Erektile Dysfunktion (Impotenz)

(Teil 1 zu diesem Themenkomplex finden Sie unter Sexuelle Störungen)

Insgesamt stellen bei den sexuellen Störungen die sexuellen Funktionsstörungen (somit auch Erektionsstörungen) die mit Abstand bedeutsamste Gruppe dar.

Mehr als bei den anderen Gruppen sexueller Störungen greifen bei den Funktionsstörungen organische und psychische Faktoren ineinander und machen einen integrativen, biopsychosozialen Zugang notwendig. Dabei scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, das therapeutisches Handeln nicht nur auf eine reine Symptombeseitigung und Wiederherstellung der sexuellen Funktion beschränkt sein darf, sondern sexuelle Gesundheit in ihrer Bedeutung für die allgemeine und sexualbezogene Lebensqualität als Zielgröße mit einbeziehen muss.

Wichtige Resultate aus aktuellen Studien haben den Zusammenhang zwischen sexueller Gesundheit und allgemeiner Lebenszufriedenheit klar gezeigt. Im Einzelnen konnten dabei folgende Ergebnisse festgestellt werden:

  • Personen, die nicht sexuell aktiv sind, haben eine deutlich niedrigere Lebensqualität, wobei dieser Zusammenhang von dem Fehlen eines geeigneten Sexualpartners mitbestimmt wird.
  • Männer mit Sexualstörungen haben im Vergleich zu nicht funktionsgestörten Männern erhebliche Einbußen in den emotionalen, sozialen und sexuellen Qualitäten von Intimität und Paarverbundenheit, und die sexuelle Dysfunktion ist bei ihnen assoziiert mit einem Zusammenbruch der emotionalen und sexuellen Nähe in der Partnerschaft, einer Verminderung des gegenseitigen Austauschs sowie einem Rückgang der Teilnahme an sozialen und Freizeitaktivitäten.
  • In den klinischen Studien führte eine Reduktion der sexuellen Symptomatik zu signifikanten Verbesserungen der Lebenszufriedenheit sowie der seelischen Gesundheit, speziell zur Verminderung von Ängsten und Depressionen und zur Verbesserung der interpersonalen Sensibilität und Selbstachtung.

Damit wird deutlich, dass bei der Behandlung sexueller Probleme ein zentraler Erlebens- und Verhaltensbereich des Menschen angesprochen wird.

I. Erektionsstörungen, erektile Dysfunktion (Impotenz)

Erektionsstörungen sind zwar nicht die häufigsten sexuellen Funktionsprobleme des Mannes, stellen aber in der Konsultation den häufigsten Anlass für einen Arztbesuch dar. Hierbei kommen der enorme Leidensdruck und die erheblichen psychosozialen Auswirkungen zum Ausdruck, den Erektionsstörungen auf das Sexualleben, das Selbstwertgefühl und die gesamte psychophysische Befindlichkeit des Mannes nehmen.

Als Erektionsstörungen bezeichnet man eine anhaltende oder wiederkehrende Unfähigkeit, eine Erektion zu erlangen oder aufrecht zu erhalten, die für eine befriedigende sexuelle Funktion ausreichend ist.

Die Häufigkeitsangaben bezüglich der Erektionsstörung und deren Verteilung in der männlichen Bevölkerung sind sehr unterschiedlich. Deutlich ist allerdings in allen Studien der klare Zusammenhang mit dem Lebensalter und einer damit verbundenen Verdreifachung des Prozentsatzes zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr.

Ursachen der Erektionsstörungen:

Wie bei allen sexuellen Funktionsstörungen können die Ursachen der Erektionsstörungen sehr unterschiedlich sein und sowohl körperliche wie psychische Faktoren oder eine Kombination beider Aspekte beinhalten.

Körperliche Ursachen von Erektionsstörungen:

  • angeborenen oder erworbene Fehlbildungen
  • somatische Erkrankungen
  • Gefäßerkrankungen (Arteriosklerose, Diabetes mellitus)
  • Erkrankungen des Nervensystem
  • Erkrankungen der Muskulatur
  • Allgemeinerkrankungen
  • Genitalerkrankungen
  • psychiatrische Erkrankungen
  • Medikamente und Drogen

Bei den psychogenen Ursachen von Erektionsstörungen werden verschiedene Unterscheidungen bezüglich des Auftretens der Störung beschrieben:

I. Generalisierter Typ

A. Generalisierte Reaktionsunfähigkeit

  • Primärer Mangel an sexueller Erregbarkeit
  • Alterskorrelierter Rückgang der sexuellen Erregbarkeit

B. Generalisierte Hemmung

  • Chronische Störung der sexuellen Intimität

II. Situativer Typ

A. Partnerbezogen

  • Mangel an sexueller Erregbarkeit in einer spezifischen
    Partnerbeziehung
  • Mangel an sexueller Erregbarkeit aufgrund einer sexuellen Objektpräferenz
  • Starke zentrale Hemmung aufgrund Partnerkonflikt oder Bedrohungsgefühl

B. Bedingt durch Leistungsanforderungen

  • In Verbindung mit anderen sexuellen Dysfunktionen (z.B. vorzeitiger Orgasmus)
  • Situative Leistungsangst (z.B. Angst zu Versagen)

C. Bedingt durch psychischen Distress

  • In Verbindung mit einer negativen Gemütsverfassung (z.B. einer Depression) oder einem belastenden Lebensereignis (z.B. Tod des Partners)

Therapie der Erektionsstörungen:

Die stationäre Behandlung von Erektionsstörungen beginnt mit einer ausführlichen und detaillierten Krankheitserhebung der sexuellen Symptomatik unter spezieller Bezugnahme auf mögliche psychische und auch paarbezogene Zusammenhänge. Mögliche organmedizinische Ursachen werden geklärt und ggf. interdisziplinär mitbehandelt. Ein individueller Therapieplan wird gemeinsam mit dem Patienten unter Berücksichtigung und Reflektion aller organischen wie psychologischen Therapieoptionen erstellt. In stützenden und konfliktzentrierten Einzelgesprächen wird besonderer Wert auf die Klärung der jeweiligen Hintergründe und Aufklärung in einem vertrauensvollen und angemessenen therapeutischen Kontakt unter Beachtung individueller Schamgrenzen gelegt.

Im Vordergrund der therapeutischen Behandlung von Erektionsstörungen steht dabei der Umgang mit Versagensängsten und Leistungsdruck, die zusammen mit weiteren destruktiven Mechanismen wie Selbstbeobachtung, Ablenkung, Resignation und der inneren „Negativprogrammierung„ des erneuten Erektionsversagens Kernmerkmale der Erektionsstörungen sind. Der Patient erhält die Möglichkeit, durch die vom Therapeuten vorgeschlagenen Verhaltensanleitungen neue Erfahrungen zu machen, wobei mögliche verzerrte Vorstellungen, rigide Verhaltensskripts, ungünstige Paarinteraktionen, negative Erwartungen, innere Monologe etc. aufgedeckt, korrigiert und modifiziert werden.

Entsprechend der jeweiligen Indikation finden Paargespräche mit Fokussierung auf die sexuelle Symptomatik statt.

Kombiniert werden können kreativpsychotherapeutische Gruppen- und Einzelverfahren wie Konzentrative Bewegungstherapie (KBT), Gestaltungstherapie oder Musiktherapie.

Ergänzend kommen Entspannungsverfahren zur Anwendung, die unterstützend auf den psychotherapeutischen Prozess wirken.

Daneben kommen noch Allgemeinmaßnahmen in der Hardtwaldklinik II bei der Therapie von Erektionsstörungen hinzu. Besonderer Wert wird auch auf eine enge Kooperation zwischen Klinik und niedergelassenen Fachkollegen gelegt, um eine möglichst umfassende Versorgung auch im Hinblick auf eine mögliche Fortsetzung der Behandlung im ambulanten Setting zu gewährleisten. 

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