Borderline-Störung: Definition

Die Bezeichnung geht zurück auf das englische Wort Borderline = Grenzlinie. In seiner allgemeinen Bedeutung beschreibt der Begriff Borderline eine psychische Störung, die zwischen Psychose und Neurose angesiedelt ist. Früher wurde auch der Begriff Grenzpsychose verwendet. Die Borderline-Störung, die sich häufig in der Adoleszenz (Jugend) manifestiert, ist durch hypochondrische Einstellung, Entfremdungserleben, vages Beziehungserleben und depressive Verstimmungen gekennzeichnet.

Die Wurzeln der Borderline-Störung sind auf frühe Störungen, ca. im 2./3. Lebensjahr zurückzuführen. Meist handelt es sich um schwerwiegende Frustrationen in der Beziehung zu einem Elternteil, hierbei kommt es häufig zu Traumatisierungen vor allem bei den Autonomiebestrebungen des Kindes. Die Beziehung zu den Eltern, die als Einheit wahrgenommen werden, wird verleugnet oder in einem „bösen und guten Elternteil“ abgespalten. Es kommt zu einer basalen Verunsicherung des Kindes, einer massiven Enttäuschungsaggression, einer ständigen Trennungsangst sowie gleichzeitig einer ängstlichen Anklammerung an einen Elternteil. Die Realitätswahrnehmung der von Borderline-Störung Betroffenen ist mangelhaft, sie haben deutliche Schwierigkeiten, zwischen Phantasie und Realität zu unterscheiden sowie erhebliche Schwierigkeiten Trennungen, Verluste und Kränkungen zu tolerieren. Den an einer Borderline-Störung erkrankten Menschen ist es daher kaum möglich, stabile Beziehungen aufzubauen. Zusammenfassend kann man sagen, dass eine deutliche Instabilität bezüglich Selbstbild, zwischenmenschlicher Beziehungen, Stimmungslage und Affektlage besteht.

Symptomatik der Borderline-Störung

Menschen, bei denen eine Borderline-Störung vorliegt, leiden an einer chronisch flottierenden (objektlose) Angst in Verbindung mit unterschiedlichen Phobien, sowie Zwangsgedanken hypochondrischen und paranoiden Inhalts, bei intaktem Bezug zur Realität. Ferner liegen auch dissoziative (abspaltende) Reaktionen wie Amnesien, Dämmerzustände, Depersonalisations- und Derealisationserlebnisse vor. Sehr häufig sind schwere depressive Phasen zu beobachten mit dem Gefühl einer Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit und ohnmächtiger Wut nach dem Zusammenbruch einer idealisierten Vorstellung.

Zeitweise kommt es bei einer Borderline-Störung auch zum Verlust der Impulskontrolle, die sich durch aggressive Durchbrüche, Alkoholexzesse, Drogenkonsum, episodische Fressanfälle oder selbstverletzendes Verhalten äußert. Patienten mit einer Borderline-Störung berichten häufig über Gefühle der Leere, Sinnlosigkeit und Ohnmacht, über Orientierungslosigkeit sowie Arbeits- und Konzentrationsstörungen. Sehr häufig liegen auch Kontaktstörungen mit Bindungs- und gleichzeitigen Trennungsängsten vor. Manchmal kommt es auch zu kurzen psychotischen Episoden.

Generelle Therapiemöglichkeiten der Borderline-Störung

Im Gegensatz zur Arbeit mit neurotischen Störungen steht bei der Behandlung von Patienten mit einer Borderline-Störung der Aufbau der defekten Ich-Struktur (Persönlichkeits- und Charakterstruktur) im Vordergrund, wobei der Therapeut das geeignete therapeutische „Milieu“ bereitstellen muss. Der Schwerpunkt der Behandlung der Borderline-Störung liegt nicht so sehr auf der Situationsinterpretation mit gewonnenen Einsichten, sondern mehr auf dem Nachvollzug einer emotionalen Reifung, die aufgrund früher Entwicklungsstörungen nicht oder nur mangelhaft erfolgen konnte.

Der Begriff Holding Function (Winnicott) wird häufig als ausschließlich gewährende, die negativen Beziehungsanteile ausklammernde Haltung dem Patienten gegenüber missverstanden. Diese Einstellung würde lediglich eine Triebbefriedigung nach sich ziehen und keine strukturierende Wirkung erzeugen, die gerade für Patienten mit einer Borderline-Störung von zentraler Bedeutung ist. Eine Holding Function bedeutet, dass der Patient mit einer Borderline-Störung von seinem Therapeuten affektiv erreicht wird, in dem er auch mit Ängsten und Konflikten in Berührung kommt und lernen und üben kann, lustvolle und aggressive Strebungen auf das gleiche Beziehungsobjekt zu richten. Hier geht es auch um die Erfahrung des Patienten mit einer Borderline-Störung, dass der Behandler die Aggression des Patienten aushält und „überlebt“, wobei im Nachhinein das aggressive Potential zunehmend konstruktiv, z. B. für die Förderung eines autonomen Handelns oder Trennungsschritte verwendet werden kann.

In diesem Zusammenhang ist ein Zitat von Balint erwähnenswert: „Die Chancen sind um so besser, je mehr der Therapeut die Ungleichheit zwischen dem Patienten und sich selbst verringern kann, je weniger er sich aufdrängt, und je einfacher er sich gibt“. Zusammenfassend kann man sagen, dass die stationäre Psychotherapie bei der Borderline-Störung die Funktion eines „Therapieorganisators (Hofmann, Hochapfel) haben soll. Die Art der ambulanten Nachbehandlung und der therapeutischen Beziehungsdichte, muss von Fall zu Fall geklärt werden. Mittlerweile wird in der Literatur eine langjährige, niederfrequente (eine Stunde pro Woche) psychoanalytisch orientierte Therapie empfohlen.

Psychopharmaka können bei Patienten mit der Borderline-Störung in Krisensituationen vorübergehend indiziert sein. Eine Langzeittherapie mit Substanzen, die ein hohes Abhängigkeitspotential aufweisen, z. B. Benzodiazepine, ist unbedingt zu vermeiden. Mittel- und niederpotente Neurolepktika sind, angesichts der Gefahr der Spätdyskinesien, kritisch und nur vorübergehend einzusetzen. Bei Patienten mit einer Borderline-Störung sollte eine psychopharmakologische Behandlung nie isoliert, sondern immer gemeinsam mit psychotherapeutischen Interventionen erfolgen.

Stationäre Psychotherapie der Borderline-Störung in der Hardtwaldklinik II:

In der Anfangsphase der Behandlung geht es darum, dass zwischen der Patientin/dem Patienten und der Bezugstherapeutin/dem Bezugstherapeuten eine tragfähige therapeutische Beziehung entsteht. Das Therapieprogramm der Borderline-Störung wird abgestimmt und gemeinsam festgelegt. Dies bedeutet, dass begleitende Maßnahmen wie ein Entspannungsverfahren, sportliche Aktivitäten sowie physikalische Maßnahmen vereinbart werden.

Gruppenpsychotherapie:

Die Gruppenpsychotherapie ist Hauptbestandteil der Behandlung der Hardtwaldklinik II. Hierbei handelt es sich um analytisch orientierte, aber auch interaktionelle Gruppen mit zwei Sitzungen pro Woche à 90 Minuten. In den analytisch orientierten Gruppen soll ein psychodynamisches Verständnis für die Verursachung der Borderline-Störung deutlich werden, aber auch die Beziehungsaspekte im Sinne von Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen. Interaktionell bedeutet, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Gruppe in intensiven Kontakt kommen, Erfahrungen austauschen, über ihr Befinden berichten und sich gegenseitig Rückmeldungen geben.

Kreativtherapie:

Die Kreativtherapie findet ebenfalls im Gruppensetting statt, wobei Musiktherapie, konzentrative Bewegungstherapie und Gestaltungstherapie zur Anwendung kommen. In diesem Rahmen können die Patientinnen/Patienten, die an einer Borderline-Störung leiden, lernen, ihr inneres Erleben, ihre Gefühle besser zu spüren, ihren Körper besser wahrzunehmen und sich in Beziehungen zu anderen zu erleben.

Bei bestimmten Indikationen, dies ist jedoch ein Ausnahmefall, kann ein Kreativverfahren im Einzelsetting verordnet werden.

Abgesehen davon gibt es in der Hardtwaldklinik II Gruppen mit Problem lösenden Ansätzen (z. B. Adipositasgruppe, Arbeitslosengruppe, Suchtinformationsgruppe), verhaltenstherapeutische Gruppen (z. B. Angstgruppe, Selbstsicherheitstraining) sowie eine milieutherapeutisch ausgerichtete Großgruppe. Auch das Entspannungsverfahren der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson erfolgt in der Gruppe.

Einzelpsychotherapie:

Hier handelt es sich um tiefenpsychologisch fundierte aber auch stützende Einzelgespräche, die Frequenz variiert einmal in Abhängigkeit vom Grad der bestehenden Borderline-Störung aber auch vom Therapieziel der Patientinnen/Patienten.

Sportliche Aktivitäten und physikalische Maßnahmen:

Diese werden individuell mit der Bezugstherapeutin/des Bezugstherapeuten besprochen und vereinbart. Hierbei handelt es sich um Angebote wie Fitnessgymnastik, Stretching, Badminton, Wassergymnastik, Wirbelsäulengymnastik sowie Kneipp’sche Anwendungen.

Freizeitbereich:

Hier besteht die Möglichkeit an alternativen Angeboten wie Terrainwandern, Musikwerkstatt, Gestaltungstherapie, Körperwahrnehmung und informativen Vorträgen durch unsere Psychologen teilzunehmen.

Informationen zu Krankheiten