Psychodrama zur Traumatherapie?

Das Psychodrama ist – behutsam angewandt – zur Wiedergewinnung von traumatisch beeinträchtigter Elastizität und Spontaneität sehr gut geeignet. Es stellt Anwärm- und „Dehnübungen“, Flexibilisierungsangebote für Menschen mit traumatisch verlorener Spontaneität zur Verfügung und ermutigt sie – nun unterstützt durch Psychodrama leiterIn und Hilfs-Ichs – genau dort ausprobierend und mit poetischer Kreativität weiterzumachen, wo sie bisher die Selbsterkundung und Selbstfindung in Folge eines zu hohen Angstpegels immer wieder haben abbrechen müssen.

Und das Psychodrama ist gut geeignet, das „Sprechen über“ und die spontane Bilderproduktion besser zusammenzubringen und die wieder gewonnene Erzählung Schritt für Schritt wieder mit den Körpergefühlen zu verbinden.

Psychodrama - 1. Definition des Traumas:

Trauma ist immer eine bis ins körperliche durchgreifende Erfahrung von extremer Hilflosigkeit und Verlust, bei welcher die bisher gelernten Abwehr- und Problemlösungsstrategien eines Individuums auf breiter Front versagen. Das ist verbunden mit einem weitgehenden Zusammenbruch des Selbstvertrauens, des Weltvertrauens und manchmal auch des Vertrauens in eine göttliche Ordnung.

Psychodrama - 2. Wichtigste Symptomgruppen der sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen sind:

intrusive Symptome (zwangsartig auftretende Bilder bei Tag und Nacht, Alpträume, Schlafstörungen, „Flashbacks“, bei welchen, „angetriggert“ durch manchmal nur kleine Ähnlichkeiten zwischen aktueller Situation und traumatischer Situation, die traumatische Situation wiederbelebt wird, als wäre sie real).

„Konstriktive oder restriktive vermeidende Symptome“:

Diese können als Antwort auf die Überflutung durch die intrusiven Symptome verstanden werden. Dazu gehört ein Rückzug aus sozialen und räumlichen Bezügen, die mit dem Trauma zusammenhängen.

Phänomene der Depersonalisation, der Entwirklichung und der Dissoziation. Menschen fühlen sich dabei wie Marionetten, Roboter oder Puppen in einem sinnlosen Spiel und die belastenden Erfahrungen werden soweit abgespalten, dass die betroffene Person als in zwei Teile aufgeteilt erscheint oder Teile der traumatischen Geschichte vergessen werden. Es sind zunächst sinnvolle Selbstrettungsversuche des Organismus, eine unterbrochene Handlung wieder aufzunehmen, vielleicht doch eine Lösung zu finden.

Hyperarousel, Übererregung, die Flucht- und Kampfreflexe aktiviert, die aber auf Grund der Lähmung und Erstarrung nicht in sinnvolle äußere Handlungen umgesetzt werden und zu anhaltender Nervosität, Zittern, Schlaflosigkeit und Erschöpfungszuständen führen.

Zusätzliche Belastungen entstehen durch die unbewusste Identifizierung mit dem Angreifer, das Entstehen eines „Täterintrojekts“ im Opfer.

Psychodrama - 3. Therapiemöglichkeiten mit dem Psychodrama:

Trauma ist immer ein „Zerbrechen der Erzählung“. Psychodrama kann nun als eine poetische Kunst verwendet werden, um fragmentierte Erzählungen wieder zu komplettieren und um automatisierte Skripten, die „aus einem anderen Film“ zu stammen scheinen, in ein nachvollziehbares Lebensdrama zu integrieren. Neurologen nehmen an, dass der „zerbrochenen Erzählung“ die Entkoppelung zwischen Gehirnregion entspricht, die eintritt, wenn die Verarbeitungskapazitäten des Gehirns extrem überlastet sind. Es wird der Austausch zwischen drei Systemen unterbrochen, die für die vollständige Gedächtnisfunktion notwendig sind (einerseits das limbische System, hier insbesondere die Amygdala, und andererseits der Neocortex). Es scheint so zu sein, dass die Kommunikation zwischen „linker Gehirnhälfte, den eher verbal-rationalen Verarbeitungsprozessen und „rechter Gehirnhälfte“, den eher affektiv-bildhaften Verarbeitungsprozessen des Gehirns unterbrochen ist. Worte, Bilder und körperliche Sensation finden nicht zueinander.

Das Psychodrama ist gut geeignet, das „Sprechen über“ und die spontane Bilderproduktion (die „diskursive“ und die „präsentative Symbolisierung“ nach Lorenzer) besser zusammenzubringen und die wieder gewonnene Erzählung Schritt für Schritt wieder mit den Körpergefühlen zu verbinden.

In der Sprache des Psychodrama s kann man sagen, dass es sich bei der Traumatisierung um eine extreme Spontaneitätsstörung handelt, die dann auch das kreative Handeln beeinträchtigt.

In den intrusiven Zuständen wird den Patienten die Spontaneität der Reaktionen, Bilder, Einfälle, Träume zur bloßen Qual. In den restriktiven Zuständen wird die Spontaneität soweit eingeschränkt, dass sich die Betroffenen kaum noch lebendig fühlen. In Hyperarousel läuft sie gewissermaßen heiß, wendet sich nach innen und stört sogar die Organfunktionen.

Die Spontaneität ist verbunden mit der in der psychologischen Traumaforschung oft erwähnten „Resilience“, die man wohl am besten als Elastizität übersetzt, ein protektiver Faktor, mit der sich lebendige Organismen gegen Verletzungen schützen.

Das Psychodrama ist – behutsam angewandt – zur Wiedergewinnung von traumatisch beeinträchtigter Elastizität und Spontaneität sehr gut geeignet. Es stellt Anwärm- und „Dehnübungen“, Flexibilisierungsangebote für Menschen mit traumatisch verlorener Spontaneität zur Verfügung und ermutigt sie – nun unterstützt durch Psychodrama leiterIn und Hilfs-Ichs – genau dort ausprobierend und mit poetischer Kreativität weiterzumachen, wo sie bisher die Selbsterkundung und Selbstfindung in Folge eines zu hohen Angstpegels immer wieder haben abbrechen müssen.

Kellermann spricht von der Spontaneität als innerem Anpassungsmechanismus an äußerem Stress. Übereinstimmend schreibt Levine: Unser Organismus funktioniert dann nicht mehr wie es der Natur entspricht und verliert einen großen Teil seiner Flexibilität. .........“Der Schlüssel zur Transformation eines Traumas liegt in der allmählichen Entwicklung zu größerer Flexibilität und Spontaneität“ (Levine 1998, 214).

Der schrittweisen Rollenerweiterung und den „Dehnungsübungen“ kommt in der Psychodrama-Therapie mit Traumatisierten eine besondere Bedeutung zu.

Die wichtigste Rollenerweiterung ist die Auflösung und Verwandlung der „Victim-Rolle“ in Richtung auf die Rolle des „Survivors“. Natürlich muss dazu die reale Victim-Rolle erst einmal anerkannt werden. Dann können die Betroffenen, die immer schon vorhandenen „Überlebenstricks“, die Kraftquellen und sogar den Stolz, der mit der Überlebendenrolle verbunden ist, entdecken und entwickeln.

Es ist sehr darauf zu achten, die Rollenflexibilisierung und v. a. die psychodrama tische Rekonstruktion des Traumas behutsam anzugehen. Jede Traumatherapie besteht grundsätzlich aus drei Phasen: der Phase der (Wieder-) Herstellung des Sicherheitsrahmens, der Phase der Traumarekonstruktion (der Wiederherstellung der Erzählung) und schließlich der Phase der sozialen Wiedereingliederung (des „Re-Attachement“). Im Psychodrama kennt man ebenfalls diese drei Phasen: „Anwärmphase (Neubildung von Vertrauen in das Gegenüber und die eigene Spontaneität), zweite Phase: Spiel- oder Aktionsphase (Rekonstruktion eines Konflikts) und dritte Phase: Integrationsphase (neu aufgetauchte Erlebnisaspekte werden in die verbal kontrollierte Kommunikation zwischen den anwesenden integriert und in Bezug auf den Transfer in die soziale Außenwelt betrachtet).

Es ist v. a. darauf zu achten, dass es nicht zu einer verfrühten und überdosierten Rekonstruktion der belastenden Erfahrungen und Konflikte kommt. Ansonsten droht die Retraumatisierung.

Luise Reddemann (führende und anerkannte Traumatherapeutin) betont, dass die Traumatherapie eigentlich aus sieben Phasen bestehe: „stabilisieren, stabilisieren, stabilisieren, stabilisieren, stabilisieren – Traumaexposition – Reintegration“.

Dem traumatherapeutischen Modell, das Luise Reddemann und Ulrich Sachsse entwickelt haben, verdanken wir eine Reihe von imaginativen Stabilisierungs- und Ressourcenübungen, die sich gut in die psychodrama tische Behandlung von Traumatisierten einfügen lassen (Reddemann 2001). Eine unverzichtbare Übung ist der „innere sichere Ort“. Er ist die Basis und eine gut eingeübte Rückzugsmöglichkeit für jede spätere Traumaexposition (zu der auch das bekannte EMDR, das „eye movement desensitization and reprocessing“ nach F. Shapiro gehört).

Im Psychodrama wird z. B. ein leerer Stuhl, als Symbol für den sicheren Ort eingesetzt, so dass man die Wirksamkeit des sicheren Ortes psychodrama tisch einüben kann, bevor man sich dem Trauma annähert. Zusätzlich kann man die bei Reddemann vorgeschlagenen Imagination von „inneren Helfern“ psychodrama tisch gut auf die Bühne bringen. Innere Helfer sind erfundene Figuren, die nicht mit realen Personen verwechselt werden dürfen. Im Psychodrama können Gruppenmitglieder solche Helferfiguren darstellen. In der Einzelarbeit mit Psychodrama kann man sie durch Gegenstände symbolisieren, mit denen dann ein kurzer Rollentausch gemacht werden kann, welcher der Ich-Stärkung dient. Innere Helfer sind eigene Wesen und sollten von psychodrama tischen Doppelgängern getrennt gehalten werden.

Es wird streng darauf geachtet, dass die Betroffenen niemals in die eigentliche Traumaszene hineingehen. Dadurch kann eine Retraumatisierung verhindert werden. Es herrscht eine Unterteilung in den Interaktionsraum und den Erzähl- und Beobachtungsraum (Krüger 2002, 137 ff). Durch die Anwendung der sogenannten psychodrama tischen Spiegeltechnik, kann eine Traumaszene aus dem Leben der Betroffenen durch Hilfs-Ichs durchgespielt werden. Das knüpft an die Selbstrettungsmechanismen der Dissoziation an, ermöglicht nun aber eine neue Aneignung der abgespaltenen Erfahrung. Der/die Betroffene können durch ein freieres Hin- und Herschwingen zwischen Handlungs-Ich und beobachtendem Ich die Abwehr durch Spaltung wieder zum selbstgesteuerten Prozess werden lassen ............................“ (Krüger 2000, 139).

In der neueren Traumatherapie-Diskussion gibt es einen Trend, der sehr für das Psychodrama spricht: Reddemann und Sachsse haben in den letzten Jahren auch vor dem Hintergrund des in der Traumaarbeit besonders hohen Empathie Stress, der leicht zur Überidentifizierung, Verstrickung und abrupten Distanzierungen führt, für den Einsatz von imaginativen und kreativen Verfahren plädiert, die wie ein Drittes auf einer Bühne vor dem Therapeuten bzw. der Therapeutin und den PatientInnen inszeniert werden. Dazu gehört auch die so genannte Bildschirmtechnik. Voraussetzung für die Behandlung ist eine stabile Beziehung und ein geschützter Rahmen.

„Die Trennung von Erlebnis- und Bearbeitungsraum in der Therapie wird vom Verfahren wie der Gestalttherapie, dem Psychodrama und der Katathym- imaginativen Psychotherapie propagiert“ (Sachsse 1996). Die in der Gruppe immer auch vorhandenen Hilfs-Ichs und Sharing-Ressourcen können optimal genutzt werden.

Psychodrama - 4. Therapie in der HWK II:

Als stationäre Therapie, interkurrent, mit ambulanter Weiterbehandlung und Kooperation zwischen Klinik und ambulanten Behandlern, bzw. Beratung in der Klinik.

Literatur Psychodramatherapie:

Ein Handbuch 2004, Fakultas Verlags- und Buchhandel AG, Wien
Hrsg.: Jutta Fürst, Klaus Ottomeyer, Hildegard Pruckner

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