Hypochondrie: Definition

Hypochondrie ist durch eine übersteigert besorgte Einstellung des Menschen auf seinen Körper sowie durch ängstliche Selbstbeobachtung und Krankheitsfurcht gekennzeichnet. Menschen, die an Hypochondrie leiden, sind überzeugt an einer oder mehreren, manchmal auch fortschreitenden körperlichen Erkrankungen zu leiden, die dem Betroffenen oder der Betroffenen als Erklärung für vorhandene Symptome dienen. Häufig werden auch normale körperliche Empfindungen überinterpretiert und erhalten im Erleben der von Hypochondrie Betroffenen eine enorme Bedeutung. Im extremen Fall kann die ganze Lebensführung durch die Sorge und Abwehr von vermeintlichen Gesundheitsgefahren bestimmt sein, so wie Molière das in seinem Theaterstück „der eingebildete Kranke“ darstellt. Es ist jedoch wichtig, deutlich zu machen, dass sich der/die von der Hypochondrie Betroffene unter den Beschwerden auch durchaus leidet. Eine sogenannte hypochondrische Reaktion - „Morbus Klinikus“- , beobachtet man häufig bei Medizinstudenten in den ersten klinischen Semestern, die befürchten, selbst die Erkrankung zu haben, mit der sie erstmalig im Unterricht konfrontiert werden. Diese Reaktion hat jedoch keinen Krankheitscharakter.

Die Symptome der Hypochondrie treten nicht nur bei Neurosen, sondern auch Psychosen und Hirnkrankheiten auf. Wichtig ist, dass vor der Diagnosestellung der Hypochondrie organische Ursachen und Erkrankungen abgeklärt werden, denn natürlich kann ein von der Hypochondrie betroffener Mensch ernsthaft körperlich erkranken. Molière, der in seinem Bühnenstück „der eingebildete Kranke“ selbst die Hauptrolle spielte, brach in der 4. Aufführung auf der Bühne zusammen und verstarb kurze Zeit später.

Hinter der Symptomatik der Hypochondrie verbergen sich aufgestaute sexuelle und aggressive Phantasien und Impulse, die durch die hypochondrischen Ängste um den eigenen Körper ersetzt und damit abgewehrt werden. Die von der Hypochondrie Betroffenen stammen häufig aus Familien, in denen Sexualität, aber auch Aggressivität im weitesten Sinne sehr negativ bewertet wurde. Häufig findet sich in den Ursprungsfamilien auch eine ängstliche Überbesorgtheit um die Gesundheit. Ferner scheint auch das Erleben der Schuld eine wesentliche Rolle zu spielen, in dem Sinne, dass eine „Bestrafung“ für schuldhaft erlebte Phantasien erfolgt. Ein historisches Beispiel ist die aus Masturbationsskrupel und Schuldgefühlen entstandene frühere Befürchtung von Jugendlichen, an einer „Rückenmarksschwindsucht“ zu erkranken.

Symptomatik der Hypochondrie:

Der an Hypochondrie Erkrankte ist durch die ständigen Befürchtungen und Besorgnisse um seine Gesundheit beeinträchtigt. Dabei kann jegliches Organ des Körpers Gegenstand der Ängste werden, auch die Furcht vor bestimmten Erkrankungen. Insbesondere die Angst, an Krebs zu erkranken gehört zu dem Störungsbild der Hypochondrie. Kleinste Körperhinweise werden zu Symptomen umgedeutet, die Betroffenen fühlen ständig Puls oder beobachten ständig ihren Stuhlgang. Unbegründete Krankheitsbefürchtungen können sich auch auf den ganzen Körper beziehen, so dass die von der Hypochondrie Betroffenen befürchten, an einem Hirntumor, Darmkrebs, Herzversagen, Schlaganfall usw. zu erkranken. Häufig werden vermeintlich schädliche Faktoren, z. B. Zugluft, Bohnenkaffee, Sport, Sexualität im übertriebenen Ausmaß vermieden. Im extremen Fall kann es zu einem ausgeprägten Realitätsverlust kommen.

Die Beziehungsgestaltung zwischen dem an Hypochondrie Erkrankten und den Angehörigen und Freunden entwickelt sich problematisch, da diese häufig durch das Festhalten und Einengen auf körperliche Beschwerden überfordert sind und irgendwann mal kein Verständnis und keine Geduld mehr aufbringen können. Dies kann wiederum zu einer erheblichen sozialen Isolation führen. Alle Versicherungen, dass die befürchtete Erkrankung nicht vorliege, fruchten nicht oder sind nur eine kurze Zeit wirksam, die Ängste und Befürchtungen setzen sich durch und führen zu erneuten Arztbesuchen.

Generelle Therapiemöglichkeiten:

Psychotherapeutisch geht es in erster Linie um den Aufbau einer tragfähigen Arbeitsbeziehung, in der die Symptome des Patienten als psychisch verursacht betrachtet, aber auch ernst genommen werden. Manchmal ist eine jahrelange Begleitung des Patienten erforderlich, wobei auch verhaltenstherapeutische Interventionen indiziert sind. Aufdeckende Psychotherapieverfahren sind dann zu erwägen, wenn der an Hypochondrie Erkrankte bereit ist, die Psychogenese seiner Körperbeschwerden in Erwägung zu ziehen. Der Zugang zu hypochondrischen Patienten ist dadurch erschwert, dass diese ihr vermeintliches körperliches Leiden verteidigen und alles dazu heranziehen, was zur Begründung dienen kann. Häufig drängen die von einer Hypochondrie Betroffenen nach immer wieder neuen Untersuchungen, eine unterschwellige Aggressivität mit Beharren auf die Krankheit erschwert die therapeutische Beziehung. Wenn ein psychotherapeutischer Ansatz nicht zustande kommt oder nicht gelingt, kann das ärztlich-therapeutische Bemühen darauf gerichtet sein, den Stellenwert der hypochondrischen Befürchtungen im Gesamterleben zu reduzieren.

Eine medikamentöse Behandlung sollte kritisch gehandhabt werden. Eine psychopharmakologische Therapie mit Antidepressiva oder niederpotenten Neuroleptika kann den Patienten über eine emotionale Harmonisierung etwas entspannen, beim Auftreten von Nebenwirkungen werden die Befürchtungen und Krankheitsängste jedoch eher gesteigert. Auch mit Entspannungsmethoden wie Autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation nach Jacobson kann eine Entspannung erreicht werden. Hier besteht jedoch die Gefahr, dass die hypochondrische Selbstbeobachtung gesteigert wird.

Stationäre Behandlung bei Hypochondrie in der Hardtwaldklinik II:

In der Anfangsphase der Behandlung geht es darum, dass zwischen der Patientin/dem Patienten und der Bezugstherapeutin/dem Bezugstherapeuten eine tragfähige therapeutische Beziehung entstehen soll. Das Therapieprogramm wird auf die vorliegende Art der Störung und den Ausprägungsgrad der Hypochondrie abgestimmt und gemeinsam festgelegt. Dies bedeutet, dass begleitende Maßnahmen wie ein Entspannungsverfahren, sportliche Aktivitäten etc. vereinbart werden.

Gruppenpsychotherapie:

Die Gruppenpsychotherapie ist Hauptbestandteil der Behandlung der Hardtwaldklinik II. Hierbei handelt es sich um analytisch orientierte, aber auch interaktionelle Gruppen mit zwei Sitzungen pro Woche à 90 Minuten. In den analytisch orientierten Gruppen soll ein psychodynamisches Verständnis für die Verursachung der Hypochondrie deutlich werden, aber auch die Beziehungsaspekte im Sinne von Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen. Interaktionell bedeutet, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Gruppe in intensiven Kontakt kommen, Erfahrungen austauschen, über ihr Befinden berichten und sich gegenseitig Rückmeldungen geben.

Kreativtherapie:

Die Kreativtherapie findet ebenfalls im Gruppensetting statt, wobei Musiktherapie, konzentrative Bewegungstherapie und Gestaltungstherapie zur Anwendung kommen. In diesem Rahmen können die Patientinnen/Patienten lernen, ihr inneres Erleben, ihre Gefühle besser zu spüren, ihren Körper besser wahrzunehmen und sich in Beziehungen zu anderen zu erleben.

Bei bestimmten Indikationen, dies ist jedoch ein Ausnahmefall, kann ein Kreativverfahren im Einzelsetting verordnet werden.

Abgesehen davon gibt es in der Hardtwaldklinik II Gruppen mit Problem lösenden Ansätzen (z. B. Adipositasgruppe, Arbeitslosengruppe, Suchtinformationsgruppe), verhaltenstherapeutische Gruppen (z. B. Angstgruppe, Selbstsicherheitstraining) sowie eine milieutherapeutisch ausgerichtete Großgruppe. Auch das Entspannungsverfahren der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson erfolgt in der Gruppe.

Einzelpsychotherapie:

Hier handelt es sich um tiefenpsychologisch fundierte Einzelgespräche, die Frequenz variiert einmal in Abhängigkeit vom Grad der Hypochondrie, aber auch vom Therapieziel der Patientinnen/Patienten.

Sportliche Aktivitäten:

Diese werden individuell mit der Bezugstherapeutin/des Bezugstherapeuten besprochen und vereinbart. Hierbei handelt es sich um Angebote wie Fitnessgymnastik, Stretching, Badminton, Wassergymnastik und Wirbelsäulengymnastik .

Freizeitbereich:

Hier besteht die Möglichkeit an alternativen Angeboten wie Terrainwandern, Musikwerkstatt, Gestaltungstherapie, Körperwahrnehmung und informativen Vorträgen teilzunehmen.

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