Der „Ermüdungsbruch der Seele“ oder „Steter Tropfen höhlt den Menschen“

Wir kennen das von jedem x- beliebigen Material – den Ermüdungsbruch.

Man braucht nur etwas ohne Unterlass hin und her zu biegen, irgendwann bricht alles durch. Damit, das wissen wir, können wir jedes Material klein kriegen. Auch den Menschen. Das benötigt dasselbe wie beim Material – wir müssen nur längere Zeit auf ihn eine Kraft ausüben, der er auf Dauer nicht Stand halten kann. Diese Form von psychische r Traumatisierung wird ja auch tatsächlich systematisiert: beim Mobbing, bei der Diskriminierung, der Diskreditierung, bei der Verleumdung, auch bei der Gehirnwäsche oder Stimmungsmache bei den Medien. Wie gelingt eine psychische Traumatisierung?

Solche Umgehensweisen nutzen es aus, dass der Mensch fortgesetzte Hilflosigkeit nicht aushält. Dies hinterlässt Schäden, die ihn schwächen. Je länger die Unterdrucksetzung dann anhält, je weniger hält der Betreffende aus, er wird müde, erschöpft zunehmend, bis er bricht. Psychische Traumatisierung bewirkt Hilflosigkeit, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint, um die Polarisierung von Macht und Ohnmacht.

Welche Systeme können eine psychische Traumatisierung erwirken? 

Es gibt viele Systeme, die solch einen Druck ausüben können. Arbeitgeber, die ihre Angestellten stets entwerten, Arbeitnehmer, die ihre Vorgesetzten auflaufen lassen und boykottieren, Vermieter, die ihre Mieter durch unsinnige Auflagen terrorisieren, Mieter, die ihren Schutz durch Gesetze dazu verwenden, um das Objekt zu verwohnen und zu ruinieren. Banken, die gerade dann die Kredite sperren, wenn alles gut läuft, aber natürlich das Geld nicht auf einmal mobilisiert werden kann, um aus ihren Zusagen auszusteigen und nicht aufhörende Auflagen verlangen. Eltern, die ihre Kinder bei jeder Gelegenheit kritisieren, Kinder, die die Pflicht der Eltern auf Unterhalt ausreizen, bis diese ausgeblutet sind.

Jedes System, in das der Mensch verflochten ist, eignet sich dazu bestens. Aber auch fortgesetzte kleine Katastrophen, schlechte Nachrichten, fortgesetzter Druck etc. führen dazu, dass die Seele einen Ermüdungsbruch erleiden kann: über Jahre frustrane Bewerbungsversuche von Arbeitslosen; viele Todesfälle oder schwere Erkrankungen in kurzer Zeit im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis; nicht enden wollende Pflegeaufträge wie z.B. erst die alte Mutter, dann die Schwiegermutter, dann den alten Onkel, dann den alten Vater etc.; die Dauer- Pflege eines schwer behinderten Kindes; fortlaufende Verluste der materiellen Ressourcen (plötzlich gehen alle Geräte auf einmal kaputt, obwohl das Geld nicht für eines reicht, wie z.B. Waschmaschine, Auto, Spülmaschine, Fernseher, Rasenmäher, dazu noch eine Gehaltskürzung); der rasch hintereinander folgende gehäufte Verlust von Haustieren durch Krankheit oder Unfälle; plötzlicher Verlust von Fähigkeiten, sich häufende negative Nachrichten, die das soziale Leben und die soziale Sicherheit bedrohen; nicht enden wollende Gerichtsprozesse; Dauerreizüberflutung von z.B. Licht, Lärm, künstlichem Licht, Menschenmengen; jahrelangem Ausgesetztsein von Spott, fortgesetzte stumme Bedrohung durch Verfolgung oder feindselige Beobachtung, ohne dass eigentlich etwas passiert, aber es geschieht eben ein ständiges ungefragtes Eindringen in die atmosphärische Privatsphäre und den atmosphärischen Schutzraum. Vor allem gibt es hier keinen rechtlichen Schutz, da ja nichts „wirklich“ passiert; plötzlicher Verlust von Zugehörigkeit oder Identität, Isolation, Entzug von sozialen Bindungen, Verlust der Mobilität, der Wahrnehmung.

Hier möchte ich auch auf den Mauerfall der ehemaligen DDR hinweisen, bei der eine ganze Bevölkerung trauma tisierenden Bedingungen ausgesetzt wurde: es wurde der Bevölkerung ein Wertemaßstab aufgezwungen, der ohne wesentliche Chance auf Transformation quasi über Nacht erzwungenermaßen umgekehrt wurde. Was vorher verboten war, war nun Pflicht, was vorher Pflicht war, war nun geächtet. Zudem kam eine globale Entwertung der Bevölkerung dazu durch ungleiche soziale Bedingungen. Hier soll nicht Stellung genommen werden zu der Richtigkeit oder Sinnhaftigkeit politischer Maßnahmen, sondern eine Sensibilität geschaffen werden, was dadurch bei der Bevölkerung hervorgerufen wurde.

Psychische Traumatisierung – was sind die Folgen?

Oft sind psychosomatische Störungen oder gar Erkrankungen die Folge. Symptome wie Erschöpfung, Ausgebranntsein, Depressionen, funktionelle Störungen, Schlafstörungen, Grübeln, Gedankenkreisen, intrusive Gedanken an die betreffenden Belastungen, Aggressionen, Gefühlsschwankungen, Alpträume, Verlust des Selbstwertgefühls, Ängste, sozialer Rückzug, Freud- und Interesselosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Entmutigung, innere Leere, Gefühlsabstumpfung, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen, Überwachheit, Antriebsstörungen, psychosomatische Beschwerden wie Schmerzen, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Magen- Darm- Beeinträchtigungen sind häufig die Folge. Auch erhöhte Neigung zu Missbrauch psychotroper Substanzen und Suizidgedanken können die Folge sein.

Diese Symptome kennen wir tatsächlich auch in Rahmen einer Post trauma tischen Belastungsstörung. Besonders Intrusion, Aggression im Wechsel mit Depression, Überwachheit, Alpträume, Gefühlsabstumpfung sind hier Leitsymptome.

Psychische Traumatisierung – diverse Beschreibungen 

Schon Fischer und Riedesser beschrieben 1999 den Begriff „kumulative Traumatisierung“ z.B. im Rahmen von länger dauernder Arbeitslosigkeit oder Mobbing (Selier). Kennzeichnend sei hier, dass nach jeder sub trauma tischen Attacke systematisch die Erholungsphase durchbrochen wird. Dies führt sozusagen zur Kumulation, Häufung und letztlich so zu einer psychische n Traumatisierung. Besonders beim Mobbing wird auch als trauma tisierend die Opferbeschuldigung (in Umkehr der Realität wird das Opfer zum Verursacher oder Täter gestempelt) angeführt. Perfiderweise wird das Opfer nach erfolgter Schädigung betrachtet, es wird als reizbar, depressiv, labil, unzuverlässig, unverhältnismäßig etc. erlebt, was eigentlich Folge der Attacken ist. Dies wird dann dem Opfer als Persönlichkeitsschwäche angelastet und als Rechtfertigung für die Attacken gebraucht: „Kein Wunder, wenn man die/den...“, „Wenn Sie so arbeiten, ist ja kein Wunder, dass der Betrieb Schaden nimmt. Sie stehen kurz vor ihrer Kündigung, wenn das nicht aufhört!“. Oder Arbeitnehmer boykottieren den Chef, der vor dem Ruin seines Betriebes steht, deswegen zunehmend stringenter mit den Angestellten umgeht: „Kein Wunder, bei diesem Chef kann man ja nicht arbeiten!“. Dies können wir wiederum auf jedes System übertragen. Jede weitere Reaktion des Betroffenen wird nun falsch sein. Egal, wie der Betroffene reagiert, es wird ihm schuldhaft angelastet. Sie können das gerne mal probieren, das geht mit fast allem. Sogar mit einem „Ich liebe Dich!“. Dann könnte man sagen: „Dass Du mir das in dieser Situation sagen musst, wo Du genau spüren müsstest, was mich beschäftigt/ärgert/wie unsere Beziehung gerade ist/nachdem Du mir gestern...“. Und wenn Sie das wohl dosieren, kurz bevor der andere aufgibt, nett sind, ist er Ihnen so dankbar, dass er droht, abhängig zu werden. Wenn Sie damit nicht aufhören, können Sie so einen Menschen demontieren. Sie müssen es nur etwas durchhalten.

Eine PTBS (Posttrauma tische Belastungsstörung) soll dann auftreten, wenn das Weltbild oder Selbstbild durch die traumatische Erfahrung zerbricht und nicht repariert werden kann. Hier spielt auch eine Überproduktion von Stresshormonen eine Rolle, die verhindert, dass die Erfahrung in die richtige Hirnregion eingearbeitet werden kann.

Sie schwirrt dann sozusagen ungeordnet herum wie eine ungeordnete Datei im Computer. Der stete Versuch des Gehirns, diese Erfahrung doch noch einzubauen, gleicht dem Versuch eines Plattenspielers, die Störung in einer Rille zu überwinden, weswegen sie ständig hängen bleibt. Dies sind dann Intrusion und Flashbacks.

Bei Tieren gibt es einen Totstellreflex bei tödlicher Gefahr, bei der sie keinen Ausweg sehen, der sie tatsächlich auch töten kann. Dies wird als „Inescapable- Schock“ bezeichnet. Sicher ist es gut vorstellbar, dass die Summe von kleineren Traumata genau dies als Endergebnis haben kann, in Form von Suizid, Herztod, blutende Magengeschwüre, durch Immunschwächen und ihre bekannten Folgen. Dies ist im übrigen in der somatischen Medizin kein ungewöhnlicher Gedanke. Hier spricht man von Mikrotaumata, die Erhebliches anrichten können und erkennt mittlerweile den Zusammenhang zwischen Dauerstress und tödlichen Krankheiten an.

Francine Shapiro und Dr. Ira Dressner greifen auch das Phänomen eines „small-t- Trauma“ auf, das bei körperlichen oder seelischen Missbrauch auftreten kann, aber auch bei fortgesetzter Unterdrückung oder ständigem Niedermachen durch Familie, Freunde oder z.B. Mitschüler, was sich dann negativ auswirkt auf das Selbstwertgefühl und die Selbstachtung.

Butollo/Hagel/Krüsmann beschrieben 1999 in ihrem Buch „Kreativität und Destruktion posttraumatischer Bewältigung“ die Forderung von Scott und Stradling (1994), dass bei anhaltenden, sich wiederholenden Stressoren, wie sie z.B. in gefährlichen oder belastenden Berufen wie Polizei, Katastrophenschutz oder Intensivpflege vorkommen, eine die posttraumatische Symptomatik beinhaltende Diagnose vergeben werden kann und benutzten hierfür den Begriff „prolonged duress stress disorder“.

Green stellte 1993 als einen PTBS- fördernden Faktor die Dauer der Konfrontation mit einem Stressor zur Disposition, da die Dauer der Konfrontation eine Erwartung der Belastung mit sich bringt, eine Art Adaption, die wegen der damit zusammenhängenden Gefühle von Machtlosigkeit, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit mehr oder weniger dysfunktionale Bewältigungsmechanismen mit sich bringt.

Grace, Green, Lindy und Leonard (1993) sahen als traumafördernde Faktoren auch den Verlust von Ressourcen (sozial wie materiell) an, da dies die Bewältigungsmöglichkeit zur Verarbeitung erschreckender Ereignisse empfindlich beschneidet, wobei bei Katastrophen z. B. auch die Stützfunktionen ganzer Kommunen zerstört werden.

Laymann und Niedl haben 1994 sogar 3 Stadien der Entwicklung und Krankwerdung durch Mobbing eingeteilt, an deren Ende Depression steht, die durch Obsession durchbrochen werden kann und umgekehrt, wobei beides Schutz- und Bewältigungsversuche darstellen, die jedoch Krankheitswert haben.

Psychische Traumatisierung – steter Tropfen höhlt den Stein

Allem gemeinsam ist das unabsehbare Fortdauern der Hilflosigkeit durch nicht enden wollendem Druck, der existenzbedrohlich erlebt wird, sei es in sozialer, materieller, körperlicher oder psychischer Hinsicht. Hierbei ist nicht so sehr ein Verlust der objektiven Ressourcen zu sehen, sondern das Gefühl der Existenzbedrohung richtet sich nach der subjektiven Bedeutung der Ressourcen einzeln oder in ihrer Gesamtheit für den jeweils Betroffenen. Dabei ist es anscheinend nicht die Frage, OB der Ermüdungsbruch eintritt, sondern nur, WANN. Die Schwelle mag unterschiedlich sein und von verschiedensten Faktoren abhängen wie Konstitution, sog. Coping- Strategien, stützenden Faktoren, selbsterhaltende Fähigkeiten etc.. Jedoch ist es meines Erachtens nach möglich, diese Schwelle bei jedem zu erreichen und zu überbieten, vielleicht jedoch nicht von jedem System. Letztendlich sehe ich hier einen Vergleich zu einer guten alten chinesischen Foltermethode, bei der man eine kleine Stelle am Kopf des Opfers rasiert und stundenlang Wassertropfen auf diese Stelle tropfen lässt. Nach einigen Stunden sind die Schmerzen unerträglich. Obgleich die Ursache der Schmerzen so unscheinbar zu sein scheint. Aber sie hält lange genug an und trifft lange genug auf dieselbe Stelle.

Man sollte den Begriff PTBS nicht inflationär gebrauchen, dies ist sicher für Forschung und Betroffene sehr schädlich. Dennoch kommt das beschriebene, den Menschen aushöhlende System der PTBS außerordentlich nahe. Auch die Folgen und Schäden sind zweifelsohne oft der PTBS vergleichbar, so dass tatsächlich eine Form der psychische n Traumatisierung durch fortgesetzten Druck, der in seiner Gesamtheit und Penetranz existentiell bedrohlich erlebt wird und nachhaltig hilflos macht, statt findet.

Es wurden auch schon Begriffe geprägt (s.o.), jedoch scheinen sie mir nicht ausreichend zu beschreiben, was erlebt wird.

Psychische Traumatisierung – der Horror im Alltag

Immer wieder verbinden sich die Beschreibungen mit Grenzerfahrungen oder Berufen, in denen eher dramatische Grenzerfahrungen an der Tagesordnung stehen. Was ich versucht habe zu beschreiben, ist jedoch der nicht aufhörende alltägliche kleine Horror oder der nicht enden wollende gesellschaftlich akzeptierte kleine Terror, zu dem alle sagen: „Stell Dich nicht so an/es ist doch gar nichts los/das müssen doch alle mal durchmachen/wir damals im Krieg/da bist Du ja selber Schuld dran/spiel das nicht so hoch...“. Ich denke da z. B. an den tägliche Horror des Postboten durch feindliche Hunde, was er nicht zu sagen wagt, da man darüber lachen würde, der sich aber kaum mehr an gewisse Häuser traut. An die Hausfrau, die keiner ernst nimmt, die nur belächelt und über die stets getuschelt wird, die jeder ignoriert, die sich deswegen nicht mehr vor die Türe traut.

An den Arbeiter, der arbeitslos ist, der mit einer Schulleiterin verheiratet ist, den jeder belächelt, der keine Freunde mehr findet, weil er für die einen wegen seiner Frau nicht passt, bei den anderen, weil seine Gesellschaftlichkeit zu niedrig ist, der dann zunehmend in Depressionen verfällt. An den Druck von Berufen, die ebenfalls Dauerbelastungen unterworfen sind, da sie für Leben verantwortlich sind, die eine Solidarisierung mit einer Lebenshaltung vertreten, die der Persönlichkeit eigentlich widerspricht oder die auch geächtet sind, an die man aber in diesem Zusammenhang zunächst einmal nicht denkt: Richter, Piloten, Schulbusfahrer, Zwangsvollstrecker, Gefängniswärter, Menschen in geschlechtsuntypischen Berufen, Müllmänner, Fahrer von Gefahrgütern, vielleicht sogar Zollbeamte, Kontrolleure vom Sozialamt, Tagelöhner, Fernfahrer, Taxifahrer, Arbeiter in der Herstellung von Gütern, die nur schamhaft Erwähnung finden wie z.B. Präservative; vielleicht würden uns noch viele einfallen. Wenn es diesen gelingt, sich mit Ähnlichen zu solidarisieren und einen Schulterschluss zu erreichen, wirkt das sicher in gewissem Sinne protektiv vor Schädigung durch die Dauerstressbelastung. Vielleicht ist das Burn-Out nichts weiter als eine Form der Trauma tisierung, von der man still fordert, dass sie nach einer gewissen Erholungszeit gefälligst wieder aufzuhören hat, was ja eigentlich eher selten tatsächlich der Fall ist. Vielleicht ist der Begriff „fatigue break“ hier ganz gut tauglich.

Vielleicht wird aus der psychische n Traumatisierung einmal ein Überbegriff, wie es bei den Depressionen der Fall geworden ist und es wird möglich sein, Unterformen zu benennen, die es erlauben, den Krankenkassen gegenüber eine Behandlungsmöglichkeit abzuverlangen, ohne die Betroffenen mit Diagnosen zu beschreiben, die ihnen letztlich nicht gerecht werden. 

G. Chartieu

Oberärztin Abt. für Psychotherapeutische Medizin mit Psychotraumatologie