KLINIK HOHER MEIßNER

Rehabilitation bei Conterganschädigung

Unser Behandlungskonzept

Vorgeschichte

Als beruhigendes und schlafförderndes Medikament kam Contergan im Oktober 1957 auf den deutschen Arzneimittelmarkt. Fatal war, dass dieses Medikament gleichzeitig gegen Schwangerschaftsübelkeit helfen sollte.

Eingenommen in der frühen Phase der Schwangerschaft bewirkte Contergan schwerste Störungen der Organ- und Extremitätenentwicklung der Föten. Dadurch kam es zu einem explosionsartigen Anstieg schwerer Extremitätenfehlbildungen oder gar dem Fehlen von Gliedmaßen und Organen bei Neugeborenen. Es vergingen mehrere Jahre bis der Zusammenhang zwischen den missgebildet geborenen Kindern und der Einnahme von Contergan (der Pharmafirma Grünenthal) in der Schwangerschaft erkannt wurde.

Die contergangeschädigten Frauen und Männer befinden sich heute im 6. Lebensjahrzehnt. Sie stellen keine homogene Krankheitsgruppe dar. Die unter dem Begriff Conterganschädigung zusammengefassten Störungen an Organen und Extremitäten sind hochkomplex und individuell verschiedenartig.

Allen Betroffenen gemeinsam ist, dass die Lebensgestaltung stets eine Herausforderung war. Die Mehrzahl der contergangeschädigten Frauen und Männer schaffte es, über effektive Kompensations- und Kommunikationsstrategien ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben zu führen, in vielen Fällen einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen.

Status quo

Nach mehr als 50 Jahren leiden die Conterganopfer nicht nur an den primären Conterganschäden. Zusätzlich haben sich altersbedingte Veränderungen und durch jahrelange Fehlbelastung von Wirbelsäule und Gelenken Folgeschäden und chronische Schmerzzustände im Bereich des Haltungs- und Bewegungsapparates entwickelt.

Diese durch Fehlbelastungen und Alterungsprozesse bedingten Veränderungen potenzieren das bestehende Maß an Behinderung und Teilhabeeinschränkung.

Während nicht durch Missbildung betroffene Menschen sich an degenerative Veränderungen des Haltungs- und Bewegungsapparates in gewissem Maße adaptieren können, haben Contergangeschädigte dieses Kompensationsvermögen bereits für den Ausgleich ihrer angeborenen Behinderungen „aufgebraucht“.

Für sie resultieren enorme Belastungen auf körperlicher, aber auch sekundär auf psychosozialer Ebene.

Abteilung für thalidomidgeschädigte Patienten

Die orthopädischen conterganbedingten Schäden und Folgekrankheiten bedürfen kontinuierlicher krankengymnastischer sowie balneophysikalischer Behandlungen und regelmäßiger Rehabilitation. 

Aus diesem Grunde wurde in der Klinik Hoher Meißner, einer Klinik für Physikalisch-Rehabilitative Medizin und Schmerzbehandlung mit den Fachbereichen Orthopädie und Neurologie, eine Abteilung für thalidomidgeschädigte Patienten geschaffen und im Rahmen einer großen Festveranstaltung – unter Beisein von ca. 100 Conterganbetroffenen – 2013 eröffnet.

Initiiert wurde diese Schwerpunktsetzung durch den engen Kontakt und die mehr als 10-malige Rehabilitation des contergangeschädigten Paralympics-Teilnehmer Josef Giesen in der Klinik Hoher Meißner.

Ausstattung

Optimale Zimmer- und Sanitärausstattungen betrachten wir als Voraussetzung für bestmögliche Selbstversorgungsfähigkeit in der Rehabilitation. Das Rehabilitationsteam der Orthopädie war sehr dankbar, dass die Gestaltung der Conterganzimmer in Zusammenarbeit mit verschiedenen Contergan-Selbsthilfegruppen erfolgte, deren Erfahrungen bei der Planung berücksichtigt wurden.

Die Sanitärbereiche sind ausgestattet mit

  • höhenverstellbarem Dusch-WC (Anal-, Vaginaldusche und Fön)
  • höhenverstellbarer Wascharmatur
  • vielen Haltegriffen im Duschbereich, speziellen Armaturen

Die Patientenzimmer verfügen über

  • höhenverstellbare Pflegebetten mit Hotelcharakter
  • höhenverstellbare Tische
  • per Fernbedienung elektrisch herausfahrbare Kleiderstangen
  • Wäschefächer mit Tippsystem
  • zusätzliche Haken und Steckdosen in verschiedenen Höhen
  • Schlüssellose Schließsysteme (keyless-entry)

Conterganbetroffene, die zu Hause der Unterstützung von Therapiehunden bedürfen, können diese mit in die Klinik bringen. Dafür sind spezielle Zimmer vorgesehen.

Rampen für E-Rollstühle zum Überwinden kurzer Treppenabsätze im Therapiebereich sind ebenso vorhanden wie Liftersysteme in den Bewegungsbädern.

Weder bei den Anforderungen an die apparative und räumliche Ausrüstung noch bei Gestaltung des Therapieprogrammes kann man bei den Patienten mit Conterganschädigung nach „Schema F“ vorgehen. Dafür sind die Behinderungen zu vielfältig und individuell.

Die Therapien

Das rehabilitative Team der Orthopädischen Abteilung ist in der Behandlung von Patienten mit Conterganschäden exzellent geschult.

Krankengymnastische Behandlung wird aufgrund der unterschiedlichsten Schädigungsmuster vor allem als Einzeltherapie angeboten. Dabei kommen Techniken der manuellen Medizin, nach Maitland, Craniosacral-Therapie sowie Vojta und Bobath zum Einsatz.

Speziell für die Conterganbetroffenen gibt es eine geschlossene Kleingruppe im Bewegungsbad. Ggf. wird die Übungsbehandlung im Bewegungsbad im Beisein des Therapeuten auch als Einzelbehandlungsmaßnahme abgegeben.

In der ergotherapeutischen Abteilung werden manuelle Techniken genutzt, um Funktion und koordinative Fähigkeiten der betroffenen Gliedmaßen zu verbessern. Computerarbeitsplatzberatung, Rollstuhlerprobung, Vermittlung von gelenkschonenden Arbeitstechniken und vieles anderes mehr gehören ebenfalls zum ergotherapeutischen Aufgabengebiet.

Die Beratung durch die Sozialarbeiterin beinhaltet rentenrechtliche und versorgungsmedizinische Fragen.

Notwendige orthopädietechnische Versorgungen geschehen in Zusammenarbeit mit dem für unsere Klinik zuständigen Sanitätshaus.

Die Passivmaßnahmen des balneophysikalischen Bereiches sind – neben den beschriebenen Aktivtherapien – unabdingbar für ein komplexes und erfolgversprechendes Conterganrehabilitationskonzept.

Dazu gehören alle Maßnahmen der Elektrotherapie, Kälte- und Wärmeanwendungen (je nach Indikation) sowie Massagen. Sollten Lymphödeme der Beine oder Arme vorliegen, wird der Ödemneigung durch manuelle Lymphdrainagen entgegengewirkt.

Ggf. ist auch einzel- und gruppenpsychologische Mitbetreuung indiziert. Inhalte der psychologischen Mitbetreuung bestehen in der Vermittlung von Schmerz- und Stressbewältigungsstrategien. Wenn notwendig, werden auch stützende Einzelgespräche – z. B. zur Krankheitsbewältigung oder bei bestehenden Konfliktsituationen – angeboten.

Die Ziele der Komplexbehandlungen

Diese Komplexbehandlungen mit multimodalen, aber stets individuellem Therapieansatz sind geeignet

  • bestehende Schmerzzustände zu reduzieren
  • koexistente Erkrankungen des Haltungs- und Bewegungsapparates zu minimieren bzw. deren Voranschreiten aufzuhalten
  • sekundäre Schmerzzustände auf ein tolerables Maß zu minimieren
  • ggf. eingeschränkte Mobilität zu verbessern
  • bessere Entspannungsfähigkeit zu erreichen
  • ein erhöhtes Maß an Betreuungs- und Pflegebedürftigkeit zu vermeiden
  • die bestmögliche Selbstversorgungsfähigkeit zu erhalten

Die Ärzte der Orthopädischen Abteilung verfügen über ein hohes Maß an Erfahrung im Bereich der Schmerztherapie (medikamentöse Schmerztherapie, Manuelle Therapie, Neuraltherapie).

Die Orthopädische Abteilung ist eng mit der Neurologischen Abteilung des Hauses vernetzt, so dass alle Patienten bei Bedarf konsiliarisch vorgestellt werden können. Auch besteht die Möglichkeit einer Mitbetreuung durch einen Facharzt für Innere Medizin.

Wir nehmen uns Zeit für Sie

Fragen zu bestehenden conterganbedingten oder auch anderen Gesundheitsstörungen beantworten wir gern.

Die Rehabilitation für Contergangeschädigte kann unter stationären und teilstationären Bedingungen absolviert werden.

Auf Wunsch werden auch Begleitpersonen oder eine Assistenzperson aufgenommen.

Kostenvoranschläge können zur Vorlage und Beantragung bei der Krankenversicherung oder der Conterganstiftung nach vorheriger telefonischer Rücksprache ausgestellt werden, um das Antragsverfahren zu erleichtern.

Wir hoffen, durch dieses Leistungsangebot zum selbstbestimmten Leben der Betroffenen beizutragen. Dieser großen fachlichen Herausforderung stellt sich das orthopädische Rehabilitationsteam der Klinik Hoher Meißner sehr engagiert.

Kontakt

Für Fragen stehen wir gern zur Verfügung.

Chefärztin Orthopädische Abteilung
Dr. med. Petra Brückner

Sekretariat
Petra Lieberum

Telefon 0 56 52.558-21
E-Mail orthopaedie@reha-klinik.de