Neurodermitis (auch atopische Dermatitis, atopisches Ekzem, endogenes Ekzem genannt) ist eine der häufigsten Hautkrankheiten. In Deutschland leiden etwa 5 -10% der Bevölkerung, bei Schulkindern 15%, an dieser Krankheit. Sie äußert sich in nichtbakteriellen, entzündlichen Hautveränderungen, die vor allem an den Beugeseiten der Extremitäten, am Hals und an den Händen auftreten und von starkem Juckreiz begleitet sind. Der Juckreiz kann so unerträglich sein, dass die Betroffenen ihre Haut aufkratzen. Durch die chronische Entzündung sowie starkes Kratzen kommt es zu einer Verdickung der Haut (Lichenifizierung). Das Aufkratzen wiederum führt langfristig zu einer Verschlechterung des Hautzustandes und einer erniedrigten Juckreizschwelle. Dabei entsteht ein Teufelskreis aus Juckreiz und Kratzen, aus dem die Betroffenen sich selbst nur sehr schwer befreien können.

Als Ursache der Neurodermitis vermutet man eine multifaktoriell bedingte immunvegetative Regulationsstörung. Nachgewiesen ist eine genetische Veranlagung, d. h. es liegen eine Reihe von Störungen des Immunsystems und der Hautfunktionen bei den Betroffenen vor. Wann ein Krankheitsschub auftritt, wird von vielfältigen Faktoren bestimmt, die von Person zu Person in ihrer Bedeutung verschieden sein können. Hierzu gehören Allergene, Klimafaktoren, Hautirritationen (z. B. durch Kleidung) und psychische Einflüsse wie Stress. Der Wechsel von Bezugspersonen, der Eintritt in neue Lebensphasen oder neue „Rollen“, Beziehungskrisen, familiäre Spannungen oder berufliche Probleme stehen oft am Anfang eines Neurodermitis-Schubes

Neurodermitis-Patienten können ihre empfindliche Haut beispielsweise durch angemessene tägliche Hautpflege und entsprechend wenig hautreizende Kleidung positiv beeinflussen. Trotz vieler Fortschritte in der dermatologischen Diagnostik und Behandlung ist die Neurodermitis meist nicht dauerhaft heilbar. Es sind daher zusätzliche psychosomatische Behandlungsangebote erforderlich, die

  • zur Präventation neuer Krankheitsschübe dienen
  • und dem Patienten helfen, aktuelle Krankheitsschübe besser zu bewältigen und diese in der Dauer zu verkürzen.

Generelle Therapiemöglichkeiten der Neurodermitis

Akute Neurodermitis-Schübe können mit Cortison und Teer behandelt werden. Eine Dauerbehandlung erfolgt mit rückfettender Basiscreme, Lichttherapie, Ernährungsumstellung und der Vermeidung von auslösenden, allergenen Substanzen.

Aus psychologischer Sicht ist zum Einen bei den Betroffenen oft ein Informationsdefizit über mögliche Einflussfaktoren auf den Verlauf der Erkrankung und optimale Hautpflegemöglichkeiten festzustellen. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, eine systematische Patientenschulung in krankheits- und behandlungsbezogenem Wissen durchzuführen.

Auf der anderen Seite bietet der Zusammenhang der Krankheitsschübe mit psychischen Belastungsfaktoren und der Teufelskreis zwischen Juckreiz und Kratzen Ansatzpunkte für psychologische Interventionsmöglichkeiten. Entspannungsverfahren spielen eine wichtige Rolle, da sie den Betroffenen helfen können, das Belastungsniveau zu senken und den Juckreiz besser zu bewältigen.

Ein individuell unterschiedlicher, jedoch nicht unerheblicher Anteil an Kratzen geht nicht auf Juckreiz zurück, sondern auf innere oder situative Reize wie diffuse Anspannung oder Ärger, Entscheidungskonflikte, freier Zugang zur Haut (beispielsweise beim Umziehen), andere Hautempfindungen wie Kribbeln oder der Anblick von Hautveränderungen, wie Schorf. Es kommt dadurch zu „automatisiertem Kratzen“, das durch Selbstbeobachtungsmethoden besser erkannt werden und durch das Erlernen von Selbstkontrolltechniken reduziert werden kann. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Einflussnahme auf soziale Belastungen, die im Umgang mit anderen Menschen entstehen. Hier können Training in Selbstsicherheit, Kommunikation und Problemlösefähigkeiten dem an Neurodermitis Erkrankten helfen, sein Selbstwertgefühl zu stärken, sich sicherer zu fühlen und die Belastung zu reduzieren. Dies kann in Einzeltherapie geschehen. Günstig sind auch stationäre Settings, die den Erkrankten erlauben, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen, sich dadurch zu entlasten und Strategien von anderen zu modellieren.

Allen verhaltenstherapeutischen Ansätzen ist gemeinsam, dass die Patienten durch Informationen, systematische Selbstbeobachtung, Aufbau von Selbstkontrolltechniken und Training in neuen Verhaltensweisen darin geschult werden, Experten für ihre Krankheit zu werden und selbst aktiv Einfluss auf deren Verlauf zu nehmen.

Therapie in der Hardtwaldklinik II

Neben einer medikamentösen Behandlung mit vorwiegend lokalen Anwendungen kommen in der Hardtwaldklinik II konfliktsensibilisierende, analytisch orientierte Einzelgespräche ebenso wie verhaltenstherapeutische Einzelgespräche und Gruppentherapien zur Anwendung.

Kernbereiche der psychotherapeutischen Behandlung sind:

Vermittlung von relevanten Informationen über die Erkrankung

  • Verringerung des Juckreiz-Kratz-Zirkels
  • Verringerung der Stressreagibilität
  • Training sozialer und kommunikativer Kompetenzen

Es besteht die Möglichkeit, an Gruppen zum Training sozialer Kompetenzen (z.B. Aufbau optimaler Kommunikationsstrategien, Äußerung und auch Umgang mit Kritik, Aufbau von Kontakten) sowie Problemlösegruppen (Erlernen geeigneter Stressbewältigungsmöglichkeiten) teilzunehmen. Zusätzlich haben an Neurodermitis Erkrankte die Möglichkeit, Kreativgruppen wie Gestaltungs- oder Bewegungstherapie zu nutzen, um eigene Befindlichkeiten, Wünsche und Bedürfnisse deutlicher wahrzunehmen und zu artikulieren.

Weiterhin kommen psychoedukative Maßnahmen zur Information der Neurodermitis-Erkrankten über Krankheit, deren Verlauf und mögliche Einflussfaktoren zum Tragen.

In den Einzelgesprächen werden Selbstbeobachtungsstrategien vermittelt und aus den gewonnenen Erkenntnissen Selbstkontrolltechniken aufgebaut, beispielsweise das Unterbrechen von automatisiertem Kratzverhalten und die Entwicklung alternativer Verhaltensweisen für „Kratzrituale“. Innere oder soziale Konflikte können durch unterschiedlich hohe Anspannungsniveaus die Juckreizschwelle beeinflussen und im Verlauf der stationären Behandlung reduziert werden.

Das Selbstbewusstsein der an Neurodermitis Erkrankten ist aufgrund der nach außen sichtbaren Hautveränderungen oft wenig positiv besetzt. Auch dies kann in Einzel- und Gruppengesprächen therapeutisch thematisiert und bearbeitet werden. Entspannungsverfahren wie die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson und das Autogene Training wirken positiv unterstützend.

Die Kombination von psychotherapeutischen und somatischen Methoden zeigt eine deutlich bessere Wirkung als die Anwendung rein organmedizinischer Vorgehensweisen allein.

Den Betroffenen soll ermöglicht werden, durch die vermittelten Informationen und Verhaltensstrategien zum Experten für seine Neurodermitis-Erkrankung zu werden.

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