Was ist Höhenangst?

Höhenangst ist eine anhaltende und unangemessene Angst in der Höhe.

Höhenangst wird ausgelöst durch den Aufenthalt auf Brücken, einem Hochhaus, einem Balkon, einer Plattform, einem Turm, einer Leiter, einem steilen Abhang, oder ähnlichem. Bei manchen Menschen tritt Höhenangst nur im Freien auf, und nicht wenn sie hinter einer Glasscheibe stehen.

Die Höhenangst ist meist von vielfältigen körperlichen Symptomen begleitet, die sich innerhalb weniger Sekunden oder Minuten zu einem Höhepunkt steigern können. Die häufigsten körperlichen Symptome sind Herzklopfen, Herzrasen, Atemnot, Schwindel, Benommenheit, Schwitzen, Brustschmerzen sowie Druck- oder Engegefühl in der Brust. Häufig sind diese körperlichen Symptome verbunden mit der Angst, die Kontrolle zu verlieren oder zu sterben. Typisch für Personen mit Höhenangst sind Gedanken wie „Ich verliere die Kontrolle über mich und springe hinunter“, „ich falle“, die auch dann nicht korrigiert werden können, wenn die Person einen Schritt vom Abgrund zurücktritt.

Oft zeigen die von Höhenangst Betroffenen ausgeprägtes hilfesuchendes Verhalten: Sie rufen den Notarzt, bitten Angehörige um Hilfe oder nehmen Beruhigungsmittel ein.

Aus Angst, weitere, nicht kontrollierbar erscheinende Höhenangstattacken zu erleiden, entwickeln Betroffene oft sehr schnell eine Erwartungsangst (Angst vor der Angst), die häufig dazu führt, dass Menschen mit Höhenangst das weitere Aufsuchen von Höhe vermeiden.

Höhenangst entsteht aus normalem Höhenschwindel, der immer dann auftritt, wenn der Mensch sich in größerer Höhe befindet. Höhenschwindel ist ein Entfernungsschwindel, der auf nachvollziehbaren biologischen Grundlagen basiert. Wird die Entfernung zwischen dem nächsten sichtbaren feststehenden Objekt zu groß, kann dieses Objekt nur dann mit beiden Augen scharf gesehen werden, wenn der Kopf leicht hin und her pendelt. Dies geschieht automatisch und unmerklich.

Hinzu kommt, dass der Körper seine Lage über die Peripherie der Netzhaut des Auges stabilisiert. Geraten nun beim Blick nach unten feststehende kontrastreiche Gegenstände aus dem seitlichen Blickfeld, fällt ein wichtiger stabilisierender Faktor weg. Die Stabilisierung des Körpers erfolgt dann über eine Steigerung der ebenfalls normalen Pendelbewegungen des gesamten Körpers, durch die das Körpergleichgewicht aufrecht erhalten wird. In der Höhe entsteht also ein physiologisch normales Schwanken, das in der Regel mit Hilfe kompensatorischer Mechanismen des Gleichgewichtsorganes und der propriozeptiven Nerven ausgeglichen werden kann. Häufig ist der Höhenschwindel verbunden mit Gedanken, wie z.B. daran zu fallen, die Kontrolle zu verlieren oder hinunterzuspringen. Diese können jedoch mit etwas räumlichen Abstand vom Abgrund, d.h. dann wenn feststehende Objekte in der nahen Umgebung im seitlichen Blickfeld auftauchen, rasch relativiert werden.

Diese Relativierung der Kontrollverlustangst ist im Gegensatz dazu bei der Höhenangst nicht möglich.

Höhenangst in Kombination mit anderen Ängsten

Höhenangst kann isoliert als spezifische Phobie auftreten, d.h. die davon betroffenen Menschen leiden dann ausschließlich an einer Angst vor Höhe. Höhenangst kann jedoch auch in Kombination mit anderen Ängsten auftreten, wie z.B. der Angst vor öffentlichen Räumen und Menschenansammlungen, der Angst vor engen Räumen oder Situationen, die sie nicht verlassen können und der Angst, sich von „sicheren Orten“ (meist dem Zuhause) zu entfernen. Liegt solch eine Kombination vor, ist die Höhenangst Teil agoraphobischer Ängste und man spricht dann vom Vorliegen einer Agoraphobie.

Ist Höhenangst behandelbar?

1. Medikamente

Die Einnahme von beruhigenden Medikamenten wie z.B. Johanniskraut, Baldrian oder auch

Benzodiazepinen hat nur vorübergehend und sehr kurzfristig einen angstmildernden Effekt. Die unerwünschte, längerfristige Folge einer Medikamenteneinnahme ist jedoch eine Chronifizierung der Angst und ist häufig verbunden mit einem weiteren Anstieg der Höhenangst. Deshalb ist von einer Medikamenteneinnahme generell abzuraten.

Bei Höhenangst ist die Einnahme beruhigender Medikamente in manchen Situationen sogar kontraindiziert, da diese häufig auch das Reaktionsvermögen beeinträchtigen.

2. Psychotherapie

Die Verhaltenstherapie kann aufgrund ihrer wissenschaftlich nachgewiesenen Effekte als die erfolgversprechendste Form der Psychotherapie bei Höhenangst angesehen werden.

In der Verhaltenstherapie wird davon ausgegangen, dass menschliches Verhalten, gleich, ob es als normal oder abweichend bezeichnet wird, durch die persönliche und soziale Lerngeschichte der Person, die Bedingungen der aktuellen Lebenssituation sowie durch die positiven oder negativen Konsequenzen des Verhaltens bestimmt wird. Die Höhenangst wird als Resultat prädisponierender, auslösender und aufrechterhaltender Bedingungen verstanden. Die Behandlung setzt in der Regel an der Höhenangst der Betroffenen an und zwar an denjenigen Bedingungen, deren Änderung für eine dauerhafte Lösung des Problems als notwendig erachtet werden. Der Schwerpunkt der Behandlung liegt auf einer langfristigen Veränderung der die Höhenangst aufrechterhaltenden Denk-, Erlebens- und Verhaltensmuster des Betroffenen. Der Betroffene wird angeleitet, diese neuen Verhaltensmuster aktiv zu erproben, sowohl im therapeutischen Setting als auch in seinen Alltagsbedingungen. Er soll „Experte“ seiner Problematik werden und in der Lage sein, eine selbstständige Analyse seiner Probleme zu erstellen und angemessene Lösungsansätze auch für zukünftige Probleme zu entwickeln.

Ziel der Therapie ist die Reduktion bzw. der Abbau des Vermeidungsverhaltens und der Angstreaktion beim Aufsuchen der Höhe. Die Methode, die sich hier allen anderen Therapieinterventionen als klar überlegen gezeigt hat, ist die Konfrontation in vivo, d. h. das Aufsuchen der angstauslösenden Situationen. Der Betroffene soll lernen, dass er die Höhe aufsuchen kann und sich dort aufhalten kann, ohne dass die von ihm gefürchtete Katastrophe eintritt. Durch Zulassen der Ängste und durch den Verbleib in den jeweiligen Situationen lernt er, dass die befürchteten „Katastrophen“ nicht tatsächlich eintreten, sondern dass die Angst und die damit einhergehenden körperlichen Reaktionen von alleine wieder abklingen. Er lernt zudem, dass er selbst Einfluss auf die Angstreaktion nehmen kann. Ganz wichtig für die Durchführung des Konfrontationsverfahrens ist die Vorbereitung der Angstkonfrontationsübungen. Dem Betroffenen werden Informationen zu psycho-physiologischen Zusammenhängen der Angstreaktion, der „Teufelskreis der Angst“, die Angstverlaufskurven und das Prinzip der Habituation (Gewöhnung) vermittelt. Ihm wird verdeutlicht, dass Flucht und Vermeidungsverhalten die Angstreaktion verstärken und deshalb abgebaut werden müssen.

Zur Unterstützung kann auch ein Entspannungsverfahren, z. B. die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson erlernt werden, um das Anspannungs- oder Erregungsniveau zu senken und die allgemeine Ängstlichkeit zu reduzieren. Entspannungsverfahren sind jedoch nicht alleine ausreichend wirksam.

Eine verhaltenstherapeutische Behandlung von Höhenangst ist sowohl ambulant, d.h. bei einem niedergelassenen, kassenärztlich zugelassenen Psychotherapeuten oder stationär, d.h. in einer psychosomatischen Klinik mit verhaltenstherapeutischem Angebot möglich.

Multimodales Angstbehandlungskonzept der Abteilung für Verhaltenstherapie der Hardtwaldklinik II , Bad Zwesten

Unser integratives verhaltenstherapeutisches Angstbehandlungskonzept richtet sich an Patienten mit den Diagnosen Panikstörung, Agoraphobie, spezifische Phobie (Höhenangst, u. a.), soziale Phobie sowie generalisierte Angststörung.

Ziel des Behandlungsprogramms ist nicht nur die Reduktion der Angstsymptomatik, sondern auch die Veränderung der individuellen Funktionalität der Symptomatik im Lebenskontext des Patienten. Ein weiterer wichtiger Bestandteil unseres Konzeptes ist der Einsatz gezielter Maßnahmen zur Rückfallprävention sowie das Üben von Verhaltensweisen im Umgang mit Rückfällen.

Unser Konzept zur Behandlung von Angststörungen besteht aus verschiedenen Therapieelementen, die eine multimodale Angstbehandlung erlauben:

Einzelgespräche

Nach einer umfassenden psychologischen Diagnostik wird eine Analyse der auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen sowie der lebensgeschichtlichen Entwicklung der Höhenangst erarbeitet. Besonderer Wert wird darauf gelegt, welche Funktion der Höhenangst im aktuellen Lebenskontext des Patienten zukommt. Gemeinsam mit dem Patienten wird ein Modell zur Erklärung der Entwicklung und Aufrechterhaltung der Höhenangst - Symptomatik erarbeitet. Anschließend werden die Therapieziele und der individuelle Behandlungsplan mit den auf das jeweilige Problem und die Veränderungsziele ausgerichteten Therapiebausteinen in Abstimmung mit dem Patienten zusammengestellt.

Angstbewältigungsgruppe

Das zentrale Behandlungselement von Höhenangst ist wie auch bei Behandlung der Agoraphobie und der Panikstörung die Angstbewältigungsgruppe, die aus maximal 8 - 10 Patienten besteht und als offene Gruppe zweimal wöchentlich stattfindet unter der Leitung eines psychologischen Psychotherapeuten und eines Co-Therapeuten.

Schwerpunkte der Gruppensitzungen:

  • Vermittlung von Informationen zu psycho-physiologischen Zusammenhängen der Angst
  • Entwicklung eines Erklärungsmodells der Angst („Teufelskreis der Angst“)
  • Identifikation und Veränderung angstauslösender dysfunktionaler Kognitionen (Fehlinterpretationen und Befürchtungen)
  • Erarbeitung von Angstbewältigungsstrategien
  • Vorbereitung und Auswertung der Angst-Konfrontationsübungen
  • Rückfallprophylaxe

In der Angstbewältigungsgruppe werden den Patienten zunächst Informationen zu psycho-physiologischen Zusammenhängen der Angst und ein Erklärungsmodell zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Angst vermittelt. Die die Angst auslösenden und aufrechterhaltenden dysfunktionalen Kognitionen in Form von Befürchtungen oder Fehlinterpretationen körperlicher Sensationen werden identifiziert und zu realitätsangemessenen Bewertungen verändert.

Exposition-in-vivo

Um den Teufelskreis von Vermeidungsverhalten und Aufrechterhaltung der Höhenangst zu durchbrechen, werden die Patienten bei der Expositionsbehandlung direkt mit spezifischen angstauslösenden Situationen oder Körperreaktionen (z.B. Hyperventilationstest) konfrontiert und dabei an der Ausführung ihres Vermeidungsverhaltens gehindert. Patienten mit Höhenangst suchen dabei in Begleitung eines Co-Therapeuten und später zunehmend auch allein Orte in der Höhe auf, z.B. den Panoramaraum, die Dachterrasse oder in der Nähe gelegene Türme. Die Angstkonfrontationsübungen werden individuell geplant und zunächst in Begleitung durchgeführt. Durch gezielte therapeutische Interventionen werden hierbei die stattfindenden Habituationsprozesse bis zu einer völligen Reduktion der Angst gefördert. Die Patienten machen die Erfahrung, daß eine Angstbewältigung ohne Flucht oder Vermeidung möglich ist und gewinnen damit Zugang zu neuen Bewältigungsmöglichkeiten.

Integrative Bewegungstherapie

Da Angst in der Regel sehr stark körperlich erlebt wird und das Vertrauen zum eigenen Körper und den Körperreaktionen in der Regel gestört ist, soll eine Veränderung des Angsterlebens zusätzlich direkt am Körper ansetzen. Durch verbesserte Körperwahrnehmung soll das Vertrauen in die Selbstregulation von Bewegung, Atmung und Gleichgewichtssinn gefördert werden. Psychosomatische Zusammenhänge zwischen Gedanken, Gefühlen und Körperreaktionen sollen bewußt wahrgenommen werden. Angstauslösende Fehlinterpretationen von Körperreaktionen werden kognitiv und durch Erfahrung zu realitätsangemessenen Bewertungen verändert. Durch Sinnesschulung wird der Realitätsbezug gefestigt und die räumliche Orientierungsfähigkeit entwickelt. Dies wirkt als Angstbewältigungsstrategie im Sinne einer Gegenkonditionierung zur Angstreaktion.

Entspannungsverfahren

Die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson als Verfahren für willentliche Erzeugung psychisch-körperlicher Entspannungszustände gehört zum festen Bestandteil des verhaltenstherapeutischen Vorgehens.

Ziel der Entspannungsmethoden ist, neben einer Reduktion des allgemeinen Erregungsniveaus der Einsatz von Entspannung als kurzfristige Bewältigungsstrategie in aktuellen Belastungssituationen.

Entspannung wird als Instrument eingesetzt, um in besonders erregungsintensiven oder angstauslösenden Situationen die körperlichen bzw. vegetativen Reaktionen zu vermindern und Aufschaukelungsprozesse abzufangen. Die physiologischen Funktionen sollen so beeinflußt werden, daß sie mit Angstreaktionen inkompatibel sind. Als Selbstkontrolltechnik kann Entspannen das Gefühl der Kontrollmöglichkeit in diesen belastenden Situationen erhöhen.

Sportliche Aktivitäten

Ergänzend zu den psychotherapeutischen Maßnahmen nehmen die Patienten an den sportlichen und physiotherapeutischen Maßnahmen teil. Sportliche Aktivitäten vermitteln auch Erfolgserlebnisse, haben positiv verstärkende Wirkung, dienen der Erhöhung des Selbstwertgefühls und fördern die Entspannung und Genussfähigkeit.

Zusätzlich bietet die Abteilung für Verhaltenstherapie der Hardtwaldklinik II , Bad Zwesten folgende weitere psychotherapeutische Gruppenangebote an:

  • Depressionsbewältigungsgruppe
  • Problemlösegruppe
  • Training sozialer Kompetenzen
  • Gestaltungstherapeutische Gruppe

Informationen zu Krankheiten