Schmerzempfinden bei Männern und Frauen

Schmerz ist mehr als eine rein körperliche Empfindung. Zum Schmerz gehört auch die Verarbeitung und diese findet im Gehirn statt. Das Gehirn verarbeitet die Nervenimpulse, die aus der Peripherie kommen und teilt uns mit, wo es weh tut und was weh tut.

Aber ist das Schmerzempfinden für Männer und Frauen gleich? Aussagen wie „ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „ein Junge weint nicht“, aber auch „wenn Männer Kinder bekämen, wäre die Menschheit schon ausgestorben“ deuten schon daraufhin, dass hier ein unterschiedliches Schmerzerleben vorliegt.

Aber wie unterscheidet sich das Schmerzempfinden bei Männern und Frauen? Sind Männer wehleidiger oder sind Frauen Sensibelchen? 

Krankheiten, die mit Schmerzen einhergehen finden sich häufiger bei Frauen als bei Männern. So leiden Frauen häufiger unter Migräne, unter Kopfschmerzen, unter Fibromyalgie, unter Rheuma und unter CRPS als Männer.

Aber auch bei gleichen Erkrankungen findet man bei Frauen mehr Schmerzareale und länger andauernde Schmerzen. Dies spräche dafür, dass Frauen empfindlicher sind. Wie aber misst man den Schmerz? 

Man kann die Schmerzschwelle bestimmen, indem man einen Druck auf den Daumennagel ausübt, indem man mit Laserstrahlen oder Wärmesonden Hitze erzeugt und dabei die Temperatur misst oder indem man die Hände in ein Eiswasserbad legt und feststellt wie lange dies auszuhalten ist. Darüber hinaus gibt es noch elektrische und chemische Noxen. Wenn diese Schmerzreize zugefügt werden, führt dies zu Veränderungen im funktionellen Kernspintomogramm. Bei Schmerzreizen finden wir regelmäßig Antworten in verschiedenen Teilen des Gehirns, so z. B. im Cortex, im Bereich der Insel und vor allem im Bereich des Thalamus und des Cingulums .

Man hat jetzt die Schmerzschwellen für Temperatur und Druck bei Männern und Frauen gemessen und festgestellt, dass bei allen Untersuchungen Frauen empfindlicher auf die Schmerzreize reagierten als Männer. So geben z. B. Frauen schon bei durchschnittlich 47° Temperatur an, dass eine weitere Temperaturerhöhung nicht mehr auszuhalten sei, Männer erst bei 50°. Auch die Druckschmerzschwelle liegt bei Frauen deutlich niedriger als bei Männern.

Personen, die unter Schmerzen leiden, haben aber eine niedrigere Schmerzschwelle als eine Kontrollgruppe. So lag die Schmerzschwelle bei Druck auf den Daumennagel bei Rückenschmerz-Patienten bei 3,9 kg, bei Fibromyalgie-Patienten bei 3,5 kg und in der Kontrollgruppe bei 5,6 kg. Frauen haben also eine erhöhte Sensivität für Schmerzreize!

Wie ist das dann aber mit der Geburt? Das hängt mit den Hormonen zusammen. Östrogene hemmen das Schmerzempfinden. Der Östrogenspiegel im Blut steigt während des Zyklus an und erreicht nach dem Eisprung seinen höchsten Stand. Aber auch während der Schwangerschaft steigt der Östrogenspiegel an und die Schmerzschwelle sinkt ab der 33. Schwangerschaftswoche deutlich ab. Aber nicht nur die Hormone haben einen Einfluss auf unser Schmerzempfinden. Es gibt auch eine Tagesform für Schmerz. Für Zahnschmerzen sind wir nachts am empfindlichsten. Tagsüber steigt die Schmerzschwelle an, sodass uns Zahnschmerzen am Nachmittag am wenigsten anhaben können. Dies ist damit sicherlich die günstigste Zeit, um zum Zahnarzt zu gehen.

Aber auch die Gene beeinflussen das Schmerzempfinden des Menschen. Hier ist festgelegt wie viele körpereigene Opiate, die sogenannten Endorphine, eine einzelne Person bildet und je mehr Endorphine jemand bildet desto weniger Schmerzempfinden hat er. Das entscheidende Gen gibt es in drei Varianten: Die so genannte Valin-Valin-Variante sorgt für einen hohen Opiatspiegel und damit für eine geringe Schmerzempfindlicheit, während Patienten mit der Methionin-Methionin-Variante deutlich schmerzempfindlicher sind. 

Aber auch Schmerzerlebnisse in der Kindheit beeinflussen unser Schmerzempfinden. Dabei sind bei Neugeborenen und vor allem bei Frühgeborenen die schmerzhemmenden Bahnen des Gehirns noch nicht voll ausgebildet, sodass Neu- und Frühgeborene deutlich schmerzempfindlicher sind und damit bei notwendigen Krankenhausbehandlungen oder Operationen auch mehr Schmerzmittel benötigen (natürlich auf das Körpergewicht umgerechnet) als ältere Kinder. Babys, die lange Zeit starke Schmerzen erleiden mussten sind in ihrem späteren Leben meist sensibler für Schmerzreize als andere Personen. 

Wer braucht aber mehr Schmerzmittel: Männer oder Frauen?

Bisher wurde kein Unterschied gemacht und der Verbrauch an starken Schmerzmitteln auf Intensivstationen war bei Männern und Frauen gleich. In einer Studie konnten die Patienten jetzt die Morphingabe über eine Pumpe selbst steuern. Die Schmerzintensität wurde dabei über eine visuelle Analogskala auf der die Patienten ihre Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 10 angegeben konnten verglichen. Männer brauchten bei dieser Untersuchung 30 bis 40% mehr Morphium, um eine gleich gute postoperative Schmerzhemmung zu erreichen wie Frauen. Dies entspricht auch Schmerzmessungen unter Morphingabe: Hier zeigt sich, dass Frauen empfindlicher auf Morphingaben reagierten als Männer.

In einer anderen Studie ließ man Männer von attraktiven Ärztinnen und von Männern behandeln. Wurden Männer von attraktiven Ärztinnen behandelt klagten sie weniger über Schmerzen. Wurden Frauen dagegen von attraktiven Ärzten behandelt klagten sie mehr über Schmerzen als Frauen, die von Ärztinnen behandelt wurden.

Bei Verbrauchsuntersuchungen auf Intensivstationen stellte sich heraus, dass Ärztinnen Frauen mehr Morphine verabreichten als Männern, während Ärzte Frauen und Männer annähernd gleich behandelten. 

Es gibt sicher Unterschiede in der Schmerzverarbeitung zwischen Männern und Frauen. Bei Männern wird z. B. im Frontalhirn bei Schmerzreiz die andere Seite aktiviert als bei Frauen. Akupunktur wirkt bei Frauen eher besser als bei Männern. Aber bestimmte Arzneimittel, z. B. Fortral, ein stark wirksames schmerzhemmendes Medikament, das zu den partiellen Opiat-Agonisten gehört, hemmt bei Frauen in niedrigen Dosen den Schmerz ganz gut, während es bei Männern eher zu einer Schmerzverstärkung führt. Andere Medikamente wirken bei Männern besser als z. B. bei Frauen. Bei rothaarigen Frauen scheinen Schmerzmittel besonders gut zu wirken, dies gilt nicht für rothaarige Männer. Seit 1994 müssen deshalb Untersuchungen von Schmerzmitteln in Deutschland an Männern und Frauen durchgeführt werden. 

Schmerzempfinden: Zusammenfassung

Männer können mehr Schmerzen ertragen als Frauen (vielleicht setzen sie aber nur mehr Endorphine frei). Frauen gehen aber mit dem Schmerz anders um als Männer, sie reden mehr darüber, sie klagen mehr und sie kommen letztlich dadurch mit chronischen Schmerzen besser zurecht als Männer. Diese ziehen sich eher zurück, werden depressiv und trinken oft mehr Alkohol.

Letztlich gibt es Unterschiede in der Schmerzverarbeitung zwischen Männern und Frauen, aber auch zwischen verschiedenen Medikamenten. Schmerzmittel wirken zum Teil bei Männern anders als bei Frauen. Hier wird es künftig noch viel Forschungsbedarf geben. 

Quellenangabe:

- Vortrag von Frau Priv. Doz. Dr. med. E. Pogatzki, Münster, mit dem Thema: Ist das Schmerzverhalten geschlechtsspezifisch? gehalten im Rahmen einer Fortbildung für spezielle Schmerztherapie

- Sendung Quarks & Co im WDR 4 im Frühjahr 2004

Dr. med. Michael Loew

Arzt für Neurologie und Psychiatrie