Möglichkeiten und Wege der Kunsttherapie

Wir leben heute in einer Zeit, in der das logische Denken, die Intelligenz und das vernünftige Begreifen eine große Rolle spielen. Emotionen wie Traurigkeit, Wut und Erschöpfung haben in dem Lebensalltag vieler Menschen keinen Platz mehr.

Die Kunsttherapie bietet einen Weg, wieder einen Platz für diese Emotionen zu schaffen. Sie können Farben und Bewegung bekommen, sie werden auf dem Papier oder in der Skulptur festgehalten und können so auch einen Zugang zur „psychologischen" Verstandesebene bekommen.

Die Arbeit mit gestalterischen  Mitteln findet in einem durch die Kunsttherapie geschützten Rahmen statt. Das Setting bietet die Möglichkeit einen ganz neuen Zugang zu der eigenen Kreativität zu finden. Dies kann einzeln oder in einer Gruppe geschehen.

Viele Menschen denken zunächst „Ich kann doch gar nicht malen“; „Ich war schon in der Schule in Kunst ganz schlecht“; „Das wird doch nicht schön“; und „Ich bin doch kein Künstler“.

In der Kunsttherapie haben Sie die Möglichkeit, dem Künstler, der in uns allen steckt, in sich zu begegnen. Sie können spüren, dass Kunst nichts damit zu tun hat, Leistung zu erbringen und etwas „Schönes“ oder „Nettes“ zu erstellen, sondern sich selbst zu entdecken, mit den ängstlichen, traurigen, scheußlichen, energiegeladenen, wunderschönen und geheimnisvollen Seiten. Es geht in der Kunsttherapie definitiv nicht darum, ein hübsches Landschaftsbild für das Wohnzimmer zu erstellen. Es geht um den Menschen. 

Die künstlerische Tätigkeit ist auch ein Dialog. Ein Dialog zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, zwischen dem Gefühl und dem Verstand. Es ist unsere Aufgabe in der Kunsttherapie, Menschen in diesem Dialog zu begleiten und ihnen zu helfen, ihn zu verstehen und die beiden Seiten zu einander zu führen. 

Die Kunsttherapie als ein nonverbales Medium bietet Möglichkeiten, den unaussprechlichen, nicht erklärbaren Dingen einen Platz zu geben. So kann man auf abstraktem Wege, also nur mit dem Mittel der Farbe, das Chaos malen, was einen schon seit Tagen ganz schwindelig sein lässt, oder die Leere, die seit gestern alle Gefühle verschluckt hat, den Klumpen, der schwer im Bauch liegt, oder den Kloß, der sich im Halse festsetzt, immer wenn man eigentlich gern weinen würde.

Das Malen dieser so schwer zu verstehenden Phänomene verschafft Erleichterung, man muss sich nicht erklären, sondern kann einfach nach der Farbe greifen, die einem gerade in den Sinn kommt, wenn man an die Leere, das Chaos oder an den Kloß im Hals denkt und malen. Das löst oft schon etwas Spannung, weil das Gefühl einen Platz haben kann und weil gehandelt werden darf, ohne etwas „richtig“ machen zu müssen. Auch fällt es einfacher, zu verstehen, „Was ist das eigentlich?“, „Was für eine Art von Chaos?“, „Wie leer ist die Leere wirklich?“.

Über das Malen und durch die Begleitung in der Kunsttherapie kann der Patient mit dem Bild weiterarbeiten, zum Beispiel Dinge näher in den Fokus holen, eine Struktur für das Chaos finden.

In der Kunsttherapie kann fortlaufend an neuen Themen gearbeitet werden, aber auch immer wieder rück-geschaut werden, wie z.B. das Chaos zu Beginn der Therapie ausgesehen hat. Die KlientIn hat seinen Verlauf buchstäblich in der Hand, so das er/sie ihn immer wieder anschauen kann und eine Rückkopplung über seine Entwicklung und auch eine Dokumentation seiner Therapiearbeit hat.

Wann nützt Kunsttherapie? Immer, wenn es um schwer auszudrückende Gefühle geht, oder auch darum, wieder Zugang zu sich zu bekommen. Immer, wenn die Kreativität verschüttet ist und eigene Fähigkeiten und Möglichkeiten wieder neu entdeckt werden müssen. Oft auch, wenn Bilder im Kopf stecken geblieben sind, die den Blick verstellen und die handhabbarer werden, wenn sie einen Platz außerhalb der Vorstellung, auf einem konkreten Blatt, haben.

Wir nutzen Kunsttherapie im Rahmen einer stationären psychotherapeutischen Gesamtbehandlung, um ihre Möglichkeiten in den Dienst einer Gesamtbehandlung zu stellen.

Wir arbeiten dabei auch mit Patienten und PatientInnen mit schweren Traumatisierungen und posttraumatischen Belastungsstörungen in indikationsspezifischen Gruppen.

Elke Siemonsmeier

Kunsttherapeutin