Die Dysarthrien sind sprechmotorische Störungen aufgrund einer Schädigung des zentralen Nervensystems, bei der die Kontrolle von Kraft, Bewegungstempo und Bewegungsumfang bei der Ausführung von Sprechbewegungen gestört sind.

Die Hauptursachen der Dysarthrien sind traumatische und zerebrovaskulär bedingte Hirnschädigungen sowie entzündliche oder degenerative Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Den Dysarthrien liegen Störungen der muskulären Kontrolle aufgrund einer Schädigung des zentralen Nervensystems zugrunde. Da bei der Dysarthrie in der Regel nicht nur die Artikulation betroffen ist, sondern auch die Phonation und die Sprechatmung, spricht man deshalb auch von einer Dysarthrophonie oder einer Dysarthrophonopneumie (Hartje, Poeck, 2002, S.137f). Diese Begriffe setzen sich zusammen aus der Dysarthrie (Störung der Sprechmotorik), Dyspnoe (Störung der Sprechatmung) und Dysphonie (Störung der Stimmbildung) (Masuhr, Neumann, 1996, S.97).

Die Folgen zentraler Dysarthrien machen sich in fast allen Bereichen des Alltags der Patienten bemerkbar. Durch eine stark beeinträchtigte Verständlichkeit oder vollständige Unverständlichkeit des Patienten kann die sprachliche Kommunikationsfähigkeit erheblich reduziert sein. Zusätzlich kann eine starke Sprechanstrengung, eine artikulatorische Verlangsamung oder ein verlangsamtes Sprechtempo die Teilnahme an Gesprächen erschweren. Durch stimmliche oder prosodische (sprachmelodische) Störungen gelangt ein Gesprächspartner eventuell zu Assoziationen wie kognitiver Verlangsamung, depressiver Verstimmung oder emotionaler Indifferenz. Unter diesen Bedingungen kann es zu einer Stigmatisierung des Betroffenen kommen und dadurch zu einer verminderten Kommunikationsbereitschaft des Erkrankten. 

Die Dysarthrien werden im folgenden anhand des ICIDH-Modells (International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps) der WHO von 1995 beschrieben (Ziegler, 1998, S. 3). 

Krankheit – Schädigung – Fähigkeitsstörung – Beeinträchtigung

(disorder) – (impairment) – (disability) – (handicap) 

Der Bereich der Krankheit (disorder) beinhaltet Fragen zu Ursache, Art, Verlauf und Prognose der neurologischen Grunderkrankung. Diese Faktoren sind die Rahmenbedingungen für Prognose und Therapie. 

Als Schädigung (impairment) werden die durch die Grunderkrankung verursachten sprechmotorischen Symptome zusammengefasst, die nach pathophysiologischen Kriterien klassifiziert werden. Auf dem Profil der pathophysiologischen Merkmale wird die Therapie aufgebaut. 

Unter dem Begriff der Fähigkeitsstörung (disability) werden die Beeinträchtigungen in der Kommunikation durch die geschädigte Sprechmotorik subsummiert, das heißt Art und Ausmaß der funktionalen Beeinträchtigung. Dazu gehören Einschränkungen der Verständlichkeit, der Sprechästhetik, der Prosodie und Stimme sowie der Gesprächsführung. Sie dient zur Festlegung der Behandlungsschwerpunkte und mittelfristigen Therapieziele. 

Die Beeinträchtigungen (handicap) beziehen sich auf die Einschätzung der aus den Sprechstörun gen resultierenden individuellen Behinderung des Patienten in seinem Alltag aufgrund seiner Erkrankung. 

Aufgrund dieser Beeinträchtigungen erfahren Patienten häufig Einschränkungen in ihren sozialen Kontakten, sowohl beruflich als auch privat. Eine Behandlung der Dysarthrien hat daher einen hohen Stellenwert in der Rehabilitation der Patienten. 

Eine intensive, tägliche Einzeltherapie ist bereits in der Akutphase notwendig, um die Kommunikationsfähigkeit der betroffenen Patienten weitest möglich wieder herzustellen und die Auswirkungen der Erkrankung auf die Lebensqualität gering zu halten. Eine zusätzliche unterstützende Gruppentherapie mit anderen Betroffenen ist ebenfalls sehr hilfreich. In diesem geschützten Rahmen können gemeinsam Sprechängste abgebaut und Kontakte aufgebaut werden. Vom Austausch mit anderen Dysarthrikern profitieren die Patienten oft ganz erheblich.

Die Aufklärung über die Störung und die Beratung über den Umgang mit Dysarthrikern für die Angehörigen gehören ebenfalls zu einem umfassenden Therapiekonzept. 

Die Klinik am Osterbach ist eine Rehabilitationsklinik mit einer großen Neurologischen Abteilung. Hier werden sehr viele Patienten mit Schlaganfällen und anderen cerebro-vaskulären Erkrankungen behandelt, bei denen häufig neben Aphasien auch Dysarthrien vorliegen. In einer großen Sprachtherapeutischen Abteilung behandeln Sprachtherapeuten diese Störungen, meist in Einzeltherapie mit dem Ziel, das Ausmaß der Schädigung soweit wie möglich zu verringern. 

Corinna Balk

Klinische Linguistin