Informieren Sie sich auch über unsere weiteren Artikel rund um die Stationäre Psychotherapie:

1. Chancen und Schwierigkeiten

2. Stationäre Psychotherapie

Stationäre Psychotherapie: Zur Problematik der therapeutischen Reaktion

Entsprechend einer allgemeinen Unterscheidung im Pairing-Verhalten zwischen wiedergewonnener Beziehungshoffnung, illusionären therapeutischem Widerstand oder parasitär sexueller Therapieabwehr, ist das therapeutische Vorgehen prinzipiell zu differenzieren zwischen: „tolerieren, therapieren und disziplinieren“ und damit zwischen therapeutischem Verstehen, aktiv-therapeutischer Beziehungsklärung und disziplinarischem Beziehungsabbruch.

Stationäre Psychotherapie: Die Probleme der Patienten

Aus psychotherapeutischer Sicht beinhalten diese drei Vorgehensweisen spezielle therapeutische Probleme und Möglichkeiten:

Im Disziplinieren des Patientenagierens wird versucht, durch moralisierende Über-Ich-Bildung das Agieren zu unterbinden. In dieser Reaktion auf das Patientenagieren wird ein möglicher therapeutischer Ansatz verhindert. Der Therapeut identifiziert sich mit dem Außentabu der Gesellschaft. Ursache kann eine Gegenübertragungsproblematik des Therapeuten sein, hervorgerufen durch eigene unbewusste Neidproblematik auf vermuteten Lustgewinn oder durch eine zu starke Identifikation mit dem Aggressor-Tabu aus innerem therapeutischen Orientierungsmangel. Wird jedoch in der Kurschattenbeziehung das einseitige sexuelle Abenteuer gesucht, das therapeutisch nicht angehbar ist und damit eine Therapieabwehr darstellt, ist der therapeutisch-disziplinarische Beziehungsabbruch durch vorzeitige Entlassung die notwendige Konsequenz. In einem Tolerieren solcher Therapieabwehr wird letztlich therapeutische Veränderung und Gestaltung weitgehend verhindert.

Bei älteren vereinsamten Patienten, die in ersten vorsichtigen Beziehungsschritten wieder Selbstvertrauen und Hoffnung fassen können, ist diese tolerierende Haltung im Rahmen des therapeutischen Prozesses angebracht. Der Beziehungsversuch eines sonst resignierten und isolierten Patienten bedient sich des zaghaft wiedergewonnenen erotisierenden Lebensaufwindes, um die Beziehungsannäherung zu wagen, und sollte entsprechend toleriert und therapeutisch reflektiert werden.

Im Therapieren werden die Extrempositionen von Disziplinieren und Tolerieren therapeutisch sinnvoll integriert. Der Patient braucht einen berechenbaren nachvollziehbaren Therapierahmen. Pairingagieren aus Therapieabwehr ist zu unterbinden, das meist vorliegende Pairingagieren als lustvolle Inszenierung des Unbewussten ist wie jeder Patientenwiderstand zu therapieren. Der lustvolle Charakter des Agierens berührt nicht nur die Abstinenzfrage, sondern macht es für den Therapeuten notwendig, dass diese Widerstandsform von ihm selbst aktiv in die Therapie eingebracht wird. Diese Aktivität des Therapeuten ist um so wichtiger, je mehr der Patient damit den therapeutischen Prozess zu vermeiden versucht. Das lustvolle Pairingagieren ist vergleichbar mit seinem destruktiven Gegenpol, dem suizidalen Agieren, das ebenfalls aktiv vom Therapeuten aufgegriffen wird. Meist findet die Pairingbeziehung weniger im erotisch-sexuellen Beziehungsbereich statt (Menzel 1981), sondern strukturspezifisch akzentuiert im entsprechenden analen oder oralen Bereich, mit Dominanz- und Machtstreben oder Besitz- und Symbiosewünschen an den Beziehungspartner.

Das stationäre Pairing als Kurschattenproblematik ist ein individueller Versuch der erotisierten Zweisamkeit, im Ambivalenzkonflikt zwischen Therapiewiderstand und menschlichem Beziehungswunsch. Als solches Geschehen setzt dieses Agieren eine klaren eigenen therapeutischen Standpunkt voraus, sowie eine wohlwollende aber aktive Bereitschaft zur notwendigen therapeutischen Reflektion und ggfs. Konfrontation.

Stationäre Psychotherapie: Die Probleme der Therapeuten

Nicht selten zeigt sich – wie in vielen Patientenproblemen – auch in diesem Agieren indirekt ein verleugnetes und verschobenes Team- und Therapeutenproblem, was als solches mit Hilfe der unentbehrlichen Außensupervision zu hinterfragen ist.

Ein zu generelles Disziplinieren oder ein zu weitgehendes Tolerieren einer Kurschattenbeziehung ist meist ein indirekter Hinweis auf Übertragungsprobleme des Therapeuten selbst und damit ein Problem für seine Lehranalyse. Der Therapeut in der Weiterbildung lebt in der Doppelbelastung des Weiterbildungsassistenten einerseits und der Elternübertragungsfigur seines Patienten andererseits. Diese Spannung ist mit Hilfe der Abstinenzregel abzubauen.

Kommt es in dem hierarchischen Beziehungsgefüge zum Klinikvorgesetzten zu Rollendiffusion und Überschneidung zwischen Dienstabhängigkeit und Lehrtherapeutenfunktion, so sind Überlastungsreaktionen der Assistenten unvermeidlich. Sie werden meist sichtbar in einer schützenden Regression, wie im eigenen Krankwerden, oder in einer gesünderen Form der Beziehungsabgrenzung durch Stellenwechsel.

Generell hängen besonders im stationären therapeutischen Geschehen Team und Patient über bewusste institutionelle und unbewusste affektive Beziehungen zusammen und bedingen sich gegenseitig. Allein durch die Metaebene einer qualifizierten Außensupervision kann der schmale therapeutische Pfad zwischen Willkür und Über-Ich-Erstarrung, Allmacht und Ohnmacht, Autonomie und Abhängigkeit reguliert und therapeutisch genutzt werden.

Trotz möglicher Schwierigkeiten ist jedoch die psychotherapeutische Klinik als ein sich reflektierendes Beziehungsgebilde aus vielen Personen, Funktionen und Beziehungsebenen bei realitätsgerechter Indikation und selbstkritischer Einstellung eine überwiegende therapeutische Erweiterung und Chance für Patienten und Mitarbeiter.

 

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