1. Einleitung

In der Öffentlichkeit wird viel über Ernährung, Essen, das Problem des Übergewichts, seine gesundheitlichen Risiken und die anfallenden medizinischen Kosten diskutiert. Auch Essstörungen wie die Anorexia und Bulimia nervosa sind im Gespräch. Nach der Symptomatik einer BED wird daher oft nicht gefragt, und infolge der großen Scham der Betroffenen, über ihr Leiden zu sprechen, bleibt das Krankheitsbild unerkannt. Viele Betroffene haben zahlreiche Gewichtsreduktionsversuche hinter sich.

Der Begriff „Binge Eating“ stammt aus dem Amerikanischen und bedeutet „ein Essgelage abhalten“. Auf deutsch wird das Krankheitsbild der Binge Eating Disorder am ehesten mit dem Begriff der „Essanfallsstörung“ beschrieben, wobei sich die englische Bezeichnung auch im deutschen Sprachraum durchgesetzt hat.

Seit den 90er Jahren wird in Fachkreisen gefordert, das Vorkommen von Essanfällen ohne Gegenmaßnahmen (wie Erbrechen, Gebrauch von Abführmitteln) als eigenständige Kategorie in internationale Diagnosesysteme aufzunehmen. Diskutiert wird auch, ob die Binge Eating Disorder eine Unterform der Bulimia nervosa ist; eine Bulimie zeichnet sich durch Essanfälle mit Gegenmaßnahmen aus. Im DSM-IV wird die Binge Eating Disorder in den Forschungskriterien als Kategorie erwähnt, die weiterer Forschung bedarf.

2. Erscheinungsbild

Als psychische Symptome bei Binge Eating Disorder sind zu nennen:

  • Häufige unkontrollierbare Essanfälle ohne Kompensationsverhalten,
  • gestörtes Essverhalten zwischen den Essanfällen,
  • abwechselnd restriktives und unkontrolliertes Essverhalten,
  • unregelmäßige Ernährung,
  • häufiges Durchführen und Abbrechen von Diäten,
  • negatives Körperkonzept,
  • interpersonale Defizite,
  • Wahrnehmungsstörungen in Bezug auf Hunger-/Sättigungsregulation,
  • Grübeln über die Nahrungszufuhr, die eigene Figur und das Gewicht.

Tatsächliche oder subjektiv erlebte zwischenmenschliche Konflikte gehen häufig den Essanfällen voraus. Kurzfristig kommt es durch die Essanfälle oft zu einer Spannungsreduktion. Wie auch bei der Bulimia nervosa variieren die Nahrungsmittelmenge, die während eines Essanfalls konsumiert wird, und die Dauer eines Essanfalls von Person zu Person.

Bei ungefähr 30 bis 40 % aller Binge Eating Disorder -Betroffenen ist zusätzlich eine Adipositas (BMI > 29.9) zu verzeichnen. Möglicherweise auftretende körperliche Symptome, unter denen Binge Eating Disorder -Patienten leiden, sind auf das Übergewicht – bis hin zur Adipositas – zurückzuführen: Herz- und Kreislaufkrankheiten, Erkrankungen des Skelett- und Bewegungsapparats, Störungen der Atemfunktionen (Schlaf-Apnoe-Syndrom), Venenleiden, Schwangerschaftskomplikationen sowie ein erhöhtes Karzinomrisiko. Es konnte nachgewiesen werden, dass mit steigendem Body Mass Index das Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko um ein Vielfaches erhöht ist.

3. Verbreitung und Verlauf (Munsch, 2003)

Ergebnisse verschiedener Studien weisen darauf hin, dass die Binge Eating Disorder in der Allgemeinbevölkerung häufiger als andere Essstörungen – wie Anorexie und Bulimie – auftritt. In klinischen Institutionen ca. 30 %, in der Allgemeinbevölkerung 0,7 bis 4 %.

Typischerweise manifestiert sich die Binge Eating Disorder erstmalig zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr. Eine zweite Häufung der Ersterkrankungen kann im Alter zwischen 45 und 54 Jahren beobachtet werden.

Neuere Studien können einen vorher beschriebenen Geschlechterunterschied bezüglich der Häufigkeit (Frauen erkranken häufiger als Männer) in der Allgemeinbevölkerung nicht bestätigen. Bisher konnte in der Forschung keine familiäre Häufung der Binge Eating Disorder nachgewiesen werden. Ebenfalls gibt es bisher keine Befunde, die auf spezifische soziodemografische Merkmale bei der Binge Eating Disorder hinweisen.

Nach Ablauf eines Jahres leiden ca. 30 bis 50 % der Betroffenen nicht mehr unter dieser Essstörung. Die durchschnittliche Krankheitsdauer bei klinischen Populationen wird auf ca. 11 Jahre geschätzt. Symptomverschiebungen sind kaum zu beobachten.

4. Therapeutische Angebote bei Binge Eating Disorder

In der Klinik am Homberg wird unter Berücksichtigung des gesamten Krankheits- und Beschwerdebildes ein psychotherapeutisches, ernährungsphysiologisches, ergotherapeutisches, balneophysikalisches und sporttherapeutisches Behandlungsprogramm zusammengestellt.

Teilnahme an Psychotherapiegruppen, Einzeltherapien, Ernährungsberatung und das Führen eines Esstagebuchs zur Klärung der Entstehungszusammenhänge helfen bei der Ursachenbestimmung. Auslöser von Essanfällen werden genau analysiert und die dahinter stehenden inneren Konflikte und Spannungen werden in der Therapie bearbeitet und reduziert.

In der Therapie sind folgende Schwerpunkte beispielsweise möglich: Verarbeitung belastender Lebensereignisse, Förderung adäquater Stressbewältigungsstrategien, Förderung eines positiven Körperbildes, Erarbeitung von Emotionsregulationsstrategien. Ein Erreichen dieser individuellen Ziele soll letztlich ein verändertes Ess- und Bewegungsverhalten zur Folge haben.

Liegt parallel zu einer Binge Eating Disorder eine Adipositas vor, so haben wir speziell für diese Patienten ein Behandlungskonzept, das auf den drei Säulen Psychotherapie, Ernährungsberatung und regelmäßigem Sport beruht.