Seit Anfang der 90er Jahre kursiert der Begriff Mobbing durch öffentliche und wissenschaftliche Diskussionen. Dahinter verbirgt sich ein Phänomen, das ein ernst zu nehmendes Problem in der Arbeitswelt darstellt. Eine interdisziplinär anerkannte wissenschaftliche Definition von Mobbing existiert nicht. Gemeinsam ist allen Definitionen, dass es sich bei Mobbing um feindselige Handlungen gegenüber einer Person handelt, die regelmäßig und systematisch ausgeführt werden und in dessen Folge die Betroffenen zunehmend schikaniert, benachteiligt und ausgegrenzt werden.

Eine repräsentative Studie zum Mobbing im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin von 2001 zeigte, dass zum Befragungszeitpunkt in der Bundesrepublik 2,7 % aller Erwerbstätigen von Mobbing betroffen waren. Die Daten dieser Studie belegten des Weiteren, dass über 11 % aller Erwerbstätigen im Laufe ihres Berufsleben bereits einmal von Mobbing betroffen waren.

Es gibt keinen Bereich, der als „mobbingfreie“ Zone gelten könnte:

Mobbing zieht sich quer durch alle Berufsgruppen, Branchen und Betriebsgrößen sowie Hierarchiestufen.

Als mobbende Person sind sowohl Vorgesetzte als auch Kollegen in der Studie identifiziert worden. In fast 40 % aller Fälle sind Vorgesetzte die alleinigen Mobber, in 12 % etwa mobben sie gemeinsam mit anderen oder mehreren Kollegen. Somit geht in etwa mehr als der Hälfte der Fälle das Mobbing ausschließlich von Vorgesetzten aus bzw. findet unter ihrer Mitwirkung statt. Kollegen auf gleicher Hierarchiestufe haben sich in etwa 20 % der Fälle als Mobber herausgestellt.

Bei Beschäftigten, die zur Zielscheibe von Schikane, Intrigen und Ausgrenzung werden, die also gemobbt werden, zeigen sich Auswirkungen auf das Arbeits- und Leistungsverhalten. Sie fühlen sich demotiviert, erleben sich misstrauisch und nervös sowie verunsichert, sie ziehen sich sozial zurück.

In Folge des Mobbings erkranken fast 45 %, davon wiederum fast die Hälfte mehr als sechs Wochen.

Die Ergebnisse der oben erwähnten Studie bestätigen, dass in der Regel ein Geflecht aus individuellen Motiven, Ursprungskonflikten und begünstigenden Rahmenbedingungen zur Entwicklung von Mobbing beiträgt. Es gibt so gut wie nie eine einzelne, separierte Ursache, was das praktische Bearbeiten des Konfliktes erschwert. Gravierend unterscheidet sich Mobbing von normalen Alltagskonflikten dadurch, dass sich die eigentliche Ursache der Eskalation nicht mehr recherchieren lässt. Ein selbstreflexives Betrachten eigener Anteile an der Entstehung des Prozesses ist weder für Opfer noch Täter möglich. Es kommt zwischen den Mobbing - Kontrahenten zu gegenseitigen Zuschreibungen von Schuld und Verantwortung.

Motiv, Hintergrund und Nährboden für Mobbing können auf betrieblicher Ebene die Arbeitsorganisation und -gestaltung, das Führungsverhalten sowie die Organisationskultur sein. Von übergeordneter Bedeutung ist dabei ein schlechtes Arbeitsklima.

Unklarheiten in der Arbeitsorganisation, unklare Verantwortungsbereiche führen häufig dazu, dass Missverständnisse entstehen. Wegen diffuser Zuständigkeiten ist es möglich, Verantwortung zu negieren und Fehler abzuwälzen. Werden Aufgaben neu gestaltet oder verteilt oder bisherige betriebliche Macht- und Imagepositionen aufgelöst, besteht die Gefahr, dass aufgrund von Verunsicherungen individuelle Verteilungskämpfe zunehmen, um die eigene Position zu verbessern. So ist es nicht verwunderlich, dass jeweils weit über ein Drittel der befragten Gemobbten von Ängsten berichten, den Arbeitsplatz zu verlieren bzw. von Ängsten, bei Umstrukturierungen negativ betroffen zu sein.

Einen erheblichen Anteil bei der Entstehung und Entwicklung von Mobbing-Prozessen haben darüber hinaus Defizite im Führungsverhalten. Häufig wird es unterlassen, Entscheidungen transparent zu machen und über die Entwicklungen der Organisation und deren Zielsetzung zu informieren. Führungskräfte übersehen oft, dass zwischenmenschliche Konflikte nicht nur auf individuelle Probleme der Beteiligten reduziert werden können, sondern auch durch strukturelle Mängel entstehen.

Neben diesen eher strukturellen Faktoren werden von den Betroffenen aber auch personenbezogene Aspekte für das Entstehen von Mobbing verantwortlich gemacht. Hierzu zählen insbesondere Konkurrenzverhalten und Neid auf Kompetenz, Qualifikation oder Leistungsfähigkeit der anderen. Ob aus einem anregenden Wettbewerb um betriebliche Kompetenzen, Anerkennung, Wertschätzung, Status, Macht und Geld ein Mobbing - Prozess wird, hängt insbesondere von der Organisationskultur ab. Unterstützt sie eine bedingungslose Konkurrenz, fördert sie auch Mobbing. Verlangt sie bei allem Wettbewerb respektvollen Umgang miteinander, hat Mobbing wenig Chancen. Nicht nur für die Betroffenen, auch für die Unternehmen hat Mobbing gravierende Folgen. Die Produktivität des Unternehmens und die Qualität der Produkte und Dienstleistungen sinken, dies hat negative Auswirkungen auf das Betriebsergebnis.

Hat die Reaktion auf den Mobbing - Prozess beim Betroffenen Krankheitswert erlangt, und kommt es zu einer längeren Dienstunfähigkeit, kann es sein, dass eine stationäre psychotherapeutische Behandlung angezeigt ist.

Bei der stationären psychotherapeutischen Behandlung von Mobbing - Prozessen ist zu unterscheiden zwischen strukturellen und personenspezifischen Verursachungsfaktoren. Weiterhin ist im psychotherapeutischen Prozess zu unterscheiden zwischen einem konfliktorientierten Vorgehen und einem lösungsorientierten Behandlungsansatz, da häufig die Betroffenen unter einem hohen Handlungsdruck stehen, etwas an ihrer Situation am Arbeitsplatz verändern zu müssen.

Methoden und Techniken der stationären Psychotherapie von Mobbing-Prozessen in der Hardtwaldklinik II

Die konflikt- und lösungsorientierte psychoanalytisch begründete stationäre Therapie von Mobbing ist der Hardtwaldklinik II eingebettet in ein stationäres Gesamtkonzept, in dem alle Bereiche der Klinik zum Therapieraum gehören, in der Therapie gemacht und Realität berücksichtigt werden.

Dabei ist die Institution einer speziell für Psychotherapie eingerichteten und psychotherapeutisch geführten Fachklinik als Ganzes psychotherapeutische Intervention.

Durch die Minimalstrukturierung wird sich der einzelne Patient sowohl in der Gruppe als auch in der Einzeltherapie, insbesondere aber im Interaktionsfeld zwischen ihm und dem Klinikpersonal sowie den Mitpatienten auf der Station reinszenieren: Er wird seine unbewussten, präverbalen, intrapsychischen Konflikte in Interaktion, in Sprache und Beziehung umsetzen, sodass sie dadurch besprechbar, verstehbar und klärbar werden (vgl. Bernhard, 1996).

Die Überzeugungskraft dieser Selbsterfahrungen wird durch die geschützte Versorgungssituation des stationären Rahmens verstärkt: Es gibt weder Chefs noch Arbeitskollegen oder Ehepartner, die als Ursache des eigenen Leidens dienen können.

Ein zu verausgabungs- und unterordnungsbereiter Patient vom depressiven Typ wird zunehmend seinen Grundkonflikt reinszenieren, indem er sich z. B. von Mitpatienten ausnutzen lässt, da er nicht nein sagen kann. In der therapeutischen Auseinandersetzung kann er dann mit seinen eigenen Benachteiligungen konfrontiert werden, die er per projektiver Identifizierung auf andere übertragen hat.

Ein zu machtbewusster und normenorientierter Mensch mit einem dominanten Verhalten vom zwanghaften Typ wird mit den Folgen seines Verhaltens von seinen Mitpatienten konfrontiert werden, die sich seine Bemächtigungstendenzen und Kontrollbemühungen auf Dauer nicht werden gefallen lassen.

Die unterschiedlichen Behandlungselemente bei Mobbing

Das gruppenpsychotherapeutische Behandlungsangebot basiert auf der Anwendung der Psychoanalyse in Gruppen nach dem Göttinger Modell, insbesondere auf der psychoanalytischen interaktionellen Methode (Heigl-Evers et al., 1994)

Die Therapiegruppen sind offene, diagnostisch inhomogene Gruppen mit jeweils zwei Sitzungen pro Woche. In der gleichen Gruppenkonstellation finden zweimal wöchentlich Therapiesitzungen in einem Kreativverfahren - Gestaltungstherapie oder Konzentrative Bewegungstherapie - statt, in denen den Patienten die Möglichkeit gegeben wird, sich anderen gegenüber nonverbal, auf symbolischer Ebene mit ihren Problemen und Konflikten zu verdeutlichen.

Daneben werden Einzelgespräche geführt, in denen es bei den Patienten konfliktorientiert um die vertiefende Deutung der in der Gruppenpsychotherapie gezeigten Kompromissbildungen als Spiegelung des individuellen Grundkonfliktes geht, um die Konfrontation mit der in der Einzeltherapie gezeigten Übertragung sowie die Reflexion des auf der Station mit Personal und Mitpatienten gezeigten Reinszenierungsverhaltens.

Zum anderen geht es in der Einzeltherapie darum, lösungsorientiert den Arbeitskonflikt im Sinne einer verhaltenstherapeutischen Problemanalyse zu klarifizieren.

Es geht darum, lösungsorientiert an die Ressourcen des Patienten anzuknüpfen, an seine gesunden Persönlichkeitsanteile. Bei Patienten mit einer Mobbing - Problematik geht es in der Einzeltherapie auch immer um Informationen über andere Hilfsangebote und Unterstützungsmöglichkeiten, um die Abklärung arbeitsrechtlicher Fragen u. ä.

Zusammen mit den im Hause angestellten Sozialarbeiterinnen geben wir den Patienten entsprechende Unterstützung.

Mit dem Ende der stationären psychotherapeutischen Behandlung, sie dauert in der Regel sechs bis acht Wochen, stellt sich die Frage des Transfers der gewonnenen Erfahrungen und Einsichten in den Alltagsraum des Patienten.

Vielfach wird es darum gehen, den Patienten für eine ambulante Therapie am Heimatort zu motivieren, was aus unserer Erfahrung die Prognose für einen nachhaltigen Erfolg der stationären Behandlung deutlich erhöht. Auch geplante, feste und zeitlich weiter auseinander liegende katamnestische Sitzungen sind für die Prognose günstig.

Literatur

Berger, P. (1979). Psychotherapie von Karriereleiden. In W. Gross (Hrsg.), Karriere(n) in der Krise. Bonn: Deutscher Psychologen Verlag.

Bernhard, P. (1996). Das neue Psychotherapiekonzept in der Hardtwaldklinik II. In P. Bernhard (Hrsg.). Arbeitsbericht Hardtwaldklinik II. Eigenverlag: ISBN 3-00-001165-X

Heigl-Evers, A., Heigl, F. & Standke, G. (1988). Faktoren therapeutischer Einflussnahme in der psychoanalytisch orientierten Therapie von Abhängigkeits- und Suchtkranken. In A. Heigl-Evers (Hrsg.), Psychoanalyse und Verhaltenstherapie in der Behandlung von Abhängigkeitskranken: Wege zur Kooperation; Kassel: Nicol.

Heigl-Evers, A., Heigl, F., Ott, J. (1994). Abriss der Psychoanalyse und der analytischen Psychotherapie. In Heigl-Evers et al. (Hrsg.), Lehrbuch der Psychotherapie. Stuttgart, Jena: Gustav Fischer.

König, K. (1993). Kleine psychoanalytische Charakterkunde. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Meschkutat, Bärbel/Stackelbeck, Martina/Langenhoff, Georg (2002): Der Mobbing-Report - Eine Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland, Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Fb 951, Dortmund/Berlin

Neuberger, O., Kompa, A. (1987). Wir, die Firma. Weinheim, Basel: Beltz.

Peter, L., Hull, R. (1970). Das Peter-Prinzip: oder die Hierarchie der Unfähigen. Reinbek: Rowohlt.

Riemann, F. (1976). Grundformen der Angst. München: E. Reinhard-Verlag.

 

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