Psychosoziale Belastungen - Ursachen

Die Niereninsuffizienz bedeutet ein Versagen der Nierenfunktion und damit ein Zusammenbrechen der notwendigen Entgiftungsfunktionen der Nieren. Ursachen sind meistens chronische Entzündungen wie Glomerulonephritis und Pyelonephritis (chronische Nierenentzündungen) oder Cystennieren, Nierengefäßschäden oder Spätfolgen eines Diabetes Mellitus, aber auch Nierenschädigungen durch chronischen Schmerzmittelabusus (z.B Phenacetin-Niere). 

Sofortige Hilfe ist durch Hämodialyse oder Peritonealdialyse möglich. Bei der Hämodialyse wird die Dialysemaschine an einen Gefäßkurzschluss am Arm, einem sogenannten Shunt, angeschlossen. Das Blut kann über die künstliche Membran der Dialysemaschine von harnpflichtigen Substanzen gereinigt und die Elektrolyte ausgeglichen werden. Dabei ist es notwendig, dass der Patient zwei- bis drei Mal wöchentlich etwa 5 Stunden behandelt wird.

Bei der Peritonealdialyse wird die Dialyseflüssigkeit in den Bauchraum gefüllt, die Giftstoffe können über das Bauchfell als halbdurchlässige Membran ausgetauscht und die Elektrolyte ausgeglichen werden.

Die beste Therapie besteht jedoch in einer Nierentransplantation, entweder von einem verwandten Lebendspender, meistens jedoch durch Nierenspende eines akut Verstorbenen.

Nicht nur bei der Dialysebehandlung, sondern auch Nierentransplantation ist zu beobachten, dass sich  - auch bei guter Funktion der Niere - in zahlreichen Fällen psychosoziale Belastungen wie auch körperliche Probleme entwickeln, die das neu erworbene Lebensgefühl stark beeinträchtigen können. 

Der Patient mit Nierenversagen erlebt ein ständiges Bedrohtsein durch die bestehende Gefahr eines möglichen Ausfall’s der körperlichen Entgiftungs- und Harnausscheidungsfunktion. Er wird abhängig von medizinischen Einrichtungen und kommt dort gleichsam wieder an die „Nabelschnur“ einer Dialyse über Stunden. Und dies mehrere Tage die Woche.

Außerdem steuert er selbst durch seinen Wasserhaushalt, seine Trinkmenge und seine Ernährung ganz wesentlich seinen Allgemeinzustand mit. Seine Lebensweise bedarf einer ständigen Kontrolle, er ist in seinem Alltag stets abhängig von Maschinen und anderen Menschen, sein Privat- und Berufsleben ist stark eingeschränkt. Dadurch erlebt er ein inneres Gefühl des Ausgeliefertseins, der ohnmächtigen Wut und der Resignation. Warum muss gerade er „an einer solchen Erkrankung leiden“, die außer der Nierentransplantation keinen Ausweg mehr bietet. 

Der Patient ist in seiner inneren Resignation und Ohnmacht weitgehend allein gelassen. Er kann sie nicht gegenüber den Menschen abreagieren, die ihn unterstützen, wie z.B. Familienangehörige, Freunde, Berufskollegen oder dem medizinischen Team eines Dialyse-Zentrums. Diese ständige Konfrontation mit Kontrolle, mit Verzicht, mit Verdrängung von negativen und depressiven Gefühlen führt z. B. zu Fehlleistungen und Fehlhandlungen wie Vergessen von Medikamenten oder auch Selbstschädigung durch unkontrollierte Flüssigkeitszufuhr. Auf der anderen Seite sucht er Schutz durch emotionalen Rückzug mit verminderter Lebensaktivität. 

Nach einer Nierentransplantation sind diese psychosoziale n Belastungen deutlich gebessert, wie eine Untersuchung von F. A. Muthny und U. Koch von 1997 bei 763 chronisch Niereninsuffizienten mit funktionierendem Transplantat aus den Zentren Berlin, Hannover, Heidelberg und München gezeigt hat.

Die organischen Parameter sind deutlich gebessert. Als psychosoziale Belastungen bleiben noch Blutdruckprobleme, Angst vor Nebenwirkungen und medizinische Komplikationen verbunden mit Unruhe und Nervosität, Angst vor der Zukunft und allgemeine Müdigkeit und Erschöpfung.

Ebenso verbessert sich die Situation mit dem Partner und der Familie, mit den Freunden und im Beruf. Die Lebensfreude, der Unternehmungsgeist, das Vertrauen in die Zukunft und das Selbstbewusstsein sind nach einer Nierentransplantation wieder deutlich gestärkt.

Es bleibt jedoch die Abhängigkeit von der medizinischen Überwachung und vor allem die Ungewissheit über die Funktionsfähigkeit des Transplantats. Ganz ähnlich, und damit gut vergleichbar, ist die Situation nach einer erfolgreichen Krebsoperation mit medikamentöser Nachbehandlung: auch hier  besteht die ständige Notwendigkeit einer medizinischen Überwachung mit all den bangen Fragen und Ängsten über die Zukunft, die damit in Zusammenhang stehen.

Nur seelisch starke Menschen mit einer stabilen Familiensituation bzw. Partner- und Freundesbeziehung können auf Dauer diese schwierigen Abhängigkeitsbelastungen und Zukunftsfragen ertragen, ohne durch schädigende Fehlverhalten oder ängstlich depressiven Rückzug an Lebensqualität zu verlieren.

Auch die Partner der Nierenpatienten sind erheblich in Mitleidenschaft gezogen, erleben das Leiden und die Abhängigkeit des Anderen. Sie spüren ihre eigene Ohnmacht, haben Angst ihn zu verlieren, erleben vielleicht den zunehmenden Alterungs- und Abbauprozess, es gibt Einschränkungen im Intimbereich, in der Ernährung und/oder in den Ferienreisen. 

Psychosoziale Belastungen: Therapie

In diesen schwierigen Situationen braucht der Kranke, wie auch sein Partner,  seelisch-geistige Entlastung. Diese Entlastung geschieht über fachkompetente Versorgung, über menschliche Anteilnahme und über die Möglichkeit, sich in einer Gruppe Gleichgesinnter oder zumindest Anteil nehmender Menschen über die Sprache mitzuteilen und verstanden zu werden. Diese Art von Psychotherapie kann in der Vertrautheit einer Fachklinik ermöglicht werden, vergleichbar der körperlichen Entgiftung im Dialyse-Zentrum. Die Therapeuten verfügen über das entsprechende seelisch soziale Fachwissen und sind bereit, sich auf den Betroffenen und seine Situation einzustellen. Die seelische Entgiftung ist in der Langzeitfolge vergleichbar mit der körperlichen Entgiftung mit dem Ziel einer ausreichenden Lebenszufriedenheit und Entängstigung. 

Psychosoziale Belastungen: Therapiemöglichkeiten in der Hardtwaldklinik II

Die Hardtwaldklinik II ist eine psychosomatisch/psychotherapeutische Fachklinik mit medizinsch-psychotherapeutischem Versorgungsangebot in Einzel- und Gruppentherapie. Wichtig dabei ist die Möglichkeit, sich  in einer Anteil nehmenden geschützten Gruppe über das gemeinsame Gruppengespräch mitteilen zu können,  sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und dadurch Angst und Resignation „zu entgiften“. Die Intensität dieses Entgiftungsprozesses ist abhängig vom Fachwissen,  Engagement und der Anteilnahme der Therapeuten und auch der Patientenumgebung, die in der Klinik durch Schaffen einer therapeutischen Stationsgemeinschaft besonders beachtet wird. 

Wirksam ist die Therapiekombination nicht nur von Einzel- und Gruppengesprächen, sondern auch von Entspannungstherapien wie Autogenes Training oder Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson sowie gemeinsames kreatives Handeln wie Malen in der Gestaltungstherapie oder meditative Körperarbeit in der Konzentrativen Bewegungstherapie (KBT). Diese Körperarbeit schafft „entgiftende Entspannung“ und intensiviert den Bezug zum eigenen Körper. Dadurch werden die Informations- und Rückkopplungsmöglichkeiten aus dem eigenen Körpergeschehen geschult und geschärft. Der Patient verbessert seine inneren „Alarmanlagen“ über seine körperliche und seelische Innensituation und erwirbt die Möglichkeit, sich in Anteil nehmender therapeutischer Beziehung zu entlasten, aber auch seine „seelische Batterie“ aufzuladen.

Ziel ist nach Kübler-Ross in einem stufenweisen Krankheitsmodell der Trauerarbeit wieder zu sich selbst und seinen begrenzten Möglichkeiten zu finden, zu seinem eigenen „seelischen Kammerton A“ und zu den Möglichkeiten seiner familiären-, sozialen- und beruflichen Realität. Das Prinzip der „Salutogenese“ nach Antonowski hat gezeigt, dass jeder Mensch trotz schwierigster Situationen Zufriedenheit und Glücksgefühle empfinden kann, wenn er seine eingeschränkte Realität akzeptieren und gestalten lernt, indem er seine Umwelt nach seinen Möglichkeiten aussucht und umgestaltet.

Der Prozess ist vergleichbar mit dem Gleichnis des halben Glas Wasser, das vom Einen als halb leer und vom Anderen als halb voll gesehen. Halb leer bedeutet, dass ich mich auf das nicht Vorhandene zentriere, diesen Verlust beklage und dabei die verbliebene und vorhandene halbe Fülle nicht nutzen kann. Halb voll heißt, dass ich durch Trauerarbeit den halben Verlust verschmerzen kann, mich auf die noch vorhandene halbe Fülle zentriere und  mir dabei - wenn auch eingeschränkt - diese Fülle einverleiben kann. 

Dabei möchten wir in einer zentrierten stationären psychosomatisch/psychotherapeutischen Behandlungsphase den Niereninsuffizienten, Dialysepflichtigen, aber auch den Nierentransplantierten Patienten helfen, zusammen mit ihren Angehörigen wieder diese, wenn auch eingeschränkte, Lebensfülle zu finden. 

Die wichtige somatische Seite wird vertreten durch das Dialyse-Zentrum von Prof. Knoll mit seinem erfahrenen Team, welches die Hämodialyse bzw. die Überwachung der Transplantationssituation garantiert und so die Voraussetzung schafft, sich angstfrei auf die jeweils seelischen Situationen und das Partnergeschehen einzustellen. 

Aus verschiedenen Untersuchungen mit ähnlich chronischen Erkrankungen wie schwerer chronischer Diabetes, Zustand nach schwerem Herzinfarkt, Herz-Kreislauf-Einschränkungen oder Zustand nach Karzinom-Operation wissen wir, dass die innerseelische Ausgeglichenheit und „Entgiftung“ wie auch die familiäre und berufliche Entlastung nicht nur die Gesamtzufriedenheit und Lebensqualität des einzelnen Patienten steigert und seine Familie entlastet, sondern auch den organischen Verlauf deutlich positiv beeinflusst.

Ihr Dr. med. P. Bernhard

FA für Psychotherapeutische Medizin

FA für Innere Medizin

Psychoanalyse

Sozialmedizin

Rehabilitationswesen

Weitere Informationen

Chefarzt-Sekretariat:

Frau Jäger-Berge

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Telefax 05626 88-1833

E-Mail jaeger-berge(at)hwk2.de

Dr. med. Manfred Schäfer

Ärztlicher Direktor und Chefarzt Dr. med. Manfred Schäfer

 

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