Erkrankungen nach psychischer Traumatisierung -

Psychische Traumatisierungen bedeuten, dass eine bedrohliche Situation die menschlichen Bewältigungsmöglichkeiten übersteigt. In der unmittelbar auf die Traumatisierung folgenden Zeit kommt es zu einer normalen, also nicht krankhaften akuten Belastungsreaktion, die nach etwa vier Wochen wieder abgeklungen sein kann. Symptome dieser Belastungsreaktion sind: Gefühle des Sich - Betäubt - Fühlens, eine vorübergehende Unfähigkeit, Reize zu verarbeiten, ein Gefühl von Bewusstseinseinengung, eingeschränkter Aufmerksamkeit oder Desorientiertheit. Ein wiederholtes Erleben von Traumatisierungen kann eine anhaltende Erschütterung des Sicherheitserlebens sowie des Selbst- und Weltverständnisses nach sich ziehen. Es treten meist starke Gefühle von Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein oder Mißtrauen auf.

Während der Erfahrung der psychischen Traumatisierung ist das seelische Absperren von Wahrnehmungseindrücken ein Schutzmechanismus, der später zu Symptomen führen kann, wie z.B. Derealisation - dabei wird die Umgebung als fremd, wie durch Nebel oder in Trance wahrgenommen; oder Depersonalisation - dabei werden der eigene Körper und die eigenen Gefühle wie fremd erlebt.

In der Folge von (wiederholten) Traumatiserungen können chronische Störungsbilder entstehen, z.B.:

  1. Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS bzw. PTSD). Diese besteht aus sich aufdrängenden belastenden Gedanken und Erinnerungen an das Trauma, aus Übererregungssymptomen, wie Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, vermehrter Reizbarkeit und Konzentrationsstörungen, aus Vermeidungsverhalten gegenüber Situationen, die an den Traumatisierungs - Kontext erinnern. Vermeidung kann auch auftreten als emotionale Taubheit, oft verbunden mit Rückzug, Interessenverlust oder innerer Teilnahmslosigkeit.
  2. Die andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung. Auslöser können sein: mehrfach sich wiederholende, oder lang anhaltende traumatische Erlebnisse, sich oft und unberechenbar wiederholende, lebensbedrohliche Situationen, Folter, Konzentrationslager, usw. Es resultieren eine andauernde misstrauische Haltung gegenüber der Welt, sozialer Rückzug, ein andauerndes Gefühl von Leere und Hoffnungslosigkeit, gesteigerte Wachsamkeit und Reizbarkeit, sowie ein Gefühl, anders als die anderen zu sein. Für diese Diagnosestellung sollen die Erlebensänderungen nach psychischer Traumatisierung mindestens zwei Jahre bestehen.

Durch Traumatisierungen können zusätzlich weitere Traumafolgestörungen entstehen, z.B.: depressive Störungen, Angsterkrankungen, chronische Schmerzstörungen, somatoforme Störungsbilder, dissoziative Störungsbilder, Suchterkrankungen oder Persönlichkeits-störungen.

Häufigkeit

Bei Kriegstraumata und nach politischer Verfolgung traten Symptome der psychischen Traumatisierung in bis zu 70% der Fälle auf, ebenso bei technischen Katastrophen und Naturkatastrophen. Bei der Untersuchung von Frauen nach Vergewaltigung fanden Studien eine Häufigkeit der posttraumatischen Belastungsstörung zwischen 57 und 80%. Bezüglich anderer Gewaltverbrechen lag die Häufigkeit von Symptomen über 25%, je nach Ausmaß der erlebten Bedrohung und der erlittenen körperlichen Verletzungen. Nach Verkehrsunfällen wurden Symptome der psychischen Traumatisierung bei etwa 40% der Unfallopfer gefunden, ähnlich bei lebensbedrohlichen körperlichen Erkrankungen wie HIV-Infektionen, Krebserkrankungen und Herzinfarkten.

Bei der Untersuchung der psychischen Traumatisierung von Helfern fand sich eine posttraumatische Belastungsstörung bei Feuerwehrleuten und Rettungsassistenten bis zu 21%. Nach früher psychischer Traumatisierung wie Vernachlässigung, Misshandlung und sexueller Traumatisierung wurden Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung bei bis zu 80% beschrieben.

Stationäre Psychotherapie

Betroffene kommen in verschiedenen Phasen ihrer Verarbeitung in stationäre Psychotherapie: einige befinden sich in der Auseinandersetzung mit einer jünger zurückliegenden Traumatisierung, andere in der Phase chronischer Traumafolgestörungen. Zu einer Symptomzunahme kann es kommen, wenn aktuelle Lebensereignisse, wie Scheidung, Todesfälle in der Familie, ein neuer Berufsabschnitt oder körperliche Erkrankungen, eintreten. Zur stationären Aufnahme kommt es oft, wenn die Arbeitsfähigkeit bedroht ist oder sogar längere Arbeitsunfähigkeit besteht.

Die Psychosomatische Abteilung der Klinik am Homberg verfügt über eine Traumastation mit einem Frauenflur (Station 5). Die Therapie geht von unterschiedlichen Verarbeitungsstadien nach psychischen Traumatisierungen aus. Sie bietet Hilfe durch Techniken der Stabilisierung und Selbstberuhigung an. Sie unterstützt beim dosierten Umgang mit traumatischen Erinnerungen (z.B. mit Hilfe von Distanzierungstechniken), durch Informationsvermittlung (z.B. zum „Traumagedächtnis“), und hilft beim Aufbau von Selbstfürsorge. Die Verarbeitung psychischer Traumatisierung kommt auf einen guten Weg, wenn es wieder möglich wird, Erinnerungen und Gefühle im Zusammenhang mit dem Trauma bewusst zuzulassen und sie (wieder) in Worte zu fassen. Betroffene können ihr Vermeidungsverhalten verstehen lernen und werden dabei unterstützt, Vermeidung und Rückzug schrittweise zu verringern.

Ein wichtiger Vorteil der stationären Behandlung ist die Einbindung von Kreativ- und Gestaltungstherapie. Im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes nutzen wir diese Verfahren im Verbund mit der oben genannten Gruppentherapie und der zusätzlichen Stabilisierungsgruppe. Dadurch fördern wir eine differenzierte Wahrnehmung seelischer Prozesse, und bieten einen verbesserten Zugang zum Verständnis intrapsychischer Konflikte an. Die Möglichkeit, in spielerischer Form sich selbst zu begegnen, kann affektive Spannungen erheblich reduzieren und den Prozess der Selbsterkenntnis und Selbstveränderung unterstützen.

Die Behandlungselemente der Traumatherapie seien noch einmal aufgeführt:

Die Einzeltherapie ist wichtig, weil es PatientInnen nach psychischer Traumatisierung oft in therapeutischen Einzelgesprächen leichter fällt, Erfahrungen wieder zu beleben, die wegen Scham-, Schuld- und Angstbelastung bisher nicht geäußert werden konnten.

Die Gruppentherapien bieten eine wichtige Unterstützung, um aus der bisherigen Isolation herauszutreten und vermeidende Verhaltensweisen bei sich und anderen erkennen zu können.

In der Kreativ- und Gestaltungstherapie wird eine differenzierte Wahrnehmung seelischer Prozesse gefördert. Sie bietet einen leichteren Zugang zum Verständnis intrapsychischer Konflikte an, gibt Möglichkeiten, in spielerischer Form sich selbst zu begegnen, und Spannungen abzubauen.

Imaginative Verfahren helfen beim Wiedererlangen von Kontrolle im Umgang mit überflutenden Traumaerinnerungen. Hierzu gehören u.a. das Üben der Vorstellung eines inneren Wohlfühl – Ortes als Kraft- und Erholungsquelle, sowie von inneren Helfern, die in Phasen des Wiedererlebens von Hilflosigkeit in der Phantasie herbei geholt werden.

Als Entspannungstraining stehen zur Auswahl: Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Autogenes Training, Atembiofeedback, Atemgymnastik und Yoga.

Psychopharmaka werden nach sorgfältiger Abwägung begleitend eingesetzt.

Literatur:
Fischer, G. , Riedesser, P. (1998): Lehrbuch der Psychotraumatologie, München
Flatten, G., Hofmann, A., Liebermann, P., Wöller, W., Siol, T., Petzold, E. (2001). Posttraumatische Belastungsstörung. In: Rudolf, G. u. Eich, W. (Hg.): Leitlinien Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Stuttgart (Schattauer).

Verfasser: G. Mönnich