive Seiten, die in unserer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft durchaus beruflichen Erfolg begünstigen:

Ohne eine gewisse narzisstische Bedürftigkeit sollte sich niemand um ein politisches Mandat oder ein Amt bemühen, das ihn häufig in die Öffentlichkeit bringt.

Ohne depressive Anteile könnte man wohl nicht über längere Zeit als z. B. Psychotherapeut tätig sein.

Wissenschaftlicher Fortschritt und Entdeckungen benötigen oftmals die innere Unabhängigkeit einsam-schizoider Forscher.

Ein vorwiegend zwanghafter Arbeitsstil wird in der Buchhaltungsabteilung einer Bank wahrscheinlich berufliche Karrieren begünstigen, es ist aber zu vermuten, dass in der Werbeabteilung der gleichen Bank das Gegenteil einträte. Hier sind wohl eher Menschen erfolgreich, die wetteifernd-rivalisierend Ideen und Konzepte entwerfen können, die andere dann umzusetzen haben.

Jeder Arbeitsstil kann in Abhägigkeit und Interaktion von Variablen, die im beruflichen Umfeld liegen, beruflichen Erfolg begünstigen bzw. arbeitssüchtig entgleisen.

Peter (1969) beschreibt in seinem Buch „Das Peter-Prinzip“ die Pathologie des Erfolges, das Scheitern am Erfolg:

Der oben erwähnte Buchhalter in einer Bank mag durch eine rigide einengend-strenge Kindheit eine vorwiegend zwanghaft strukturierte Persönlichkeit entwickelt haben und wird aufgrund seiner Genauigkeit und Verlässlichkeit im Beruf zum Abteilungsleiter befördert, wo nun der größte Teil seiner Aufgabenanforderungen im Bereich der Führung und Motivation von Mitarbeitern liegt. Es werden von ihm nun also Leistungen erwartet, die ihn bei seinen persönlichkeitsbedingten Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen, Kontrolle abzugeben, zu delegieren und Prioritäten zu setzen, emotional chronisch überfordern. Weil er kaum andere Verhaltensmöglichkeiten zur Verfügung hat, wird er wahrscheinlich zwanghaft versuchen, diese für ihn neue und bedrohliche Situation nach dem Motto Mehr vom Gleichen zu bewältigen.

Vielleicht wird er seinen Arbeitszeitaufwand deutlich erhöhen, um doch noch die Kontrolle über das Zahlenwerk und seine Untergebenen zu behalten, ein zwanghaft arbeitssüchtiges Verhalten wäre die Folge. Vielleicht wird er in der Folge seelische Symptome wie Zwänge, Angstzustände oder aber auch körperliche Beschwerden wie Verspannungszustände, Migräne usw. entwickeln und erkranken.

Arbeitssucht ist nur zu verstehen, wenn man sich in einem ersten Schritt Klarheit darüber verschafft, welche ungelösten Grundkonflikte das Arbeitsverhalten auf der Ebene des Individuums determinieren.

Ziel dieses psychoanalytisch geleiteten Vorgehens ist es, konfliktorientiert mit den in der Regel ihr arbeitssüchtiges Verhalten verleugnenden Patienten ein Psychogeneseverständnis zu erarbeiten, ihnen deutlich und erfahrbar zu machen, welche unbewussten Motive aktuelle Arbeitskonflikte mitbestimmen oder aber bei der Berufswahl als Eingangsmotivation eine Rolle spielten.

Die Berufstätigkeit bietet ja die Möglichkeit, kompensatorisch im Sinne einer Selbstkorrektur das anzustreben, was man sein möchte, bewusste und unbewusste Bedürfnisse auszuleben oder aber bestimmte Belastungen zu vermeiden.

Lösungsorientierung als zweites therapeutisches Grundkonzept

Neben den in der Person liegenden Variablen sind in einem zweiten Schritt die Auftrags- und Erfüllungsbedingungen sowie die Arbeitsbedingungen zu erheben, denn es macht einen großen Unterschied, ob man selbständig arbeitet oder aber in einem Kleinbetrieb oder aber in einem Großbetrieb angestellt ist. Auch die Tätigkeit als Angestellter im öffentlichen Dienst oder aber als Beamter bestimmt in charakteristischer Weise die Arbeitsrealität. Leitende, dispositive Tätigkeiten sind von exekutiven Aufgabenanforderungen abzugrenzen.

Es macht für das Arbeitserleben auch einen großen Unterschied, ob man mit hohen Idealvorstellungen, die weit über das Geldverdienen hinausgehen, eine Arbeit in einem Tendenzbetrieb wie einer Gewerkschaft, einer Kirche oder Ähnlichem aufgenommen hat und im Verlauf der beruflichen Karriere die Diskrepanz zwischen veröffentlichten Arbeitszielen und der erfahrenen Arbeitsrealität verarbeiten muss.

Auch gibt es Institutionen bzw. Organisationen, die arbeitssüchtiges Verhalten begünstigen, wie Schaef und Fassel (1994) in ihrer Arbeit „Suchtsystem Arbeitsplatz“ ausführlich beschrieben haben. In einer gemeinsam mit dem Patienten erarbeiteten Tätigkeitsanalyse geht es um die differenzierte Darstellung der quantitativen und qualitativen Aufgabenanforderungen, der physischen Anforderungen, der unterschiedlichen positionsabhängigen Rollenanforderungen und der daraus resultierenden zwischenmenschlichen Anforderungen. Dieses Anforderungsprofil ist dann mit dem tatsächlichen Arbeitsverhalten des Patienten zu konfrontieren, wobei wegen der deutlichen Tendenz zur Verleugnung auf der Abwehrseite arbeitssüchtiger Patienten fremdanamnestisch erhobene Informationen z. B. im Rahmen eines Ehepaargesprächs sehr hilfreich sein können.

Ziel dieses lösungsorientierten Vorgehens ist die Neustrukturierung von Copingmechanismen im Umgang mit den externen beruflichen Anforderungen, aber auch dem eigenen Anspruchsniveau. Weiter geht es um die Erschließung von Befriedigungsquellen außerhalb der beruflichen Sphäre auf Grundlage der Ressourcen des Patienten in seiner beruflichen und sozialen Realität.

Konkret geht es um die Vermittlung grundlegender Informationen und Techniken zur Zeitplanung und Arbeitsorganisation (vgl. Seiwert, 1987), um das Erlernen von Entspannungstechniken wie das Autogene Training oder die progressive Muskelentspannung, das Einüben regelmäßiger, nicht leistungsorientierter sportlicher Betätigung als physischem Ventil zur Spannungsreduktion sowie die gemeinsame Suche nach arbeitsfreien Inseln als Befriedigungsquellen im Sinne eines Genusstrainings (Lutz, 1996).

Gerade hier bietet die stationäre Psychotherapie mit ihrer zeitlich begrenzten Entlastung von den beruflichen Anforderungen große Vorteile gegenüber der ambulanten Psychotherapie für eine beginnende Neuorientierung des Patienten.

Methoden und Techniken der stationären Psychotherapie von Arbeitssucht in der Hardtwaldklinik II

Der oben dargestellte Rahmen einer konflikt- und lösungsorientierten psychoanalytisch begründeten stationären Therapie von Arbeitssucht ist in der Hardtwaldklinik II eingebettet in ein stationäres Gesamtkonzept, in dem alle Bereiche der Klinik zum Therapieraum gehören, in dem Therapie gemacht und Realität berücksichtigt werden (vgl. Janssen 1987).

Dabei ist die Institution einer speziell für Psychotherapie eingerichteten und psychotherapeutisch geführten Fachklinik als Ganzes psychotherapeutische Intervention.

Durch die Minimalstrukturierung wird sich der einzelne Patient sowohl in der Gruppe als auch in der Einzeltherapie, insbesondere aber im Interaktionsfeld zwischen ihm und dem Klinikpersonal sowie den Mitpatienten auf der Station reinszenieren: Er wird seine unbewussten, präverbalen intrapsychischen Konflikte in Interaktion, in Sprache und Beziehung umsetzen, sodass sie dadurch besprechbar, verstehbar und klärbar werden (vgl. Bernhard, 1996).

Die Überzeugungskraft dieser Selbsterfahrungen wird durch die geschützte Versorgungssituation des stationären Rahmens verstärkt: Es gibt weder Chefs noch Arbeitskollegen oder Ehepartner, die als Ursache des eigenen Leidens dienen können.

Ein zu verausgabungs- und unterordnungsbereiter Patient mit einem arbeitssüchtigen Verhalten vom depressivem Typ wird zunehmend seinen Grundkonflikt reinszenieren, indem er sich z. B. von Mitpatienten ausnutzen lässt, da er nicht nein sagen kann. In der therapeutischen Auseinandersetzung kann er dann mit seinen eigenen Benachteiligungen konfrontiert werden, die er per projektiver Identifizierung auf andere übertragen hat.

Ein zu machtbewusster und normenorientierter Mensch mit einem arbeitssüchtigen Verhalten vom zwanghaften Typ wird mit den Folgen seines Verhaltens von seinen Mitpatienten konfrontiert werden, die sich seine Bemächtigungstendenzen und Kontrollbemühungen auf Dauer nicht werden gefallen lassen.

Die Behandlung des einzelnen Patienten wird unter Leitung eines festen Bezugstherapeuten von einem Behandlungsteam getragen, in dem Ärzte, Psychologen, Kreativtherapeuten, Pflegepersonal, Sozialarbeiter, Sportlehrer und Physiotherapeuten zusammenarbeiten. Sie alle tragen ihre oftmals sehr unterschiedlichen therapeutischen Erfahrungen mit dem Patienten zu einem Gesamtverständnis zusammen, zu einer zielorientierten Behandlung, supervidiert von externen Fachkollegen (vgl. Berger, 1997).

Die unterschiedlichen Behandlungselemente

Das gruppenpsychotherapeutische Behandlungsangebot basiert auf der Anwendung der Psychoanalyse in Gruppen nach dem Göttinger Modell, insbesondere auf der psychoanalytisch-interaktionellen Methode (Heigl-Evers et al., 1994).

Die Therapiegruppen sind offene, diagnostisch inhomogene Gruppen mit jeweils zwei Sitzungen pro Woche. In der gleichen Gruppenkonstellation finden zweimal wöchentlich Therapiesitzungen in einem Kreativverfahren - Gestaltungstherapie oder Konzentrative Bewegungstherapie - statt, in denen den Patienten die Möglichkeit gegeben wird, sich anderen gegenüber nonverbal, auf symbolischer Ebene mit ihren Problemen und Konflikten zu verdeutlichen.

Aufgrund der geringen Anzahl von arbeitssüchtigen Patienten, die sich gleichzeitig in der Klinik befinden, ist es aus organisatorischen Gründen leider nicht möglich, ein kontinuierliches symptomspezifisches Gruppenprogramm anzubieten.

Daneben werden Einzelgespräche geführt, in denen es bei arbeitssüchtigen Patienten konfliktorientiert um die vertiefende Deutung der in der Gruppenpsychotherapie gezeigten Kompromissbildungen als Spiegelung des individuellen Grundkonfliktes geht, um die Konfrontation mit der in der Einzeltherapie gezeigten Übertragung sowie die Reflektion des auf der Station mit Personal und Mitpatienten gezeigten Reinszenierungsverhaltens.

Es gilt, dem Betroffenen an möglichst vielen von ihm gezeigten oder geschilderten Verhaltensbeispielen zu verdeutlichen, wie sich bei ihm die Arbeitssuchtproblematik äußert und welche negativen Konsequenzen dieses für ihn hier in der Klinik bzw. für sein Leben außerhalb der Klinik hat bzw. hatte.

Bei Patienten mit Arbeitssucht muss eigentlich immer davon ausgegangen werden, dass der Leidensdruck erst zu einem relativ späten Stadium auftritt, da der Krankheitsgewinn oft sehr hoch ist, was die Abwehr, die Verleugnung des süchtigen Verhaltens, erheblich stabilisiert. Ehepaargespräche oder aber Familiengespräche haben sich vor diesem Hintergrund als sehr hilfreich erwiesen, zum einen zur fremdanamnestischen Absicherung der Diagnose, zur Einsichtsbildung beim Patienten, aber auch zur Planung von Veränderungsstrategien.

Zum anderen geht es in der Einzeltherapie darum, lösungsorientiert das Arbeitsverhalten im Sinne einer verhaltenstherapeutischen Problem- bzw. Tätigkeitsanalyse zu klarifizieren. Informationen und Übungen zu Zeitplanungs- und Arbeitstechniken, die Hinterfragung subjektiver Mythen zur Rechtfertigung des süchtigen Arbeitsverhaltens mit dem Ziel einer Einstellungsveränderung bilden hierbei die Schwerpunkte.

Ziel der Therapie arbeitssüchtigen Verhaltens kann ja nicht ein Abstinenzverhalten sein, es wird darum gehen, zusammen mit dem Patienten Wege und Mittel zu erarbeiten, die ihn in die Lage versetzen, in einer ausbalancierteren Lebensführung kontrolliert arbeiten zu können, ohne schwere seelische oder körperliche Symptome entwickeln zu müssen.

Neben den physiotherapeutischen Interventionen wie Sport, Krankengymnastik und ähnlichem und neben dem Entspannungstraining bieten die im Behandlungsteam integrierten Sozialarbeiter konkrete Informationen und Unterstützung bei Veränderungsstrategien an, die den beruflichen Rahmen des Patienten in seinen sozial- und tarifrechtlichen Aspekten direkt betreffen.

Generelle Behandlungsziele

Wegen der Einzelfallsbezogenheit der Arbeitssucht-Problematik ist die Formulierung genereller Therapieziele nicht möglich. (vgl. Heigl-Evers, Heigel & Standke, 1988).

Allgemein lässt sich für die stationäre Psychotherapie von Arbeitssucht jedoch sagen, dass wie im Fallbeispiel dargestellt es in einem ersten Schritt darum gehen sollte, dem Patienten das unbewusste Bedingungsgefüge, das sein Arbeitsverhalten steuert, zu verdeutlichen, also zusammen mit ihm ein Psychogeneseverständnis zu erarbeiten.

Erst wenn der Betroffene in Grundzügen verstanden und im Rahmen des stationären Settings erfahren hat, warum er sich im Arbeitsbereich süchtig verhält, macht es Sinn, sich um konkrete Veränderungsschritte zu bemühen, denn das süchtige Verhalten ist ja eine Bewältigungsstrategie zur Lösung eines zumeist unbewussten Konfliktes.

Konflikt- und lösungsorientierte stationäre Psychotherapie von Arbeitssucht heißt, dass konfliktorientiert an und in der therapeutischen Beziehung psychoanalytisch mit den Konzepten Übertragung sowie Krankheit als Kompromissbildung ungelöster unbewusster Konflikte gearbeitet wird.

Zusätzlich knüpft sie lösungsorientiert an die Ressourcen des Patienten an, an seine gesunden Persönlichkeitsanteile und fördert verhaltenstherapeutisch ihre weitere Entwicklung hinsichtlich kognitiver Umstrukturierung und Erweiterung von Verhaltenskompetenz insbesondere hinsichtlich des Arbeits- und Freizeitverhaltens.

Mit dem Ende der stationären psychotherapeutischen Behandlung, sie dauert in der Regel sechs bis acht Wochen, stellt sich die Frage des Transfers der gewonnenen Erfahrungen und Einsichten in den Alltagsraum des Patienten.

Vielfach wird es darum gehen, den Patienten für eine ambulante Therapie am Heimatort zu motivieren, was aus unserer Erfahrung die Prognose für einen nachhaltigen Erfolg der stationären Behandlung deutlich erhöht. Auch geplante, feste und zeitlich weiter auseinanderliegende katamnestische Sitzungen sind für die Prognose günstig.

Da das arbeitssüchtige Beschwerdebild in der Regel chronifiziert ist und da aus vielfältigen Gründen eine nachfolgende ambulante Psychotherapie oft nur schwer möglich ist, ist bei einigen Patienten auch an eine Intervallpsychotherapie zu denken, d. h. nach Ablauf von ein bis zwei Jahren stellt sich der Patient erneut für eine, dieses Mal kürzere stationäre Behandlung vor, in der die positiven und weniger positiven Erfahrungen mit den während der ersten Behandlungssequenz entwickelten Veränderungsstrategien bearbeitet werden können.

Insgesamt ist bei der Therapie von Arbeitssucht zu berücksichtigen, dass die Therapieziele bei der gegebenen hohen Leistungsbereitschaft der Patienten nicht zu hoch gesteckt werden, der Patient ist auf die hohe Wahrscheinlichkeit von Rückfällen vorzubereiten, auf einen zeitlich länger anzusetzenden Veränderungsprozess.

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