Was ist „Coping"

Als „coping“ (aus dem englischen „to cope with“, heißt in etwa „umgehen mit“) bezeichnet man den Umgang mit einer Krankheitssituation, z.B. einer Krebserkrankung.

In der allgemeinen Literatur, die im psychoonkologischen Grenzbereich angesiedelt ist, findet man sehr häufig die Aussage, dass man sich „mit der Erkrankung auseinandersetzen sollte“. Verdrängung, Verleugnung und Ablenkung werden als negative Eigenschaften angesehen. Oft wird in diesem Bereich suggeriert, dass dieses Verhalten oder diese individuellen Strategien der Gesundung entgegenwirken können. Oft wird noch zusätzlich gesagt, dass man „sich ändern muss“. Beide Aussagen führen letztendlich dazu, das sich der Betroffene unter Druck gesetzt fühlt, Dinge zu tun oder nicht zu tun, die seinem Wesen nicht entsprechen. Diese oben genannten Aussagen werden oft im Zusammenhang gebracht mit einer kürzeren Lebenszeit. In wissenschaftlichen Kreisen wird dies kontrovers diskutiert. Es gibt daher keine eindeutigen Ergebnisse.

Einen Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsstruktur und der Entstehung einer Krebserkrankung ist nicht belegt (Tschuschke, 2002). Man geht in der Forschung nicht von den oben genannten Begriffen aus, da Verdrängung (wird auch gleichgesetzt mit Verleugnung) als „Ein Abwehrmechanismus, der verhindert, dass inakzeptable Impulse das Bewusstsein erreichen.“ (Comer, 1995) definiert wird. Es ist ein sehr psychoanalytischer Begriff, der noch aus der Zeit von Sigmund Freud stammt und den Prozess der Verdrängung sehr eingeschränkt beschreibt.

In den 70er und 80er Jahren kam es durch die Stressforschung zu einem anderem Konzept, das als „ coping “ (Folkman & Lazarus, 1984; 1988) umschrieben wird (aus dem englischen „to cope with“, heißt in etwa „umgehen mit“, Tschuschke, 2000). Das Konzept des „ coping “ wird nicht der Persönlichkeit zugeschrieben, sondern eher als Prozess gesehen, als ein umgehen mit einer (Krankheits)Situation.

Jeder Krebspatient hat seine eigenen Strategien, wie er mit der Erkrankung umgeht. Dazu kann auch die „ coping “-Strategie der „Ablenkung“ gehören. Darunter ist nicht ein Ausblenden der Problematik gemeint, sondern eine Minimalisierung der Bedrohung, also eine abgeschwächte Form der Ablenkung (Tschuschke, 2000), die es den Betroffenen ermöglicht, zwischen Angst, Betroffenheit einerseits und Hoffnung und positives Erleben andererseits, hin und her zu wechseln (Butow et.al., 2000). Daher ist das Minimalisierungskonzept der Ablenkung ( coping ) eine Möglichkeit, seine „Grundstimmung“ positiv zu beeinflussen. Es ist außerdem eine sehr bekannte „menschliche Strategie“ – eine Ressource –, die man oft auch unbewusst anwendet.

Man blendet bei coping nicht die ganze Erkrankung aus, sondern lässt sie – unwillkürlich – in geringem Maße zu. Es ist ein „Verarbeiten auf Raten“. Sich ständig mit der Beeinträchtigung emotional zu konfrontieren, ist erfahrungsgemäß, nicht gerade hilfreich, es ist eine Belastung, zumal man rein körperlich sich damit täglich auseinander setzen muss. Daher ist das Minimalisierungskonzept der Ablenkung – coping - ein „Selbstschutz“. Man konfrontiert sich emotional nicht so stark, man bleibt „Funktionstüchtig“ und kann noch mit Freude und Spaß am Leben teilnehmen. Das Verarbeiten der Krebserkrankung ist schon allein bei der täglichen Konfrontation gegeben.

In der Sonnenberg-Klinik, Abteilung für Psychoonkologie, geht man davon aus, dass jeder Betroffene seine eigene Geschichte hat und natürlich seinen eigenen Weg sucht (Interview in der Zeitschrift Signal, 2002). Ein Weg kann die Strategie der Ablenkung - coping - sein. Wenn es dem Betroffenen dabei „gut geht“, er keinen Druck (Stress) verspürt und er dadurch besser am Leben teilnehmen kann, dann ist mit dem Minimalisierungskonzept der Ablenkung, das Ziel erreicht.

Verfasser: Drs. Sicco Henk van der Mei - Leiter der Abteilung für Psychoonkologie,