Definition und Klassifikation der Kopfschmerzen:

Primäre Kopfschmerzen

  • Migräne
  • Kopfschmerzen vom Spannungstyp
  • Clusterkopfschmerzen
  • Andere Kopfschmerzen ohne strukturelle Läsion

Sekundäre oder symptomatische Kopfschmerzen

  • Kopfschmerzen nach Schädeltrauma
  • Kopfschmerzen bei Gefäßstörungen
  • Kopfschmerzen bei intracraniellen Störungen
  • Kopfschmerzen durch Einwirkung von Substanzen oder deren Entzug
  • Kopfschmerzen bei einer primär nicht den Kopf betreffenden Infektion
  • Kopfschmerzen bei Stoffwechselstörungen
  • Kopfschmerzen oder Gesichtsschmerz bei Erkrankung des Schädels sowie im Bereich von Hals, Augen, Ohren, Nase, Nebenhöhlen Zähnen und Mund oder anderer Gesichts- und Kopfstrukturen
  • Kopf- und Gesichtsneuralgien

Bei primären Kopfschmerzen sind die Kopfschmerzen die Erkrankung selbst!

Häufige Vorurteile zur Migräne: Sie sei eingebildet, eine Frauenkrankheit, entstehe durch Abnutzung der Halswirbelsäule, sei wetterbedingt, man müsse sich mit ihr abfinden, sie sei eine psychische Störung.

Die Migräne kommt in etwa 38 % der primären Kopfschmerzen vor. Die Spannungskopfschmerzen machen etwa 54 % aus. Häufig gibt es eine Kombination von Spannungskopfschmerzen und Migräne.

Die Migräne kommt gehäuft familiär und besonders bei Frauen (3:1) vor, in Form von Kopfschmerzattacken, 4 bis 72 Stunden anhaltend. Die Schmerzen sind häufig einseitig, pulsierend, Tiefenschmerz. Es kommt zu einer erheblichen Behinderung, eine Schmerzverstärkung entsteht durch körperliche Belastung. Typische Begleiterscheinungen sind Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit und Erbrechen. Typische neurologische Störungen können als sogenannte Aurasymptome (Vorboten) oder während der Migräneschmerzen auftreten. Diese Symptome dauern typischerweise nicht länger als eine Stunde.

In der akuten Migräneattacke sollten zunächst allgemeine Maßnahmen wie Reizabschirmung und Bettruhe durchgeführt werden. Angriffspunkte der symptomatischen Therapie der Migräne sind natürlich einmal das Hauptsymptom Schmerz, zum anderen aber die Begleitsymptome wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und sinnliche Übererregbarkeit.

Sehr wichtig ist die Patientenaufklärung über die Entstehung der Migräneattacke. Als äußere Reizänderung gelten: Stress, Lärm, Licht, Alkohol usw., als innere Reizänderung gelten: Hormone, Stoffwechsel, Hunger, Schlaf-Wach-Rhythmus. Hinzu kommen

1. angeborene Reaktionsbereitschaft

2. Überschreitung der Migräneschwelle

3. plötzliche Aktivierung körpereigener Schmerzabwehrsysteme

4. zu schneller Verbrauch von sogenannten Botenstoffen

5. zeitweise Erschöpfung dieser Botenstoffe

6. Versagen der körpereigenen Regulationsvorgänge

Hieraus ergeben sich einerseits Störungen der Gefäßweiten, Gefäßentzündung und Fehlregulation von Sinnesfiltern, andererseits Störungen der Hirnfunktion, Störungen des Brechzentrums, Störungen weiterer Körperfunktionen.

Therapiemöglichkeiten:

1. Medikamentös bei leicht- bis mittelschwerer Attacke

2. Medikamentös prophylaktisch

(siehe dazu das gesonderte Kapitel unter dem Stichwort Migränetherapie).

Medikamentöse Therapie der Spannungskopfschmerzen (siehe gesondertes Kapitel unter dem Stichwort Spannungskopfschmerz).

Psychosomatische Kopfschmerzbehandlung:

Dabei wird von einem bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell im Sinne von Uexküll’s ausgegangen, d. h. biologische Gegebenheiten, die wir bei jeder Erkrankung vorfinden, psychologischer und sozialer Hintergrund bilden eine Einheit. Daraus folgt zwangsläufig, dass sich im Einzelfall je nach Gewichtung dieser drei Dimensionen unterschiedliche Behandlungsschwerpunkte ergeben:

So kann z. B. der biologisch-pharmakologische Aspekt ganz im Vordergrund stehen, so wie es zu Beginn der Behandlung oft der Fall ist bei Patienten mit einem gravierenden Schmerzmittelmissbrauch. Für diese Patienten muss zunächst die Entzugsbehandlung durchgeführt werden, bevor die psycho-sozialen Faktoren, die zu dieser Suchtentwicklung geführt haben, ins Gespräch gebracht werden können.

Die sozialen Faktoren spielen eine besondere Bedeutung. Soziale Belastungsfaktoren sind als Kopfschmerzauslöser immens bedeutsam. Dazu zählen: Mobbing am Arbeitsplatz, existenzielle Krisen, lange Krankschreibungen, Arbeitslosigkeitszeiten, die bereits zur Rentenantragstellung geführt haben.

In der stationären Therapie werden drei Phasen unterschieden:

1. anamnestischer Teil

2. Physiologie der Kopfschmerzen

3. Kopfschmerzwahrnehmung und -verarbeitung

4. therapeutischer Teil

Bewährt hat sich die so genannte diagnostisch-therapeutische Schmerzkonferenz bestehend aus: Befundsichtung, ergänzende medizinische und psychologische Diagnostik, klinische Untersuchung, bisherige Therapieverfahren.

Bezüglich der Medikation: ggf. Revision der vorbestehenden Medikamente, ggf. Analgetikaentzug, thymoleptische (Psychopharmaka) Schmerztherapie. Soziotherapie: sozialmedizinische Beratung, Suchttherapie, Bewerbertraining, Gedächtnistraining.

Physiotherapie: Bäder, Massagen, Inteferenzstrom, Ultraschall, aktive Therapie, isometrische Übungen, Einzelbehandlung. Entspannung: Jacobson, Autogenes Training, Eutonie, konzentrative Entspannung (Einzel oder in symptombezogenen Gruppen).

Psychotherapie: Einzel- oder Gruppentherapie von übenden bis tiefenpsychologisch orientierten Verfahren, nach Einzelfall. Symptomorientierte Gruppentherapie. Einzel- oder Gruppentherapie bzw. Kombination.

Therapie in der HWK II:

Die unter Punkt 3 erwähnten diagnostisch-therapeutischen Möglichkeiten werden in unserer Klinik angeboten. Bewährt hat sich insbesondere die Kombination von Gruppenpsychotherapie, Einzelgesprächen, sei es analytisch orientiert, sei es tiefenpsychologisch fundiert und Psychodrama, sei es verhaltenstherapeutisch.

Nach gestellter Indikation eignet sich insbesondere wegen der erlebnisaktivierenden, problemorientierten und gezielt konfliktfokussierenden Vorgehensweise die Behandlung mit tiefenpsychologisch fundierter und psychodramatischer (Behaviordrama) Einzel- und Gruppenpsychotherapie. Insbesondere hat sich die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson bei der Behandlung von Patienten mit Kopfschmerzen bewährt. Das übergeordnete Ziel psychodynamischer Therapie besteht darin, durch eine allmähliche schrittweise Veränderung der psychodynamischen Verhältnisse die innere Festgelegtheit und Starrheit des Typus Migränikus insoweit zurückzubilden bzw. zu korrigieren, dass dem Ausbruch einer Kopfschmerzsymptomatik bzw. Migränesymptomatik allmählich psychodynamisch der Boden entzogen wird.

Der konkrete Verlauf der stationären psychosomatischen Therapie der Kopfschmerzen besteht hauptsächlich aus drei aufeinanderfolgenden Phasen:

1. Entwöhnung von Kopfschmerzmitteln

2. Rekonstruktion der biografischen Vorgeschichte mit detaillierter Erarbeitung der für den Typus Migränikus charakteristischen psychodynamischen Grundkonstellationen und deren Aufweis in den einzelnen Lebenssituationen

3. Entspannungsbehandlung mit stützenden psychotherapeutischen und physikalischen Maßnahmen

Literatur:

Psychosomatische Kopfschmerzbehandlung, Hrsg. R. Plaßmann, M. Schütz

 

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