Die Beschäftigung mit der eigenen Stimme rückt für viele Menschen heutzutage immer mehr in den Mittelpunkt ihres Lebens, sei es weil sie Freude am stimmlichen Ausdruck haben, sei es, weil der Beruf und das Privatleben die Stimme in besonderem Maße einfordern oder weil eine Erkrankung, Erschöpfung oder Dysfunktion des Stimm- und Atemapparates vorliegt.

Im folgenden soll nun näher auf das Phänomen der eigenen Stimme eingegangen werden.

Hier stellt sich zunächst die Frage, welche Aspekte und Möglichkeiten man einer natürlichen Stimmfunktion zuschreiben kann.

Dazu zählen im einzelnen:

· Klangvoller, kräftiger, resonanzreicher und tragfähiger Stimmklang

· Hohe Leichtigkeit beim Sprechen und Singen

· Stimmliche Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter

· Geringe Ermüdbarkeit

Will nun jemand zu dieser natürlichen Stimmfunktion zurückfinden bzw. die vorhandenen Stimmqualitäten verbessern, ist eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Stimme, dem Stimm- und Atemapparat und insbesondere mit der Arbeitsweise des Kehlkopfes erforderlich, d.h. es geht um die Erfahrung, wie Stimme funktioniert.

Dazu ist zu erwähnen, dass der Stimm- und Atemapparat eine große Funktionsbreite zeigt, so unter anderem:

Einatmung                                       Ausatmung

Kehlkopfhebung                             Kehlkopfsenkung

Stimmlippen schließen sich           Stimmlippen öffnen sich

Kehldeckel hebt sich                       Kehldeckel senkt sich

Betrachtet man also diese verschiedenen Arbeitsweisen des Kehlkopfes, so ist ein zentrales Thema der Stimmarbeit zu definieren: die Balance.

Ein Mensch, der über einen längeren Zeitpunkt einem erhöhten Stresspotential ausgesetzt ist, z. B. durch berufliche oder private Überlastung, hält sich am Pol des Drucks bzw. der Überspannung auf, d.h. er hat seine Balance verloren. Dies kann sich dann negativ auf die Stimmfunktion auswirken, z. B. in Form von Heiserkeit oder Halsschmerzen.

Ein Mensch, der im umgekehrten Fall antriebsarm und freudlos ist oder unter fehlenden Anforderungen im Leben leidet, hält sich am Pol der Schwäche bzw. der Unterspannung auf. Auch dieser Mensch hat seine Balance und seine Mitte verloren, was sich in einer kraftlosen Stimme zeigen kann.

So kann der Stimmklang eines Menschen zum Gradmesser werden, ob er ganz aus seiner Mitte heraus spricht und singt oder ob er aus einem Gefühl von Druck oder Schwäche heraus handelt.

Anders ausgedrückt ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Stimme eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person und der eigenen psychischen Situation; die Stimme wird zum Barometer der eigenen Stimmung. Über die Stimmarbeit hat der Mensch die Möglichkeit in seine eigene Mitte zu finden und sich selbst zu balancieren.

Ein Mensch, der sich mithilfe einer Stimmtechnik, Stimmtherapie oder Stimmmethode nun auf diese Weise mit seiner Stimme beschäftigen möchte, wird diese dann zunehmend klangvoller, brillanter, resonanzreicher und tragfähiger erfahren, verbunden mit einem Gefühl wachsender Leichtigkeit.

Dabei ist jedoch zu erwähnen, dass die Stimmtechnik lediglich ein Hilfsmittel darstellen darf. Das methodische Vorgehen und das Üben muss eingebunden sein in eine Geistes- und Lebenshaltung, die auf Ausgleich, Balance und Mitte ausgerichtet ist. Dies erfordert daher auch hohe Anforderungen an den Stimmpädagogen und Stimmtherapeuten.

An wen kann man sich nun wenden?

Stimmarbeit wird generell von Gesangspädagogen, Stimmbildnern oder Stimmtherapeuten wie Atem-, Sprech- und Stimmlehrern und Logopäden angeboten. Menschen, die an einer speziellen Stimmerkrankung leiden, finden Hilfe durch eine Stimmtherapie, die in einer Logopädischen Praxis durchgeführt werden kann. Sollte sich nach max. 20 ambulanten logopädischen Therapieeinheiten keine wesentliche Besserung eingestellt haben, ist eine stationäre Stimmheilmaßnahme in einem Stimm- und Sprachheilzentrum erforderlich, um die Kommunikationsfähigkeit und den Selbstausdruck zu verbessern und damit genügend Teilhabe am Alltag zu erfahren. Diese Maßnahme wird in der Regel von den Krankenkassen oder Rentenversicherungsträgern finanziert.

Hierbei ist der Abstand von der Alltagssituation therapeutisch bedeutsam neben den zusätzlichen Möglichkeiten allgemeinkörperlicher Tonusregulierung und psychologischer Therapie sowie dem wichtigen Austausch mit Mitbetroffenen.

Aber auch ohne akute Stimmerkrankung können Interessierte, wie z. B. Sprechberufler, in einem Stimm- und Sprachheilzentrum als Selbstzahler für eine oder mehrere Wochen zur Ruhe kommen und bisher ungenutztes Stimmpotential entdecken.

Verfasser: Team des Stimm- und Sprachheilzentrum in der Klinik Am Osterbach