Künstliche Hüftgelenke: „Was kommt danach?“

Arthrose oder auch Verschleißerkrankung der Gelenke stellt in Deutschland eine Volkskrankheit dar.

Etwa 5 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter arthrosebedingten Beschwerden. Die Häufigkeit arthrotischer Gelenkveränderungen nimmt zwangsläufig mit steigendem Alter zu und pro Jahr werden in Deutschland ca. 120000 künstliche Hüftgelenke eingesetzt.

Das Altern stellt heutzutage keinen von Verlust und Rückzug geprägten Lebensabschnitt dar.

Menschen über 60 üben im allgemeinen eine sportliche Betätigung aus, sind an Bildung interessiert und nehmen aktiv am sozialen Leben teil.

Eine schwere Hüftgelenkarthrose, die zur Immobilität zwingt, ist mit dieser Lebenseinstellung der Senioren unvereinbar.

Durch die Implantation künstliche r Hüftgelenke wird die schmerzfreie Gelenkfunktion so wieder hergestellt, dass die Voraussetzungen für die gewünschte Freizeit- und Lebensaktivität geschaffen sind.

Unter dem Eindruck der Fallpauschalen wird sich voraussichtlich die Dauer des stationären Aufenthaltes in der orthopädisch-operativen Klinik nach Einbau künstlicher Hüftgelenke bei ca. 7-8 Tagen einpendeln.

Um so wichtiger ist im Anschluss für die z. T. betagten Patienten/innen die stationäre Anschlussheilbehandlung zwecks Stabilisierung des Operationsergebnisses.

Die Zielstellung der Anschlussheilbehandlung nach Versorgung mit künstliche n Hüftgelenken besteht in der Gesundung des operierten Patienten, Erreichen eines stabilen Gangbildes, sicherem Treppensteigen sowie ausreichender Laufausdauer, auch außer Haus.

Bestmögliche Beweglichkeit des operierten Hüftgelenkes wird angestrebt und parallel dazu eine muskuläre Stabilisierung der Gesäß- und Beinmuskulatur der operierten Extremität.

Künstliche Hüftgelenke: Inhalte der stationären Rehabilitation

1. Krankengymnastik nach Implantation künstlicher Hüftgelenke

Die Patienten/innen mit künstlichen Hüftgelenke n erhalten täglich einzelkrankengymnastische Übungsbehandlungen zu Lande.

Unter Beachtung der Belastungsvorgaben durch den Operateur führt die/der Krankengymnast/in mit dem/der operierten Patienten/in täglich Laufübungen an Unterarmgehstützen im 3- oder 4-Punkte-Gang durch und schult dabei Körperselbstwahrnehmung und Haltung.

Da die meisten Patienten mit künstliche n Hüftgelenke n zu Hause einige Treppen steigen müssen, gehört auch das sichere Treppensteigen im Wechsel- oder Nachstellschritt zu den Behandlungszielen.

Der Therapiegarten bietet die Möglichkeit, das Laufen außer Haus auf unterschiedlicher Bodenstruktur (Kies und Sand) sowie bergauf und bergab sicher zu erlernen.

Ein prototypischer Autositz wird genutzt, mit dem/der operierten Patienten/in mit künstlichen Hüftgelenken das gelenkgerechte Ein- und Aussteigen in das Auto in unserer Turnhalle zu üben.

Das selbständige Autofahren wird im allgemeinen nach Entwöhnung von den Unterarmgehstützen spätestens 3 Monate nach dem Einbau der künstlichen Hüftgelenke erlaubt.

Bei stabiler und leistungsfähiger Becken- und Beinmuskulatur finden auch Übungen zur Verbesserung von Balance, Koordination und Stabilisation auf dem Therapiekreisel Einsatz.

Sobald die Operationswunde abgeheilt ist, beginnen Übungen im warmen Bewegungsbecken. Die Übungen werden als Einzel- oder Gruppentherapie durchgeführt. Im Bewegungsbad summieren sich die positiven Effekte von Aufhebung der Eigenschwere und Wärmeanwendungen.

Die Patienten/innen mit künstliche n Hüftgelenke n führen im Bewegungsbad kontrollierte Laufübungen bzw. kontrollierte Abspreizbewegungen unter Fixierung am Handlauf aus. In Rückenlage werden Abspreizbewegungen gegen Wasserwiderstand und Kraulbeinschlag durchgeführt.

Brustschwimmen mit typischem Beinschlag verbietet sich bei künstliche n Hüftgelenke n bis zur Beendigung des dritten Monates nach der Operation.

2. Medizinische Trainingstherapie nach Implantation künstlicher Hüftgelenke:

Operierte Patienten/innen mit einer guten körperlichen Leistungsfähigkeit können auch an einer indikationsgerechten Medizinischen Trainingstherapie teilnehmen. Mit der Trainingstherapie wird angestrebt, die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und den muskulären Status zu verbessern. Die Einweisung in den Trainingsbereich geschieht als Einzeleinweisung durch geschulte Diplomsportlehrer.

Dabei wird ein spezielles Trainingsprogramm für die oberen Extremitäten und die nicht operierte untere Extremität angeboten. Die Integration des operierten Beines in das Trainingsprogramm geschieht, da die Patienten/innen inzwischen in sehr kurzem Zeitabstand nach der Operation zur Anschlussheilbehandlung kommen, außerordentlich vorsichtig und nur im Einzelfall.

Als Übung für das operierte Bein nach Einbau künstlicher Hüftgelenke eignet sich in ausgewählten Fällen

  • Training auf dem Laufband,
  • Training am Seilzuggerät,
  • Übungen an der Beinpresse.

Die Frage nach geeigneten sportlichen Aktivitäten nach Versorgung mit künstlichen Hüftgelenken wird oft gestellt. Als geeignete Sportarten werden Schwimmen, Radfahren, Wandern, Paddeln und Rudern betrachtet. Bedingt geeignet sind Skilanglauf, Jogging, Golfspielen und Tischtennis. Ungünstig für künstliche Hüftgelenke sind Ballspiele mit hohen Lauf- und Sprungbelastungen sowie Tennis, durch die auftretenden Stoß-, Scher- und Drehbelastungen.

Technisch geübte Spieler mit guter Bewegungskontrolle können Tennis eingeschränkt durchführen. Alpiner Skilauf bringt aufgrund der hohen Sturz- und Verletzungsgefahr ein besonderes Risiko mit sich. Geübte Skifahrer mit guter Technik und gutem Trainingszustand können in ausgesuchtem Gelände überdurchschnittliche direkte Gelenkbelastungen gering gehalten.

Zu den nicht geeigneten Sportarten mit zählen alle Sprungdisziplinen der Leichtathletik und Turnen.

3. Ergotherapie nach Implantation künstlicher Hüftgelenke:

In der postoperativen Rehabilitation stellt die Ergotherapie einen unverzichtbaren wichtigen Bestandteil dar.

Zu den Aufgaben der Ergotherapeuten gehört es, sämtliche activities of daily living mit dem/der frisch operierten Patienten/in zu besprechen, unter Beachtung von korrekten Bewegungsmustern.

Trotz guter Aufklärung in den Akutkliniken besteht nach Hüftgelenkersatz häufig noch große Unsicherheit, welche Belastung und Alltagsaktivität erlaubt bzw. nicht erlaubt ist.

Deshalb wird bereits am ersten Aufenthaltstag eine schriftliche und persönlich-mündliche Information über Verhaltensregeln nach Einbau künstliche r Hüftgelenke durch die Ergotherapeuten vermittelt, um so möglichen Komplikationen (Ausrenken des Gelenkes) vorzubeugen.

Alltägliche Dinge wie

  • An- und Ausziehen,
  • richtiges Treppensteigen,
  • richtiges Sitzen (mit Keilkissen),
  • richtige Schlafposition,
  • richtiges Ein- und Aussteigen in und aus dem Bett,
  • richtiges Bücken
  • sowie das An- und Ausziehen von Schuhen und Strümpfen

werden besprochen und geübt.

So soll der/die operierte Patient/in in die Lage versetzt werden, alle Tätigkeiten des täglichen Lebens sicher und ohne Gefahr einer Gelenkluxation durchzuführen.

Dieses ADL-Training (activities of daily living) umfasst auch die individuelle Hilfsmittelberatung, das Üben mit den Hilfsmitteln und Einleiten der notwendigen poststationären Versorgung.

Üblicherweise werden folgende Hilfsmittel von Hüft-TEP-Patienten dankbar angenommen:

  • Strumpfanziehhilfen
  • lange Schuhlöffel, elastische Schnürsenkel
  • Toilettensitzerhöhung
  • ggf. Badebrett oder Duschhocker
  • Greifzange (helfende Hand)
  • Keilkissen (um eine 90°-Beugung des operierten Hüftgelenkes im Sitzen zu vermeiden)
  • Antirutschstopfen unter die vorhandenen Stützen (bei späterer Nutzung von Bewegungsbädern)

Wird im Gespräch erkannt, dass behindertengerechte Umrüstungen auch im häuslichen Umfeld des/der Patienten/in notwendig sind, werden diese besprochen, unter Klinikverhältnissen erprobt und die entsprechende Ausstattung des häuslichen Umfeldes bereits während der Rehabilitationsmaßnahme eingeleitet.

4. Orthopädietechnik nach Implantation künstlicher Hüftgelenke:

Alle notwendigen speziellen orthopädietechnischen Versorgungen werden während der Rehabilitationsmaßnahme eingeleitet und durch einen in der Klinik tätigen

Orthopädiemechaniker schnell realisiert.

Dazu gehören:

  • Absatzerhöhungen
  • Schuhzurichtungen
  • manchmal spezielle orthopädietechnische Hilfen (Fußheberschienen,
  • kniegelenkstabilisierende Orthesen) falls in seltenen Fällen postoperativ Lähmungen aufgetreten sind

5. Ärztliche Betreuung nach Implantation künstlicher Hüftgelenke:

Der Rehabilitationsmediziner kontrolliert und koordiniert im Sinne eines Supervisors den gesamten Verlauf der Anschlussheilbehandlung bei künstliche n Hüftgelenken.

Er ist verantwortlich für den ganzheitlichen Ansatz des Therapieprogrammes und gibt auch Empfehlungen für ein Anschlussprogramm im häuslichen Umfeld.

Häufig hat der/die Arthrose- bzw. Endoprothesenpatient/in einen schmerzbedingten langen Leidensweg mit Mobilitätseinschränkung hinter sich.

Umfassende Aufklärung und vertrauensvolle Arzt-/Patienten/innen-Gespräche sind deshalb nötig, um den Abbau von Bewegungsangst und die Aufgeschlossenheit gegenüber den Therapieprogrammen zu bewirken.

Zur umfassenden Information zum „Leben mit dem Kunstgelenk“ zählt auch das sensible Ansprechen zur Durchführbarkeit sexueller Aktivitäten nach Endoprothetik des Hüftgelenkes.

Durch eine erfolgreiche Operation mit nachfolgender rehabilitativer Maßnahme kann im allgemeinen die Medikamenteneinnahme, insbesondere von schmerzlindernd wirkenden Medikamenten reduziert, in den meisten Fällen sogar gänzlich eingestellt werden.

Zum Ende der Rehabilitationsmaßnahme sollte für jede/n Patienten/in ein klarer Medikamentenfahrplan, unter dem Motto „so wenig wie möglich, so viel wie nötig“ besprochen werden.

Nicht selten weisen TEP-Patienten/innen aufgrund ihres Lebensalters vielfältige Begleiterkrankungen auf. Diese sind im Rahmen der Therapieplanung zu berücksichtigen und zeitgleich zu behandeln.

Sollte in Einzelfällen, aufgrund der Polymorbidität, die Rückkehr in die eigene Wohnung unter den Bedingungen der Selbstversorgungsfähigkeit nicht möglich sein, wird von der Rehabilitationseinrichtung die häusliche Betreuung oder der lückenlose Übergang in eine Versorgungseinrichtung organisiert.

Im allgemeinen wird durch den Einbau künstlicher Hüftgelenke und die anschließende komplexe rehabilitative Behandlung unter stationären Bedingungen die gewünschte aktive Lebensgestaltung wieder möglich und eine deutlich verbesserte Lebensqualität auf physischer, psychischer und sozialer Ebene geschaffen.

Viele Patienten/innen im berufstätigen Alter können nach der Versorgung mit künstlichen Hüftgelenken und anschließender stationärer Rehabilitation ihrer früheren Berufstätigkeit wieder nachgehen.

Sollten Sie Fragen im Zusammenhang mit einem geplanten Hüftgelenkersatz oder zur

Nachbehandlung haben, beraten wir Sie gern.

Verfasser: Dr. med. Petra Brückner

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