Psychogenes Erbrechen - Ursachen

Es handelt sich hier um psychogenes Erbrechen, also funktionales, seelisch ausgelöstes Wiederauswerfen von vorher gegessener Nahrung.

Bei der Bulimie (Ess-/Brechsucht) ist im Gegensatz zur Anorexie (Magersucht) zu beachten, dass die Destruktivität, der Anteil der Selbstzerstörung nicht so ausgeprägt ist. Bulimie und Anorexie tritt zu über 90% bei Frauen auf. Im Gegensatz zur Anorexie - bei der die Essstörung zum Tode führen kann - hält die Bulimie ihr Gewicht weitgehend normal. Bei Bulimie und bei seelischem sonstigen Erbrechen ist der Mensch in einem gestörten Körperschema weitgehend auf das Körpergewicht, und damit auf die Ein- und Ausfuhr, zentriert.

Hypothetisch ist u. a. davon auszugehen, dass es sich um eine sehr frühe gestörte Mutter-Kind-Beziehung, schon aus den ersten Lebensjahren, handelt. Das Kind reagiert entsprechend, in dem es z. B. schreit und die Nahrung ablehnt, vor allem die Brusternährung. Diese Mütter reagieren kompensatorisch dann oft überfürsorglich und „meinen es gut“, in dem sie z. B. besonders stark füttern und durch diesen Ambivalenzkonflikt - innere Ablehnung, äußere Überfütterung - eine spätere Essstörung prägen.

In der Pubertät, dem Erwachen des Weiblichen aus dem Dornröschenschlaf, reaktiviert sich auch zwischen Mutter und Tochter diese alte Rivalität. Eine Mutter mit eigener gestörter weiblicher Identität kann auch ihre Tochter nicht annehmen. Und dies vor allem an dem Entwicklungspunkt der Pubertät, an dem die Tochter beginnt Frau zu werden. In den Märchen und alten Volkssagen ist dies als traditionelle Überlieferung von Volksweisheiten sehr gut überliefert. Das Problem der Märchen ist jedoch meist die symbolhafte und bildliche Sprache, die wir uns heute übersetzen müssen und wie die Märchen ist auch der Traum symbolhaft und muss ebenfalls in seinem Inhalt erst übersetzt und zugänglich gemacht werden. Einige Autoren wie Verena Kast oder Drevermann haben in sehr verständlichen Interpretationen diese Symbolik übersetzt.

In der Bulimie taucht mit der Pubertät die Märchensymbolik: „Spieglein, Spieglein an der Wand....“ auf, oder auch die Symbolik von „Hänsel und Gretel“, die von der bösen Hexenmutter gemästet werden, um am Ende von ihr „aufgefressen“ zu werden.

Die verständliche Reaktion eines solchen Kindes ist das Erbrechen mit oder ohne Nahrung als somatisierter Widerstand, d. h. im Körperlichen ausgedrückte Abwehrstrategie des tieferen und unbewussten seelischen Konfliktes. Die Existenzablehnung der Mutter wird durch die Nahrungsablehnung der Tochter „ungeschehen“ gemacht, ein sehr bekannter seelischer Abwehrmechanismus. Dieses Ungeschehenmachen zeigt sich nicht, wie in reiferen Beziehungsformen, in Streitereien und Trotzreaktionen, sondern ist in frühkindliche Mechanismen „regrediert“, d. h. zurück verschoben. Der Säugling und das Kleinkind reagiert weitgehend körperlich z. B. mit Fieber auf Trennung, mit Bauchschmerzen oder Nabelkrämpfen auf ohnmächtige Wut, mit Verdauungsstörungen wie Durchfall oder Erbrechen auf Vernachlässigung und Mangel an Zuwendung. Aufgrund früher Traumatisierung, frühkindlicher Verletzung, bleibt diese frühe Reaktionsform auch im späteren Leben noch erhalten und bildet damit die Basis einer neurotischen Symptomatik, einer erneuten Erlebnisverarbeitungsstörung. Diese neurotische Symptomatik tritt auf, wenn die frühe Traumatisierung wieder aktualisiert wird. Beim Mutter-Tochter-Konflikt geschieht dies als Ablehnung des Weiblichen vor allem an der Pubertätsschwelle, dem „Frau werden“ des jungen Mädchens.

Ein rein psychogenes Erbrechen ohne Nahrungsaufnahme zeigt entweder eine leichtere Form der Bulimie, oder aber zusammen mit bulimischer, vor allem auch anorektischer Symptomatik eine chronifizierte schwere Verlaufsform bis zum deutlich werdenden körperlichen Abbau, weil keine Nahrung, keine „Muttermilch“ mehr im Körper bleiben darf.

Bezeichnend ist auch der Inhalt des Erbrochenen bzw. die Art des Nahrungsmittels, das symbolisch als Mutterersatz auf einer materialistischen Ebene erbrochen und damit „hinaus geworfen oder ausgekotzt“ wird:

Bulimikerinnen mit „Kotz- und Fress-Sucht“ und auch Anorektikerinnen mit Magersucht essen mit Vorliebe Milchprodukte wie Joghurt, Quark, Käse und vor allem Schokolade als Äquivalent der „süßen Muttermilch“. In dieser Schokolade wird die tiefer liegende Liebe-Hass-Ambivalenz zwischen Mutter und Tochter deutlich, die Sehnsucht nach Geborgenheit in der symbolisierten Muttermilch, aber auch der Impuls die Ablehnung der Mutter durch eine eigene Ablehnung auf materialisierter Ebene, dem Erbrechen, symbolisch ungeschehen zu machen.

Psychogenes Erbrechen: Therapie

Die Therapie zentriert sich auf eine Bewusstmachung der tiefen Abwehr des Mütterlichen bei gleichzeitiger Sehnsucht danach. Deswegen drückt sich auch in der Therapeuten-Patientinnen-Beziehung diese Hass-Liebe-Ambivalenz in dem Hin und Her des therapeutischen Geschehens aus z. B. durch Klagen über zu wenig Sitzungen und gleichzeitigem zu-spät-kommen zu jeder Sitzung.

Nach Aufbau einer tragfähigen, vertrauenswürdigen, wohlwollenden Beziehung kann die Patientin die kritischen und konfrontierenden Interventionen des Therapeuten besser akzeptieren und in dieser Beziehungskonstellation kränkungsfreier hinterfragen. Die tief liegenden widersprüchlichen Gefühle werden über das Medium Sprache verdeutlicht und in einen Therapeuten-Patientinnen-Beziehungskonflikt umgewandelt. Durch Reflexion und Bewusstmachung wird dann versucht, alternative und reifere Verhaltensweisen zu finden.

Eine wichtige Therapieform ist auch die Familientherapie als systemische Therapiemethode:

In dieser Therapie sind Mutter und Tochter, meist auch mit Vater und Geschwistern gemeinsam in einer Therapiesitzung. In einem „zirkulären Umfragen“ werden die einzelnen Meinungen und „inneren Weltbilder“ der Familienmitglieder dargestellt, in dem z. B. die Schwester der Patientin gefragt wird was sie glaubt, was die Mutter über die Patientin denkt - was dann die Mutter wie auch die Patientin „richtig stellen“ kann. Durch dieses indirekte Erfragen wird auf schonende indirekte Weise die gesamte Familiendynamik jedem verdeutlicht und ein grundlegendes Verständnis für einander geschaffen.

Durch die abschließende „paradoxe Intervention“ wird gleichsam die Symptomatik der Ablehnung, der Abgrenzung und Verselbstständigung „therapeutisch verschrieben“. Der Mechanismus führt über die therapeutisch verordnete Symptomatik der Ablehnung in der Patientin letztlich zur Gegenreaktion und damit zum positiven therapeutischen Zwang, alternative Erlebens- und Verhaltensformen zu suchen. Diese „paradoxe Intervention“ hat sich gerade bei Essstörungen und besonders bei Bulimie und Magersucht sehr bewährt. Leider kann sie wegen der aufwändigen Konstellation und der öfteren Verweigerung der Familienmitglieder nicht immer durchgeführt werden.

Mittel der Wahl bleibt daher zunächst meist nur die ambulante Einzeltherapie.

Bei ausgeprägteren Essstörungen und bei noch geringer Krankheitseinsicht hilft besonders am Beginn der Therapie eine stationäre Behandlungsphase. In dieser stationären Behandlung kann durch eine Kombination von Einzelgesprächen, Gruppentherapie, übenden und entspannenden Verfahren sowie durch den unmittelbaren Mitpatientenkontakt eine wesentlich dichtere therapeutische Atmosphäre erreicht werden. Zusätzlich wird durch Ernährungsaufklärung, durch gemeinsames Essen und gemeinsames Kochen an der Symptomatik der Vorgang des Essens und Kochens wieder „entmystifiziert“ und zu seiner eigentlichen Bedeutung zurück geführt. Danach kann in einer ambulanten Weiterbehandlung dieser Prozess vertieft werden.

Auch die Hardtwaldklinik II führt solche Therapien durch. Falls Sie nähere Informationen wünschen, richten Sie sich bitte an unser Info-Telefon 0800/914 63 60

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