Rückenschmerz ist keine einheitliche Krankheit bzw. Diagnose, sondern eine Symptombeschreibung. Sie kann durch unterschiedliche Faktoren verursacht sein und unterschiedliche Verläufe nehmen. Deshalb sind sehr differenzielle, multimodale Behandlungsformen und Therapien im Bereich der Rehabilitation erforderlich.

Mehr als 50 % aller Erwachsenen leiden während ihres Lebens irgendwann an Rückenschmerz. Zumeist sind die Verläufe akut. Tritt der Rückenschmerz jedoch vermehrt auf, spricht man von einem rezidivierenden Verlauf, der durch unterschiedlich lange schmerzfreie Intervalle gekennzeichnet ist. Wird er dauerhaft, handelt es sich um einen persistierenden Rückenschmerz, der zumeist durch äußere und innere Belastungsfaktoren in seiner Art und Intensität moduliert wird.

Definition

Wir sprechen von chronischem Rückenschmerz, wenn die Störung länger als 6 Monate andauert, mit einer bedeutsamen Beeinträchtigung der Betroffenen einhergeht und bereits mehrere erfolglose Behandlungsversuche stattfanden. Nicht immer muss die Beeinträchtigung mit körperlichen Veränderungen oder Schäden der Wirbelsäule zusammenhängen, sondern sie bezieht sich überwiegend auf Aspekte des Verhaltens, der Wahrnehmung und gefühlsmäßigen Verarbeitung.

Früher betrachtete man den chronischen Rückenschmerz als unmittelbare Folge einer spezifischen organischen Störung und war nur darauf bedacht, diese Ursache - oder sofern das nicht möglich war, durch Verabreichung von Schmerzmedikamenten (Analgetika) zumindest die Schmerzreaktion - zu beseitigen. Inzwischen belegen zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, dass in der Rehabilitation besonders den psychosozialen Prozessen beim chronischen Rückenschmerz eine  große Bedeutung zukommt.

Bio-psychosoziales Modell

Die alleinige Fixierung auf medikamentöse oder gar operative Interventionen hatte oftmals zur Folge, dass sich die eigenen Initiativen und Aktivitäten, sowie die inneren Kontrollüberzeugungen der Schmerzpatienten reduzierten. Diese Maßnahmen erwiesen sich in nicht wenigen Fällen langfristig als unbefriedigend für die Betroffenen. Deshalb folgt die moderne Schmerztherapie in der Rehabilitation heute einem bio-psychosozialem Modell. Sie bezieht auch psychologische und soziale Faktoren in das Therapiekonzept mit ein.

Zahlreiche Ergebnisse der interdisziplinären Schmerzforschung haben verdeutlicht, dass bei Patienten mit chronischem Rückenschmerz nicht allein die Schmerzintensität den größten Anteil an der Beeinträchtigung der Betroffenen hat. Auch ihre Bewältigungsressourcen, die gedanklichen Bewertungen, die emotionale Verarbeitung, sowie das gelernte Schmerzverhalten stellen wesentliche Determinanten dar. Das sollte in der Rehabilitation von Schmerzpatienten auch Berücksichtigung finden.

So umfassen die Beeinträchtigungen nicht nur Bewegungseinschränkungen z.B. beim Bücken und Heben in Folge einer Schwächung der Muskulatur (Atrophie) durch Schonverhalten. Auch der Rückzug aus verschiedenen sozialen Beziehungen in Familie, Freizeit und Beruf kann passieren. Durch häufige diagnostische und therapeutische Interventionen und oftmals enttäuschende Behandlungserfahrungen resignieren zudem viele Schmerzpatienten. Aus dem Gefühl der Hoffnungs- und Hilflosigkeit entwickeln sie depressive Verstimmungen, die wiederum die Schmerzwahrnehmung verstärken.

Transaktionale Schmerzkonzepte

Um die wechselseitige Beeinflussung von Rückenschmerz, Schmerzbewältigung, Beeinträchtigung der allgemeinen Befindlichkeit und situativen Faktoren genauer untersuchen und behandeln zu können, entwickelte daher die klinisch-psychologische Forschung transaktionale Schmerzkonzepte.

Besonders hilfreich hat sich in diesem Kontext das Diathese-Stress-Modell erwiesen. Es postuliert, einen Zusammenhang zwischen dem Stress-Erleben und der muskulären Anspannung. Demnach kommt es bei einer erworbenen oder konstitutionellen Reaktionsbereitschaft des Organismus zu einer pathologischen Reaktion im Bereich der Wirbelsäulenmuskulatur, wenn eine Stress-Situation als nicht hinreichend zu bewältigen erlebt wird. Findet im Anschluss keine Erholung statt oder treten diese Stress-Reaktionen öfter auf, kann es im Laufe der Zeit zur Daueranspannung (Kontraktion), Minderdurchblutung (Ischämie) und somit zu einem Sauerstoffmangel (Hypoxie) in der Rückenmuskulatur kommen, wodurch der Rückenschmerz chronisch werden kann.

Durch zahlreiche Untersuchungen konnte inzwischen belegt werden, dass beim chronischen Rückenschmerz Körper und Psyche in einer engen Wechselwirkung stehen. In der Rehabilitation bedarf es daher einer parallelen Diagnostik und Therapie.

Behandlungsansätze

Basierend auf dieser Erkenntnis wurden Behandlungsansätze entwickelt, die mittels psychologischer Interventionen zu einer Veränderung des Verhaltens und Erlebens der Betroffenen führen. Sie sollen die Fähigkeit zum Selbstmanagement des chronischen Rückenschmerzes fördern.

Ziele der multimodalen Schmerztherapie:

  • Aufbau oder Förderung von Gesundheitsverhalten (z.B. durch Reduzierung von Stress),
  • Optimierung von Schmerzmedikamenten (Analgetika)
  • Löschung von Krankheitsverhalten.
  • Verstärkung moderater sportlicher und psychosozialer Aktivitäten der Patienten
  • Abbau des Schonverhaltens

In der Rehabilitation von Patienten mit chronischem Rückenschmerz fördern wir daher die Verbesserung der physischen Kondition durch gezielte körperliche Übungen unter fachlicher Anleitung. Sie beinhaltet neben einer ausführlichen Beratung über risikolose Bewegungsabläufe auch das praktische Üben von rückengerechten Positionen bei Hausarbeiten oder geeigneten Bewegungsabläufen am Arbeitsplatz.

Entspannungsverfahren

Ein weiteres Element der multimodalen Schmerztherapie ist das Erlernen eines Entspannungsverfahrens, wie z.B. der Progressiven Muskelrelaxation [linkt auf KHM  Orthopädie Progressive Muskelentspannung] oder des Autogenen Trainings. Das baut Stress ab, verbessert die Wahrnehmung muskulärer Spannungszustände und fördert den psycho-vegetativen Ausgleich.

Soziale Interaktionen

Viele Patienten mit chronischem Rückenschmerz weisen ein ausgeprägtes Defizit in Anzahl und Qualität ihrer sozialen Interaktionen auf. Regelmäßige themenzentrierte Gruppensitzungen sollen diese Interaktionen fördern und das Kommunikationsverhalten verstärken.

Dabei beziehen wir nach einer Analyse der schmerzauslösenden Bedingungen spezifische kognitive Techniken in die Schmerztherapie ein:

  • Aufmerksamkeitslenkung
  • Imagination
  • Förderung von Genuss und Lebenszufriedenheit
  • Transformation schmerzbezogener gedanklicher Bewertungen

Dabei geht es um die Veränderung dysfunktionaler, d.h. depressiv-katastrophisierender, resignierender Einstellungen und Gedanken. Diese treten oft im Zusammenhang mit chronischem Rückenschmerz auf.

Berufs- und Arbeitsplatzbedingungen

In den meisten Fällen ist auch die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit erheblich beeinträchtigt und nicht selten droht der Verlust des Arbeitsplatzes. Deshalb erfolgt im Rahmen der sozialmedizinischen Beurteilung und der Sozialberatung eine genaue Analyse der Berufs- und Arbeitsplatzbedingungen.

Lässt sich durch eine ergonomische, rückengerechte Umgestaltung des Arbeitsplatzes keine Verbesserung erreichen, diskutieren wir über eine innerbetriebliche Umsetzung, eine Weiterqualifizierung oder Umschulung. Eventuell kann so eine deutliche Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität erreicht werden.

Bei Fragen zur Rehabilitation bzw. psychoedukativen Behandlung bei chronischem Rückenschmerz stehe ich Ihnen gern unter Orthopädie zur Verfügung.

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Psychologischer Psychotherapeut
Diplom-Psychologe Jürgen Baum

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