Allgemeine Informationen

Nach vorsichtigen Schätzungen leiden in Deutschland mehr als 2 Millionen Menschen an einem Fibromyalgiesyndrom (FMS). Damit handelt es sich um eine häufige Erkrankung.

Der Begriff "Fibromyalgie" wurde von Hench 1976 eingeführt und von Yunus et al. 1981 weiter diagnostisch definiert. Er ersetzte die früheren Begriffe "Fibrositis" der anglo-amerikanischen Literatur oder "generalisierte Tendomyopathie" bzw. "Weichteilrheumatismus" im deutschsprachigen Raum.

Angemessener als der Begriff Fibromyalgie ist die Bezeichnung Fibromyalgiesyndrom. Syndrom deshalb, da es sich bei dieser Erkrankung um einen vielschichtigen Beschwerdekomplex handelt, der nicht mit erklärenden Körperschäden einhergeht.

Formelle Anerkennung

Lange haben Fibromyalgiebetroffene auf die formelle Anerkennung des noch immer kontrovers diskutierten Krankheitsbildes gewartet.

In der ICD 10 (Internationale Klassifikation der Erkrankungen) ist inzwischen das Fibromyalgiesyndrom im Kapitel VIII „Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes“ mit einem eigenen diagnostischen Code (M79.70) aufgenommen.

2008 wurde von der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften für das FMS eine S3-Leitlinie erstellt, die 2012 überarbeitet wurde. Im AWMF-Leitlinienregister ist auch eine Patientenversion zu finden.

Trotz der Leitlinie ist die Diagnosestellung der Fibromyalgie für die behandelnden Ärzte nicht einfach, da einer Fülle von Beschwerden das Fehlen von "harten" organischen Befunden gegenüber steht. Die durchgeführten Laboruntersuchungen ergeben ebenso wenig richtungsweisende Auffälligkeiten wie bildgebende Verfahren.

Deshalb stellt das Fibromyalgiesyndrom immer eine Ausschlussdiagnose dar.

Es sind Erkrankungen, die ähnliche Symptome und Beschwerden wie die Fibromyalgie hervorrufen können, z. B. Erkrankungen des entzündlich-rheumatischen Formenkreises, Muskelerkrankungen oder schwerwiegende Depressionen, differentialdiagnostisch abzugrenzen.

Leitsymptome

  • Chronische Schmerzen an ausgedehnten Körperregionen länger als 3 Monate
  • eine Vielzahl von allgemeinen und vegetativen Symptomen
  • überdurchschnittliche umschriebene Druckschmerzempfindlichkeit an definierten Muskel-Sehnen-Ansätzen (Tenderpoints)

Die früher obligate Forderung, dass die Druckempfindlichkeit entsprechend der Kriterien des amerikanischen Kollegiums für Rheumatologie (ACR) an mindestens 11 von 18 Tenderpoints vorliegen muss, ist für die klinische Diagnose – laut S3-Leitlinie – nicht mehr notwendig.

Vermehrte Druckempfindlichkeit an anderen Stellen des Bewegungsapparates (früher Kontrollpunkte) schließt die Diagnose eines FMS nicht aus.

Fibromyalgiepatienten leiden unter...

  • diffusen Schmerzen an ausgedehnten Körperregionen (bevorzugt im Schultergürtel- oder Becken-Bein-Bereich)
  • gestörtem Nachtschlaf und frühmorgendlichen Unausgeruhtsein
  • leichter Ermüdbarkeit
  • Leistungsknick
  • allgemeiner Leistungsschwäche
  • Konzentrationsstörungen

Begleitbeschwerden

Es bestätigt sich eine Vielzahl von funktionellen und vegetativen Begleitbeschwerden, z. B. kalte Hände und Füße, Zittern der Hände, Schwindelerscheinungen, Neigung zum Schwitzen und gehäuft Ohrgeräusche.

Allgemeinsymptome

Zu den führenden Allgemeinsymptomen gehören Magen-Darm-Beschwerden im Sinne eines "Colon irritabile" mit Bauchschmerzen, Gefühl des überblähten Bauches und dem Wechsel von Durchfall und Verstopfung.

Die Symptome des Fibromyalgiesyndroms werden durch kaltes Wetter, laute Geräusche, Überanstrengung und Stress verstärkt.

Bei den Fibromyalgiepatienten überwiegen Frauen im Verhältnis 85 zu 15 deutlich gegenüber Männern.

Das Fehlen von überprüfbaren diagnostischen Fakten ist für die Patienten oft schwer zu verkraften, so dass die Betroffenen sich oftmals als "Simulanten" oder "Rentenjäger" diskriminiert fühlen.

Ursache

Die Ursache des FMS ist nach wie vor unklar. Die S3-Leitlinie empfiehlt, das Fibromyalgiesyndrom als funktionelles somatisches Syndrom und nicht als psychische Störung zu klassifizieren. Verschiedene pathophysiologische Veränderungen sind mit dem Fibromyalgiesyndrom assoziiert, ohne eindeutiges Ursache-Wirkungsprinzip.Beim Fibromyalgiesyndrom beobachtet man eine familiäre Häufung. Eine genetische Ursache der Erkrankung konnte jedoch bisher nicht nachgewiesen werden. Hormonell bedingte Ursachen sind nicht bestätigt.

Hinweise auf Störungen der zentralen Schmerzverarbeitung im Sinne einer verminderten zentralen Hemmung von peripheren Reizen bzw. zentralen Sensibilisierung der Schmerzwahrnehmung existieren.

In diesem Zusammenhang ist einzuordnen, dass der für die Schmerzverarbeitung wichtige Neurotransmitter Serotonin erniedrigt und die Substanz P erhöht sein kann. Eine Störung des Zytokinnetzwerkes mit Erhöhung proinflammatorischer Zytokine bzw. Zytokinrezeptoren bei Patienten mit FMS wird als These erörtert.

Zusammenfassend ist zur Ätiologie und Pathogenese des FMS auszuführen, dass Argumente für eine komplexe Störung der Schmerz- und Stressregelkreisläufe sprechen. Unterschiedliche Reize scheinen das Fibromyalgiesyndrom zu begünstigen.

Man diskutiert, dass langandauernder familiärer, beruflicher oder sozialer Stress zu einem Überforderungssyndrom mit veränderter Selbstwahrnehmung und möglicherweise Störung von neuroendokriner Regulation in unterschiedlicher Ausprägung führt.

Therapie

Die Behandlung von Fibromyalgiepatienten und -patientinnen stellt seit Jahren eine der Hauptindikationen der Orthopädischen Abteilung unserer Klinik dar.

Wir verzeichnen seit 1998 einen zahlenmäßig kontinuierlichen Anstieg der behandelten Patienten. 1998 waren es nur 40, im Jahre 2003 mehr als 300 und bis zum jetzigen Zeitpunkt nutzten mehr als 2 500 Betroffene das spezielle Therapieangebot.

Leider können wir keine Wunderspritze oder Wundertablette zur Heilung des FMS anbieten.

Multimodales Therapiekonzept

Das komplexe und vielschichtige Beschwerdebild des FMS erfordert einen multimodalen Therapieansatz unter stationären Bedingungen über eine Zeitdauer von mindestens 3 Wochen verbunden mit Hilfestellungen für den anschließenden Transfer in den Alltag.

Ganz individuell erstellen wir für die Betroffenen ein vielschichtiges Behandlungsprogramm in Anlehnung an die S3-Leitlinie. Am Beginn steht die gemeinsame Planung von realistischen Therapiezielen.

Unrealistisch wäre es, Schmerzfreiheit als Ziel zu definieren. So würden wir nur Behandlungsunzufriedenheit vorprogrammieren.

Wir konzentrieren uns auf erreichbare Rehabilitationsziele:

  • Linderung der fibromyalgietypischen funktionellen und vegetativen Begleitbeschwerden
  • umfassende Information über das Fibromyalgiesyndrom und Vermittlung von Schmerzbewältigungsstrategien, zwecks Weiterführung zu Hause in Eigenregie
  • Erlernen eines Entspannungsverfahrens
  • Selbstmanagement im Umgang mit dem bestehenden FMS

Unser Behandlungskonzept

1. Ärztliche Betreuung

  • Untersuchung und Anamnese zwecks Diagnosesicherung, unter Beachtung der Ausschlusskriterien
  • Gemeinsame Definition von Behandlungs- und Rehabilitationszielen
  • Aufklärung über das FMS, therapeutische Möglichkeiten und Prognose
  • Erstellen eines individuellen Therapieplans
  • Vermittlung von bio-psycho-sozialen Krankheitszusammenhängen
  • Sorgfältige sozialmedizinische Beratung und Erstellung eines positiven und negativen Leistungsbildes unter Berücksichtigung der funktionellen Leistungseinschränkungen und des Leidensdruckes der Betroffenen, gegebenenfalls unter Einschaltung der Sozialarbeiterin
  • Weichenstellung für sinnvolles Freizeitverhalten und weiterführende geeignete sportliche Aktivitäten (aerobes Training)
  • Medikamentöse Therapie nach S3-Leitlinien-Empfehlungen
  • Themenzentrierter Gesprächskreis zum Fibromyalgiesyndrom - unter psychologischer und ärztlicher Führung (wöchentlich 1,5 bis 2 Stunden zum Gedankenaustausch, Fragen und Antworten und Vermitteln von Selbsthilfestrategien)

2. Psychologische Behandlung


Basierend auf einem kognitiv-behavioralen Ansatz.

  • Aufklärung über die Erkrankung und mögliche Zusammenhänge der Schmerzen mit sowohl physischen wie auch psychischen Belastungssituationen
  • Aufklärung und Information: Kennenlernen und Verstehen der Eigenheiten und Bedeutung von Schmerzen, Information bzgl. der Prognose des Leidens
  • Orientierung der Patienten auf ihre Ressourcen und Aufbau schmerzbezogener Kontrollüberzeugungen
  • Patienten sollen den Schmerz als Herausforderung, die es zu bewältigen gilt und nicht als Schicksal, dem man hilflos ausgeliefert ist, verstehen
  • Verbesserung der Lebensqualität durch Genusstraining, Vermeiden von Stress, Verbesserung der Wahrnehmung und Durchsetzung eigener Bedürfnisse ohne übermäßige Angst vor Konflikten - Abbau des eigenen überhöhten Anspruchsniveaus, um mehr Zeit für sich selbst und ausgleichende Aktivitäten zu haben - Transfer in den Alltag
  • Vermittlung und Training von Entspannungstechniken (Autogenes Training nach Schulz, Muskelentspannung nach Jacobson [linkt auf KHM Orthopadie Progressive Muskelentspannung], Myo-Feedback oder Respiratorisches Feedback nach Leuner).
  • Eventuell psychologische Einzelgespräche zur Erhebung der biografischen Anamnese unter psychodynamischen Gesichtspunkten

2a. Ziel der psychologischen Beratung

  • Erleben von zunehmender Ruhe und Gelassenheit
  • Erfahrung der Kontrollierbarkeit und Beeinflussbarkeit des eigenen Körpers
  • Verbesserung der Wahrnehmung, welche Situationen Anspannung und Schmerz auslösen
  • Reduzierung von Ängsten und körperlich spürbarer Nervosität
  • Verbesserung der Schlafqualität
  • Lenkung der Aufmerksamkeit und positive Imagination

3. Physiotherapie

Spezielle Kleingruppengymnastik für Fibromyalgie-Betroffene mit

  • Dehnungsübungen für die zur Verkürzung neigende Muskulatur
  • Erlernen eines "Stretching-Programmes", zwecks häuslicher Weiterführung in Eigenregie
  • Bewegungstherapie im Wasser/Aqua-Walking
  • Spezielle Bewegungstherapie für Patienten mit FMS im Solebewegungsbad (35°)

In Einzelfällen zusätzlich möglich:

  • Beckengürtelgymnastik, Schultergürtelgymnastik, Wirbelsäulengymnastik, Pilates
  • Verbesserung der Körperselbstwahrnehmung durch die Teilnahme an der Gruppe „Körperwahrnehmung nach Feldenkrais“

4. Physikalische Therapie

Aus dem gesamten Spektrum der physikalischen Behandlungsmöglichkeiten nutzen wir die geeigneten Therapieverfahren, unter Beachtung der Patientenpräferenzen und der S3 Leitlinie:

  • Wannenbäder (z. B. Molke-, Kamillenblüten-, Rheuma-, Melisse-, Öl-, Kohlendioxydbad)
  • Elektrotherapie (Niederfrequenz-, Mittelfrequenz-, Hochfrequenztherapie)
  • Moorbad und Moorpackungen
  • in Einzelfällen Kryotherapie (Kältetherapie) mit Kaltmoor und Kaltluft (keine Kältekammer)
  • Massage (in Einzelfällen befristet im Rahmen der Komplexbehandlung)
  • Lymphdrainage (in Einzelfällen befristet im Rahmen der Komplexbehandlung)
  • Wärmebett
  • Infrarotkabine (Tiefenwärme)
  • Sauna

5. Spezielle Medizinische Trainingstherapie

  • In offenen Gruppen, vorsichtig dosiert, im aeroben Bereich, zur Verbesserung der Ausdauer
  • Spiele und Übungen ohne Leistungsdruck, ohne Gewinner und Verlierer
  • Walken/Nordic-Walking
  • Moderates Ergometertraining

6. Spezielle Ergotherapie

Kreativgruppen nur für Fibromyalgiebetroffene sollen Impulse geben, die eigene Kreativität und Spontanität zu entfalten. So verzeichne Patienten auf schöpferischem Sektor Erfolgserlebnisse und schulen ihre positive Wahrnehmung.

  • Seidenmalerei, Weben, Peddigrohrarbeiten, Serviettentechniken, Kratztechniken und andere Bastelarbeiten
  • Meditatives Malen
  • Fingergruppe, warmes oder kühles Sand-/Kiesbad
  • Interferenzhandschuhbehandlung, um Schwellneigung der Finger zu reduzieren

7. Medikamentöse Therapie

Das FMS ist nicht zwangsläufig eine medikamentenpflichtige Erkrankung.

  • Belegt ist die Wirksamkeit von dem trizyklischen Antidepressivum Amitriptylin in niedriger Dosierung zur Nacht zur Reduktion von Schmerzen und zur Verbesserung der Schlafqualität (Nebenwirkungen beachten!).
  • Die Serotoninwiederaufnahmehemmer Fluoxetin und Paroxetin sind bezüglich Schmerzlinderung dem Placebo überlegen.
  • Noradrenalin-/Serotoninwiederaufnahmehemmer (Duloxetin/Milnacipran).
  • Laut S3-Leitlinie keine Empfehlung zum Einsatz von nichtsteroidalen Antirheumatika.
  • Opioide: Langfristige Wirksamkeit durch Studien nicht belegt.
  • Pregabalin (Antiepileptikum): Befristeter Therapieversuch unter Überprüfung der Wirksamkeit möglich.
  • Pramipexol (Dopaminantagonist): Zeitlich befristeter Therapieversuch kann erwogen werden.
  • Kortikoide: Wirksamkeit nicht belegt.
  • Schilddrüsenhormone: Wirksamkeit nicht belegt.

8. Sozialberatung

Wir bieten Hilfestellung bei sozialrechtlichen Fragen entsprechend SGB und bei der beruflichen Reintegration.

9. Ernährung und Ernährungsberatung

  • fleischarme bzw. vegetarische Kost
  • spezieller Ernährungsvortrag für FMS-Patienten
  • eventuell Einzeldiätberatung durch Diätassistentin.
  • Koch- und Backkurs

10. Ganzkörperhyperthermie

Für Einzelfälle bieten wir Ganzkörperhyperthermie durch wassergefilterte kurzwellige Infrarot A-Strahlung.

10. Angehörige

Wie bieten die Möglichkeit zur zeitgleichen Anreise des Partners als Begleitperson. Nach Rücksprache mit unserem Aufnahmebüro (Telefon 0 56 52.558 03) ist eine Anreise auch mit minderjährigen Kindern möglich.