Allgemeine Informationen zur Erkrankung, zur medikamentösen Therapie und zur Rehabilitation, wie wir sie in der Klinik Hoher Meissner durchführen, finden Sie auf den jeweiligen Seiten.

Ein Ziel der Diagnostik bei Multipler Sklerose ist der Nachweis mehrerer räumlich getrennter Herde durch die körperliche neurologische Untersuchung, durch Schichtaufnahmen (Kernspintomographie, Magnetresonanztomographie, MRT) und durch neurophysiologische Untersuchungen (s.u.). Zudem wird der Nachweis der Entzündung angestrebt. Dies geschieht durch die Untersuchung des Nervenwassers. Zudem sind andere entzündliche Erkrankungen auszuschließen.

Weiter wird durch die neurologische Untersuchung des Patienten festgestellt, welche Beeinträchtigungen vorliegen und welche Therapien diesbezüglich notwendig sind.

Diagnose-Kritierien

Um möglichst früh eine Therapie einleiten zu können, sind möglichst klar definierte Diagnosekriterien notwendig. Heute findet die Diagnosestellung nach den McDonald-Kriterien in der zweiten Revision statt. Zur Diagnosestellung erfolgt eine Reihe von Untersuchungen.

Die Untersuchungen

Liquor cerebrospinalis - das Nervenwasser

Das Nervenwasser umgibt Gehirn und Rückenmark und ist auch in den Hirnkammern (Ventrikel) lokalisiert. Der besondere Vorteil der Liquor-Diagnostik liegt darin, dass eine Untersuchung eines Bereichs möglich ist, der direkt mit Gehirn und Rückenmark in Verbindung steht. Die Entnahme des Nervenwassers erfolgt durch eine Punktion im Lendenwirbelbereich. Durch Verbesserung der Punktionstechniken mit Verwendung dünner Nadeln und/oder besonderer Form der Nadeln (z.B. die sogenannten atraumatischen Nadeln nach Sprotte) wird die Lumbalpunktion heute gut vertragen. Es handelt sich um eine Routine-Untersuchung.

Bei ca. 30% der Multiple Sklerose-Patienten findet sich eine erhöhte Zellzahl im Liquor, meistens vorwiegend Lymphozyten mit etwa 5-50 Zellen/µl. Zellzahlen über 100/µl sollten immer Anlass differentialdiagnostischer Erwägungen in Richtung anderer entzündlicher Erkrankungen sein.

Bei einem geringen Teil der Multiple Sklerose-Patienten findet sich eine leichte Erhöhung des Eiweißgehaltes im Liquor als Ausdruck einer leichten Störung der Schranke zwischen Blut und Nervenwasser. Ein wesentliches Kriterium der Liquorbefunde bei Multiple Sklerose-Patienten stellt der Nachweis von im Nervensystem gebildeten Eiweißen der Körperabwehr, den Immunglobulinen, insbesondere dem Immunglobulin G (IgG), dar. Dies geschieht durch die Verrechnung der Konzentrationen bestimmter Immunglobuline und anderer Eiweiße (Albumin) in Liquor und Serum. Der Befund einer IgG-Bildung im Bereich des Nervensystems findet sich bei über 90% der Multiple Sklerose-Patienten. Durch die sogenannten isoelektrische Fokussierung kann die IgG-Produktion im Bereich des Nervensystems noch sensitiver dargestellt werden, wir sprechen dann von positiven "oligoklonalen Banden". Hierbei handelt es sich um einzelne "Familien" dieser Immunglobuline.

Bei 95% der Patienten mit Multiple Sklerose sind virusspezifische Antikörper gegen Masern, Röteln und Zoster im Nervenwasser nachgewiesen worden, man spricht hierbei von der sogenannten MRZ-Reaktion. Sie wird nicht als Zeichen einer direkten Infektion durch diese Viren gewertet, sondern als Zeichen einer Mitreaktion der die entsprechenden Antikörper produzierenden Abwehrzellen.

Neurophysiologische Zusatz-Diagnostik

Durch diese Untersuchungen sollen Herde aufgedeckt werden, die sich dem direkten Nachweis der körperlich-neurologischen Untersuchung entziehen.

Üblicherweise werden die sogenannten evozierten Potentiale untersucht. Hierbei werden definierte Reize gegeben, z. B. Töne, optische Reize oder Stromimpulse. Das Nervensystem transportiert die Information, dass der Reiz stattgefunden hat, zum Gehirn. Dort angekommen nehmen wir den Reiz war, wir merken ihn. Zeitgleich können wir eine Veränderung der Hirnströme messen. Dafür müssen Reizung und Messung aber mehrfach wiederholt werden. Üblich sind die visuell evozierten Potentialen (VEP), die akustisch evozierten Potentialen (AEP) und die somatosensorisch evozierten Potentiale SEP).

Visuell evozierte Potentiale (VEP)

Hierbei schaut der Patient auf einen Monitor, auf dem ein Schachbrettmuster erscheint. Die weißen und die schwarzen Felder kehren sich um, was weiß war, wird schwarz, was schwarz war, weiß und so weiter. Über dem Hinterkopf werden dann die in der Sehrinde "produzierten" Hirnströme aufgezeichnet. Etwa eine Zehntelsekunde nach dem Reiz ist die Reizantwort zu messen. Typischerweise findet sich bei Patienten mit einer Multiple n Sklerose aufgrund der durchgemachten Schädigung der Markscheiden (= Isolierung der Nervenfasern) im Bereich der Sehnerven eine Verzögerung der Reizantwort. Die zugrundeliegende Schädigung des Sehnerven hat der Patient oft nicht bemerkt.

Akustisch evozierte Potentiale (AEP)

Der Patient erhält über einen Kopfhörer Töne, auch in diesem Fall werden die Hirnströme gemessen. Hier liegen die Reizantworten im Bereich weniger Millisekunden. Verzögerte oder fehlende Komponenten der Reizantworten weisen auf eine Schädigung des Hörnerven oder des Hirnstamms hin, je nach dem, welche Komponenten betroffen sind. Typische Veränderungen finden sich bei ca. 30% von Patienten, bei denen die Erst- Diagnostik der Multiple n Sklerose erfolgt.

Somato-sensibel evozierte Potentiale (SSEP)

Nach elektrischer Stimulation von Nerven an Armen und Beinen werden wiederum die Hirnströme gemessen. Nach etwa 20 Millisekunden bei Stimulation am Arm und 40 Millisekunden bei Stimulation am Bein wird eine Reizantwort über dem Gehirn gemessen. Bei der Untersuchung bei Patienten mit Multipler Sklerose wird typischerweise der Nervus tibialis am Bein gereizt. Auch hier wird bei einer Schädigung der entsprechenden Bahnen eine Verlängerung der Zeit bis zum Auftreten der Reizantwort oder im schlimmsten Fall ein Ausfall des Potentials beobachtet.

Motorisch evozierte Potentiale (MEP, Magnetstimulation)

Anders als die vorbeschriebenen evozierten Potentialen (VEP, AEP, SEP) untersuchen die motorisch evozierten Potentiale Nervenbahnen vom Kopf in Richtung zu den Armen und Beinen. Dabei wird mit einem starken Magneten ein Impuls über dem Kopf ausgelöst, hierdurch kommt es zu einer Aktivierung von Nervenzellen im Gehirn. Da die Magnetimpulse über Regionen des Gehirns erzeugt werden, die für Bewegungen zuständig sind, kommt es zu einer kurzen Zuckung von Muskeln an Armen und Beinen. Diese können über Elektroden, die über den Zielmuskeln auf die Haut geklebt werden, gemessen werden. Typischerweise wird, wenn der Verdacht auf eine Multiple Sklerose besteht, die Elektrode auf den Daumenballen geklebt. Die Zeit, die zwischen dem Impuls über dem Kopf und der Reizantwort über dem Muskel vergeht, wird bestimmt. Sie ist bei Schäden der Nervenfasern verlängert, bei hochgradigen Schäden ist keine Reizantwort abzuleiten.

Kernspintomographie (Magnetresonanztomographie, MRT)

Oft wird von Patienten von der "Röhre" gesprochen. Der Patient liegt in einer langen Röhre, die zudem recht laut ist. Darüber hinaus ist die Methode für den Patienten aber nicht belastend. Es handelt sich um eine Schnittbildtechnik. Das heißt, Regionen des Körpers, zum Beispiel das Gehirn oder das Rückenmark werden in Schnitten aufgezeichnet. Während bei der Computertomographie (CT) Röntgenstrahlen verwendet werden, kommen bei der MRT Magnetfelder zum Einsatz. Deshalb dürfen beispielsweise Patienten mit Herzschrittmachern meist nicht mit der MRT untersucht werden.

Bei Verdacht auf eine Multiple Sklerose besteht eine Indikation zur Durchführung dieser Untersuchung. Hier kommen die Herde von Gehirn und Rückenmark je nach angewandter Technik zur Darstellung. Die Herde selbst sind aber zunächst unspezifisch, sie können verschiedene Ursachen haben. Selbst bei Gesunden können manchmal Herde gefunden werden. Typisch, aber bei weitem nicht beweisend, ist das Vorhandensein der Herde in der Nähe der inneren Nervenwasser führenden Räume, der sogenannten Ventrikel. Hinweisend auf eine Multiple Sklerose sind Herde im Bereich der Brücke des Hirnstamms und des Balkens, eine Struktur, die die beiden Hirnhälften verbindet. Durch die Gabe von Kontrastmittel kann gezeigt werden, ob es sich um Restzustände einer vorausgehenden Entzündung (Narbe, Sklerose) oder aktive, also frisch entzündliche Herde handelt. Die frischen Herde nehmen Kontrastmittel auf. Es wird angenommen, dass nur etwa 20% der Herde im Kernspintomogramm des Schädels mit Symptomen beim Patienten einhergehen.

Weitere Diagnostik

Restharnsonographie ist wegen der großen Häufigkeit von Blasenentleerungsstörungen regelmäßig durchzuführen. Dabei handelt es sich um eine Ultraschall-Untersuchung. Die Blase wird nach der Entleerung mit Ultraschall untersucht. Beim Gesunden entleert sie sich vollständig. Bleibt ein Restvolumen an Urin in der Blase von über 100 Milliliter, so ist das Infektionsrisiko erhöht. Es kommt öfter zu Blasenentzündungen. Aus diesem Grunde muss bei höheren Restharnmengen behandelt werden, entweder medikamentös oder durch Katheterisierung.