Die Psychosomatik beim chronischen Juckreiz

Der Chronische Juckreiz gehört zu den sogenannten endogenen Hauterkrankungen wie z. B. auch Neurodermitis oder Nesselsucht.

Pruritus beschreibt einen allgemeinen Juckreiz ohne organischen Befund. Am ganzen Körper tritt Juckreiz auf (allerdings selten am Kopf), manchmal kommt es zu entzündlichen Hautausschlägen.

Bei Neurodermitis handelt es sich um einen stark juckenden, nervösen Ausschlag, bei dem sich vor Allem an sichtbaren Körperstellen Ekzeme (Unverträglichkeitsreaktionen der Haut) bilden. Es findet sich ein quälender Juckreiz (tritt häufig nachts auf). Folge sind oft Hautabschürfungen durch Reiben und Kratzen (anschließende Krustenbildung) und eine Verdickung und Vergrößerung des Hautoberflächenreliefs. Die Neurodermitis beginnt häufig schon im Kindesalter an Kopf, Gesicht, Gelenkbeugen und Gesäß. Sie führt i. A. zu einer besonders starken Einschränkung der Lebensqualität (wie die meisten Hauterkrankungen). Bereits 1891 wurde Neurodermitis durch französische Ärzte beschrieben. Schon damals wurde eine Verbindung zu seelischen Konflikten gesehen. Die Hauterkrankung kann auch als Form einer psychischen Verarbeitung (= ein Problem bzw. Konflikt kann nicht direkt gelöst werden, sondern wird gleichsam auf körperlicher Ebene "ausgetragen") angesehen werden.

Psychosomatische Faktoren bei der Krankheitsentstehung von Hauterkrankungen mit Juckreiz

Die Haut wird oft als "Ausdrucksorgan" für psychische Konflikte ("Spiegel der Seele") angesehen. Sie übt auf andere Menschen in ihrer Struktur eine große Wirkung aus. Es wird behauptet, dass man an der Hautbeschaffenheit einiges über den körperlichen und auch den seelischen Zustand eines Menschen ablesen könne. Dieser Zusammenhang kann jedoch nur im individuellen Einzelfall wirklich nachgewiesen werden. Vorschnelle Rückschlüsse, ohne eine Krankengeschichte zu kennen, sind unzulässig und können zu negativen psychischen Reaktionen führen. Die allgemeine Annahme, eine Hauterkrankung habe etwas mit dem seelischen Zustand eines Menschen zu tun, darf also erst nach Abklärung aller möglichen körperlichen Ursachen in eine konkrete seelische Diagnose überführt werden.

Mögliche psychische Krankheitsursachen bei Hauterkrankungen mit Juckreiz

Im Bereich der Konfliktverarbeitung haben hautkranke Menschen oft besondere Fähigkeiten entwickelt.

Vielfach finden sich bei den Patienten schwierige Beziehungseinstellungen im Kontaktbereich (Nähe-Distanz-Problem). Oft herrscht eine verminderte Offenheit mit einer Tendenz zur Überanpassung mit Unterdrückung von Aggression. Die Gedanken sind eher beherrscht durch einseitige und negative Vorstellungen und Erwartungen. Es können auch sexuelle Probleme eine Rolle spielen.

In der Vorgeschichte findet man manchmal frühe Defizite im körperlichen und sinnlichen Erlebnisbereich (Wärme und Geborgenheit durch die Eltern kamen häufig zu kurz). Mütter werden oft ablehnend und kalt, Väter als ungeduldig beschrieben. Der Sauberkeit kommt meist große Bedeutung zu. Die Beziehung der Eltern untereinander bleibt, dem Kind oft unklar, so daß eine innere, emotionale Verunsicherung folgen kann.

Beim Chronischen Juckreiz kann aus psychotherapeutischer Sicht eine Verdrängung von Sexual- und Aggressionstrieben vermutet werden. Dabei kann es sich um sadistische Impulse oder ein projektives (= nach außen gerichtetes) Mißtrauen mit begleitender Autoaggression handeln. Bei Frauen findet man häufig eine Vaterfixierung mit unterdrückender Sexualmoral.

Bei Patienten mit Nesselsucht traten zeitweise in ihrer Anamnese starke seelische Konflikte auf. Manchmal findet sich eine heftige Erregung auf Basis der Persönlichkeitsstruktur und eine verhaltene (und auch verdrängte) Aggressivität und Neigung zu Wutausbrüchen. Dies sind dann Menschen, die sich selbst nicht helfen und sich gegen Angriffe von außen nicht wehren können.

Im Fall der Neurodermitis wird angenommen, dass ein unbewusstes Lenken der Aufmerksamkeit der Umgebung auf den Körper vorliegt, mit dem Ziel, mehr Liebe und Zuwendung zu erhalten. Die frühkindliche Zweierbeziehung ist möglicherweise gestört (gestörtes Zärtlichkeitsverhalten der Mutter). Dadurch ist der Wunsch nach Wärme und Geborgenheit ambivalent ausgebildet, d.h. ein Bedürfnis nach Nähe ist vorhanden, gleichzeitig aber auch die starke Angst davor.

Stationäre Psychotherapie von Chronischen Juckreiz in der Hardtwaldklinik II:

In der Anfangsphase der Behandlung geht es darum, dass zwischen der Patientin/dem Patienten und der Bezugstherapeutin/dem Bezugstherapeuten eine tragfähige therapeutische Beziehung entsteht. Das Therapieprogramm bei PatientInnen mit Chronischem Juckreiz wird abgestimmt und gemeinsam festgelegt. Dies bedeutet, dass begleitende Maßnahmen wie ein Entspannungsverfahren, sportliche Aktivitäten sowie physikalische Maßnahmen vereinbart werden.

Gruppenpsychotherapie:

Die Gruppenpsychotherapie ist Hauptbestandteil der Behandlung in der Hardtwaldklinik II. Hierbei handelt es sich um analytisch orientierte, aber auch analytisch-interaktionelle Gruppen mit zwei Sitzungen pro Woche à 90 Minuten. In den analytisch orientierten Gruppen soll ein psychodynamisches Verständnis für die Verursachung der endogenen Hauterkrankungen (z. B. Chronischem Juckreiz) deutlich werden, aber auch die Beziehungsaspekte im Sinne von Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen. Interaktionell bedeutet, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Gruppe in intensiven Kontakt kommen, Erfahrungen austauschen, über ihr Befinden berichten und sich gegenseitig Rückmeldungen geben.

Kreativtherapie:

Die Kreativtherapie findet ebenfalls im Gruppensetting statt, wobei Musiktherapie, Konzentrative Bewegungstherapie und Gestaltungstherapie zur Anwendung kommen. In diesem Rahmen können die Patientinnen/Patienten, die an Chronischem Juckreiz leiden, lernen, ihr inneres Erleben, ihre Gefühle besser zu spüren, ihren Körper besser wahrzunehmen und sich in Beziehungen zu anderen zu erleben.

Bei bestimmten Indikationen, dies ist jedoch ein Ausnahmefall, kann ein Kreativverfahren im Einzelsetting verordnet werden.

Abgesehen davon gibt es in der Hardtwaldklinik II Gruppen mit Problem-lösenden Ansätzen (z. B. Adipositasgruppe, Arbeitslosengruppe, Suchtinformationsgruppe), verhaltenstherapeutische Gruppen (z. B. Angstgruppe, Selbstsicherheitstraining) sowie eine milieutherapeutisch ausgerichtete Großgruppe. Auch das Entspannungsverfahren der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson erfolgt in der Gruppe.

Einzelpsychotherapie:

Hier handelt es sich um tiefenpsychologisch fundierte aber auch stützende Einzelgespräche, die Frequenz-variiert einmal in Abhängigkeit vom Grad der bestehenden Erkrankung aber auch vom Therapieziel der Patientinnen/Patienten.

Sportliche Aktivitäten und physikalische Maßnahmen:

Diese werden individuell mit der Bezugstherapeutin/des Bezugstherapeuten besprochen und vereinbart. Hierbei handelt es sich um Angebote wie Fitnessgymnastik, Stretching, Badminton, Wassergymnastik, Wirbelsäulengymnastik sowie Kneipp’sche Anwendungen.

Freizeitbereich:

Hier besteht die Möglichkeit an alternativen Angeboten wie Terrainwandern, Musikwerkstatt, Gestaltungstherapie, Körperwahrnehmung, informativen Vorträgen durch unsere Psychologen teilzunehmen.

Informationen zu Krankheiten