Spätfolgen nach Kinderlähmung

1. Die akute Polio:

Die Kinderlähmung (Polio) ist eine Infektionskrankheit. Die Viren werden über den Mund aufgenommen und vermehren sich im Verdauungstrakt. Obwohl die Erkrankung sehr anstreckend ist verläuft sie in den meisten Fällen ohne Symptome oder nur wie ein fieberhafter Infekt mit allgemeiner Abgeschlagenheit und Kopf- oder Halsschmerzen und Darmbeschwerden. Nur in 1 bis 2% kommt es zu Lähmungserscheinungen. Dabei befallen die Viren meistens die motorischen Vorderhornzellen im Rückenmark, die die Muskelbewegungen steuern. Folge davon sind Lähmungen der zu diesen Nervenzellen gehörenden Muskeln. Diese Lähmungen bilden sich in den ersten Wochen nach der Infektion häufig wieder gut zurück, können aber auch bestehen bleiben. Bei Erkrankungen im Kindesalter kommt es zu Wachstumsrückstand der befallenen Glieder, oft zu Muskelatrophien und durch instabile Gelenke auch zu degenerativen Gelenkerkrankungen. Der Körper versucht nun die entstandenen Ausfälle zu kompensieren in dem die verbliebenden Nervenfasern mehr Muskelzellen aktivieren. 

Die letzten großen Polioepidemien in Deutschland ereigneten sich in den 50-iger und 60-iger Jahren. Durch die Einführung vor allem der Schluckimpfung gingen die Neuerkrankungen drastisch zurück. Die jährliche Zahl der Neuerkrankungen ist seit 1988 um 99% gesunken. In der Bundesrepublik gibt es seit über 10 Jahren keine Neuerkrankungen mehr. 

2. Das Post-Polio-Syndrom:

Allerdings treten bei einer Reihe der früher erkrankten Patienten 10 bis 30 Jahre nach der Akuterkrankung unerwartete gesundheitliche Probleme auf: Es kommt wieder zu einem Auftreten von langsam progredienten (fortschreitenden) Lähmungen in den ursprünglich betroffenen Muskelgruppen und gelegentlich auch in noch nicht betroffenen Muskelgruppen. Neben der Muskelschwäche kommt es sehr häufig auch zu Auftreten von Schmerzen, ähnlich wie in der Akutphase. Diese Schmerzen sind oft unabhängig von der Belastung und bestehen auch in Ruhe. Darüber hinaus klagen die meisten Patienten mit einem Post-Polio-Syndrom über abnorme Ermüdbarkeit und verminderte Kraft und Ausdauer. Oft tritt auch eine Kälteintoleranz auf und es kommt zu neuen Atrophien. Dadurch tritt auch in bisher stabilen Gelenken eine zunehmende Instabilität auf. 

3. Post-Polio-Syndrom: Diagnostische Kriterien

Folgende Kriterien müssen erfüllt sein, um die Diagnose eines Post-Polio-Syndrom zu stellen:

  • durchgemachte Poliomyelitis mit klinisch stabilem Intervall von mindestens 10 Jahren
  • nachweisbare Restzustände der akuten Polio
  • neu aufgetretene neuromuskuläre Symptome
  • Ausschluss anderer Ursachen für die neuen Ausfälle 

Circa 20 bis 40% der Patienten, die früher an akuter Kinderlähmung erkrankt waren, geben an, inzwischen neue Symptome entwickelt zu haben. Man schätzt, dass es in Deutschland circa 50 – bis 70.000 Betroffene gibt. Die Auswirkungen sind oft so stark, dass die Betroffenen auch ihre Lebensweise ändern müssen. So ist sehr häufig das Treppensteigen beeinträchtigt. Viele Patienten sind auch der Belastung durch die Arbeit nicht mehr gewachsen und es kann zu Schluckstörungen und Atemstörungen kommen. 

4. Post-Polio-Syndrom: Ursachen

Obwohl das Post-Polio-Syndrom gar nicht so selten ist, ist es doch relativ wenig bekannt. Dies liegt sicher auch daran, dass keine kausale Therapie bekannt ist und dass andererseits die Progredienz (das Fortschreiten) oft begrenzt und nicht bedrohlich ist.

Letztlich sind die Ursachen für das Post-Polio-Syndrom noch nicht geklärt. Wahrscheinlich gibt es verschiedene Ursachen, aber die Überlastung scheint eine entscheidende Rolle zu spielen. Übermäßiger Gebrauch der noch verbliebenen intakten Muskulatur führt wohl zu vermehrter Abnutzung. Dazu besteht in der betroffenen Muskulatur oft auch eine ungenügende Blutversorgung, sodass diese Muskeln unterversorgt sind. Dies ist sicher auch ein Grund dafür, dass diese „Post-Polio-Muskulatur“ eine wesentliche längere Phase zur Erholung benötigt als gesunde Muskulatur. 

5. Post-Polio-Syndrom: Therapie

Allerdings sind die Symptome doch sehr einschränkend und man kann durch bestimmte Maßnahmen zumindest eine Linderung und leichte Besserung erzielen. Hierzu gehört das Vermeiden bestimmter Medikamente und eventuell die Gabe von Medikamenten, die den Muskelaufbau fördern. Vor allem erweisen sich aber physikalische Maßnahmen als sehr sinnvoll. Hierzu gehören vor allem passive physikalische Maßnahmen wie Wärmebehandlung, Lymphdrainage und auch Reizstromtherapie und TENS gegen die Schmerzen. Außerdem sind Entlastung und Entspannungstechniken sehr wichtig. Oft sind nämlich durch das Post-Polio-Syndrom Patienten betroffen, die früher eine schwere Polio durchgemacht haben und später durch sehr viel Willensanstrengung in ihrem Leben viel erreicht haben. Eine Bewegungstherapie sollte durchgeführt werden und hat sich als sehr wichtig und effizient gezeigt, sollte aber nicht zu Überforderung und Überanstrengung führen. Deswegen sollten die Muskelgruppen, die beim täglichen Leben ohnehin sehr gefordert sind, eher ausgespart werden. Durch eine Kombination dieser Maßnahme lassen sich die Folgen des Post-Polio-Syndrom's doch deutlich beeinflussen und die Lebensqualität erhöhen. 

In der Klinik am Osterbach befindet sich eine große Neurologische Abteilung, mit einer entsprechenden Krankengymnastik, Ergotherapie und Sprachtherapie. In dieser wird auch eine spezielle Schluckdiagnostik (transnasale Endoskopie) und Therapie durchgeführt. Wichtig für die Behandlung ist auch die Neuropsychologische Abteilung, in der Hilfen zur besseren Krankheitsbewältigung gegeben werden, Entspannungstherapien gelehrt werden und in der auch eine spezielle Schmerztherapie durchgeführt werden kann.

Dr. med. M. Loew