Die Probleme der Sexualität haben auch seit der größeren Freizügigkeit der Gesellschaft nicht nachgelassen, sind aber zumindest deutlicher hervorgetreten seit es „erlaubt“ ist, offener darüber zu sprechen. Obwohl Sexualität das Thema Nummer 1 bei jeder Stammtischrunde und bei jedem Kaffeeklatsch ist, so bleiben doch von sexuellen Störungen Betroffene mit ihren Nöten und Sorgen oftmals allein und trauen sich kaum, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wobei Schamgefühle eine wichtige Rolle spielen. Aus diesem Grund wird das Thema Sexualität im ärztlich/therapeutischen Kontakt ebenfalls häufig von beiden Seiten vermieden, obwohl geeignete Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Sexuelle Störungen - Ursachen und Formen

Insgesamt stellen sexuelle Funktions- Störungen die mit Abstand bedeutsamste Gruppe der

sexuellen Störungen dar. Bedeutsam sind allerdings auch Fragen der sexuellen Orientierung sowie Geschlechtsidentitätsstörungen. Die hohe Prävalenz der Sexualprobleme bei Männern und Frauen, die Verfügbarkeit einer Palette unterschiedlicher diagnostischer und therapeutischer Optionen und die zunehmende Inanspruchnahme professioneller Hilfe durch die Betroffenen Patienten werden diesem Bereich zukünftig einen noch größeren Stellenwert geben. Mehr als bei den anderen Gruppen sexueller Störungen greifen bei den Funktionsstörungen organische und psychische Faktoren ineinander und machen einen integrativen, biopsychosozialen Zugang notwendig. Die Beziehung von sexueller Gesundheit und sexuelle n Störungen zur Lebensqualität ist schon seit längerem bekannt, wird aber erst in der letzten Zeit breiter thematisiert. Dabei scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass therapeutisches Handeln nicht nur auf eine reine Symptombeseitigung und Wiederherstellung der sexuellen Funktion beschränkt sein darf, sondern sexuelle Gesundheit in ihrer Bedeutung für die allgemeine und sexualbezogene Lebensqualität als Zielgröße miteinbeziehen muss.

Wichtige Resultate aus aktuellen Studien haben den Zusammenhang zwischen sexueller Gesundheit und allgemeiner Lebenszufriedenheit klar gezeigt. Im einzelnen konnten dabei folgende Ergebnisse festgestellt werden:

  • Personen, die nicht sexuell aktiv sind, haben eine deutlich niedrigere Lebensqualität, wobei dieser Zusammenhang von dem Fehlen eines geeigneten Sexualpartners mitbestimmt wird.
  • Männer mit sexuellen Störungen haben im Vergleich zu nicht funktionsgestörten Männern erhebliche Einbußen in den emotionalen, sozialen und sexuellen Qualitäten von Intimität und Paarverbundenheit, und die sexuelle Dysfunktion ist bei ihnen assoziiert mit einem Zusammenbruch der emotionalen und sexuellen Nähe in der Partnerschaft, einer Verminderung des gegenseitigen Austauschs sowie einem Rückgang der Teilnahme an sozialen und Freizeitaktivitäten.
  • Auch bei Frauen verbinden sich sexuelle Probleme mit verminderter Leistungsfähigkeit und Befriedigung im interpersonalen, beruflichen und emotionalen Bereich: Dabei scheint es den Frauen weniger als den Männern zu gelingen, die sexuellen Probleme zum Beispiel durch eine „Flucht in die Arbeit“ zu kompensieren bzw. zu verdrängen.
  • In den klinischen Studien führte eine Reduktion der sexuellen Symptomatik zu signifikanten Verbesserungen der Lebenszufriedenheit sowie der seelischen Gesundheit, speziell zur Verminderung von Ängsten und Depressionen und zur Verbesserung der interpersonalen Sensibilität und Selbstachtung.
  • Damit wird deutlich, dass bei der Behandlung sexueller Störungen ein zentraler Erlebens- und Verhaltensbereich des Menschen angesprochen wird.

Sexuelle Funktionsstörungen

Die Ursachen sexueller Funktions störungen können sehr unterschiedlich sein und sowohl körperliche wie psychische Faktoren oder eine Kombination beider Aspekte beinhalten.

Körperliche Ursachen von sexuellen Funktionsstörungen:

  • angeborene oder erworbene Fehlbildungen
  • somatische Erkrankungen
  • Gefäßerkrankungen (Arteriosklerose, Diabetes mellitus)
  • Erkrankungen des Nervensystem
  • Erkrankungen der Muskulatur
  • Allgemeinerkrankungen
  • Genitalerkrankungen
  • psychiatrische Erkrankungen
  • Medikamente und Drogen
  • Schmerzen beim Geschlechtsverkehr

Psychosoziale Ursachen von sexuellen Funktionsstörungen:

  • mangelnde Sexualinformation und –erfahrung
  • Fehlvorstellungen bzgl. sexuellem Leistungsdruck, Masturbation, Stellenwert der Sexualität in unterschiedlichen Lebensphasen etc.
  • traumatische Erlebnisse in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter
  • innerpsychische Ursachen
  • partnerschaftsbezogene Ursachen
  • Im einzelnen werden folgende sexuelle Funktionsstörungen unterschieden:
  • Mangel oder Verlust von sexuellem Verlangen bis zur sexuellen Aversion
  • Versagen der genitalen Reaktion, Mann: Erektionsstörungen, Frau: Lubrikationsstörung
  • Orgasmusstörungen
  • Schmerzen beim Geschlechtsverkehr ohne organische Ursache
  • Vaginismus ohne organische Ursache

Die einzelnen Störungsbilder können schon lebenslang seit Beginn der sexuellen Erfahrung bestehen (primär) oder erworben, d.h. sich nach einer symptomfreien Phase entwickelt haben (sekundär). Die sexuellen Störungen kann generalisiert, also bei allen Partnern und Praktiken oder situativ, d.h. partner-, praktik-, bzw. situationsabhängig vorliegen. Psychische Faktoren als Ursache können isoliert wie in Kombination mit anderen Ursachen eine Rolle spielen.

Die stationäre Behandlung sexueller Funktionsstörungen beginnt mit einer ausführlichen und detaillierten Krankheitserhebung der sexuellen Symptomatik unter spezieller Bezugnahme auf mögliche psychische Zusammenhänge. Mögliche organmedizinische Ursachen werden geklärt und ggf. interdisziplinär mitbehandelt. In stützenden und konfliktzentrierten Einzelgesprächen wird besonderer Wert auf die Klärung der jeweiligen Hintergründe und Aufklärung in einem vertrauensvollen und angemessenen therapeutischen Kontakt unter Beachtung individueller Schamgrenzen gelegt. Entsprechend der jeweiligen Indikation finden Paargespräche mit Fokussierung auf die sexuelle Symptomatik statt.

Kombiniert werden können damit kreativpsychotherapeutische Gruppen- und Einzelverfahren wie Konzentrative Bewegungstherapie (KBT), Gestaltungstherapie oder Musiktherapie.

Ergänzend kommen Entspannungsverfahren zur Anwendung, die unterstützend auf den psychotherapeutischen Prozess wirken.

Daneben kommen noch Allgemeinmaßnahmen in der Hardtwaldklinik II bei der Therapie sexueller Funktions störungen hinzu. Besonderer Wert wird auch auf eine enge Kooperation zwischen Klinik und niedergelassenen Fachkollegen gelegt, um eine möglichst umfassende Versorgung auch im Hinblick auf eine mögliche Fortsetzung der Behandlung im ambulanten Setting zu gewährleisten.

Informationen zu Krankheiten