Ein effektiver therapeutischer Zugang bei PatientInnen mit psychischer Traumatisierung

„Tanztherapie ist eine handlungsorientierte Therapieform, deren Ansatzpunkt das aktuelle Bewegungsrepertoire eines Menschen ist. Tanz wird dabei als elementare Körper- und Symbolsprache und als Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeit verstanden.“

( E. Winter)

Die Tanztherapie entwickelte sich in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Deren Wegbereiter waren Mary Wigman, Rudolph von Laban, Trudi Schoop, Isadora Duncan, u.a. Neu ist, dass sie einen individuellen Stil körperlicher Bewegung, der das Wesen eines Menschen zeigt, fokussierten. Weg von vorgefassten Tanz-Kombinationen, hin zur Improvisation, in welcher Erfahrungen durch und mit dem Körper wie auch in Bezug auf diesen, gesammelt werden konnten. Tanztherapie, in welcher diese Möglichkeiten - mit dem Körper zu sein - aufgegriffen wurden, hat diesbezüglich mit Freiheit zu tun. Ein Bewusstwerden der eigenen Fähigkeiten und daraus resultierenden Möglichkeiten, im entwickelnden Einklang von Körper-Seele-Geist. Wie kann die Umsetzung in der Tanztherapie aussehen?

Wie oben schon beschrieben, ist Ansatzpunkt der Tanztherapie das aktuelle Bewegungsrepertoire (Bewegungsmuster, -verhalten, -möglichkeiten). In der Annahme, dass jeder Mensch nach Selbstverwirklichung strebt, gibt es in der Tanztherapie die Möglichkeit, sich selbst zu erfahren und auszudrücken im unmittelbarem Erleben von konservativen (bewahrenden) und progressiven (entwickelnden) Tendenzen. So vertraut der Tanztherapeut auf die ‚gesunden’ Anteile des Klienten und arbeitet mit dem vorhandenen Energiepotential, der Entwicklung des Klienten entsprechend. Es wird also nicht der ‚kranke’ Anteil betont, sondern die ‚gesunde’ Seite gefördert und gestärkt, was das Selbstvertrauen des Klienten kräftigt und die Basis für eine Konfliktverarbeitung schafft. Beispiele sind hier: Lernen sich Raum zu nehmen, Stärkung der eigenen Präsenz und Empfindungsschulung.

Der Körper erlebt in der Tanztherapie eine Präsenz im Finden von Bewegung aus dem Augenblick heraus, weder der Vergangenheit noch der Zukunft anzuhaften, stattdessen mit all seinen Sinnen im Hier und Jetzt zu sein. Das bedeutet eine direkte und bewusste Auseinandersetzung mit den jeweiligen Bedingungen der Außen- und der Innenwelt. Innere Impulse werden freigesetzt, Handlungsalternativen und damit einhergehende Entscheidungsmöglichkeiten werden über den Körper erfahrbar gemacht.

Ähnlich wie MORENO das Theater benutzte, standen schon im Bühnentanz in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts Gefühlsinhalte im Vordergrund. Es wurden mittels individueller Körperbewegung Gefühle nach außen getragen. Auf diesem Wege wurde u. a. erfahren, dass Psyche und Bewegungsverhalten gekoppelt sind und sich gegenseitig beeinflussen. Genau dies ist auch Bestandteil der Tanztherapie.  Es ergibt sich aus der Geschichte der Tanztherapie eine therapeutische Nähe zu den analytischen Schulen (Freud, Adler, Jung). Die Vertreter der Tanztherapie sind E. SIEGEL (Freud), L. ESPENAK (Adler) und M. COPY (Jung). Zusätzlich hat die Tanztherapie v.a. aus humanistischen Verfahren, insbesondere dem körperorientierten Verfahren (Psychodrama, Gestalttherapie) sinnvolle Elemente adaptiert und benutzt eine sorgfältige Gesprächsführung zur kognitiven Integration. 

Welche Möglichkeiten kann letztendlich die Tanztherapie bieten?

Denkprozesse können angestoßen, Aufmerksamkeit bezüglich des eigenen Empfindens und Wahrnehmens geschult, Phantasie und Kreativität geweckt werden. Der Focus ist hier auf den eigenen Körper in verschiedenen Bezügen gerichtet. So kann in der Tanztherapie dieser als lebendiger Erfahrungsraum, Kontrollinstanz und Entscheidungsträger erlebt und erfahren werden. Dabei geht es weniger um eine Beurteilung oder Bewertung äußerer Erscheinungsbilder sondern mehr um den Körper als sinnstiftende Instanz im körperlich sinnlichen Wahrnehmen und im Loslassen vorhandener Denkmuster und Strukturen. So können in der Tanztherapie Auffälligkeiten und Besonderheiten wie auch Gesetzmäßigkeiten und Strukturen entdeckt werden, welche die Wirklichkeit detaillierter erfassen lassen und ein neuer Bezug zu dieser gefunden werden. Mittels Schulung der Reduktion von Komplexität, was Fähigkeiten des sich Entscheidens, Loslassens und Festhaltens am subjektiv Wichtigen voraussetzt, und der Schulung eines psychisch-physischen Körperbewusstseins in der Tanztherapie kann den Einzelnen mehr Sicherheit im eigenen Handeln und Verhalten auf Alltagsebene geboten werden.

Tanztherapie im Rahmen einer stationären psychotherapeutischen Behandlung kann dazu beitragen, Bewegungsabläufe und damit verbundene Formen der geistigen Bewegung zu verändern. Dies trifft besonders auf PatientInnen zu, die über andere Formen des Ausdrucks bisher wenig verfügen. Dazu zählen z.B. Traumatisierte, die zusätzlich auch meist unter heftigen Körperreaktionen leiden und wenig Kontakt zu aktiven Bewegungen des Körpers haben, geschweige denn zu angenehmen Bewegungen.

In unserer Abteilung mit dem Schwerpunkt der Behandlung psychisch traumatisierter PatientInnen hat sich dieser Zugang als weitere Form der Behandlung im multimodalen Team sehr bewährt.

Michaela Seemann,  Bewegungsteam,

Abteilung für Psychotherapeutische Medizin mit Psychotraumatologie