Hintergründe und Therapie

Borderline-Syndrom: Diagnose

Borderline-Syndrom, (Narzisstische) Persönlichkeitsstörung, Frühe-Störung, Ich-strukturelle Störung, Objektbeziehungsstörung, frühkindliche Posttraumatische Belastungsstörung

Symptome der o. g. Diagnosen können sein (auch kombiniert): Depression, Panikattacken, Angsterkrankungen, Zwangserkrankungen, Psychosomatosen, Suchterkrankungen, Essstörungen.

Definition Borderline-Syndrom:

Hinter den o. g. Diagnosen kann sich ein ähnlicher Entstehungsmechanismus verbergen, der in der frühen Kindheit seinen Ursprung hat:

Dabei hilft die Vorstellung, dass die in der Kindheit gemachte Beziehungserfahrungen, die Psyche eines Menschen prägen, d. h. die Beziehungserfahrungen sind die Organe der Psyche (genau so wie es im Bauch Leber, Milz, Magen gibt so gibt es in der Psyche das „Mutterorgan“, das „Vaterorgan“ etc.). Normalerweise gelingt es dem Kind bei ausreichender Erfahrung von Zuwendung und Empathie auch Frustrationen z.B. durch die Mutter zu verarbeiten. Das heißt die „gute“ Mutter und die „böse“ Mutter können innerlich ein und derselben Beziehungserfahrung zugeordnet werden. Das Kind kann somit auf die „gute“ Mutter vertrauen auch wenn diese einmal „böse“ ist. Mit dieser inneren „Ausstattung“ ist die/der Betreffende dann später in der Lage vertrauensvolle Beziehungen einzugehen, d. h. derjenige ist in der Lage in Beziehungen auch Konflikte auszuhalten.

Beim Borderline-Syndrom und bei den o. g. Diagnosen kann diese positive Kindheitserfahrung nicht in ausreichendem Maß gemacht werden. Durch unempathische Eltern, Misshandlungen, Missbrauch, Trauma etc. ist eine vollständige Beziehungserfahrung, d. h. einer Mutter mit „guten“ und „bösen“ Anteilen nicht möglich. Innerlich muss die Beziehungserfahrung der „guten“ Mutter von der Beziehungserfahrung der „bösen“ Mutter getrennt aufbewahrt werden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass innerlich das Bild der „guten“ Mutter von der „bösen“ Mutter vernichtet wird. Dies würde einer inneren Vernichtung gleichkommen, denn ohne wenigstens einen kleinen Teil einer „guten“ Beziehungserfahrung kann kein Mensch existieren. Der Mechanismus der Spaltung zwischen „Gut“ und „Böse“ dient somit dem inneren Überleben und der Vermeidung von lebensbedrohlicher Angst.

Der Nachteil dieses Lösungsmusters ist, dass die Außenwelt direkt, ohne innere Infragestellung, entsprechend der inneren Welt wahrgenommen und erlebt wird, d. h. in „Gut“ und „Böse“ eingeteilt ist. Andere Menschen werden beim Borderline-Syndrom entsprechend idealisiert oder (oft nach entsprechend vorprogrammierter Enttäuschung) abgewertet. Es besteht die Tendenz sich als Opfer der „bösen“ Außenwelt zu fühlen. Mangelndes Selbstvertrauen und Selbstsicherheit führt zu einer massiven Verletzlichkeit und Kränkbarkeit, so dass schwere Konflikte im Kontakt zu anderen Menschen vorprogrammiert sind.

Es besteht aber andererseits auch die Gefahr von schwerer Delinquenz, da durch die ausgeprägte (lebensnotwendige) Fähigkeit zur Spaltung das Mitgefühl anderen Menschen gegenüber quasi ausgeschaltet werden kann.

Insgesamt muss jedoch daraufhin gewiesen werden, dass der oben beschriebene Mechanismus der Spaltung der Umwelt in „Gut“ und „Böse“ in unterschiedlicher Ausprägung jedem Menschen zur Verfügung steht, nur so lassen sich Phänomene wie z. B. Krieg oder Holocaust erklären.

Therapiemöglichkeiten bei Borderline-Syndrom:

- medikamentöse Behandlung der Symptome bei Borderline-Syndrom: Ziel ist es durch Einsatz von entsprechenden Medikamenten die Symptomatik zu reduzieren und somit den psychotherapeutischen Prozess zu unterstützen oder unter Umständen erst möglich zu machen.

Psychotherapie:

- als ambulante Einzelpsychotherapie bei Borderline-Syndrom: Unabhängig von der „ideologischen“ Ausrichtung des Therapeuten scheint ein wichtiger Wirkfaktor die sogenannte korrigierende Beziehungserfahrung mit dem Therapeuten zu sein. Hierbei geht es um die Fähigkeit des Therapeuten dem Betreffenden das Gefühl zu geben, grundsätzlich angenommen zu sein, gleichzeitig aber auch durch die Äußerung von authentischen Gefühlen und Wahrnehmungen als eigenständige Person deutlich zu werden. (Gradwanderung zwischen Erfüllung von Erwartungen des Patienten und Versagung derselben). Hierdurch besteht die Möglichkeit, dass sich in der Person des Therapeuten „Gut“ und „Böse“ wieder annähern. Hierfür ist jedoch ein ausreichend großer Zeitrahmen notwendig, der je nach Ausprägung der Störung die 80 Stundengrenze überschreitet.

- Sehr geeignet ist auch die Gruppentherapie beim Borderline-Syndrom (z. B. psychoanalytisch-interaktionelle Gruppentherapie). Diese bietet grundsätzlich den Vorteil, dass sich für die Übertragung von „Gut“ und „Böse“ eine ganze Auswahl von Gruppenmitgliedern anbietet und dieses Phänomen nicht, wie in der Einzeltherapie, nur auf den Therapeuten beschränkt bleibt. Es ist somit für den Betreffenden leichter, zum Therapeuten eine vertrauensvolle Beziehung aufrecht zu erhalten, was Grundbedingung für eine erfolgreiche Therapie ist. Auch in der Gruppentherapie geht es darum, dass der Therapeut durch eine authentische, d. h. eigene Gefühle und Wahrnehmung enthaltende, annehmende Intervention, den Patienten auf sein problematisches Verhalten hinweist. Dieser kann in diesem Klima der grundsätzlichen Annahme die Auswirkungen seines Verhaltens reflektieren.

- Die Ergänzung beider Verfahren durch eine stationäre Intervalltherapie kann beim Borderline-Syndrom hilfreich sein.

- Bei frühkindlichen, insbesondere sexuellen Traumatisierungen empfiehlt sich ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik, die sich auf die Behandlung von Traumatisierungen spezialisiert hat. Hierbei geht es in erster Linie um Stabilisierung, d. h. um das Einüben von Sicherungsübungen (z. B. durch Imagination eines sicheren Ortes oder eines inneren Helfers), die den Umgang mit Erinnerungen an das traumatische Geschehen (z. B. in Form von emotional sehr belastenden, Angst induzierenden Flashbacks oder Albträumen) erleichtern. Erst ein sicheres Beherrschen dieser Techniken ist Vorraussetzung für eine weiterführende Psychotherapie (s. o.).

Grundsätzlich muss gesagt werden, dass die Patienten mit diesen Störungen nicht „geheilt“ werden können. Es geht vielmehr um eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Ziel, immer besser die zwischenmenschliche Auswirkungen der Spaltung in „Gut“ und „Böse“ zu bewältigen.

Therapiemöglichkeiten in der HWK II bei Borderline-Syndrom:

In der Hardtwaldklinik besteht grundsätzlich die Kombination aus Gruppenpsychotherapie und Einzelpsychotherapie.

Die psychoanalytische Abteilung bietet Gruppen an, die nach dem o. g. Kriterium funktionieren.

In der Verhaltenstherapeutischen Abteilung können in spezifischen Gruppen (z. B. „Angstgruppe“) einzelne Symptome des Borderline-Syndrom s behandelt werden.

In der Abteilung für Tiefenpsychologie und Psychodrama werden durch Aufstellen z. B. der Ursprungsfamilie oder der „Arbeitsfamilie“ in der Gruppe psychodynamische Zusammenhänge transparent. Jedes Mitglied der Gruppe bekommt vom Pat., der sein Thema aufstellt, eine Rolle zugewiesen, ist somit aktiv mit seinem inneren Erleben an der Aufstellung beteiligt. Durch direkte Dialoge und durch den Schutz der Rolle wird für alle Beteiligten der Zugang zu Emotionen erleichtert. Jedes Gruppenmitglied hat die Möglichkeit über seine eigene Lebenserfahrung aus der Rolle heraus Impulse zu setzen, die dem Aufsteller neue Sicht- und Handlungsweisen eröffnen. Der Rollentausch ermöglicht die Einfühlung in das Gegenüber, verbessert somit das Verständnis für die Mitmenschen. Rollenspiel und Rollentausch ermöglicht eine Kommunikation zwischen den „Guten“ und „Bösen“ Repräsentanten der Umwelt, eine Annäherung und somit eine Verminderung der Spaltung kann in Gang gesetzt werden.

Die o. g. Grundverfahren sind zudem fest kombiniert mit kreativtherapeutischen Verfahren, wie Musiktherapie, Gestaltungstherapie, Tanz- und Bewegungstherapie.

Als Entspannungsverfahren hat sich in der HWK II die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson bewährt.

Körperliche Beschwerden können in der physiotherapeutischen Abteilung mitbehandelt werden, es steht ein reichhaltiges Sport- und Physiotherapieprogramm zur Verfügung.

Nicht behandelt werden können Patienten mit Posttraumatischen Belastungssyndromen, bzw. Patienten mit sexueller Missbrauchserfahrung im Kindesalter, die nicht in der Lage sind, sich selbst ausreichend zu stabilisieren. Die Fähigkeit zur Selbststabilisierung muss somit, wie oben beschrieben, erst in spezifisch dafür ausgerichteten Fachabteilungen erworben werden (Wir weisen an dieser Stelle auf die Gestaltherapeutische Abteilung der Hardtwaldklinik I hin, die über ein entsprechendes Therapieprogramm verfügt). Ansonsten besteht bei den o. g. aufdeckenden Therapieverfahren die Gefahr von nicht zu kontrollierenden Flashbacks mit entsprechend heftigen Emotionen, die sich wie eine Retraumatisierung auswirken können.

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