Psychosomatische Erkrankung: Definition

Psychosomatische Erkrankung aufgrund biologisch-physiologischer sowie psycho-sozialer und intrapsychischer Faktoren, die im Rahmen einer multifakturiellen Genese zusammenwirken.

Die Erfassung und Analyse für die psychosomatische Erkrankung ist die Voraussetzung für eine Erfolg versprechende Therapie. Schon heute sind auf vielen Stationen der inneren Medizin Patienten über 65 zu 50% und mehr vertreten. Das Patientengut des Hausarztes setzt sich zum größten Teil aus älteren Menschen zusammen - und dieser Anteil wird weiter zunehmen. Die Therapie und Behandlung chronischer und psychosomatische r Erkrankung im höheren Lebensalter wird in Zukunft immer wichtiger werden, d. h., dass die Ausbildung der jungen Mediziner und Fragen der Altersmedizin bzw. Alterspsychiatrie erweitert werden muss.

Gravierende Veränderungen der Familienstruktur haben Auswirkungen auf den Familienstand im Alter. Es ist davon auszugehen, dass in der Gruppe der 60-jährigen und älteren Menschen die Anzahl lediger und geschiedener Personen kontinuierlich zunehmen wird.

Es gibt eine enge Verknüpfung von Krankheit und Lebensgeschichte. Ob sich eine psychosomatische Erkrankung entwickelt, ist nicht von dem Maß an erfahrenen Konflikten abhängig, sondern allein von den darauf erfolgenden Reaktionen. Radebold und Rassek konnten aufzeigen, dass unter bestimmten Bedingungen psychoanalytisch fundierte Behandlungen psychosomatischer Syndrome erfolgreich sein können, sofern die üblichen Kriterien, wie z. B. Indikationsstellung, Flexibilität und Regressionsgrad berücksichtigt werden. Auch andere psychotherapeutische Verfahren, wie Einzel- und Gruppengesprächstherapie werden verstärkt eingesetzt.

Bei älteren Menschen besteht häufig eine erheblich Diskrepanz zwischen ihrem subjektiven Erleben körperlicher Beschwerden und objektivierbaren Organbefunden. Es ist widerlegt, dass es sich bei „altersbedingten“ Organstörungen ausnahmslos um irreversible Defekte und Abbauerscheinungen handelt. Unter dem Aspekt eines individuellen Sinnverständnisses gewinnen dagegen viele Symptombildungen und Krankheitsverläufe, auch schwer kranker alter Menschen eine neue Dimension, beispielsweise, dass Patienten „aus inneren Gründen auf ihre Symptomatik angewiesen sein können“. Sie zu verstehen und zu respektieren kann nur auf dem Hintergrund eines psychosomatischen Sinnverständnisses gelingen.

Psychosomatische Erkrankung: Therapiemöglichkeiten

Die Therapie bei psychosomatischer Erkrankung besteht vor allem in psychologischer Beratung und Führung. Verdeutlichung von psycho-physischen Wechselwirkungen im Sinne der Psychosomatik in der Sexualität, in der Schmerzgenese, ebenso wie im Zusammenhang mit Schlafstörungen, Depressionen, Angstzuständen, Verlust- und Konfliktreaktionen. Sexualstörungen sind auch im höheren Lebensalter vorwiegend psychisch bedingt; allerdings sind als mitverursachende Faktoren, somatische Störungen und körperliche Erkrankungen mit im Spiel.

Eine psychosomatische Erkrankung entwickelt sich nicht "zufällig", sondern formt sich als Ergebnis der Dialektik zwischen innerer und äußerer Lebensgeschichte, in der Spannung zwischen gegensätzlichen inneren Haltungen und Gefühlen. Therapeutische Einsichten lassen sich daher immer nur in der Bezogenheit auf die Auslegung dieser Lebensgeschichte gewinnen.

Psychosomatik im Sinne ganzheitlichen Denkens setzt ökologisches Bewusstsein voraus, das immer auch spirituelles Bewusstsein ist.

Psychosomatische Erkrankung: Ziele der Psychotherapie im Alter

Sofern die psychosomatische Erkrankung von akuten Belastungen und Krisen überlagert werden, ist in jedem Fall das vorrangige Therapieziel, dem Betroffenen zu helfen, die akut aufgetretenen negativen Auswirkungen auszugleichen, d. h. eine optimale körperliche und psychische Befindlichkeit zu erhalten oder zurück zu gewinnen; dies ist zunächst wichtiger als weitergehende psychische Veränderungen anzustreben. Nach einer bewältigten akuten Belastung oder Krise erscheint durchaus angebracht, auf eine neue Identität und unter Umständen in Verbindung damit auch weniger idealistische Lebensziele hinzuarbeiten (Verlustverarbeitungen, Auseinandersetzungen mit Verlusten, Entwicklung neuer zwischenmenschlicher Beziehungen, Akzeptanz erforderlicher Abhängigkeiten). Dabei spielt eine besondere Rolle, dass „damit Umgehen“.

Generell gilt: je beeinträchtigter ein älterer Mensch ist, desto fokussierter sollten die Ziele der Psychotherapie abgesteckt sein. Von besonderer Wichtigkeit ist die Herstellung einer therapeutischen Beziehung. Der Behandler muss in der Lage sein, beträchtliche Flexibilität in der Wahl und Anwendung unterschiedlicher therapeutischer Verfahren aufzubringen. Die Behandlungsziele bei älteren Patienten mit psychosomatische r Erkrankung sollten konzentrierter und deutlicher formuliert werden. Ziele können u. a. bestehen in der Verbesserung zwischenmenschlicher und sozialer Beziehungen, in der Erhöhung der Leistungsfähigkeit wie auch in der Bewältigung von Konflikten und Ängsten. Sie können sich weiterhin beziehen auf die Akzeptanz körperlicher Gebrechen, kognitiver Beeinträchtigungen und Abhängigkeit wie auch darauf, mit den Ängsten vor dem Sterben und dem Tod fertig zu werden.

Psychologisch fundierte psychotherapeutische Verfahren können angezeigt sein bei Ruhestandsproblemen, dem Bewusstwerden der zeitlichen Begrenztheit des Lebens, dem Verlust wichtiger Bezugspersonen sowie bei Veränderung der ehelichen, familiären und beruflichen Beziehungen.

Therapie in der HWK II bei psychosomatischer Erkrankung:

Stationäre Therapie, interkurrent mit ambulanter Weiterbehandlung und Kooperation zwischen der Klinik und ambulant tätigen Ärzten. Geeignet bei psychosomatischer Erkrankung scheint besonders die Kombination zwischen Gruppen- und Einzelbehandlung, Entspannungsverfahren, übenden Verfahren sowie psychologische Beratung auf die Stärkung von Bewältigungstechniken und Entscheidungshilfen. Psychotherapie im engeren Sinne ist dann indiziert, wenn weitergehende Veränderungen des Erlebens und Verhaltens angestrebt werden.

Die Psychotherapie im Alter zielt immer auch auf die Entwicklung von Potenzialen und Ressourcen.

Literatur und Quelle:

Entnommen aus dem Hessischen Ärzteblatt Januar 1993, Prof. Dr. med. Manfred Bergener, Bergisch Gladbach.

Vortrag aus dem 8. Bad Nauheimer gerontologisch-geriatrischen Symposium „Bewältigung und Anpassung im Alter“. 

Informationen zu Krankheiten