Teil 1der Serie "Psychoonkologie"

Welche Belastungen durch Krebs können entstehen?

Im Laufe der Diagnosestellung und Behandlung einer Tumorerkrankung erleben Betroffene und ihre Angehörigen vielfältige Belastungen. Diese Belastungen durch Krebs können körperlich sein. Der eigene Körper funktioniert vielleicht nicht mehr so wie gewohnt; es treten bislang unbekannte körperliche Funktionseinschränkungen auf.

Die Belastungen durch Krebs können sich auch auf die Psyche auswirken. Oft hat man Vorstellungen über die eigene Zukunft, die nach einer Tumordiagnose überprüft werden müssen. Manche Menschen fühlen sich nur geliebt, wenn sie Leistungen erbringen können, und es fällt ihnen schwer, sich auch zu akzeptieren, wenn die Leistungsfähigkeit eingeschränkt ist. Viele Menschen legen großen Wert auf Autonomie und Privatsphäre. Beides wird während einer stationären Behandlung oft erheblich eingeschränkt.

Die Belastungen durch Krebs haben auch Auswirkungen auf das soziale Gefüge. Bei längerer Erkrankung kann das Geld knapp werden. Familie, Freunde und Arbeitskollegen sind manchmal sehr hilfreich - aber nicht immer. Die Erfahrungswelten der Gesunden und der Kranken gehen oft weit auseinander, und es fällt nicht immer leicht, sich zu verständigen.

All diese Belastungen durch Krebs können nun das Gleichgewicht eines Menschen erschüttern. Auch gesunde und belastbare Menschen können in dieser Situation durch die Vielzahl von möglichen Belastungen durch Krebs an oder über ihre Belastungsgrenzen gelangen. Im Zusammenwirken von körperlichen Einschränkungen, unklaren Zukunftsaussichten und einem schwer verständlichen Medizinsystem, das oft wie eine einzige Megamaschine wirkt, durch die man hocheffizient hindurchgeschleust wird, werden häufiger Belastungsgrenzen überschritten und es treten Überlastungssymptome auf.

Die häufigsten Überlastungssymptome sind Symptome, die mit Angst oder mit depressiven Reaktionen einhergehen. Es ist nicht ungewöhnlich, während der Zeit der Diagnosestellung und Behandlung einer Tumorerkrankung ängstlich zu sein und sich Sorgen um die Zukunft zu machen. Eine Überlastung besteht meist dann, wenn sich Ängste selbständig machen, dadurch die Bewegungsfreiheit beeinträchtigt ist und Panikattacken auftreten.

Panikattacken treten auch häufig in rein „körperlicher Verkleidung“ auf. Das Herz rast, man hat das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ähnliches gilt bei depressiven Symptomen. Viele Menschen grübeln darüber, wie es weitergeht. Aber wenn das Grübeln sich selbständig macht und nicht mehr zu stoppen ist, der Antrieb so verändert ist, dass der Alltag kaum mehr gelingt, wenn Einschlaf- und Durchschlafstörungen häufig auftreten und man merkt, dass man so angespannt ist, dass sich Körper und Seele kaum noch regenerieren, wenn am ganzen Körper vielfältige wechselnde Beschwerden auftreten, dann ist es sinnvoll, sich Hilfe und Entlastung zu organisieren. Erfahrene Psychoonkologen legen Wert darauf, zu betonen, dass es sich hier um eine normale Reaktion auf außergewöhnliche Belastungen handelt und nicht um eine psychische Störung.

Belastungen durch Krebs und deren Bewältigung

Es ist allgemein bekannt, wie belastend die Diagnose einer Tumorerkrankung ist. Das Ausmaß der Belastungen durch Krebs korreliert aber nicht immer mit der Schwere der Erkrankung. Außerdem weisen nicht immer diejenigen die höchste Belastung auf, die sich am lautesten äußern. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass innerhalb der Familie nicht immer der Patient das Familienmitglied mit der höchsten Belastung ist.

Es gibt nicht nur ein Bewältigungsmuster, sondern viele (mit geschlechtsspezifischen Unterschieden). Kein Bewältigungsmuster kann als „allgemein richtig“ angesehen werden. Aber es gibt sehr wohl individuell passende Bewältigungsstile. Günstig ist es, über mehrere Bewältigungsmuster zu verfügen.

Ziel von Bewältigung ist es, unter schwierigen Bedingungen das seelische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Dabei kann – abhängig von der konkreten Situation des Betroffenen und der Krankheitsphase - positiv denken und aktiv den Krebs bekämpfen genauso sinnvoll sein, wie die Krankheit und das drohende Sterben zu verleugnen. Manche Betroffene belastet es sehr, sich intensiv mit Details zur Erkrankung und mit dem eigenen Tod zu beschäftigen, so dass dies eher zu einer weiteren Belastung als zu einer Entlastung führen würde.

Welche Formen der Bewältigung haben sich bewährt?

Es hat sich nicht bewährt, „richtige“ Krankheitsbewältigung zu „erlernen“ und auf diese Weise einen günstigeren Krankheitsverlauf anzustreben. Bewährt hat sich hingegen, einen Rahmen zu suchen, in dem es möglich ist, sich emotional auszutauschen und Verständnis für seine Sorgen und Nöte zu erleben. Dies führt zu einer besseren Lebensqualität. Wenn sich dabei - quasi als „Nebenwirkung“ - eine längere Überlebensdauer einstellt, ist das wünschenswert – aber es ist nicht das primäre Ziel. Eine hilfreiche psychoonkologische Unterstützung, z.B. bei einer chronischen Erkrankung wie der CLL, (chronisch lymphatische Leukämie) kann darin bestehen, im Gespräch zu prüfen, welche Informationen schon vorhanden sind und herauszufinden, ob diese ausreichen. Wichtig ist, dabei zu beachten, dass das Bedürfnis nach Informationen von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein kann.

Wichtiges Element der Begleitung ist auch die Suche nach einem gangbaren Weg, sein Leben so zu leben, dass es stimmig ist. Es gilt, individuell angepasste und realistische Objekte der Hoffnung zu entwickeln und – je nach Krankheitssituation - immer neu zu verändern. Eine weitere Möglichkeit der Bewältigung der Belastungen durch Krebs besteht darin, die Erkrankung mit Sinn zu füllen, indem sie als ein schmerzhafter Weg interpretiert wird, Neues zu lernen und zu erfahren. Manchmal gelingt es, durch Gespräche und Entspannungsübungen Ängste, z.B. vor Autonomieverlust, wahrnehmbar zu machen. Allein diese Bewusstmachung kann dazu beitragen, die Angst zu beherrschen, wieder auf das Leben zu schauen, es aktiv zu gestalten und wieder „guter Dinge zu sein“. Wenn die Angst den Alltag erheblich stört, ist es oft hilfreich, sich konkret vorzustellen, wovor man Angst hat und diese Angst auszudrücken, sie aufzuschreiben, oder zu malen – und ihr so ins Auge zu sehen. Wenn man vor der Angst wegläuft, wird die Angst größer. Wenn man ihr in die Augen sieht, wird man stärker.

Ca 30 % der Tumorpatienten benötigen eine unterstützende Begleitung dieser Art. Nur für eine kleine Gruppe von etwa 5- 10% sind die Belastungen durch die Krebs erkrankung und deren Therapie so groß, dass das seelische Gleichgewicht anhaltend schwer gestört bleibt. Diese Patienten benötigen eine spezifische psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfestellung.

Patienten, die bei ihren Angehörigen viel Leid durch Tumorerkrankungen erlebt haben, sind oft, wenn sie selbst erkranken, besonders belastet. Familiär gehäuft auftretende Tumorerkrankungen sowie Depressionen oder Traumatisierungen vor der Tumordiagnose sind Risikofaktoren, die die seelische Bewältigung einer Tumorerkrankung erschweren. Hier sollte frühzeitig professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Doch selbst chronisch depressive Patienten können in der Auseinandersetzung mit einer Tumorerkrankung ihren Lebensmut neu entdecken.

Weitere Beiträge zu dieser Thematik: Teil 2 - Krebs im Kontext der Familie und Teil 3 - Der Umgang mit der Angst

Verfasser: Dr. med. Peter Zürner

Weiterführende Informationen sowie eine Therapeutenliste finden Sie im Internet: www.dapo-ev.de
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