Hierzu zählen mehrere Erkrankungen oder Erkrankungsgruppen (Syndrome), die gehäuft bei mehrjährigem Verlauf einer Zuckerkrankheit auftreten können. Gemeinsames Merkmal der Formen des diabetischen Spätsyndroms ist ein bestimmtes Phänomen bei erhöhten Blutzuckerwerten: bei einem Überangebot von Zuckermolekülen lagern sich diese an Eiweissmoleküle meist kleiner und kleinster arterieller Gefäße (Kapillaren) an und verdicken die sog. Basalmembran. Hierdurch wird das Gefäß eingeengt, der Blutfluss und damit das Angebot an Nahrungssubstanzen und Sauerstoff nimmt ab. Es entwickelt sich eine schleichende Gewebeschädigung. Man spricht von einer Mikroangiopathie. Ähnliche chemische Veränderungen sind auch an Zellen des peripheren Nervensystems möglich.

Neben der Schädigung der kleinen Blutgefäße können auch große Schlagadern betroffen sein. Zusammen mit Erkrankungen wie Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinspiegel, Nikotinabusus gehört die Zuckerkrankheit zu den wichtigsten Risikofaktoren für das Herzkreislaufsystem.

Als besonders schädlich ist ein gehäuftes Auftreten dieser Risikofaktoren anzusehen. Für das Spätsyndrom des Diabetes mellitus gilt, dass es um so schwerer ausfällt, je schlechter die Blutzuckereinstellung ist, je länger die Erkrankung besteht und je höher das Lebensalter ist. Konsequente Maßnahmen können die Prognose entscheidend verbessern, bedürfen jedoch der engagierten Mitarbeit des Patienten.

Folgende Krankheitsbilder gehören zum Spätsyndrom des Diabetes mellitus:

1. Retinopathie (Erkrankung der Netzhaut)

2. Nephropathie (Erkrankung der Nieren).

3. Neuropathie (Erkrankung der Nervenfasern).

4. Autonome Neuropathie (Erkrankung von Nerven, welche innere Organe versorgen).

5. Diabetisches Fußsyndrom.

6. Arteriosklerose (Erkrankung der Arterien, Makroangiopathie).

Diese Krankheiten des diabetischen Spätsyndroms können einzeln oder kombiniert auftreten. Sie sollen jetzt im Einzelnen erläutert werden.

Diabetes Spätsyndrom: Retinopathie

Die Schädigung der Netzhaut tritt bei den meisten Zuckerkranken auf; nach ca. 20 Jahren sind 80 % der Typ I Diabetiker und ca. 50 % der Typ II Diabetiker betroffen. Die Erkrankung schreitet über Jahre langsam fort. Das Sehvermögen verschlechtert sich unter Umständen bis zur Erblindung. Regelmäßige Augenärztliche Untersuchungen des Augenhintergrundes sind zur Feststellung des Krankheitsstadiums und evtl. notwendiger Behandlungen erforderlich. Die Behandlung besteht in möglichst optimaler Einstellung des Stoffwechsels und des Blutdrucks. Fortgeschrittene Stadien sind durch Einsatz von Lasertechniken behandelbar.

Zu erwähnen ist noch eine Schädigung der Augenlinse, (grauer Star oder Katarakt). Mittlerweile sind auch operative Verfahren zum Linsenersatz verfügbar.

Diabetes Spätsyndrom: Nephropathie

Die diabetische Nierenerkrankung tritt im Rahmen des diabetischen Spätsyndroms nach 15 bis 20 Jahren Diabetes dauer bei 50 % der Erkrankten auf. Schleichend über Jahre entwickeln sich Gefäßveränderungen, die über 5 Stadien schließlich zum Nierenversagen führen. Dieses muss durch die Dialyse behandelt werden. In Deutschland sind ca. 1/3 der Dialysepatienten Diabetiker. Rechtzeitig erkannt und behandelt, d. h. wiederum optimale Zucker- und Blutdruckeinstellung, kann die Erkrankung in den ersten Stadien verharren oder sich sogar zurückbilden. Seit einigen Jahren ist eine frühzeitige Diagnostik der Nierenschädigung gegeben über eine Messung minimaler Eiweißausscheidung im Urin (Mikroalbuminurie). Neuere Arzneimittel zur Blutdrucksenkung ( z. B. ACE-Hemmer) haben selbst eine günstige Wirkung auf die Niere und können ein Fortschreiten der Schädigung aufhalten.

Diabetes Spätsyndrom: Neuropathie

Die diabetische Nervenstörung tritt nach 15 bis 25 Jahren bei ca. 50 % der Betroffenen auf. Da oft ein gemischtes Bild mit Einbeziehung vieler verschiedener Nervenfasern vorliegt, spricht man auch von Polyneuropathie. Die längsten Fasern sind zuerst betroffen, d. h. meist diejenigen des Fußes. Im Wesentlichen handelt es sich um eine Störung der Leitung von Gefühlswahrnehmungen wie Schmerz, Temperatur, Druck, Vibration. Die betroffenen Hautpartien werden strumpfförmig auf beiden Seiten angegeben. Vor allem die Schmerzunempfindlichkeit erhöht die Gefahr kleiner Verletzungen und verzögert ihre Feststellung und Behandlung. Des Weiteren können zum Teil sehr unangenehme Missempfindungen auftreten wie Wadenkrämpfe, Kribbeln, Brennen der Fuße. Die Beschwerden können nachts zunehmen, sodass manchmal nicht einmal die Bettdecke auf den Füßen toleriert wird. Zur Behandlung kommen verschiedene Medikamente zur Anwendung, oral oder als Infusion. Als Beispiele seien Alpha-Liponsäure und Vitamin-B-Präparate genannt. Bei guter Stoffwechselführung können sich die genannten Symptome teilweise rasch bessern.

Diabetes Spätsyndrom: Autonome Neuropathie

Auch die Fasern des autonomen oder vegetativen Nervensystems (Sympathikus und Parasympathikus), welche die inneren Organe versorgen, können durch das diabetische Spätsyndrom geschädigt sein. Je nach betroffenem Organsystem ergeben sich unterschiedliche Erkrankungsformen.

a) Herz-Kreislaufsystem (cardio-vaskulär)

Die Schmerzempfindlichkeit nimmt ab, sodass eine Herzkranzgefäßerkrankung nicht oder zu spät wahrgenommen wird. Selbst Herzinfarkte werden oft nicht bemerkt (stummer Infarkt), wodurch sich eine lebensgefährliche Situation ergibt. Die Regelung der Herzfrequenz und des Blutdrucks verschlechtert sich bis zur Starre, d. h. der Kreislauf kann nicht mehr auf stärkere Belastung reagieren und es kann zum Kollaps kommen.

b) Magen-Darm-Trakt:

Folgende Symptome können durch die mangelhafte Steuerung des Muskelschlauches von Magen und Darm auftreten: Schluckstörung, Störung der Magenentleerung (Gastroparese) mit Übelkeit, Erbrechen, Völlegefühl. Die Darmstörung macht sich mit Verstopfung und vor allem nächtlichem Durchfall bemerkbar.

Die gängigen Magen-Darm-Mittel sind auch hier wirksam.

c) Urogenitalsystem:

Es kommen Blasenentleerungsstörungen vor (Blasenatonie) mit der Gefahr von gehäuften Harnwegsinfekten.

Häufig sind Impotenz und erektile Dysfunktion (ca 30 %). In diesen Fällen kann ein Urologe hinzugezogen werden.

Diabetes Spätsyndrom: Diabetisches Fußsyndrom

Hierbei handelt es sich um einen sehr problematischen Symptomenkomplex mit teilweise langwierigen und eingreifenden Komplikationen. Meist wirken mehrere Faktoren zusammen: Durch Mikro- und Makroangiopathie ist die Durchblutung des Fußes vermindert; dadurch ist die Versorgung des Gewebes ungenügend; die Heilung verläuft verzögert. Durch die Nervenstörung werden kleine Verletzungen nicht bemerkt. Hinzu treten meist Infektionen, z. B. Eiterungen kleiner Wunden oder offener Druckstellen. Auch Fußpilz stellt über kleine Hautrisse eine Eintrittspforte dar. Rasch, innerhalb weniger Tage, können sich Infektionen in die Tiefe ausbreiten und gefährden die Gliedmaße. Nicht selten muss eine chirurgische Sanierung erfolgen, teilweise bis zu Amputationen.

Zur Prophylaxe sollte der Diabetiker täglich eine sorgfältige Inspektion der Füße vornehmen. Hierzu sind spezielle Schulungsprogramme erhältlich. Es ist auf sorgfältige Fußpflege, Hygiene und sofortige Behandlung auch kleiner Verletzungen zu achten. Unter Umständen ist Spezialschuhwerk erforderlich.

In fortgeschrittenen Stadien können darüber hinaus Schädigungen von Knochen und Gelenken der Füße auftreten.

Diabetes Spätsyndrom: Arteriosklerose (Makroangiopathie)

Hierbei kommt es zu Verengungen oder auch Verschlüssen der größeren Gefäße, wobei der Diabetes mellitus als cardiovaskulärer Risikofaktor auftritt, s. o.

Die Arteriosklerose findet sich vor allem bei folgenden Erkrankungen:

  • Herzkranzgefäßerkrankung (KHK)
  • Herzinfarkt (ca. 50 % der Diabetiker sterben an Herzinfarkt)
  • Schlaganfall
  • Verengung der Beinarterien (periphere arterielle Verschlusskrankheit).

Diese Vielfalt und Häufigkeit von Komplikationen im Rahmen des diabetischen Spätsyndroms machen regelmäßige ärztliche Kontrolluntersuchungen neben der sorgfältigen Selbstbeobachtung erforderlich.

Die beste Behandlung stellt eine frühzeitige und optimale Blutzuckereinstellung dar. Des Weiteren muss die angemessene Behandlung der oft begleitenden anderen Risikofaktoren beachtet werden.

Hierdurch können viele Symptome des diabetischen Spätsyndrom s verhindert, verzögert oder sogar zurückgebildet werden. Damit können Einbußen Lebensqualität und Lebenszeit verhindert oder zumindest gemindert werden.

In der HWK II werden Diabetes mellitus und seine Komplikationen im Rahmen der ärztlichen Mitbetreuung bei der Aufnahmeuntersuchung und bei Routinelaboruntersuchungen erfasst und weiter behandelt unter der entsprechenden Stoffwechselkontrolle.

Die Blutzuckereinstellung kann durch Medikamentenanpassung und Beratung durch Arzt oder Ärztin und eine Diätassistentin optimiert werden. Komplikationen des Spätsyndroms können durch internistische und anderweitige fachärztliche Mitbehandlung betreut werden. 

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