Die Stimmtherapie ist eine Behandlungsform zur Verbesserung und Wiederherstellung der stimmlichen Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit. Sie wird von Stimmtherapeuten wie Logopäden und Atem-, Sprech- und Stimmlehrern durchgeführt.

Um eine Stimmtherapie einleiten zu können, muss eine Erkrankung des Stimm- und Atemapparates vorliegen. Anzeichen, die auf eine Stimm- und Atemerkrankung hindeuten, sind:

  • Heiserkeit mit belegtem, rauem und knarrendem Stimmklang bis hin zu vollständigem Stimmverlust
  • Sprechanstrengung und schnelle Stimmermüdung
  • Missempfindungen in Hals und Rachen (Kloßgefühl, Trockenheitsgefühl, Brennen, Verschleimung)
  • Halsschmerzen und häufiges Räuspern
  • Atembeschwerden

Liegen ein oder mehrere dieser Symptome vor, ist es ratsam einen Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde oder Phoniatrie (Facharzt für Stimmerkrankungen) aufzusuchen und sich im Hinblick auf eine evtl. Stimmstörung untersuchen zu lassen.

Zu den Krankheiten des Stimm- und Atemapparates gehören:

  • Funktionelle Stimmstörungen
  • Hyperfunktionelle Dysphonie (Dysphonie = Stimmstörung)
  • Hypofunktionelle Dysphonie
  • Stimmlippenlähmungen, z.B. nach Schilddrüsen-Operationen
  • Psychogene Dysphonie
  • Berufsdysphonie
  • Chronische Kehlkopfentzündung (Laryngitis)
  • Traumatische Dysphonie
  • Stimmlippenknötchen, -ödem, -cyste, -polyp
  • Kontaktgranulom, Reinke-Ödem
  • Hormonelle Stimmstörungen
  • Mutationsstimmstörung
  • Dysodie (Singstörung)
  • Dyspnoe (Atemstörung)

Die Therapie einer Stimmerkrankung umfasst je nach Ausmaß der Erkrankung die medikamentöse Behandlung, Inhalationen, bei organischen Veränderungen teilweise auch Operationen sowie die Verordnung logopädischer Stimmtherapie.

Die logopädische Stimmtherapie wird zunächst ambulant in einer Logopädischen Praxis durchgeführt. Sollte sich nach maximal 20 Einzelbehandlungen keine wesentliche Besserung eingestellt haben, ist eine Stimmrehabilitationsmaßnahme in einem Stimm- und Sprachheilzentrum notwendig. Hierbei ist der Abstand von der Alltagssituation therapeutisch bedeutsam sowie der wichtige Austausch mit Mitbetroffenen. Therapeutisch gehen wir ganzheitlich vor. Über eine allgemeinkörperliche Tonusregulierung (Sport, Physio- und Physikalische Therapie), die Anbahnung einer ökonomischen Atem- und Stimmtechnik (logopädische Einzel- und Gruppentherapie) sowie der psychologischen Bearbeitung möglicher belastungsverstärkender Haltungen (psychologische Therapie einzeln und in Gruppen).

Die Inhalte und Ziele einer Stimmtherapie gliedern sich in folgende Bereiche auf:

  • Körperwahrnehmung und Körperhaltung
  • Atmung
  • Stimme und Artikulation
  • Persönlichkeit
  • Transfer

Stimmtherapie: 1. Therapiebereich Körperwahrnehmung und Körperhaltung

Verspannungen und eine unökonomische Haltung wirken sich negativ auf die Stimme aus, da der Kehlkopf Teil einer ganzkörperlichen Diaphragmenkette ist, d.h. eine zu starre Haltung oder Muskelverspannungen münden letztlich in die Kehlkopfmuskulatur und behindern das freie Schwingen der Stimmlippen.

Im Bereich Körperwahrnehmung und Körperhaltung geht es deshalb um Übungen zur gesamtkörperlichen Entspannung sowie um die Lockerung der Gesichts-, Kopf- und Nackenmuskulatur. Außerdem wird an der Verbesserung der Sitz- und Stehhaltung gearbeitet im Sinne einer größeren Durchlässigkeit und Lockerheit.

Stimmtherapie: 2. Therapiebereich Atmung

Da der Ausatemstrom die Stimmlippen beim Sprechen und Singen in Schwingung versetzt, ist der Bereich Atmung in der Stimmtherapie von großer Bedeutung.

Bei Stimmerkrankten zeigt sich häufig eine zu flache und hohe Atmung in Verbindung mit hoher Sprechgeschwindigkeit und fehlenden Atempausen.

Hierauf wird in der Stimmtherapie insbesondere eingegangen durch Übungen zur Atemwahrnehmung, durch das Anbahnen einer ökonomischen Brust-/Bauchatmung und durch die Stimulation der Atemmuskulatur, damit der Erkrankte wieder zurück in seinen natürlichen Atemrhythmus finden kann.

Stimmtherapie: 3. Therapiebereich Stimme und Artikulation

Ist durch Übungen zur Körperwahrnehmung und Atmung eine gewisse Entspannung und Lockerheit erreicht, kann die Therapie im Bereich Stimme und Artikulation fortgesetzt werden.

Durch Gespräche zum Thema „Stimmhygiene“ werden zunächst stimmschädigende Verhaltensweisen wie Rauchen und Trinken bewusst gemacht und stimmschonende Verhaltensweisen eingeübt. In der Stimmarbeit selbst geht es darum, ein neues und ökonomisches Stimmgebungsverhalten anzubahnen fernab von Druck und körperlicher Kraftanstrengung.

Spezielle Stimmübungen und -methoden verhelfen der Stimme wieder zu Klangfülle, Kraft sowie Resonanz- und Tragfähigkeit.

Durch Lockerungsübungen der Artikulationsorgane (Zunge, Lippen, Gaumensegel) und speziellen Artikulationsübungen kann das Sprechen wieder mit minimalem Aufwand gelingen.

Stimmtherapie: 4. Therapiebereich Persönlichkeit

Stimme und stimmlicher Ausdruck haben immer auch mit unserer Persönlichkeit zu tun. So können Stimmsymptome wie Heiserkeit, Brüchigkeit der Stimme oder ein vollständiger Stimmverlust Ausdruck psychisch-seelischer Belastungen sein (Stimme = Stimmung). Die Symptome können hierbei stark variieren, je nachdem, in welcher Situation der Stimmerkrankte sich befindet oder mit welchen Personen er kommuniziert.

Ganz generell kann man sagen, dass eine Stimmerkrankung eine Auseinandersetzung mit dem persönlichen Lebensdruck erforderlich macht. Dieser Lebensdruck kann sich in beruflichem oder privatem Stress äußern, in emotionalen Belastungssituationen (Tod einer nahestehenden Person, Ehe- und Partnerschaftsprobleme, Mobbing etc.) oder unbewusste und damit unverarbeitete Konflikte (Traumatisierungen, körperlicher und seelischer Missbrauch etc.).

Treten diese Konflikte in der Stimmtherapie auf, kann man z.B. durch Stimmübungen versuchen den aufkommenden Emotionen wie Trauer, Wut oder Enttäuschung stimmlichen Ausdruck zu verleihen. Durch reflektierende Gespräche mit dem Stimmtherapeuten lernt der Stimmerkrankte einen bewussteren Umgang mit seiner Stimme, und er erkennt die ursächlichen und verstärkenden Faktoren seiner Stimmstörung (z. B. „Immer wenn ich mit meinem Chef rede, versagt meine Stimme.“). Auch kann mithilfe von Rollenspielen die konfliktbeladene Situation im Vorfeld mit dem neuen Stimmgebungsverhalten „geprobt“ werden.

Bei stärkeren psychischen Belastungen ist häufig eine zusätzliche psychotherapeutische Behandlung erforderlich. (Stimm- und Sprachheilzentrum)

Stimmtherapie: 5. Therapiebereich Transfer

Im Therapiebereich „Transfer“ geht es darum, die erreichten Therapieziele zu stabilisieren und in die Alltags- und Berufssituation zu übertragen. Auch hier hilft vor allem das reflektierende Gespräch mit dem Stimmtherapeuten, indem der Stimmerkrankte über seine Erfahrungen und Erfolge mit dem neuen Stimmgebungsverhalten berichtet, oder mitteilt, wo er noch weitere therapeutische Begleitung und Hilfestellung benötigt.

Verfasser: Team des Stimm- und Sprachheilzentrum in der Klinik Am Osterbach