Jede berufliche Tätigkeit fordert in unterschiedlicher Weise die Erfüllung bestimmter Leistungsanforderungen. Daneben erfordert der berufsspezifische Umgang mit Menschen die Erfüllung bestimmter sozialer oder zwischenmenschlicher Anforderungen. Als dritter Aspekt zum Verständnis von Berufsproblemen ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen Aufwand und Gratifikation zu beantworten.

Auf der Ebene der Leistungsanforderungen, der geforderten Arbeitsleistung kann bei Berufsproblemen eine neurotische Störung ursächlich sein. Dabei zeigen sich neurotische Störungen sowohl bei der Planung, der Durchführung als auch beim Abschluss von Arbeitsabläufen.

Berufsprobleme bei neurotischen Störungen zeigen sich auf der Ebene der Planung der Tätigkeit oftmals ein verspäteter Beginn bzw. eine Fehleinschätzung des benötigten Zeitaufwandes.

Auf der Ebene der Durchführung von Arbeitsabläufen zeigen sich bei neurotischen Störungen häufig Berufsprobleme bei der Bereitstellung von Arbeitsmaterialien bzw. Probleme bei der Arbeitskontinuität bzw. Fehlerkorrektur. Diese kann auf der einen Seite perfektionistisch sein oder aber oberflächlich. Weiterhin zeigen sich hier häufig Fehlleistungen, die auf unbewusste Konflikte hinweisen, die das Arbeitsverhältnis beeinträchtigen.

Auf der Ebene des Abschlusses einer Tätigkeit zeigen sich neurotische Arbeits- und Berufsprobleme häufig darin, dass die Arbeit nicht rechtzeitig mit der Möglichkeit einer letztmaligen Korrektur abgegeben wird, dass sie häufig verspätet abgegeben wird, bedingt durch Perfektionismus oder aber in letzter Minute abgegeben wird, dann aber unkorrigiert.

Wenn man wissen möchte, ob Arbeitsschwierigkeiten oder Berufsprobleme in neurotischen Arbeitsstörungen wurzeln, dann muss man immer versuchen herauszufinden, ob es sich um ein habituelles Reagieren handelt, das auch dann nicht abgestellt werden kann, wenn man sich selbst dringend darum bemüht und es die äußere Situation unbedingt erfordern würde.

Von daher ist es zum Verständnis von Berufsproblemen wichtig, unbewusste Determinanten, die sowohl die Planung, Durchführung als auch den Abschluss von Arbeitsabläufen negativ berühren, zu beschreiben.

Es lassen sich grob folgende unbewusste Determinanten bei neurotischen Arbeitsstörungen unterscheiden:

  • Berufsprobleme durch unbewussten Protest. Der Betroffene ist zwar den Leistungsanforderungen gewachsen, er lebt aber in einer dauernden Protesthaltung und verdirbt sich so den Arbeitserfolg entweder durch Fehlleistungen oder aber durch halbbewussten bzw. bewussten Protest gegen die Anforderungen anderer.
  • Berufsprobleme durch unbewusste Angst, die eigenen Unfähigkeit zu offenbaren. Die Dauerangst, dass die eigenen Leistungen nicht genügen könnten, kann die geforderten Tätigkeiten begleiten, ohne dass das Ergebnis der Arbeit entscheidend gestört wird. Sie kann aber auch solche Ausmaße erreichen, dass der Beginn der Arbeit hinausgeschoben wird und Planung und Überblick verloren geht. Oftmals liege eine narzisstische Problematik zugrunde.
  • Berufsprobleme durch unbewusste Angst, hinter dem eigenen Ich-Ideal zurückzubleiben. Eine weitere unbewusste Determinante ist die Problematik eines sehr hoch angesetzten „Ich-Ideals“, das über die real gegebenen Möglichkeiten und Talente des Betroffenen hinaus reicht.
  • Berufsprobleme durch unbewusste Angst, die Eltern zu überflügeln. Kernpunkt dieser/oder Auseinandersetzung mit den Eltern kann die Rivalität mit Vater und Mutter gewesen sein und der Wunsch - untergraben von Angst - den Vater oder aber die Mutter zu überflügeln. Ein solcher Wunsch wird oftmals auf der Ebene der Abwehr in sein Gegenteil verkehrt. So bringt dieser ungelöste Wunsch, sich an seinem Elternteil vorbei zu entwickeln, unaufhörliche Störungen beim Arbeitsablauf mit sich.
  • Überbeansprucht durch unbewusste Konflikte. Der Betroffene kann durch unbewusste Konflikte aus ganz anderen Persönlichkeitsbereichen innerlich so belastet sein, dass er keine freien Valenzen mehr für eine vernünftige Planung und Durchführung von Arbeitsabläufen erbringen kann und es so zu ständigen Störungen kommt, wie z. B. die Herabstimmung und Initiativlosigkeit bei schwer depressiven Patienten.

Hier ist es hilfreich, sich unterschiedliche, strukturspezifische Arbeitsstile anzuschauen, die in ihrer stärkeren Ausprägung, zu spezifischen Berufsproblemen führen. Jede schwerere neurotische Störung hat in der Regel spezifische Berufsprobleme zur Folge.

Berufsprobleme durch den narzisstischen Arbeitsstil

Der Arbeitsgegenstand ist für den narzisstischen Menschen sekundär, es besteht keine echte innere Bindung, kein echtes Interesse, er dient lediglich als Vehikel zur Darstellung der eigenen Größe und Allmacht. Von daher hastet der Narzisst auch nach Abschluss einer Aufgabe sofort zur nächsten, ist auf ständiger Suche nach neuen „Großtaten“.

Die Arbeitskollegen werden als Bewunderer oder aber kritiklose Ja-Sager benötigt. Kritik wird oft als massive Kränkung erlebt und entsprechend heftig aggressiv zurückgewiesen - wenn sie denn überhaupt ernst genommen wird. Da der andere eher abgewertet wird, sind echte Delegation oder Absprachen kaum möglich.

Im Umgang mit der Arbeitszeit zeigen sich für den narzisstischen Menschen keine Probleme, da er über der Zeit steht. Er lässt von daher andere oft lange warten, erscheint überhaupt nicht und arbeitet in der Regel weit mehr als gefordert und vielleicht nötig.

Berufsprobleme durch den schizoiden Arbeitsstil

Der Arbeitsgegenstand - so er sachlich, messbar und in gewisser Weise „objektiv“ ist - gibt Orientierung in der Welt, ist von daher sehr wichtig, da dem Schizoiden eine soziale Orientierung nur kaum möglich ist. Er geht lieber mit seinen Ideen von Realität bzw. abstrakten Themen um, wobei er kompromisslos und unabhängig von der Meinung anderer sehr hohe Ansprüche an sich und an andere stellt.

Arbeitskollegen werden oft aus einer verleugneten Kontaktunsicherheit und einer Enttäuschungsprophylaxe heraus misstrauisch beobachtet, in den sozialen Antworten oft gekränkt, da abwägende Diplomatie oder Einfühlung dem Schizoiden nur kaum gelingen.

Den Anforderungen des Arbeitsgegenstandes haben sich alle Mitarbeiter unterzuordnen, insofern bestimmt die Sache, die Aufgabe den Umgang mit der Arbeitszeit, nicht etwa persönliche Präferenzen, Neigungen oder Interessen.

Berufsprobleme durch den depressiven Arbeitsstil

Der Arbeitsgegenstand, die Aufgabe ist für ihn weniger wichtig als die Arbeitbeziehungen in Harmonie und Gleichklang, geprägt von Wärme, Nähe und Verständnis.

Bei Arbeitskollegen wird soziale Nähe und Akzeptanz gesucht, Teamwork und Kooperation werden überwertig angestrebt. Aus der Angst heraus, den anderen zu verlieren, kann der Depressive nur sehr schwer fordern, Aufgaben delegieren oder sich abgrenzen. Das Vermeiden aggressiver Auseinandersetzungen führt oft zu zeitaufwendigen Diskussionen, die selten zu klaren Entscheidungen führen.

Der Umgang mit der Arbeitszeit ist insofern gestört, als sich Depressive keine Grenzen setzen können. Sie arbeiten oft langsam und werden mit ihrer Arbeit nicht fertig. In der Freizeit haben sie dann ein schlechtes Gewissen, können sich also auch hier nicht innerlich abgrenzen und von daher nur schwer erholen - und arbeiten am nächsten Tag noch langsamer.

Berufsprobleme durch den zwanghaften Arbeitsstil

Im Umgang mit dem Arbeitsgegenstand werden systematische Ordnung, pedantische Reglementierung und Kontrolle überwertig hervorgehoben. Die Bedeutung der eigenen Arbeit in einem größeren Zusammenhang wird überbewertet. Aus der Angst vor den Folgen werden Veränderungen und Wandel blockiert. Aus der Unsicherheit heraus, einen Fehler zu machen, werden Entscheidungen hinausgezögert.

Die Beziehung zu Arbeitskollegen wird durch den Machtaspekt determiniert: Wer ist oben und wer ist unten?

Als Vorgesetzte leben sie Disziplin, Pünktlichkeit und Selbstbeherrschung, ein Arbeitsverhalten, dem sich die Untergebenen zu unterwerfen haben. Spontanität und Impulsivität werden von ihnen unterdrückt, auch neue Ideen anderer, da sie befürchten, diese nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Von daher können zwanghafte Menschen nur kaum delegieren, da andere Fehler machen könnten.

Die Delegationsunfähigkeit und die eingeschränkte Fähigkeit, Prioritäten zu setzen, die Pedanterie und die ständigen Auseinandersetzungen um Normen, die eigentlich Machtkämpfe sind, bringen große Probleme im Umgang mit der Arbeitszeit.

Berufsprobleme durch den hysterischen Arbeitsstil

Bezogen auf das Arbeitsverhalten, auf den Umgang mit dem Arbeitsgegenstand heißt das, dass Neues schnell begeistert, aber dann bald langweilig wird. Projekte werden nicht durchgehalten, Stellungen und Aufgabenbereiche werden oft gewechselt. Der hysterische Mensch ist auf der ständigen Suche nach neuen Ideen, nach Abwechslung, wobei es ihm im Wesentlichen nur um die effektvolle Darstellung eigener Ergebnisse in der Öffentlichkeit geht. Dem gegenüber steht die Unfähigkeit, beharrlich Durststrecken durchzuhalten und Schwierigkeiten zu überwinden, das überlässt er gerne anderen. Er scheut daher Festlegung, Bindung und Verantwortung.

Der Umgang mit Arbeitskollegen wird durch eine Konkurrenzbeziehung geprägt. Kollegen werden eher als Bedrohung erlebt, die sich der eigenen Potenz bemächtigen könnten. Der hysterische Mensch sucht Bewunderer, die ihm das Gefühl geben, attraktiv und begehrenswert zu sein. Wegen der Angst vor Bindung sind sie jedoch in der Arbeit kaum verlässlich, was zu erheblichen Belastungen in der Zusammenarbeit führen kann.

Der Umgang mit der Arbeitszeit ist erheblich gestört, da - angeblich - die Zeit nie reicht Projekte zu beenden. Chaotische Arbeits- und Zeitorganisation werden positiv ideologisiert, als Gabe zur Improvisation oder als intuitive Fähigkeit dargestellt.

Zu jeder Berufstätigkeit gehören nicht nur bestimmte Kontaktsituationen, sondern auch bestimmte Anforderungen an den zwischenmenschlichen Umgang, der Teil der beruflichen Aufgaben ist. Im Folgenden sind kurz zwischenmenschliche Konstellationen zusammengefasst, die in vielfältigen beruflichen Feldern vorkommen und bewältigt werden müssen:

  • Umgang mit gleichberechtigten Kolleginnen und Kollegen
  • Umgang mit Kundschaft und Patienten
  • Umgang mit Auftraggebern
  • Koordination unterschiedlicher Arbeitsabläufe von Mitarbeitern
  • Hinnahme von Weisungen
  • Erteilung von Weisungen
  • Einstellung und Kündigung von Mitarbeitern in Führungsposition

Auch auf dieser Ebene zeigen sich unterschiedliche persönlichkeitsspezifische Konflikte, die zu Berufsprobleme n führen können. So fällt es depressiv gestimmten Menschen sehr schwer, Anweisungen auszusprechen und diese in der Arbeitswelt durchzusetzen. Auf der anderen Seite können sie sich schwer von den Anforderungen anderer im Arbeitsbereich abgrenzen und übernehmen oftmals Aufgaben und Rollen, die ihnen die Erfüllung ihrer eigentlichen Aufgaben erschweren.

Neben der Beachtung der Arbeitsleistung und der zwischenmenschlichen Kontakte und ihrer Gefährdungsmomente im beruflichen Alltag darf der Bereich der Gratifikationsproblematik nicht vergessen werden. Jeder einzelne wird bei der Beurteilung seines Arbeitserlebens auch immer den persönlich erbrachten Aufwand in ein Verhältnis zum erhaltenen Lohn setzen.

Auch hier gibt es wiederum persönlichkeitsspezifische Verarbeitungsmodi, die das Arbeitserleben sowohl positiv als auch negativ bestimmen können. So geben sich depressive Menschen oftmals mit Arbeitsbedingungen zufrieden, ohne durch eine konstruktive Unzufriedenheit Verbesserung herstellen zu können. Eher zwanghaft strukturierte Menschen neigen dazu, sich in ständige Macht- und Normenkämpfe zu verwickeln, aus dem ständigen Grundgefühl heraus, ungerecht behandelt bzw. bezahlt zu werden.

Haben sich die beruflichen Belastungen bzw. die Berufsprobleme zu einem Beschwerdekomplex verdichtet, der Krankheitswert hat, stellt sich die Frage der Therapie. Oftmals ist die stationäre psychotherapeutische Behandlung die Behandlungsmethode der Wahl, um im Abstand von den beruflichen Anforderungen sich selbst und das Arbeitserleben und -verhalten kritisch hinterfragen zu können.

Das Behandlungskonzept von Berufsprobleme n in der Hardtwaldklinik II ist sowohl konflikt- als auch lösungsorientiert.

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