Essstörungen: Einleitung

Essstörungen (Magersucht mit Gewichtsverlust und Untergewicht, Bulimie, Adipositas/Fettsucht) sind heutzutage keine Seltenheit mehr, oft werden sie nicht erkannt, da viele Betroffene aus Schamgefühl sich scheuen, über Essstörungen zu sprechen oder gar einen Arzt oder Therapeuten aufzusuchen. Häufig wird auch in der familiären Umgebung die Problematik eines essgestörten Verhaltens nicht deutlich, da die Betroffenen vieles unternehmen, um das gestörte Essverhalten zu vertuschen. Abgesehen davon werden die Essstörungen von manchen Angehörigen als etwas Vorübergehendes „was sich auswächst“ verstanden, auch wenn es zu einem deutlichen Gewichtsverlust kommt oder bereits Untergewicht vorliegt. Im weitesten Sinne fallen die Essstörungen in den Bereich Abhängigkeit, daher auch die Begriffe Magersucht, Ess-/Brechsucht und Fettsucht.

Die Ursachen der Essstörungen sind vielschichtig, d. h. dass sowohl biologische Faktoren (genetisch bedingte Sensibilität im Sinne von Anfälligkeit), psychologische Faktoren (Selbstwertprobleme, familiäre Konflikte, Verlust- und Trennungsereignisse, Abhängigkeit etc.) aber auch soziokulturelle Faktoren können zu einem gestörten Essverhalten führen. Gerade in unserer hoch industrialisierten Gesellschaft mit Nahrungsüberschuss findet sich ein Schlankheitsideal (Untergewicht) mit dem Attraktivität, Leistungsfähigkeit und Erfolg vermittelt wird.

Gleichzeitig wird Übergewicht, insbesondere die Fettsucht, als etwas negatives, fast ein Stigma, dargestellt. In den Frauenzeitschriften wird auf den Modeseiten die Frau untergewichtig bis überschlank präsentiert, im informativen Teil intellektuell kritisch, emanzipiert und leistungsfähig, in dem Teil mit den Kochrezepten mütterlich-versorgend aber gleichzeitig mit Ernährungs- und Diätratschlägen gewappnet. In der Fernsehwerbung findet man eine junge, schlanke, fröhliche und zufriedene Frau, die mit den Wörtern „ich will so bleiben wie ich bin“ Werbung für fettreduzierte Nahrungsmittel macht mit dem Namen „Du darfst“.

Essstörungen: Anorexia nervosa (Magersucht)

Diese Essstörung tritt häufig bei Mädchen/Frauen zwischen dem 13. und 25. Lebensjahr auf. Die Betroffenen leiden unter der massiven Angst, dick zu werden und unternehmen einiges, um einen Gewichtsverlust herbeizuführen. Durch Nahrungsverweigerung, manchmal Einnahme von Abführmittel oder Appetitzüglern kommt es zu einem massiven Untergewicht (15 bis 50 % unter dem für die Größe und Alter normalen Gewicht).

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers ist gestört, die Frauen erleben sich nach wie vor zu dick, fettsüchtig und verleugnen unbewusst die Schwere der Erkrankung. Durch diese Form der Essstörungen kommt es zu einem chronischen Nahrungsmittelmangel, der zum Gewichtsverlust und Untergewicht führt, es stellen sich Hormonstörungen, Haarausfall und trockene Haut ein, auch die Periode bleibt aus. Die Betroffenen sind trotz des Untergewichts in intellektueller und körperlicher Hinsicht hyperaktiv und erbringen erstaunliche Leistungen. Magersüchtige Mädchen/Frauen lehnen ihre eigenen körperlichen und gefühlsmäßigen Bedürfnisse ab. Sie leben sozusagen in ihrer eigenen Welt und vermeiden soziale Kontakte.

Essstörungen: Auslösende Faktoren

Diese Form der Essstörungen tritt gehäuft in einer sehr sensiblen Phase, der Pubertät, auf. Die Betroffenen werden mit körperlichen Veränderungen aber auch sozialen Anforderungen konfrontiert, von denen sie sich verunsichert und überfordert fühlen und unterschwellig das Gefühl haben in einer gewissen Abhängigkeit zu leben. Das Mädchen wird zur Frau, Veränderungen wie Wechsel in eine weiterführende Schule, Ausbildungsplatz, Studium etc. zeichnen sich ab. In dieser Situation fühlen sich die Mädchen/junge Frauen sehr selbstunsicher, leiden unter Selbstunwertgefühlen, Selbstzweifeln und entwickeln erhebliche Ängste vor den Veränderungen in der Zukunft. Das Untergewicht vermittelt unbewusst das Gefühl, Kontrolle über das Körpergewicht zu haben und somit ein gewisses Gefühl von Sicherheit und Un-Abhängigkeit. Bereits vordergründig unwichtige Ereignisse (Bemerkung über rundliche Körperformen, erster körperlicher Kontakt mit dem anderen Geschlecht, Auszug der älteren Geschwister) können zum Ausbruch oder Verstärkung der bestehenden Symptomatik dieser Essstörung führen führen.

Essstörungen: Ess-/Brechsucht, Bulimia nervosa

Diese Form der Essstörungen tritt häufig bei Mädchen/Frauen zwischen dem 18. und 30. Lebensjahr auf. Die Betroffenen beschäftigen sich ständig mit dem Thema Essen, dessen Beschaffung und Zubereitung. Typisch sind Heißhungerattacken mit Essanfällen, hier kommt es zu einem Kontrollverlust, das bedeutet, dass die jungen Frauen, die an dieser Form der Essstörungen leiden große Nahrungsmengen in einer kurzen Zeitspanne zu sich nehmen, jedoch kein Hunger- oder Sättigungsgefühl verspüren. Nach dem Essanfall werden unangemessene Kompensationsmechanismen eingesetzt, d. h. es kommt zum Erbrechen (häufig von der Betroffenen selbst ausgelöst), Einnahme von Abführmitteln, Diuretika oder Schilddrüsenhormonen sowie exzessiver sportlicher Betätigung, um einen Gewichtsverlust zu erzielen. Auch bei dieser Art der Essstörungen findet sich eine überwertige Angst vor einer Gewichtszunahme bei einem gleichzeitig bestehenden Bild eines „idealen Körpers“. Schon die Phantasie an Fettsucht zu erkranken löst massive Ängste und Selbstunwertgefühle aus. Auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers ist gestört, die häufig attraktiven, normalgewichtigen bis schlanken Frauen erleben sich als dick, unattraktiv und hässlich.

Die Essattacken, die kennzeichnend für diese Form der Essstörungen sind, treten häufig in Situationen auf, in denen die Betroffenen Gefühle wie Angst, Traurigkeit, Wut aber auch Wünsche nach Beachtung, Zuwendung und Intimität verspüren. Die Aufnahme einer großen Nahrungsmenge erzeugt eine starke Angst vor einer Gewichtszunahme, die durch Erbrechen kurzfristig abgeschwächt wird. Danach stellen sich rasch Scham, Schuld und Versagensgefühle ein, häufig auch erhebliche depressive Verstimmungen mit Suizidgedanken. Das oben beschriebene Essverhalten dieser Art der Essstörungen verselbstständigt sich sehr häufig bis zur Abhängigkeit.

Aufgrund des gestörten Essverhaltens treten medizinische Probleme auf. Es kommt zum Kaliummangel, der zu ernsthaften Herzrhythmusstörungen führen kann. Durch das Erbrechen kommt es bei dieser Form der Essstörungen zur Schädigung der Speiseröhre und der Zähne. Infolge des gestörten Mineralstoffwechsels und Hormonstoffwechsels kommt es zum Haarausfall und Ausbleiben der Menstruation. Bei diesen Patientinnen findet man Untergewicht nicht so häufig, die meisten sind normgewichtig.

Essstörungen: Auslösende Faktoren

Die bulimische Symptomatik tritt häufig in einer Verselbstständigungsphase auf (Studienbeginn, Berufseinstieg, Bezug einer eigenen Wohnung), in der eine räumliche Trennung vom Elternhaus ansteht. Es handelt sich häufig um Situationen, in denen sich die jungen Frauen exponiert fühlen und das Gefühl haben, sich bewähren zu müssen. Gleichzeitig erleben sie sich als ungenügend oder abgelehnt und zurückgewiesen. Der psychodynamische Hintergrund dieser Essstörung besteht häufig in einem Abhängigkeits-/Autonomiekonflikt.

Essstörungen: Fettsucht / Adipositas

Fettsucht bedeutet eine Vermehrung des Körpergewichtes durch eine verstärkte Bildung und Ansammlung von Fettgewebe im Körper. Diese Art der Essstörungen entsteht, wenn die Energiezufuhr, hier insbesondere durch fette Nahrungsmittel, den Energieverbrauch übersteigt. Eine Objektivierung kann bei Frauen und Männern anhand des Body-Mass-Index (BMI) erfolgen: BMI = Gewicht in kg geteilt durch Körpergröße in m2. Adipositas beginnt ab dem BMI von 30, extreme Adipositas ab einem BMI von 40.

Nicht jeder von der Fettsucht Betroffene hat psychische Probleme oder erkrankt psychisch. So gibt es einmal eine familiäre Anfälligkeit, wenn es in der Ursprungsfamilie eine Häufung an übergewichtigen Angehörigen gibt, auch Bewegungsmangel spielt eine wesentliche Rolle. Einige Krankheiten, z. B. Schilddrüsenunterfunktion, aber auch Medikamente wie „die Pille“, Cortisonpräparate und Antidepressiva können eine Gewichtszunahme auslösen oder verstärken und somit zu dieser Form der Essstörungen führen. In zunehmendem Alter nimmt der Energieverbrauch (Kalorienverbrauch) des Körpers ab.

Einige Menschen reagieren auf Belastungssituationen oder Situationen mit denen Gefühle wie Wut, Trauer, Langeweile verbunden sind mit verstärkter Nahrungszufuhr. Diese Betroffenen setzen unbewusst das Essen ein, um negative Gefühle (Ängste, Depressionen, Wut, Einsamkeit) abzuschwächen oder zu überdecken, häufig auch im gewissen Sinne als Trost. Auch hier entwickelt sich, ähnlich wie bei den anderen Essstörungen, in gewissem Sinne eine Abhängigkeit.

Es können folgende Untergruppen dieser Essstörung unterschieden werden (Freiberger 1976, Zit. nach Hoffmann Hochapfel 1995):

„Rauschesser“: die Betroffenen neigen zu Essattacken, die häufig durch Unlust und Anspannung ausgelöst werden, dieses Essverhalten ist mit einer auslösenden Situation verbunden.

„Daueresser“: der Appetit der Betroffenen ist fast ständig erhöht.

„Nimmersatte“: bei diesen Menschen fehlt Appetit- und Sättigungsempfinden.

„Nachtesser“: diese Menschen zeigen tagsüber ein durchaus restriktives Essverhalten, leiden an Ein- und Durchschlafstörungen und entwickeln nachts Hungergefühle.

Essstörungen: Medizinische Konsequenzen und Probleme

Die Fettsucht führt häufig zu psychischen Störungen wie depressive Verstimmungen verbunden mit Minderwertigkeitsgefühlen und Nachlassen des Selbstwertgefühls. In körperlicher Hinsicht leiden die Betroffenen, die an dieser Form der Essstörungen leiden, unter Kurzatmigkeit, neigen zu starkem Schwitzen, ermüden schnell bei körperlicher Belastung und leiden unter Gelenkschmerzen. Ferner steigt im Rahmen der Fettsucht das Risiko folgender Erkrankungen: Bluthochdruck, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Gicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Gallensteine, Krebs (z. B. Brust-, Gebärmutter- und Dickdarmkrebs).

Essstörungen: Therapieprogramm in der Hardtwaldklinik II

Einzelpsychotherapie

In der Anfangsphase der Behandlung der Essstörungen geht es darum, dass zwischen der Patientin/dem Patient und der Bezugstherapeutin/-therapeuten eine tragfähige therapeutische Beziehung entstehen soll. Das Therapieprogramm wird auf die vorliegende Art der Essstörungen abgestimmt und festgelegt, das bedeutet, dass begleitende Maßnahmen wie sportliche Aktivitäten, physikalische Maßnahmen und Erstellung von Essprotokollen und ggf. ein Angehörigengespräch vereinbart wird. Im Verlauf werden die psychodynamischen Aspekte der Essstörungen z. B. Konstellationen in der Herkunftsfamilie, Problematik der Abhängigkeit etc. beleuchtet. In der Regel gibt es ein bis zwei Einzelgespräche à 30 Minuten pro Woche. Die Frequenz variiert in Abhängigkeit vom Grad der bestehenden Essstörung aber auch vom Therapieziel der Patientinnen/Patienten. Behandelt werden folgende Essstörungen: Anorexie mit Untergewicht, Bulimie und Adipositas (Fettsucht).

Gruppenpsychotherapie

Die Gruppenpsychotherapie ist Hauptbestandteil der Behandlung der Essstörungen. Hierbei handelt es sich um interaktionelles Setting mit zwei Sitzungen pro Woche à 90 Minuten. Interaktionell bedeutet, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Gruppe intensiv in Kontakt kommen, Erfahrungen austauschen, über ihr aktuelles Befinden berichten und sich gegenseitig Rückmeldungen geben. Es handelt sich nicht um spezielle Indikationsgruppen die nur auf essgestörte Patienten ausgerichtet sind.

Kreativtherapie

Die Kreativtherapie findet ebenfalls im Gruppensetting statt, wobei wir Musiktherapie oder eine Körperwahrnehmungsgruppe anbieten können. In diesem Rahmen könnten die Patientinnen/Patienten die an Essstörungen leiden lernen, ihre Gefühle besser zu spüren und ihren Körper wahrzunehmen und sich in Beziehungen zu anderen zu erleben.

Essstörungen: Essverhaltenstraining/Ernährungsberatungsgruppe

In diesem Gruppensetting haben die Patientinnen/Patienten mit Unterstützung einer erfahrenen Ernährungsberaterin die Möglichkeit, ihr Essverhalten zu beleuchten, über Gewichtsverlust, Untergewicht und Fettsucht zu sprechen und ein neues Essverhalten einzuüben. Abgesehen davon werden die Betroffenen über physiologische Folgen von Essstörungen (Essanfälle und Hungerperioden) sowie über ein gesundes Essverhalten informiert. Es gibt auch die Möglichkeit Mahlzeiten gemeinsam zu planen und zuzubereiten.

Sportliche Aktivitäten/physikalische Maßnahmen

Diese werden individuell mit der Bezugstherapeutin/-therapeuten besprochen und vereinbart.

Freizeitbereich

Hier besteht die Möglichkeit an alternativen Angeboten wie Terrainwandern, informativen Vorträgen durch unsere Psychologen, Musikwerkstatt und Gestaltungstherapie teilzunehmen.

 

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