Therapiekonzept bei Stimmbandlähmung

Unter Stimmbandlähmung versteht man die Lähmung der stimmlippenbewegenden und -spannenden Kehlkopfmuskulatur infolge einer Schädigung der motorischen Nerven des Kehlkopfes.

Eine Stimmbandlähmung kann unterschiedliche Ursachen haben:

1. Postoperativ
Häufig tritt eine Stimmbandlähmung infolge eines intraoperativen Drucks auf den Nerv, einer Nervenzerrung oder Nervendurchtrennung nach Schilddrüsen- oder Herz- und Lungenoperation sowie nach radikaler Halsausräumung wegen Halslymphknotenmetastasen auf.

2. Halstrauma
Nach einem Schlag auf den Hals ist eine Stimmbandlähmung möglich.

3. Tumore
Druck auf die Nerven sind durch Schilddrüsenvergrößerungen wie Struma z.B. möglich oder durch Halsmetastasen. Auch ein Aortenaneurysma, eine pathologische Erweiterung der Hauptschlagader kann zu einer Stimmbandlähmung führen.

4. Infektionen
Neurotrope Viren können die Ursache für eine Stimmbandlähmung sein. Zeckenbisse könne eine Nervenlähmung durch Borreliose bedingen.

5. Idiopathisch
Die Stimmbandlähmung zeigt nach sorgfältigem Ausschluss aller in Frage kommenden Grunderkrankungen keine erkennbare Ursache.

In unserer Klinik werden alle auftretenden Formen von Stimmbandlähmung unter einem ganzheitlichen Therapieansatz behandelt.

I. Inhalte der Stimmtherapie bei Stimmbandlähmung:

Der ganzheitliche Therapieansatz beruht auf einer interdisziplinären Zusammenarbeit von LogopädInnen, Atem,- Sprech- und StimmlehrerInnen, PsychologInnen, Physio,- und SporttherapeutInnen, Yogalehrerin, MasseurInnen, der Chefärztin (Fachärztin für HNO, Phoniatrie und Pädaudiologie) und einer HNO- Ärztin. Bei Bedarf werden InternistInnen und NeurologInnen sowie Ärzte für psychotherapeutische Medizin für die Diagnostik und die Therapie im Hause hinzugezogen. Die Therapie wird durch moderne diagnostische Verfahren unterstützt und begleitet.

Die Stimmtherapie bei einer Stimmbandlähmung setzt sich aus folgenden Inhalten und Schwerpunkten zusammen:

  1. Entwicklung und Rückgewinnung des Körperbewusstseins, um den Körper für die Stimme als Instrument nutzbar zu machen
  2. Sensibilisierung des Gehöres zur Schulung der auditiven Eigen- und Fremdwahrnehmung
  3. Gesamtkörperlicher Spannungsausgleich und Erarbeitung einer physiologischen Aufrichtung zur Atmungserleichterung und einer ökonomischen Stimmgebung
  4. Wahrnehmung und Regulierung der Atmung (3-teiliger Atemrhythmus) zur Nutzung eines stimmlich ökonomischen Umganges durch Erarbeitung einer costo- abdominalen Atmung
  5. Training des Stimmapparates und der damit in Zusammenhang stehenden Muskulatur
  6. Elektrophonatorische Stimulation (NMEPS) mit dem vocaStim Reizstromgerät um den Abbau nicht innervierter Muskelfasern zu verhindern, dem Versteifen der stimmlippenbewegenden Gelenke entgegenzuwirken und den Regenerationsprozess der beschädigten Nerven zu unterstützen.
  7. Erarbeitung einer belastbaren und tragfähigen Stimme, (z.B. durch Weitung der Resonanzräume, Erarbeitung entspannter, weicher Stimmeinsätze, etc.)
  8. Arbeit an der Artikulation zur Unterstützung einer physiologischen Stimmgebung
  9. Entwicklung und Erarbeitung der Zusammenhänge zwischen Artikulation, Stimme, Atmung und Haltung
  10. Stimmhygiene

„Stimme ist die Arbeit an der ganzen Person“ (Gundermann 1987), somit ist die Stimmtherapie für uns nicht nur die Arbeit an stimmlichen Symptomen, sondern bezieht die gesamte Persönlichkeit der PatientInnen mit ein.

Ziel der Therapie von Stimmbandlähmungen, die auf einer oder auf beiden Seiten auftreten können, liegt darin, einen ausreichenden Stimmlippenschluss zu erreichen. Hierdurch nur kann die Stimmbildung erfolgen. Zugleich ist bei beidseitiger Stimmbandlähmung (häufig nach Schilddrüsenoperationen) auf eine genügende Glottisweite zur Sicherung der Atmung zu achten.

II. Therapieangebote bei Stimmbandlähmung:

Der stationäre Aufenthalt dauert ca. 3-5 Wochen. Die Inhalte der Stimmtherapie werden in täglicher Einzel- und Gruppentherapie vermittelt. Unterstützend wirken dabei die Sport,- physikalische und psychologische Therapie im Sinne eines ganzheitlichen Therapieansatzes. Bei Schlaflosigkeit, Nackenverspannungen und Kopfschmerzen ist die Behandlung mit Akupunktur möglich.

Die Therapie des Reizstromgerätes vocaStim ist so ausgelegt, dass durch wiederholte Reizung der Kehlkopfnerven in regelmäßigen Abständen ( z.B. morgens, mittags und abends) mit einer geringen, auf die sensible Schwelle des Patienten ausgerichtete Stromstärke, nur die für die Phonation wichtigen Agonisten, nicht aber die Antagonisten, stimuliert werden. Dadurch ist eine gezielte, individuelle Therapie möglich, die in manchen Fällen zu Hause über ein Leihgerät ( soweit die Krankenkasse es übernimmt) fortgesetzt werden kann.

III. Therapieziele bei Stimmbandlähmung:

Ziel der stationären Therapie ist eine umfassende Rehabilitation der stimmlichen, körperlichen und seelischen Gegebenheiten, sowie das Erlernen des individuellen Umganges mit diesen, um im Berufs- und Lebensalltag den Anforderungen nachgehen zu können.

Abhängig von den organischen und psychischen Voraussetzungen des Patienten wird eine Stimme erarbeitet, die den Alltagsbelastungen standhalten soll.

Unser Team leistet dabei Hilfestellung für das Finden realistischer Ziele.

IV. Nachsorge bei Stimmbandlähmung:

Beim Finden geeigneter, weiterführender Therapieplätze werden Sie durch uns unterstützt.

Verfasser: Team des Stimm- und Sprachheilzentrum in der Klinik Am Osterbach