Teil 1 dieser Serie beschreibt die Belastungen durch die Krebserkrankung. Teil 2 behandelt Thema: Krebs im Kontext der Familie

Angst vor Krebs als normale Reaktion des Körpers

Angst ist biologisch gesehen eine Reaktion des Körpers, die uns in gefährlichen Situationen hilft, kurzfristig handlungsfähig zu sein, uns zu verteidigen oder gar die Flucht zu ergreifen. Wenn wir Gefahren wahrnehmen oder sie uns vorstellen, schüttet der Körper Hormone aus, die bewirken, dass das Blut aus dem Bauchraum in die Muskeln umgeleitet wird, das Herz schneller schlägt und kurzfristig das Immunsystem aktiviert wird. Angst gehört zu unserem Leben natürlicherweise dazu und kann in bedrohlichen Situationen von großem Nutzen sein. Wenn wir im Wald einem gefährlichen Tier begegnen, ist es gut, wenn die Angst es uns ermöglicht, zu kämpfen oder schnell davon zu laufen. Keine oder wenig Angst zu haben, kann gefährlich sein, weil man dann dazu neigt, Risiken einzugehen, die man sonst aus Angst vermeiden würden.

Die Angstreaktion in Gefahrensituationen ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausgeprägt

Manche Menschen haben zuwenig Angst (vgl. Grimms Märchen „Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“). Andere haben bereits im Alltag einen erhöhten Angst pegel. In Belastungssituationen kann dann aus einer gesunden Angst eine lähmende Angst werden und es kann eine Angst störung entstehen. Angst symptome sind häufig und oft auf bestimmte Situationen bezogen (enge Räume, Fliegen, Tunnel, Spinnen, Schlangen etc.). Wenn diese Störungen länger bestehen, kann es auch sein, dass das Gefühl der Angst nicht mehr wahrgenommen wird, sondern nur noch die Symptome der Angst wie Herzjagen, Herzbeklemmung, Schwindel, wackelige Knie, Übelkeit, Kälte- oder Hitzegefühl.

Wenn die Angst das Leben zu stark beeinträchtigt

Sollte das Leben durch Angst oder Angstsymptome erheblich eingeschränkt sein, dann ist eine psychologische Verhaltenstherapie zur Beseitigung der Angst symptome hilfreich. Dabei werden übende Verfahren eingesetzt und der Betroffene langsam an seine Angst herangeführt. Er lernt, sich der Angst und ihren Symptomen so lange auszusetzen bis die Symptome nachlassen.

Auch eine Krebskrankheit ist in der Regel mit dem Auftreten von starken Ängsten verbunden, insbesondere in der Phase der Diagnosestellung und bei einem Rückfall. Dabei kann die Angst durchaus– wie oben erläutert - von Nutzen sein: Sie kann einen dazu bringen, auf Beschwerden zu reagieren und diese durch Ärzte abklären zu lassen. Sie kann helfen, auch unangenehme Therapien durchzustehen und mit dem Körper behutsam umzugehen.

Auch wenn ein Betroffener schon lange als geheilt gilt, kann es – manchmal phasenweise und insbesondere nachts - vorkommen, dass starke Ängste auftreten. Was Angst einflössend wirkt, kann unterschiedlich sein: Schmerzen, Qualen, Verluste, Veränderungen, Abhängigkeit, Hilflosigkeit, Einsamkeit, der Tod im engeren Sinne, das Unbekannte. Es kann sinnvoll sein, zu überlegen, worauf sich die Angst am stärksten bezieht, um hier ggf. Abhilfe zu schaffen. So können z.B. Informationen dazu beitragen, Unsicherheit abzubauen. Auch Hoffnung ist ein starkes Angst abbauendes Mittel. Dabei kommt es nicht sosehr darauf an, wie realistisch die Hoffnung ist. Träume, Phantasiewelten und Alternative Behandlungsstrategien können in diesem Zusammenhang Schutzräume darstellen, um das Hier und Jetzt zu bewältigen.

Manche Betroffene „wählen“ (unbewusst) Verdrängungsstrategien, um die Angst erträglicher zu machen. Vielen Betroffenen gelingt es dabei erstaunlich gut, dennoch alles Nötige zu regeln. Aber auch wer nicht zu Verdrängung neigt, sondern die Angst bewusst zulässt und versucht, sie dosiert auszuhalten, kann dadurch Ängste abbauen. Die Angst wird kleiner, wenn wir „ihr ins Auge sehen“. Günstig ist es, wenn Angehörige oder Freunde zur Verfügung stehen, die Ruhe und Zuversicht ausstrahlen und dazu bereit sind, Ängste mit auszuhalten. Selbstverständlich ist es auch nützlich, Entspannungsverfahren und Ablenkungsstrategien zu beherrschen.

Wem es nicht gelingt, allein oder zusammen mit nicht-beruflichen Helfern Ängste abzubauen, sollte sich nicht davor scheuen, professionellen Rat, z. B. in einer Beratungsstelle oder bei einem Psychoonkologen, einzuholen (Beratungsstellen siehe www.krebsinformation.de, Psychoonkologen siehe www.dapo-ev.de).

Verfasser: Dr. med. Peter Zürner

Literaturempfehlung: Ines von Witzleben, Aljoscha A. Schwarz: „Endlich frei von Angst“, Gräfe und Unzer Verlag 2004

Weiterführende Informationen sowie eine Therapeutenliste finden Sie unter:  www.dapoev.de 
DLH-Geschäftsstelle: Thomas-Mann-Str. 40, 53111 Bonn, Tel.: 0228-39044-0