Die Psychosomatik der Tics

Nach A. Polanz-Burgstaller, Institut für Psychosomatik und Verhaltenstherapie, Graz, sind motorische Tics unwillkürliche, rasche, wiederholte, nicht rhythmische motorische Bewegungen, die bestimmte Muskelgruppen betreffen. Zu den Tics gehören z.B. Augenblinzeln, Kopfwerfen, Schulterzucken und Grimassieren. Kompliziertere Tics können jede Art von Bewegung widerspiegeln, welche der Körper hervorrufen kann und sind zumeist langsamer als einfache motorische Tics. Folgende Formen können auftreten: Hüpfen, in die Hände klatschen, Stoßen, Nacken und Armmuskulatur anspannen, den Fuß strecken, Trippel- oder Kickbewegungen, die Faust ballen, usw.

Vokale Tics weisen eine breite Streuung auf. Sie können in einfacher Form auftreten und sind gekennzeichnet durch plötzlich einsetzende Laute wie Räuspern, Grunzen, Zischen, Bellen, Schnüffeln, Schnalzen usw. Zu den komplexen vokalen Tics wird die Koprolalie, Echopraxie, Echolalie und Palialie gerechnet. Koprolalie ist gekennzeichnet durch den Drang Obszönitäten auszusprechen und ist bei ca. einem Drittel der komplexen vokalen Tics vorhanden. Echopraxie ist der Drang, das nachzuahmen was sie gerade gesehen haben und kommt auch beim Tourette-Syndrom vor. Echolalie ist der Drang, das nachzuahmen was sie gerade gehört haben. Palilalie ist der Drang, das was sie selbst gesagt haben zu wiederholen. Vokale Tics treten zumeist in Sprechpausen auf und können den Sprechbeginn behindern oder blockieren.

Tics: Tourettesyndrom (Gilles-de-la-Tourette-Syndrom):

Es handelt sich dabei um eine seltene, chronische und vom Schweregrad her, stark ausgeprägte Form der Tics. Vokale und eine Vielzahl motorischer Tics treten kombiniert auf. Betroffene Personen haben das Gefühl, ihre Tics nicht unterdrücken zu können und erleben sie als unkontrollierbar. Im Allgemeinen können Betroffene ihre Tics Minuten oder gar mehrere Stunden lang unterdrücken. Der ritualisierte Charakter von Tics erinnert an zwanghafte Verhaltensweisen. Tics können vorübergehend auftreten oder einen chronischen Verlauf nehmen. Sofern einfache Tics, die meiste Zeit des Tages und dies länger als einen Monat auftreten, sollte eine fachliche Beratung in Anspruch genommen werden. Eine langfristige Verlaufskontrolle sollte jedoch ins Auge gefasst werden, da eine treffsichere Vorhersage über den weiteren Verlauf schwer möglich ist. Treten komplexe Tics, die meiste Zeit des Tages, über einen Zeitraum von mindestens 12 Monaten auf, ohne 2-monatige symptomfreie Zeit, so werden sie als chronisch bezeichnet. Ein Behandlung ist jedenfalls indiziert, wenn ein diagnostiziertes Tourette- Syndrom vorliegt, vokale Tics vorhanden sind, motorische Tics länger als ein Jahr andauern, motorische Tics in Kombination mit Zwangssymptomen auftreten und wenn motorische Tics gemeinsam mit selbstdestruktivem Verhalten vorhanden sind.

Ticerkrankungen beginnen zumeist in der Kindheit oder in der frühen Pubertät. Das Durchschnittsalter bei Krankheitsbeginn beträgt 7 Jahre. Zumeist beginnt die Störung vor dem 14. Lebensjahr. Zu Beginn treten motorische Tics auf, daraus entwickeln sich vokale Tics. In der Adoleszenz tritt häufig eine Verschlechterung der Symptomatik auf. Bei 3-18% tritt eine deutliche Verbesserung bzw. eine vollkommene Remission der Störung auf. Immerhin entwickeln 4 – 12 % aller Kinder Tics und 5 von 10.000 Menschen entwickeln ein Tourette-Syndrom. Tics können in unterschiedlicher Ausprägung auftreten. Die einfachsten Formen treten vorübergehend auf. Diese treten häufig mit 4-5 Jahren auf, dauern durchschnittlich eine Woche oder wenige Monate. Hierzu zählen, Blinzeln, Kopfnicken oder Grimassieren. Diese einfachen Formen können wiederkehren, vor allem in Phasen, in denen das Kind unter Stress steht. Behandlungsmodelle sind Selbstbeobachtung, massierte Übungen, Entspannungstechniken, Kontingenzmanagement, Reaktionsumkehr. Es gibt ein multimodales Behandlungsprogramm (Azrin & Nunn, 1973) welches die beschriebenen einzelnen Behandlungsmöglichkeiten vereint. Dieses Behandlungsprogramm geht von der Annahme aus, dass die Ticsymptomatik ursprünglich durch ein Trauma, oder einen massiven psychischen Stress ausgelöst wurde und sich in der Folge zu einer automatisierten Gewohnheitsreaktion von hoher Frequenz entwickelt hat. Dabei wird die Symptomatik, oftmals von der betreffenden Person selbst, nicht mehr wahrgenommen. Der Leidensdruck entsteht häufig durch abwertende Bemerkungen aus dem sozialen Umfeld.

Im Rahmen eines Behandlungsprogrammes wird versucht, die Selbstwahrnehmung und Selbstbeobachtung des Betroffenen insofern zu schärfen, damit er innere und äußere Auslöser für seine Tics erkennen kann, um sie in der Folge, durch eine inkompatible Gegenreaktion, beeinflussen zu können. Folgendes Beispiel soll zur Illustration angeführt werden: Bevor der Ticimpuls in kritischen Situationen kommt, kann als Selbstinstruktion „ich bemühe mich, den Tic nicht aufkommen zu lassen“ oder „Wenn der Impuls kommt, werde ich mich ihm stellen“ eingesetzt werden. Eine ablenkende Tätigkeit/Entspannung und Selbstverstärkung können dabei behilflich sein. Sollte der Impuls wahrgenommen werden, kann als Selbstinstruktion „ich spüre wie er kommt, jetzt Gegenbewegung setzen“ eingeübt werden. Als impulsabbauende Technik wird eine Gegenbewegung (bestimmte Muskelgruppe anspannen) eingesetzt. Sollte der Impuls so stark sein, dass er nicht unterdrückt werden kann, könnte als Selbstinstruktion, „der Tic kommt, jetzt abbremsen“, eingesetzt werden. Auch hier ist wieder die eingeübte Gegenbewegung aufzubauen. Parallel dazu wird ein Entspannungstraining zur Stressreduktion durchgeführt. Positive Verstärkung wird eingesetzt um die Motivation der Klienten zu fördern.

Tics: Stationäre Psychotherapie in der Hardtwaldklinik II:

In der Anfangsphase der Behandlung geht es darum, dass zwischen der Patientin/dem Patienten und der Bezugstherapeutin/dem Bezugstherapeuten eine tragfähige therapeutische Beziehung entsteht. Das Therapieprogramm wird abgestimmt und gemeinsam festgelegt. Dies bedeutet, dass begleitende Maßnahmen wie ein Entspannungsverfahren, sportliche Aktivitäten sowie physikalische Maßnahmen vereinbart werden.

Gruppenpsychotherapie:

Die Gruppenpsychotherapie ist Hauptbestandteil der Behandlung der Hardtwaldklinik II. Hierbei handelt es sich um analytisch orientierte, analytisch-interaktionelle und verhaltenstherapeutische Gruppen. In den analytisch orientierten Gruppen soll ein psychodynamisches Verständnis für die Verursachung der Tics deutlich werden, aber auch die Beziehungsaspekte im Sinne von Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen. Interaktionell bedeutet, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in der Gruppe in intensiven Kontakt kommen, Erfahrungen austauschen, über ihr Befinden berichten und sich gegenseitig Rückmeldungen geben.

Kreativtherapie:

Die Kreativtherapie findet ebenfalls im Gruppensetting statt, wobei Musiktherapie, Konzentrative Bewegungstherapie und Gestaltungstherapie zur Anwendung kommen. In diesem Rahmen können die Patientinnen/Patienten, die an Tics leiden, lernen, ihr inneres Erleben, ihre Gefühle besser zu spüren, ihren Körper besser wahrzunehmen und sich in Beziehungen zu anderen zu erleben.

Bei bestimmten Indikationen, dies ist jedoch ein Ausnahmefall, kann ein Kreativverfahren im Einzelsetting verordnet werden.

Abgesehen davon gibt es in der Hardtwaldklinik II Gruppen mit Problem lösenden Ansätzen (z. B. Adipositasgruppe, Arbeitslosengruppe, Suchtinformationsgruppe), verhaltenstherapeutische Gruppen (z. B. Angstgruppe, Selbstsicherheitstraining) sowie eine milieutherapeutisch ausgerichtete Großgruppe. Auch das Entspannungsverfahren der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson erfolgt in der Gruppe.

Einzelpsychotherapie:

Hier handelt es sich um tiefenpsychologisch fundierte aber auch stützende Einzelgespräche, die Frequenz variiert einmal in Abhängigkeit vom Grad der bestehenden Tics aber auch vom Therapieziel der Patientinnen/Patienten.

Sportliche Aktivitäten und physikalische Maßnahmen:

Diese werden individuell mit der Bezugstherapeutin/des Bezugstherapeuten besprochen und vereinbart. Hierbei handelt es sich um Angebote wie Fitnessgymnastik, Stretching, Badminton, Wassergymnastik, Wirbelsäulengymnastik sowie Kneipp’sche Anwendungen.

Freizeitbereich:

Hier besteht die Möglichkeit an alternativen Angeboten wie Terrainwandern, Musikwerkstatt, Gestaltungstherapie, Körperwahrnehmung, informativen Vorträgen durch unsere Psychologen teilzunehmen.

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