Häusliche Gewalt und Traumatisierung

Teil 2 - Psychische und  psychosomatische Auswirkungen von Gewalt

Verpassen Sie nicht Teil 1 zum Thema Gewalt.

Die allerhäufigste Folgestörung von häuslicher Gewalt und sexueller Gewalt ist die posttraumatische Belastungsstörung, die gelegentlich auch Traumatisierungsstörung, psychisches Trauma oder posttraumatische Belastungsreaktion genannt wird, abgeleitet von dem englischen Ausdruck „post traumatic stress disorder“.

Die Abkürzungen variieren von daher von PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) zum PTSD (post traumatic stress disorder) und lassen sich in der Literatur auch so auffinden.

Hiermit ist ein Störungsbild bezeichnet, was sich mit einer gewissen zeitlichen Latenz nach Auftreten der Traumatisierung entwickelt. Hier war lange Zeit eine Grenze von 6 Monaten nach dem Ereignis per Definition angegeben, diese Grenze lässt sich jedoch nach neueren Forschungen nicht mehr klar halten. Wenn überhaupt, lässt sie sich auf Formen der Existenzbedrohung anwenden, die in einem anderen Zusammenhang erfolgen, wie z. B. bei Banküberfällen, Mordanschlägen, Katastrophen, Unglücken, Unfällen. 

Die häusliche Gewalt und gerade die alltägliche immer wieder auftretende Bedrohung sowohl durch Ausübung von körperlicher Misshandlung als auch durch Ausübung sexueller Gewalt stellt jedoch eine völlig andere Form der Traumatisierung dar, nämlich eine kontinuierliche stets wiederholte, oft fast unterhalb der Wahrnehmungsschwelle dauernd vorhandene Bedrohungssituation. Hier geht es nicht um ein einmaliges Ereignis, was nach seinem Abschluss mit Latenz zu einer körperlichen und psychischen Reaktion führt, sondern hier geht es um eine Dauereinwirkung stressender Faktoren, die zwei Dinge gleichzeitig bewirken:

einerseits die oberflächliche Abstumpfung des Individuums, das die Dauerbedrohung ja auch, um existieren zu können, aus dem Bewusstsein drängen muss, um seine Funktionstüchtigkeit aufrechtzuerhalten. Andererseits steigt eine innere Anspannung auf ein Niveau der Dauerwachsamkeit an, d. h. das Individuum kommt nicht mehr zur Ruhe, kann sich nicht entspannen, ist quasi in einem Daueralarmzustand und nimmt unter dieser erhöhten Aufmerksamkeit alle Reize der Umgebung verstärkt war.

Wir können uns das leicht vorstellen, wenn wir daran denken, wie allein Erwartungen oder Erwartungsängste die Wahrnehmung beeinflussen. Stellen Sie sich vor, Sie warten auf jemanden, der sie pünktlich zu einem Termin abholen soll. Je näher die Zeit des Abgeholtwerdens rückt, um so deutlicher reagieren Sie auf jedes Geräusch an der Tür oder jedes vorfahrende Auto sehr wachsam. Ist die Zeit überschritten, beginnt die Spannung zu steigen und Sie sind noch mehr geneigt, jedes Ereignis in der Umgebung im Sinne der Erwartung zu interpretieren, d. h. sie öffnen die Tür, weil sie denken, der Kollege stände bereits davor. So oder ähnlich müssen sie sich die Situation in einer Familie mit einer latent angespannten gewalt geprägten Familienatmosphäre vorstellen. Sowohl die Kinder als auch der unterlegende Partner in der Familie, d.h. meist die Mutter, wird sich in dieser latenten Form der Daueranspannung befinden. Alle Sinnesorgane, alle Wahrnehmungsprozesse sind auf das bevorstehende Ereignis - z. B. Vaters erneutem Wutausbruch - gerichtet. Wir können uns vorstellen, dass dies eine enorme Menge von Konzentrationsfähigkeit konsumiert und auch zu einer dauernden Überanspannung und Nervosität führt, die bei Kindern übrigens häufig fehlerhaft als hyperaktives Syndrom diagnostiziert wird. Sehr häufig wird übersehen, dass sich Kinder mit Hyperaktivität in einer solchen Daueranspannung befinden und nur motorisch auf die seelisch vorhandene unangemessene Situation reagieren. Außenstehende, noch dazu, wenn diese wenig Einblick in die emotionale Familienlage haben, können bei einzelnen Besuchen völlig über die Realität der emotionalen Situation im Familienkontext hinweggetäuscht werden.

Wir erinnern uns, dass „Opfer sein“ sehr schambesetzt ist, dass sich in unserer Gesellschaft jeder lieber mit Stärke identifiziert und sehr ungern als Schwächerer und damit „selbst schuld“ gesehen wird.

Wir haben deshalb damit zu rechnen, dass sowohl Kinder als auch unterlegene Familienmitglieder allgemein sich in der Öffentlichkeit ganz anders darstellen. Außendarstellungen des Ausagierens von Spannung (die eben schon erwähnte motorische Überaktivität) oder der überbemühten Rollenanpassung (zwanghaftes Putz- und Ordnungsverhalten im Haushalt als Versuch, wenigstens das zu kontrollieren, was kontrollierbar ist) könnten auftreten. Dies bedeutet, dass der arglose Dritte eher eine beneidenswert aufgeräumte Wohnung, eine überaus liebenswürdige Familienmutter, ausgesprochen brave Kinder, vielleicht mit einem schwarzen Schaf darunter, was hibbelig ist und nicht still sitzen kann, sieht. In einer solchen Atmosphäre würde auch Niemandem über die wahre Beschaffenheit der Familiensituation Auskunft gegeben werden, einmal aus Enthüllungsscham und angstauslösenden Fantasien über Konsequenzen der Enthüllung und zum anderen, weil in dem Moment der Außendarstellung jeder der Beteiligten in der Familie selbst gern an das vorgezeigte Bild glauben möchte.

Die Vermeidung von erneuten Ohnmachtsgefühlen, Hilflosigkeit und Peinlichkeit steht hier an erster Stelle. Oft ist in diesen Momenten den dauertraumatisierten Familienmitgliedern ein Zugriff auf die reale Leidensebene gar nicht möglich.

Es ist häufig zu beobachten, dass im Rahmen einer dauernden Traumatisierung mit Komplextraumatisierungscharakter Betroffene die Ebenen des seelischen Erlebens stark voneinander trennen, d. h. sie dissoziieren, springen quasi zwischen zwei „Filmen“ innerlich hin und her und befinden sich im Dialog mit unbeteiligten Dritten in einer nicht direkt bedrohlichen Situation meist in einem ganz anderen Film als dem Gewalt -in-der-Familie-Film. Es könnte jedoch auffallen, dass sie sich in bestimmter Weise an mehr oder weniger bedeutsamen Stellen so verhalten, als sei ein Gegenüber auch der bedrohliche Gewalt täter, so könnte eine vorschnelle Zustimmung geäußert werden evtl. auch ein sehr unterwürfiges Beipflichten beobachtet werden. Die Spannbreite dieser Verhaltensweisen reicht bis hin zum besonders forschen Auftreten und Geben von Widerworten, die gegenüber dem Aggressor und Gewalt ausübenden in der Familie nie möglich wären.

Das heißt, die mögliche Verhaltensweise gegenüber Dritten geht von einer Fortführung der unterlegenen Rolle bis hin zur Einnahme einer Kontraposition im sicheren Raum. Dies trifft auch auf die Verhaltensweisen von betroffenen Kindern zu, die von sozial überangepasst (meistens Mädchen) bis zu sozial auffällig und aggressiv (meistens Jungen) erscheinenden Verhaltensweisen variieren können.

Die häufig geäußerte Formel und auch im Nachhinein häufig auftretende Aussage betroffener Erwachsener „ich wollte alles von den Kindern fernhalten“ hat hier große Bedeutung. Wie wir wissen, ist es unmöglich, in einer Familie vor irgendjemanden irgendetwas wirklich geheim zu halten, da sich gerade Bedrohungen oder Feindseligkeiten atmosphärisch verbreiten und von daher sowieso spürbar, wenn auch nicht zuzuordnen sind. Die versuchte vollständige Abisolierung z. B. gegenüber den Kindern und damit die Wegnahme des Zusammenhangs der Feinseligkeiten ist für diese hoch irritierend. Das Kind würde somit also eine gespannte Atmosphäre empfinden, keinerlei Aufklärung der Situation in einem Streit beobachten, Dissonanzen erleben und dadurch notgedrungen zu der Schlussfolgerung kommen, es habe selbst etwas getan, um diese Atmosphäre herzustellen. Dies ist eine Form der Begründung eines langanhaltenden Schuldgefühls im Individuum, das ab da in Gefahr steht, in jeder Form der Spannung, in die es gerät, eine eigene Verschuldung zu sehen. So ein Mensch könnte z. B. später bei einem Konflikt am Arbeitsplatz zusammenbrechen, weil er in diesem Moment überzeugt ist, durch sein Versagen zum Konflikt beigetragen zu haben. So ein Mensch könnte evtl. auch später selbstmordgefährdet sein, wenn es in einer Partnerschaft zu einem harmlosen Streit kommt, weil er oder sie der Meinung ist, den anderen ins Unglück zu stürzen und  um dies zu verhindern, sich selbst beseitigen zu müssen. Es ist aber auch klar einsehbar, dass solche Schuldgefühle die Grundlage sind, um erneut in der nächsten Beziehung in eine Täter-Opfer-Konstellation mit präformierter Opferrolle zu geraten. Das heißt, wenn ich in der Grundsituation stehe, mich an allem Schuld zu fühlen, habe ich es sehr leicht, attraktiv zu werden für einen Partner, der in erster Linie Verantwortung für sein Handeln wegdelegieren will und sozusagen einen Schuldigen an seinem Leben braucht. Dies führt dann zu dem, was wir alle aus der täglichen Arbeit kennen, nämlich der Wiederholung von Täter-Opfer-Konstellationen und Beziehungsmustern bei Einmal-Betroffenen.

Nun zu der Frage, wie Auswirkungen häuslicher Gewalt, gewalt tätiger Auseinandersetzungen zwischen den Eltern auf Nicht-Betroffene wirkt. Das Fernhalten von Kindern ist im Grunde unmöglich, die schädlichen Auswirkungen einer zuordnungslosen Erfahrung von Aggressionen und Gewalt sind gerade oben beschrieben worden.

Die Auswirkungen der direkten Zeugenschaft körperlicher oder psychischer Gewalt zwischen Eltern sind genauso verheerend, allerdings in psychischer Hinsicht besser zuzuordnen und von daher später besser bearbeitbar. Das heißt nicht, dass die dauernde Anwesenheit von Kindern bei schweren Auseinandersetzungen diesen nicht schaden. Menschen sind soziale Wesen und als solche projizieren sie Bedrohungen gegenüber anderen Individuen auf sich selbst. Das bedeutet, das ein Kind, das beobachtet, dass seine Geschwister eine Ohrfeige bekommen, selbst befürchtet, eine solche zu bekommen. Im Extremen bedeutet dieses, dass die körperliche Bedrohung gegenüber der Mutter automatisch Existenzangst beim Kind hervorruft und dies nicht nur, weil durch den Verlust der Mutter eine Auslieferung an den Vater vollends der Fall wäre, sondern auch, weil eine direkte Bedrohung durch den Vater, wenn nicht schon erlebt, dann doch phantasiert wird. Über die Angst durch existentielle Bedrohung und Unterlegenheit hinaus finden hier weitere dissoziative Prozesse statt, d. h. die Bedrohung wird so groß, dass sie im Bewusstsein nicht ertragen werden kann ohne die Funktionstüchtigkeit zu gefährden. Sie wird also quasi in andere Schichten der Persönlichkeit verschoben wo sie mehr oder weniger viel Unheil anrichtet. Seelisch wird die Person so daran gehindert, das Ereignis langfristig zu verarbeiten, d. h. der Notretter der Dissoziation wird auf lange Sicht zu einer Behinderung der Verarbeitung von konflikthaften Prozessen. Daraus resultieren Phänomene wie Beziehungsabbrüche, heftige unvermittelte Reaktionen, seelische Dekompensationen, Depressionen, suizidale Krisen, aber eben dann auch leider später Impulsdurchbrüche mit eigener Aggression und Gewalt handlung.

Das heißt, weil eine Verbindung zu einem früheren Ereignis nicht mehr gespürt werden kann, bricht diese in einer bestimmten Form meist auch ohne Bezug zum Ereignis wieder durch. Gleichzeitig können bei erlittener oder phantasierter Gewalt entsprechende Stresszustände auftreten, die mit körperlichen Störungen im Rahmen von Somatisierungsstörungen einhergehen, d. h. Kreislaufstörungen oder Schmerzen, wie wir sie von Kindern bei Anspannung allgemein kennen, z. B. Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, aber eben auch sehr viel unspezifische Gefühle, die im Grunde in der jeweiligen Situation oft symbolhaft verankert sind. Entweder wird das Ohnmachtsgefühl körperlich verstärkt in Form von Erschöpfung und Infektanfälligkeit also allgemeinem Kranksein, oder eine Daueranspannung macht sich in Form von Konzentrationsstörungen bemerkbar, Sehstörungen, Hörstörungen, Wahrnehmungsstörungen allgemein, quasi symbolisch ein „ich will das nicht mehr sehen“, „ich kann das nicht mehr hören“. Oder erlittene körperliche Gewalt ist in einem Schmerzgedächtnis gespeichert und reproduziert sich in emotional ähnlichen Situationen. Beispiel: Jemand wird als Kind von seinem Vater wiederholt erheblich bedroht, mit der linken Hand des Vaters am rechten Arm des Kindes hochgezogen und dann mit der rechten Hand des Vaters auf den Rücken des Kindes geschlagen. Im späteren Lebensalter gerät die betroffene Patientin in eine Situation der subjektiv empfundenen Erniedrigung am Arbeitsplatz und entwickelt heftige Rücken- und Armschmerzen, ein sog. Schulter-Arm-Syndrom, das mit allen Mitteln der traditionellen Medizin über Jahre erfolglos behandelt wird. Erst die Aufdeckung des Zusammenhangs in der Szene und das Verstehen brachte ein völliges Verschwinden des Symptoms nach einer entsprechenden Durcharbeitungsphase.

Diese Phänomene sind keine Seltenheit und sollten bei Kopfschmerzen, bei bestimmten Formen von Rücken- und Armschmerzen bedacht werden. Gleichzeitig gibt es starke Beziehungen zwischen sexueller Gewalt und Unterleibsschmerzen, die häufig ebenfalls aus einer Vermischung aus symbolhafter Schmerzlokalisation (der Schmerz zeigt wo es wehtut- der Geschlechtsidentität) und real erlebten Schmerzen bei z. B. gewalt samer sexueller Handlung resultieren. Bei Opfern von Analverkehr haben wir sehr häufig Verdauungsstörungen und Verstopfungen, die meist nicht in diesem Zusammenhang gesehen werden und von daher meist völlig ohne Zusammenhang bleiben, d. h. auch der damit verbundene spätere Laxanzien-Abusus mit schwerer Schleimhautschädigung wird oft verkannt. Besonders gravierend und unterschätzt sind die Auswirkungen oraler Missbrauchserlebnisse und oraler gewalt samer Missbrauchserlebnisse. Diese sind in der Regel gewalt sam und führen beim Kind, meist schon bei recht kleinen Kindern zu Erstickungsgefühlen, scheinbaren Infekten im Nasen-Rachen-Raum und Würgereflexen. Später kann ein betroffener Mensch dann z. B. durch einen jahrzehntelangen Abusus von Nasentropfen, der meist verheimlicht wird, auffallen. Manchmal mit einer Reihe von Folgeschäden wie erhöhtem Blutdruck durch die Ephedrinhaltigkeit der Nasentropfen oder erhöhter Pulsrate durch das Ephedrin. Dies führt wiederum zur Folgemedikation durch Allgemeinmediziner, denen der Abusus meistens nicht gesagt wird, d. h. dann kommen Beta-Blocker-Medikation zur Senkung der Herzrate hinzu etc. Also es kann fast eine endlose Schleife geben von Medikationen, die letztlich nötig werden, weil ein Medikament, das frei verkäuflich ist, missbraucht wird, weil ein unerträgliches Gefühl der Undurchgängigkeit der Luftwege als Dauererinnerung im Vordergrund des Erlebens steht. Dies ist dann oft so beeinträchtigend, dass quasi keine normale Handlung parallel mehr ausgeführt werden kann. Schluckstörungen und Übelkeit, plötzliches Erbrechen sind darum auch nicht immer  Ausdruck einer Hiatusgleithernie oder eines Magen-Darm-Infektes, sondern gelegentlich kommt reflexartiges Erbrechen als Folgeerscheinung bei Opfern sexueller Gewalt mit oralem Missbrauch in Situationen vor, in denen sie sich wieder zum Opfer gemacht fühlen, dies kann auch eine Arbeitsplatzsituation oder ein Behördengang sein.

Wenn ich die Gesamtkategorien meiner Patienten in der Klinik am Osterbach zusammenfasse so sind die auffälligsten Erscheinungen, die dann auch gleichzeitig am meisten nicht erkannt werden, weil sie fast immer bei Ärzten anderer Fachgebiete angebracht werden, die sog. Somatisierungsstörungen, d. h. körperliche Symptome in allen möglichen Bereichen. Was soll nun ein Allgemeinmediziner  tun, wenn er einen Verdacht hat, dass hier Symptome entweder immer im selben oder in vielen verschiedenen Bereichen nacheinander auftreten, die er sich organisch gar nicht mehr erklären kann. Hier hilft nichts außer vielleicht einer Konsultation eines psychosomatisch orientierten Mediziners. Ein rein psychiatrisch orientierter Kollege wird hier ganz andere Zusammenhänge diagnostizieren, vielleicht auch eher medizieren aber nicht unbedingt als erstes an traumatische Hintergründe denken, ein psychologischer Psychotherapeut könnte unter Umständen die Somatisierung in ihren Ausmaßen unterschätzen oder nicht korrekt einordnen. Hier ist also das Kerngebiet der Fachärzte für Psychotherapeutische Medizin oder neuerdings Psychosomatik und Psychotherapie.

Wir müssen natürlich bei all dem bedenken, dass häufig auch gerade, weil die Verschleierungswünsche der Betroffenen weiter anhalten, die Beschwerden nicht zum richtigen Arzt getragen werden.

Was müssen wir festhalten zum Thema Gewalt in der Familie und Auswirkungen auf die Betroffenen?

  1. Kinder erleben Gewalt zwischen Eltern genauso als seien sie selbst von Gewalt betroffen.
  2. Es ist nicht möglich in einer Familie mit Gewalt atmosphäre irgendetwas von den Kindern fernzuhalten ohne sie zu schädigen.
  3. Eine Dauer- Gewalt atmosphäre oder nur die kontinuierliche Wiederholung von Gewalt oder der Gefahr von Gewalt kreiert eine Dauerspannung und setzt alle Familienmitglieder, die in einer unterlegenen Position sind unter Stress, d. h. auch die Hormonspiegel verändern sich. Es kommt zu einer Art Dauerstress-Cortisol-Spiegel. Das bedeutet wiederum eine bestimmte Form von Anfälligkeit für Infekte, und weiterhin eine bestimmte Anfälligkeit für psychosomatische und dann auch organische Erkrankungen, z. B. Magengeschwüre. Dies bedeutet u. a. auch eine Abisolierung der Affektwahrnehmung, d. h. die Personen selbst stumpfen ab und werden in der Regel dann auch selbst ihren eigenen Gefühlen entfremdet, haben es also später schwer, Zugang zu echten Gefühlen überhaupt zu erhalten.
  4. Dissoziationen treten auf, d. h. die Welten werden gewechselt, Kinder oder betroffene Familienmitglieder können bei Nachfrage oft nicht über die erlittenen Gewalt – und Misshandlungen berichten, weil sie zu dem Zeitpunkt der Befragung versuchen, in einer heilen Welt zu sein, d. h. keinen Zugang zu der anderen Erlebenswelt haben.
  5. Die Wiederholungswahrscheinlichkeit ist sehr hoch, unbearbeitete Erlebnisse dieser Art setzen sich mit einem hohen Risiko in eigenes Gewalt verhalten erneut um. 

Was können Betroffene tun?

Der wichtige erste Schritt ist der aus der Isolierung hinaus zu einer Vertrauensperson außerhalb des bisherigen Systems. Dies kann die Hausärztin sein oder der Hausarzt, eine Beratungsstelle oder eine psychotherapeutische Praxis. Oft reicht bei langjähriger Traumatisierung nicht aus, sich im ambulanten Rahmen Hilfe zu suchen. Zum einen, weil im direkten Umfeld Scham und Befangenheit oft eine Bearbeitung verhindern, Vertrauen fehlt, alle Beteiligten auch in anderen sozialen Rollen bekannt sind. Beispiel: die Sprechstundenhilfe der Ärztin hat ein Kind im gleichen Kindergarten wie das eigene. Der Psychotherapeut wohnt in der Nachbarschaft und alle sehen, wer dort hin geht. Oder die Familie oder sonstige Täter wohnen noch im Umfeld, es gibt Angst, die Familie „in ein schlechtes Licht“ zu bringen.  

Wenn Gewalt und Übergriffe noch bestehen, müssen sie aufhören. So einfach diese Regel zu verstehen ist, so schwer fällt oft Betroffenen, sie umzusetzen. Denn oft geht „Aufhören“ nur über Weggang oder Trennung oder sogar Einschalten von Polizei und Jugendamt. Aber es muss sein, denn sonst kann eine erfolgreiche Therapie nicht erfolgen.

Ein Weg, zunächst mit Abstand die eigenen Gefühle und Symptome zu klären und Schlüsse zu ziehen, kann eine stationäre psychotherapeutische Behandlung in einer Fachklinik sein. Dort ist auch für Personen, die weiterreichende Schritte noch nicht unternehmen konnten, zumindest ein Freiraum geschaffen, in dem keine Bedrohung herrscht und therapeutische Arbeit stattfindet. So kann ein solcher stationärer Behandlungsabschnitt Beginn einer Neuorientierung sein, um dann nach einer klaren Distanzierung vom z.B. gewalttätigen Umfeld und zwischenzeitlicher ambulanter Therapie später zum Zeck der Stabilisierung und Aufarbeitung traumatischer Erlebnisse erneut mit anderer Zielsetzung aufgesucht zu werden. So kann die bestehende Möglichkeit einer stationären psychotherapeutischen Behandlung in die Behandler- und Maßnahmenkette gut integriert werden. Um die bestmögliche Behandlung überhaupt beginnen zu können, ist dieser Einstieg für viele Betroffene eine große Hilfe. Um Verwechslungen auszuschließen, sei nochmals betont, dass es sich nicht um die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik handelt, die oft eher mit „verrückt sein“ gleichgesetzt wird und manchen Betroffenen vielleicht sogar aus Drohungen bekannt ist. Psychotherapeutische Fachkliniken und Fachabteilungen mit psychosomatischer und psychotraumatologischer Ausrichtung haben eine andere Behandlungsstruktur und andere Behandlungsformen, haben meist auch keinen Krankenhaus-Charakter.

Es lohnt sich, gegebenenfalls ein Vorgespräch zu führen und sich beraten zu lassen oder Informationen über andere Medien zu finden, z.B. über das Internet.

Behandlungsansätze in solchen Institutionen versuchen, psychosomatischen Auswirkungen von Traumatisierungen durch gezielte Körpertherapie entgegenzuwirken, während gleichzeitig verschollene Zusammenhänge zwischen Erleben und Fühlen wieder belebt werden. Um die Rückgewinnung aller eigenen Erlebensqualitäten und Bewältigungsmöglichkeiten auch gut integrieren zu können, ist es wichtig, stabilisierende Therapieelemente mit in die Behandlung aufzunehmen.

An dieser integrativen Therapie sind neben ärztlichen und psychologischen Behandlerinnen auch viele andere Teammitglieder beteiligt, Kunst- und KörpertherapeutInnen, Krankengymnastinnen, Sozialarbeiterinnen und Pflegemitarbeiterinnen, um jeden Abschnitt der Behandlung zu begleiten.

Dies ist zugleich die besondere Stärke einer stationären Behandlung.

Den Betroffenen bleibt zu wünschen, dass sie sich trauen!

Barbara - Rose Legeler

Ärztin für Psychotherapeutische Medizin mit Psychotraumatologie