(Teil 1) Chancen und Schwierigkeiten

Gesundheitspolitische Ziele und Bedarfsplanung

Die Stationäre Psychotherapie in Deutschland ist mit inzwischen ca. 12.00 Betten in etwa 100 Kliniken ein einmaliges Phänomen in der gesamten Welt. In der gegenwärtigen Diskussion im Gesundheitswesen über Kosteninflation stellt sich die Frage, ob Psychotherapie, vor allem als stationäre Psychotherapie, durch spezielle Indikationen weiterhin als Kassenleistung in dem bisherigen Umfang gerechtfertigt ist.

Die ambulante Form der Psychotherapie wird getragen von der Beziehungskonstanz über Jahre zu einem Therapeuten. Die menschlich-therapeutische Akzeptanz trotz regressiver kindlicher Verhaltensweisen, bei gleichzeitigem Funktionierenmüssen in der Alltagsrealität, schafft für den Patienten die Voraussetzung einer „emotional korrigierenden Erfahrung“ (Alexander 1951).

In die stationäre Psychotherapie werden meist Patienten der Rentenversicherungsträger (BfA, LVA) eingewiesen, die nach längerer Krankheitskarriere im ambulanten, medizinischen Versorgungssystem bisher keine ausreichende Linderung ihrer Leiden finden konnten. Diese Menschen kommen meist in den inneren Konflikt, dass die einweisenden Ärzte als ultima ratio eine nicht nachweisbare seelische Verursachung der beklagten Diskriminierung empfindet. Kann diesen Patienten in durchschnittlich 4-6 Wochen stationärer Psychotherapie geholfen werden und gibt es vor allem bestimmte Leidensformen, zu deren Behandlung auch bei kritischer Abwägung stationäre Psychotherapie weiterhin als die wirkungsvollste Therapieform indiziert und damit notwendig ist?

Zur Bedarfsplanung und Begründung an psychotherapeutischer Versorgung zeigen Schepanck (1988, 1990) und Meyer (et al 1991) in ihrem Forschungsgutachten, dass die erfassten 7.260 psychosomatisch/psychotherapeutischen Rehabilitationsbetten in Deutschland teilweise eine „Fehllokation öffentlicher Mittel darstellen“.  Sie errechnen jedoch auch, dass selbst diese mehr als 7.000 Rehabilitationsbetten der psychosomatisch/psychotherapeutischen Fachkliniken nicht ausreichen, den „in somatischen Heilbehandlungen fehl geleiteten Bedarf an Psychotherapie zu decken“. Zusätzlich vermuten sie bis zu 12.000 somatische Betten in den Akutkrankenhäusern, die mit eigentlich stationärer Psychotherapie bedürftigen Patienten fehl belegt werden. Und kritisch stellen sie in dem Forschungsgutachten fest, „statt früh zu ambulanter, kommt es zu spät zu stationäre r Psychotherapie “.

2. Psychotherapeutische Versorgungsqualität

Viele Psychotherapiepatienten, die über die Rentenversicherungsträger zur stationären psychosomatisch/psychotherapeutischen Heilbehandlung eingewiesen werden, können jedoch erst in der Ausweglosigkeit des drohenden Arbeitsplatzverlustes oder in der therapeutischen Resignation eines über Jahre fehl behandelten psychischen bzw. psychosomatischen Leidens die innere Kränkung und Verunsicherung überwinden und sich zu einer stationäre n Psychotherapie entschließen, oder besser „schicken lassen“. Das psychische Leiden dieser Patienten muss erst ein gewisses Ausmaß an realer sozial akzeptierter Behinderung erreicht haben, um die Psychotherapieabwehr der Patienten und ihrer sozialen Umgebung überwinden zu können. Es bleibt also offen, inwieweit entsprechend dem Vorschlag des Forschungsgutachtens ein aktiveres Ansprechen diese Patienten früher Vorort erreichen könnte. Außerdem fehlen in einigen Gegenden noch niedergelassene Psychotherapeuten. Für den Patienten ist dabei die Hemmschwelle für eine ambulante Psychotherapie umso größer, je kleiner der Wohnort ist.

Die stationäre Psychotherapie wird von diesen Patienten, aus ihrer Angst vor sozialer Missbilligung gegenüber allem Psychischen, bevorzugt in dem Anonymitätsschutz einer peripheren Klinik gesucht „auf der grünen Wiese“, wie Meyer (et al 1991) es zu einseitig negativ diskutieren. Auch bleibt letztlich die Frage offen, wie viele der ambulanten qualifizierten Psychotherapeuten bereit wären, auf Dauer diese unmotivierten, kaum introspektions- oder psychotherapiewilligen Rehabilitationspatienten ambulant mit der notwendigen Geduld und Ausdauer zu behandeln. Zusätzlich erschweren Verständigungsprobleme den akademischen Therapeuten das Verstehen dieser meist einfacheren psychosomatisch kranken Patienten, etwa der „Unterschichtpatienten“ aus den Arbeiter-Rentenversicherungen.

Bei den intellektuell differenzierteren Patienten, meist aus der Angestellten-Rentenversicherung, ist die Notwendigkeit einer solchen psychotherapeutischen Hilfe annähernd proportional der zivilisatorischen Entwicklungsfolgen und ihrer Beziehungsprobleme. Mit zunehmender Überflussversorgung bei gleichzeitiger steigender Vereinsamung entwickelt sich ein „neuer Menschentyp, bei dem ein auf Höchstentwicklung trainierter Intellekt und ein auf äußerste Anstrengung getrimmter Wille in keinem Verhältnis stehen zur Unreife des Gefühls, einer Infantilität des Phantasielebens und einer unbewussten Tendenz zur Aggressivität und einer Verkümmerung von Mitmenschlichkeit, die in Affekt geladene Beziehungen zu Bezugspersonen transparent werden“ (van Minden 1988).

Die Folge ist eine zunehmende Beziehungsstörung und Vereinsamung mit steigender Suchterkrankung und Suizidalität, aber auch funktionell-vegetativen Symptomen wie eine „Erschöpfungsdepression“ (Burn-out). Diese seelischen Erkrankungsformen sind weder von der somatisch ausgerichteten Hausarztmedizin, noch der klassischen ambulanten Psychotherapie ausreichend erfassbar und befriedigend therapierbar, hier wäre eine stationäre Psychotherapie sicher die bessere Variante.

Es stellt sich daraus die wichtige gesundheitspolitische Frage, ob psychotherapeutische Hilfe auf klassische ambulante Neurosenbehandlung beschränkt bleiben soll, oder ob wir in dem weiter entwickelten stationär-psychotherapeutischen Angebot der Fokal- und Kurz-Therapie eine Chance sehen für die ambulant anfangs nicht erreichbaren Patienten und damit einen erweiterten gesundheitspolitischen Auftrag.

Informieren Sie sich auch über unsere weiteren Artikel rund um die Stationäre Psychotherapie:

1. Chancen und Schwierigkeiten

2. Stationäre Psychotherapie  

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